20.02.1989

AFGHANISTANTödlicher Hagel

Bis zu 50 Millionen Minen haben Sowjets und Mudschahidin am Hindukusch hinterlassen - größte Minenkatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.
Generalmajor Muhammed Ajub Mansur lobte den großen Verbündeten: "Mit den sowjetischen Minenfeldern haben wir keine Probleme. Doch mit anderen Minen ist unsere Erde gespickt, wie ein Kuchen mit Rosinen."
Der afghanische General, Leiter der Ingenieurabteilung des Verteidigungsministeriums, sagte das im September vorigen Jahres als Gast bei der Entschärfung des Minenfeldes Nr. 44 vor Kabul. Seit dem 28. Juni 1983 lagen dort, in den Ausläufern der Karisi-Kalan-Steppe, "71 Sprengminen mit verzögerter Wirkung", verteilt auf eine Fläche von 200 mal 50 Metern - säuberlich festgehalten auf einem Formblatt, dem Minenplan.
Panzer-Fahrer Mitrofanenko hatte denn auch wenig Mühe, die Sprengladungen mit den stählernen Zähnen seines Minenpfluges zu zünden. Ein Protokoll, von Sowjets und Afghanen abgezeichnet, war schließlich alles, was von der Sperranlage blieb: "Minenfeld Planquadrat X geräumt."
Es war die 1519. Räumung eines sowjetischen Minenfeldes in Afghanistan, am 12. September berichtete die Moskauer "Prawda" darüber. Insgesamt 2131 Todeszonen habe die Sowjetarmee in ihrem neunjährigen Krieg gegen die moslemischen Widerständler angelegt, verriet das Parteiblatt - doch das war nicht einmal die halbe Wahrheit.
Gewiß, wo immer entsprechend dem Kriegsrecht nach Zündmechanismus und Bauart bekannte Sprengladungen planmäßig auf einem umzäunten Gelände verlegt und kartographisch erfaßt wurden, ist Räumung Routine.
Doch lediglich 300 000 Minen sollen im Land am Hindukusch auf diese Weise ausgebracht worden sein - nicht einmal ein Prozent der dort insgesamt verlegten Sprengkörper.
Auf bis zu 50 Millionen schätzen Experten die Zahl der mörderischen Ladungen, die über Afghanistan verteilt wurden: von Hand eilig verscharrt, von fliehenden Fahrzeugen über Bord geworfen, vor allem aber aus Hubschraubern und Flugzeugen gestreut.
Nicht nur die sowjetischen Invasoren und in ihre Zitadellen eingeschlossenen Truppen der Kabuler Kommunisten führten den hinterhältigen Minenkrieg. Auch die aufständischen Mudschahidin schleppten auf ihren Trecks unzählige Panzer- und Schützen-Minen tief ins Land. Oft bedienten sie sich einfach an den Minenfeldern des Gegners - und entwerteten so dessen Minenpläne.
Wie wichtig die Sowjets das Minenräumen nahmen, zeigen zahlreiche Artikel in Moskaus Militärpresse: "Die Pioniere haben genügend Arbeit", berichtete etwa die Armee-Zeitung "Roter Stern". "Bevor sie nicht ihre Zustimmung gegeben haben, öffnet sich kein Schlagbaum, und keine Kolonne, kein einzelner Lastwagen begibt sich auf den Weg." Ihre Minenräumfahrzeuge ließen die Sowjets oft durch Soldaten mit Suchstangen und Minenhunden begleiten. Sie sollten Plastikminen aufspüren, die auf herkömmliche Art kaum zu entdecken sind.
Solche Mittel fehlen den über 16 Millionen Afghanen, die im Lande und außerhalb auf Frieden warten. Wenn heute Frieden ausbräche am Hindukusch, würden weiter Menschen sterben - "selbst im günstigsten Fall noch bis weit in das nächste Jahrtausend hinein", fürchtet der US-Experte David Isby. Seiner Ansicht nach droht in Afghanistan die größte Minenkatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.
