20.02.1989

CHINAImmer nur Uhuhu

Die russische Minderheit profitiert von der Wiederannäherung zwischen Peking und Moskau - doch die meisten Russen in China plagt Heimweh.
Nadeschda Wtaruschena war Sieben, als sie mit ihrer Mutter in die chinesische Grenzstadt Heihe am Amur kam. Ihr neuer chinesischer Vater besaß kein Geld, Nadeschda durfte keine Schule besuchen. Russisch schreiben kann sie nicht. Erst später lernte sie in Abendkursen chinesische Schriftzeichen.
Mit 10 Jahren wurde sie Hausmädchen, mit 17 nach chinesischer Tradition an einen 20 Jahre älteren Einheimischen verheiratet: "Wenn ich an meine Jugend denke, könnte ich weinen. Ich habe in China gelitten."
Auch später waren die Zeiten rauh. Während der Kulturrevolution schleppten Rote Garden sie eines Nachts zum Verhör: Sie habe das Radioprogramm der "russischen Revisionisten" gehört.
Nadeschda Wtaruschena, 74, ist eine der wenigen sowjetischen Staatsbürgerinnen, die noch in der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang ("Schwarzer Drachen-Strom") leben.
Im Stadtbild des 66 000-Einwohner-Ortes Heihe sind die russischen Frauen leicht zu erkennen: Im Gegensatz zu den Chinesinnen, die stets in Hosen gehen, tragen sie im Winter Röcke über den dicken Beinkleidern.
Um die Jahrhundertwende prägten noch die Russen das Bild der Stadt in der mandschurischen Einöde. Tausende von Kaufleuten, Goldgräbern und Abenteurern hatten sich in Heihe angesiedelt und nach heimischer Art Isbas gebaut. Später folgten weißrussische Flüchtlinge.
In Harbin herrschten in den ersten zwanzig Jahren des Jahrhunderts gar 80 000 Russen über die Chinesen. Sie waren gekommen, nachdem der Zar 1896 Peking die Konzession für den Bau der ostchinesischen Eisenbahn abgepreßt hatte. Im Verkehrsknotenpunkt Harbin machten sie Russisch zur Amtssprache und bauten Häuser, die so aussahen wie in Leningrad und Moskau. Heute ist die Zahl der Herren von damals arg geschrumpft: Fast 40 Russen sind noch da und etwa 200 Mischlinge.
Chinas Russen, mit Mischlingen heute rund 30 000 Menschen, haben sämtliche Schwankungen in den sowjetisch-chinesischen Beziehungen am eigenen Leib erlebt: In den fünziger Jahren, als die ideologischen Bande zwischen Moskau und Peking eng geknüpft waren und die Sowjets in China Fabriken bauten, genossen sie hohes Ansehen.
Während Maos Kampagne gegen die "rechten Elemente" Ende der fünfziger Jahre, in der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 und nach dem Grenzkonflikt am Ussuri 1969 wurden sie zum Sündenbock chinesischer Nachbarn, die ihre Angst vor einem sowjetischen Angriff an ihnen ausließen.
Die heute 59jährige Soja Glasyrina, in der Grenzstadt Manzhouli geboren, mußte nach dem Bruch zwischen Moskau und Peking 1959 ihre Stelle als Dolmetscherin in einem von Russen geführten Forstwirtschaftsbetrieb nach Abzug ihrer Landsleute kündigen.
Dann war sie Putzfrau in der Gesellschaft für sowjetische Bürger in Harbin - einem Ort, der später zum Gefängnis für viele als "amerikanische Spione" verdächtigte Russen wurde.
Etliche Russen empfanden die Verfolgungen als unerträglich. Soja Glasyrina: "Viele haben sich umgebracht, erhängt, manche wurden verrückt." Die meisten Überlebenden verließen Harbin - aber nicht Richtung Heimat, sondern nach Australien oder Nordamerika.
Mittlerweile sind die Russen wieder anerkannte Mitbürger, sie genießen sogar Privilegien bei der Lebensmittelzuteilung: Während die Einheimischen im Monat nur vier Pfund Mehl auf Bezugsschein kaufen können, haben die an Brot als Grundnahrungsmittel gewöhnten Russen Anrecht auf acht Pfund.
