17.07.1989

MALERFeste Klammer

Waren das Nervenleiden, die Selbstverstümmelung und der Selbstmord des niederländischen Mal-Genies Vincent van Gogh Folgen seines übermäßigen Absinth-Konsums?
In ein blaßgrünes Getränk war, am Fin de siecle, ganz Frankreich vernarrt. Künstler und Geschäftsleute, Arbeiter und reiche Müßiggänger zelebrierten täglich in Cafes und Clubs "l'heure verte", die grüne Stunde, zu der ein würziger Likör über ein Stück Zucker ins Glas und dann in die Kehle rann: Absinth, das hochprozentige Wermutgebräu, war das Getränk der Epoche.
Berühmte Maler wie Henri de Toulouse-Lautrec, Edgar Degas oder Edouard Manet huldigten dem Absinth-Kult und hielten ihn im Bild fest - doch einem aus ihrem Kreis, dem Niederländer Vincent van Gogh, wurde die Liebe zum Kräutergeist zum Verhängnis.
Der Wegbereiter des Expressionismus, so vermutet der australische Biochemiker und Kunstkenner Wilfred Niels Arnold, geriet durch exzessiven Absinth-Konsum in eine Sucht, die ihn letzlich um Verstand und Leben brachte. Die Abhängigkeit von Terpen, einem giftigen Inhaltsstoff des Modegetränks, habe, so Arnold, die mit Krampfanfällen verbundenen Halluzinationen bei van Gogh ausgelöst und ihn körperlich und seelisch ruiniert.
Arnolds These - jüngst in dem Wissenschaftsblatt "Scientific American" veröffentlicht - liefert erstmals auch eine plausibel erscheinende Erklärung für die Szenen in van Goghs letzten Lebensjahren, bei denen der Künstler versuchte, Farben zu essen oder das Lösungsmittel Terpentin zu trinken: Die Farbverdünner und Lösungsmittel enthielten die gleichen ätherischen Substanzen wie Absinth.
Bislang hatten die Medizinhistoriker diese Zwischenfälle als absurde Episoden gedeutet, die nichts mit van Goghs Grunderkrankung zu tun hatten. Doch auch die Nervenkrisen des Künstlers, die in seiner Selbstverstümmelung kulminierten und im Selbstmord endeten, wurden von Ärzten widersprüchlich interpretiert: "Akute Manie", schrieb der Chef des Krankenhauses von Arles in der Provence, wo van Gogh behandelt wurde, ins Krankenblatt, nachdem der Maler sich 1888 ein Ohr zur Hälfte abgeschnitten hatte.
Später deuteten Neurologen die unsichtbare Krankheit, die den Glücklosen 1890 in den Tod trieb, als eine Epilepsie, die auf Funktionsstörungen des Schläfenlappens im Großhirn zurückgehe. Lichtwirbel auf seinen Bildern brachten andere Mediziner auf die Idee, van Gogh habe durch ärztliche Fehlbehandlung eine Digitalis-Vergiftung erlitten: Fingerhutpflanzen, deren Extrakt dem Kranken möglicherweise verordnet worden war, sind auf zwei seiner letzten Bilder dargestellt; hohe Digitalis-Dosen können Visionen von Strahlenkränzen auslösen und alles in Gelb tauchen.
Für den Psychoanalytiker Humberto Nagera wiederum, der 1973 eine Pathographie des Künstlers verfaßte, mußte als Ursache für van Goghs Zusammenbrüche und seinen gewaltsamen Tod der Ödipus-Konflikt herhalten.
Arnold, Professor an der amerikanischen University of Kansas, stützt seine These von der Absinth-Sucht auf Briefe und Zeugnisse, in denen van Gogh selbst, aber auch Freunde und Zeitgenossen seine Trinkgewohnheiten und Wahnvorstellungen schildern.
Wahrscheinlich hat der Maler das tückische Getränk 1886 kennengelernt, als er seinen Bruder Theo in Paris besuchte und dabei in Künstlerkreisen und Cafes herumkam. Süchtig nach dem grünen Stoff - der Anfang des 20. Jahrhunderts wegen seiner Nebenwirkungen verboten und durch den ungefährlichen Pastis-Likör ersetzt wurde - war van Gogh jedoch erst während der letzten zwei Lebensjahre in der Provence.
"Obwohl er kaum etwas aß", schrieb der mit ihm befreundete Impressionist Paul Signac über diese Zeit, "trank er doch immer zuviel . . . Nachdem er den ganzen Tag (mit Malen) in der Sonne verbracht hatte . . . trank er einen Absinth und einen Branntwein nach dem anderen".
Van Gogh, der selbst ein Stilleben mit Absinth gemalt hat, nahm damit relativ große Mengen des Terpens Thujon zu sich. Die Substanz verdankt ihren Namen der Thuja-Konifere, dem Lebensbaum, aus dem sie auch zuerst isoliert worden ist. Kleine Dosen des Stoffes, so Professor Arnold, lösen im Tierversuch eine Erregung des Nervensystems aus, der Bewußtlosigkeit und epilepsieähnliche Krämpfe folgen. Nikotin, mit dem der unablässige Pfeifenraucher van Gogh seinen Organismus zusätzlich traktierte, setze die Schwelle für diese Wirkungen noch herab.
Ein weiteres Terpen, das ähnliche Effekte hat, inhalierte van Gogh in Form von Kampferöl. Der ruhelose Außenseiter hatte die pflanzliche Droge von seinem Arzt in Arles verschrieben bekommen: "Ich bekämpfe diese Schlaflosigkeit mit einer sehr, sehr starken Dosis Kampfer in meinem Kissen und in meiner Matratze", schrieb van Gogh aus dem Krankenhaus an seinen Bruder, "ich empfehle dieses Mittel, wenn du mal nicht schlafen kannst."
Magenschmerzen, Verdauungsstörungen und vier psychoseähnliche Episoden und Halluzinationen, wie sie von anderen Absinthtrinkern berichtet wurden, sind aus den letzten 18 Monaten seines Lebens bekannt, in denen van Gogh immer größere Mengen des populären Gesöffs zu sich nahm. Die Terpen-Sucht sieht Arnold in der Gier bestätigt, mit der sich van Gogh in jener Zeit sogar Terpentinöl einverleiben wollte. Wieder war es Signac, der ihn davon abhielt, das Lösungsmittel aus der Flasche zu trinken.
Auch sein letzter Arzt, Paul Gachet, konnte den schon geistig Verwirrten nicht mehr retten. Aber Gachet sorgte, wie es in dem US-Ärzteblatt "Journal of the American Medical Association" heißt, unbewußt dafür, "daß die todbringenden Terpene van Gogh in bizarrster Verknüpfung auch noch über das Begräbnis hinaus treu blieben".
Der Mediziner und Kunstfreund Gachet setzte dem Selbstmörder einen Lebensbaum aufs Grab, der an die von van Gogh geliebten Zypressen erinnern sollte.
Als van Gogh 1905 umgebettet und in einer größeren Grabstätte neben seinem Bruder Theo beigesetzt werden sollte, offenbarte sich gleichnishaft die fatale Bedeutung des terpenproduzierenden Thuja-Baumes für das Leben des Malers: Die starken Thuja-Wurzeln hielten den Sarg so fest umklammert, daß er nur mit Mühe gehoben werden konnte.

DER SPIEGEL 29/1989
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