Bis heute wurden bereits Zehntausende Sowjets und Afghanen durch Minen verstümmelt. Das Kabuler Orthopädische Zentrum des Internationalen Roten Kreuzes schätzt die Zahl der Minenopfer allein in dem von der Regierung kontrollierten Fünftel des Landes auf bislang über 25 000.
Vergebens hoffen die meisten der verletzten Afghanen auf angemessene medizinische Versorgung - in ganz Afghanistan gibt es nicht einen Prothesenbauer. Die Warteliste der Orthopäden vom Roten Kreuz reicht schon bis April 1990. Lebenserleichternde künstliche Gliedmaßen werden auf absehbare Zeit nur für eine verschwindende Minderheit beschafft werden können.
Die Landmine galt schon vor dem Afghanistan-Krieg als eine der tückischsten Waffen. Noch immer - 43 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs - sterben in Nordafrika Menschen durch Minen, die sich der Deutsche Rommel und der Brite Montgomery gegenseitig vor die Ketten ihrer Panzer warfen. Und noch immer gelten allein in Ägypten rund 1000 Quadratkilometer Boden als minenverseucht.
Ganz gleich, wo in den letzten Jahrzehnten politische Konflikte militärisch ausgetragen wurden - Minen verlängern fast stets die Schrecken des Krieges bis tief in den Frieden.
In Vietnam wurde bis heute nicht all das gefunden, was die Amerikaner in unwegsamen Dschungelgebieten auf oft nur vermutete Vormarschpfade des Vietcong streuten. Und selbst im kleinen Laos fielen im ersten Jahr nach dem Ende des Krieges noch mehr als 1000 Menschen Minen zum Opfer. Auf den Falkland-Inseln warnen seit 1982 Zäune und Schilder in vielen Regionen vor Lebensgefahr durch Minen.
In Afghanistan drohen noch viel größere Verluste, wenn die Flüchtlinge aus den Nachbarländern Pakistan und Iran zurück in ihre Heimat strömen. Vor allem die Grenzregionen, durch die Rebellen aus den Flüchtlingslagern ins Land sickerten, wurden von Sowjets und den afghanischen Regierungstruppen mit Minen geradezu übersät.
Um Ersatz und Nachschub der Mudschahidin abzuschneiden, verminten die Sowjets vorrangig Straßen und Wege. Gerade dort könnten ahnungslose Heimkehrer den Sprengkörpern zu Tausenden zum Opfer fallen.
Wer aber heil durchkommt, ist keineswegs außer Gefahr. Um den Widerständlern und ihren Anhängern die Rückkehr in umkämpfte Regionen zu erschweren, verminten die Sowjets ganze Dörfer. Eben das taten auch die Aufständischen, wenn sie Dörfer vor den Sowjets räumen mußten.
Jeder querliegende Balken, jede Tür, jede Schublade in einem verlassenen Dorf kann eine tödliche Explosion auslösen. Gegenseitig beschuldigen beide Seiten einander sogar, heimtückisch als Kinderspielzeug oder Gebrauchsgegenstände getarnte Sprengkörper verwendet zu haben.
Anbauflächen wurden oft weiträumig mit Sprengkörpern verseucht - die Sowjets wollten verhindern, daß sich die Rebellen bei der ihnen wohlgesonnenen Landbevölkerung versorgten. Entvölkerung ganzer Zonen, in denen alles, was sich bewegte, als Feind bekämpft werden konnte, und lange Nachschubwege für die Freischärler waren das Ziel dieser Flächenverminung.
Nun müßten die "Spender-Nationen", von denen das Kriegsgerät stammt, "den Afghanen beibringen, wie sie sich dem Problem methodisch und systematisch nähern", forderte ein britischer Experte. Doch vor der allgegenwärtigen Minengefahr kann man nur allgemein warnen, unmöglich, ein ganzes Volk zu Minenfachleuten auszubilden.