Jüngst öffnete im traditionsreichen Harbiner Bezirk Daoli das Restaurant "Moskau", das wegen der freundlichen Bedienung und des "westlichen" Essens bei den Chinesen beliebt ist. Es gibt echten Borschtsch, Salat nach Moskauer Art, ukrainischen Fleischtopf und roten Kaviar. Statt Stäbchen liegen Messer und Gabel auf den Tischen, eine Musiklehrerin singt "Moskauer Nächte".
Der Wandel zum Besseren für die Diaspora-Russen ging im gleichen Tempo vonstatten wie die Wiederannäherung zwischen Moskau und Peking.
Nadeschda Wtaruschena könnte seit einigen Monaten als Touristin in ihre Heimat fahren - nach Blagoweschtschensk, Heihe am anderen Ufer des 800 Meter breiten Amur gegenüber gelegen. Die Stadt hat sie ihr Leben lang nur aus der Ferne gesehen: den Schornstein des Kraftwerks, den rot-weißen Sendeturm, die Flutlichtmasten eines Stadions, das elfstöckige Hotel.
Zweimal pro Woche setzen jeweils 25köpfige Besuchergruppen über den Fluß. Auf chinesischer Seite ist das Interesse trotz des hohen Preises von 150 Jüan (mehr als ein durchschnittlicher Monatslohn) an einem Tagesausflug so groß, daß es Wartelisten gibt. 50 Jüan können die Chinesen zum Kurs von 1:1 gegen Rubel für Einkäufe im "Universalmagazin" tauschen.
Die sowjetischen Touristen erhalten ebenfalls 50 Jüan und kaufen Waren, die bei ihnen rar sind: Digitaluhren und billigen Schnaps. Damit sie sich in Heihe zurechtfinden, haben einige Geschäfte sowie der Zahnarzt ihre Schilder wie zu alten Zeiten mit kyrillischen Buchstaben bemalt.
Obwohl die Zeit der Verfolgung längst vorbei ist, plagt viele Russen in China die Sehnsucht nach der Heimat. "Wenn du alt bist", sagt Soja Glasyrina, die in einer heruntergekommenen, von ihren Landsleuten erbauten Mietskaserne wohnt, "willst du zu den Deinen."
Auch die Halbrussin Larissa Beljeewa, Tochter eines chinesischen Goldwäschers und einer Russin, würde lieber heute als morgen in die Sowjet-Union umziehen: "Es ist ein schweres Leben hier."
Trost bietet die einzig verbliebene russisch-orthodoxe Kirche in Harbin, in der jeden Sonntagmorgen ein Gottesdienst gefeiert wird. Der Priester ist ein hagerer, weißhaariger Chinese von 65 Jahren, der noch nie in Rußland war.
Der Elektroschweißer Nikolai Belonogow, Sohn eines weißrussischen Generals, geht wegen der Nationalität des Popen erst gar nicht zur Kirche: "Ich verstehe den Mann gar nicht. Wenn er singt, höre ich immer nur Uhuhu. Was ist das für eine Kirche?"
Belonogow hat im vorigen Jahr in der Sowjetbotschaft in Peking einen Antrag auf Übersiedlung in die Heimat gestellt - wie auch Soja Glasyrina mitsamt ihrer Tochter Nadeschda, die es zu Verwandten ins sibirische Angarsk zieht.
Eine russische Kellnerin im Restaurant "Moskau" fühlt sich mit ihrem chinesischen Mann in Harbin nicht zu Hause, Freunde hat sie nicht: "Der Faden will immer zur Nadel", sagt sie. Das Paar verspricht sich auf der anderen Seite ein besseres Leben. Beide träumen davon, ein selbständiges Handelsgeschäft zu eröffnen: "Das geht, ich habe mich genau erkundigt."
Doch die Rückkehr in die Heimat ist nicht so einfach. Noch hat die sowjetische Botschaft in Peking, die den Russen in Harbin regelmäßig zu den Feiertagen Glückwünsche sowie russische Zeitungen schickt, die Anträge nicht genehmigt. Nikolai Belonogow zum Beispiel hat keinen Paß, die Glasyrinas haben mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen: Ein Sowjetbeamter in Peking erklärte ihnen, sie könnten erst dann reisen, wenn für sie Wohnraum in der UdSSR frei sei.
Und er fügte hinzu: "Sie warten erst ein Jahr. Bei uns warten die Menschen zehn Jahre."

DER SPIEGEL 8/1989
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