20.02.1989

SÜDAFRIKAGebrochene Frau

Winnie Mandela, Ehefrau des schwarzen Befreiungsführers Nelson Mandela und Symbolfigur des Kampfes gegen die Apartheid, wurde von den eigenen Leuten gestürzt.
Die dunklen Augen der schönen Afrikanerin mit dem breiten Band um den Kopf zwinkerten erschreckt in grelle Photoblitze. Sie sah die stämmigen Männer im Safarianzug, dem Arbeitsdreß der Geheimpolizei, die am Ausgang des Jan-Smuts-Flughafens in Johannesburg kaum zufällig standen.
Da hastete sie los, ihren Enkel Zondwa auf dem Arm, kreuz und quer durch das riesige Flughafengebäude. Photographen, Kameraleute und Schaulustige rannten, übereinander stolpernd, mit ihr und um sie herum. Erschöpft landete sie schließlich im Windfang zum Schnellimbiß: Winnie Mandela, Ehefrau des vor 25 Jahren zu lebenslanger Haft verurteilten schwarzen Befreiungsführers Nelson Mandela, wurde - wie häufig in den letzten Jahren - wieder einmal Opfer des Wirbels um ihre Person.
"Ich brauche ein Auto, das mich hier rausbringt", bat sie flehentlich den Interviewer, dem sie kurz zuvor gesagt hatte: "Ich habe mir meine heutige Position nicht selbst gewählt. Die Bevölkerung dieses Landes hat mir die Ehre übertragen, sie zur Freiheit zu führen."
Und jetzt? Hat die "Mutter der Nation", die mutig und redegewandt viele Jahre dem Unrechtssystem der Weißen am Kap trotzte, nunmehr selbst das Recht verletzt, als Kriminelle, nicht als politische Täterin?
Nach ungezählten Verhaftungen, Verbannung, Mordanschlägen und Schikanen der Sicherheitspolizei war Winnie Mandela selbst zum Symbol des Widerstands geworden, hatte sich gelöst aus dem Schatten ihres Mannes, der - seit 1961 hinter Gittern - längst Legende war. Sie wurde für die Schwarzen eine Art Ersatz-Mandela.
Besucher aus aller Welt beeindruckten ihre Kraft und ihr Charme. Diejenigen, die sie näher kannten, klagten aber schon seit langem über ihre Launen, ihre Diva-Allüren, ihre Unberechenbarkeit.
Ein Freund der Mandela-Familie: "Winnie war nach außen immer die Starke. In ihrem Inneren aber ist sie zutiefst verletzt, eine gebrochene Frau, die niemandem mehr vertraut."
Hart gingen am vergangenen Donnerstag ihre bisherigen politischen Anhänger mit ihr ins Gericht. Schwarze Gewerkschaften vom Dachverband Cosatu sowie von der schwarz-weißen Oppositionssammlung United Democratic Front distanzierten sich von Frau Mandela und beschuldigten sie "der Verletzung von Menschenrechten im Namen des Kampfes gegen die Apartheid".
Die Affäre, die Winnie jetzt zum Verhängnis geworden ist, hat sich seit drei Jahren entwickelt. Die Sozialarbeiterin Mandela wollte damals wenigstens einige der abertausend Jugendlichen der schwarzen Johannesburg-Vorstadt Soweto von den Straßen bringen, die durch die revolutionären Wirren der letzten Jahre entwurzelt worden waren. Also gründete sie das Mandela-Fußballteam.
Aber der zusammengewürfelte Haufen jugendlicher Aktivisten entwickelte sich zu einer rücksichtslosen Schutztruppe, die gleichwohl nicht verhindern konnte, daß wiederholt Brandanschläge und Mordversuche gegen ihre weltberühmte Gönnerin verübt wurden. Blutige Scharmützel mit anderen Jugendgruppen und Banden in Sowetos riesigem Millionengetto häuften sich.
Spätestens als Frau Mandela den Bau einer Luxusvilla in schöner Hanglage in Auftrag gab, kam auch unter schwarzen Freunden Unmut auf, obschon sie versicherte, sie werde erst mit ihrem befreiten Mann in den Prachtbau einziehen.
Im vergangenen Dezember schließlich, so haben die polizeilichen Untersuchungen ergeben, drangen Winnies Fußballspieler gewaltsam in ein kirchliches Wohnheim ein und entführten vier jugendliche Rivalen. Eines der Kinder, der 14jährige James ("Stompie") Sepei, wurde mittlerweile mit Messerstichen im Hals tot aufgefunden. Weitere Morde, so der Tod eines wohl abtrünnigen Fußballklub-Mitglieds und des populären indischen Arztes Abubakr Asvat, werden derzeit noch untersucht.
Unbewiesen blieben bislang Gerüchte über ein angebliches tiefes Zerwürfnis zwischen Winnie und ihrem Ehemann Nelson. Wortlos, aber lächelnd, betrat sie vergangenen Mittwoch die Haftanstalt in Paarl, einer Kleinstadt rund 50 Kilometer nordöstlich von Kapstadt.
Der berühmte Häftling Nelson Mandela, Chef der verbotenen Befreiungsbewegung ANC, lebt dort seit Dezember allein in einem Bungalow mit Pool, der eigentlich hohen Gefängnisbeamten zusteht. Von seiner schweren Erkrankung im vergangenen Jahr, so heißt es offiziell, habe er sich gut erholt, leide aber unter Einsamkeit, wie sein Anwalt berichtete.
Ob der seit mehr als einem Vierteljahrhundert von der Außenwelt abgeschnittene ANC-Chef seiner Frau in ihrer Krise beistehen konnte, ist unbekannt. Denn Politik durfte in dem anderthalbstündigen Gespräch zwischen den Eheleuten nicht behandelt werden, das verbietet die Gefängnisordnung.
Freunde von Winnie Mandela meinen, daß der 70jährige "weise Mann" - so frühere Mitgefangene - seiner um 16 Jahre jüngeren Frau als politischer Mentor gefehlt habe, etwa als sie vor einigen Jahren öffentlich sagte, daß die Befreiung Südafrikas nur aus den Streichholzschachteln junger Revolutionäre kommen werde. Schwarze Schulkinder hängten damals wirklichen oder angeblichen "Verrätern" benzingetränkte Autoreifen um den Hals und brachten sie auf diese Weise qualvoll um.
Auch der militante ANC hat wiederholt eine Verhandlungslösung für die Übergabe der Macht in Südafrika als möglich bezeichnet, wenn nur das starrköpfige weiße Regime endlich die Apartheid abschaffe.
Die oftmals impulsiven Äußerungen von Winnie Mandela führten verschiedentlich zu harten Rügen der ANC-Führung aus dem sambischen Exil. Auf ihre Weisung wurde im letzten Jahr ein "Mandela-Krisen-Komitee" gegründet, mit dem Frau Winnie fortan ihre Worte und Taten abstimmen sollte. Doch die stolze Frau mit dem berühmten Namen scherte sich nicht darum.
Instinktlos versuchte sie beispielsweise, die alleinigen Rechte an der Nutzung des Namens Mandela ausgerechnet an einen Mann aus dem Beraterkreis Ronald Reagans zu verkungeln. Und strikt weigerte sie sich bisher, "Mandela United" aufzulösen.
Oppositionelle Kirchenführer fürchten nun, daß der Sturz der "Königin Afrikas" die ohnehin oft brüchige schwarze Einheitsfront sprengen könnte - zur Freude der burischen Machthaber.

DER SPIEGEL 8/1989
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