Niemand weiß, wie viele Minentypen in Afghanistan eingesetzt wurden. Die Unterschiede aber sind so gravierend, daß Laien sie unmöglich kennen können. Panzerminen, offen verlegt, lassen sich leicht ausmachen und durch Herausdrehen der Zünder entschärfen. Versteckt oder vergraben, sind sie mit Spürgeräten jedoch nur dann zu enttarnen, wenn sie in einer Blechhülle, nicht aber in Plastik stecken.
Gefährlicher noch sind die am häufigsten verwendeten Schützen-Minen. Einige Modelle springen nach dem Auslösen mehrere Meter hoch in die Luft, um ihren tödlichen Splitterhagel auch hinter Deckungen zu schleudern.
Ausgestreut, werden sie wegen ihrer kleinen Abmessungen leicht übersehen, wirken sogar harmlos, wie jene sowjetische Plastikmine, die, zur besseren Verteilung beim Abwurf, wie ein kleiner Propeller geformt ist.
Zudem haben die Minen unterschiedliche Zünder:
Druckzünder sprechen oft schon bei der leisesten Berührung an.
Zugzünder werden durch einen versteckt angebrachten Draht ausgelöst.
Durchschneiden darf man ein verdächtiges Kabel dennoch nicht - es könnte ein Schneidzünder daran befestigt sein, dessen Feder durch den Draht zündfertig gespannt ist.
Wärme-, Geräusch- und Bewegungssensoren reagieren unausweichlich auf jede Veränderung in der Umgebung.
Verzögerungszünder lassen eine - frei wählbare - Zeitspanne verstreichen, ehe sie einen Kontakt mit Explosion beantworten. So kann der Gegner bei einer Detonation nie sicher sein, ob er sich nicht bereits mitten im Minenfeld aufhält. Jede Bewegung wird zum Risiko, eine zeitraubende Suchaktion unvermeidlich.
Nicht einmal die meist von den Mudschahidin eingegrabenen Panzerminen sind für Zivilisten ganz ohne Gefahr. Normalerweise reagieren sie zwar nur auf den tonnenschweren Druck von Kampf- und Transportfahrzeugen. Aber sie können auch losgehen, wenn sie beim Straßen- oder Ackerbau von einer Spitzhacke getroffen werden.
Neun Millionen Dollar hat die Uno in ihrem Afghanistan-Hilfsbudget für die Minenräumung ausgewiesen. Doch für umfassende Suchaktionen gibt es bislang ebensowenig Pläne wie für die noch gefährlichere Beseitigung der Sprengfallen.
Lehrgänge bereiten die Flüchtlinge schon seit Jahresanfang in den Lagern auf die versteckten Gefahren vor. Drei Gruppen von über 80 Minenfachleuten aus Amerika, Frankreich und den Niederlanden waren bis Mitte Februar in Pakistan eingetroffen. Großbritannien, Kanada und die Türkei wollen weitere Experten schicken. Noch fehlen allerdings Übungsminen, mit denen das Hauptziel der Ausbildung erreicht werden soll: Erkennen und Markieren von Sprengkörpern.
Für Guy Willoughby, Vertreter der britischen Hazardous Areas Life-Support Organization (Halo)*, greift dieser Ansatz zu kurz. "In Pakistan spricht jeder über Minen, aber die Uno entscheidet viel zu langsam. Deswegen hat sich Halo jetzt zum Handeln entschlossen. Je mehr Monate verstreichen, desto mehr Opfer wird es geben. Um das zu begreifen, muß man nicht UN-Generalsekretär sein."
Ein Drei-Mann-Team der meist aus früheren Berufssoldaten gebildeten Hilfstruppe konnte in Kabul bereits "ein 50 Seiten dickes Album" mit Minenplänen ablichten. Martin Barber, Missionschef der Vereinten Nationen für den Wiederaufbau Afghanistans, sieht darin "einen ziemlich großen Schritt" vorwärts.
Angesichts bisheriger Gepflogenheiten muß das wohl stimmen: In Vietnam warten zivile Hilfsgruppen seit zehn Jahren vergebens auf offizielle Minenpläne aus Washington.

DER SPIEGEL 8/1989
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