20.02.1989

„Das Pharaonenreich lebt weiter“

Sie sind das älteste Kulturvolk der Erde - ihre Pyramiden, ihre Literatur und ihr Staatswesen belegen es. Vieles von diesem pharaonischen Erbe bestimmt heute noch die Verhaltensnormen der stolzen Ägypter. In Schulbüchern heißt es: „Das ewige Ägypten wird niemals sterben“, und der Staatschef gilt am Nil als Pharao.
Ägypten feierte wie selten: An einem einzigen Tag druckten die drei großen Tageszeitungen Kairos, "Al-Ahram" (Die Pyramiden), "El-Achbar" und "El-Gumhurija", Dutzende Konterfeis des Präsidenten Husni Mubarak, teils handgezeichnet, teils aus Photoretuschen zusammengefügt.
Mit Mubaraks Bild zierten Kaufhäuser und Industrieunternehmen, aber auch Kabinettsminister und Provinzgouverneure ihre Grußanzeigen, in denen sie dem Landesvater für die anstehende Rückgabe der von Israel besetzten Rotmeer-Enklave Taba Dank sagten - für seine "weise Führung", "vaterländische Pflichterfüllung" und seinen "unermüdlichen Einsatz". "Die gesamte Bevölkerung, jung und alt, ruft Dir zu: ,O Mubarak, Du hast Dein Versprechen gehalten'", lobhudelte etwa der Verwaltungschef des Regierungsbezirks Südsinai.
Die sogar nach orientalischen Maßstäben ungewöhnlich schwülstigen Worthülsen sind spezifisch ägyptisch. "Der Macht eines Gottes stehe ich gegenüber", hatte vor 4000 Jahren der aus langjährigem Exil zurückgekehrte Beamte Sinuhe seinem Oberherrn in der Reichshauptstadt zugerufen. Und: "Dein ist das Leben. Deine Majestät mag tun, was sie will." Was der Pharao befiehlt, stellt niemand in Frage.
Die unterwürfigen Lobsprüche auf den ersten Mann im Staat sind unveränderlicher Bestandteil einer jahrtausendealten Tradition des ältesten Staatsvolks der Erde. 3000 Jahre lang herrschten über das alte Ägypten die insgesamt 140 Gottkönige, die Pharaonen. Kein Nachbarvolk hat eine ähnlich konstante Geschichte.
Obwohl das Reich der Pharaonen vor 2000 Jahren unterging, prägen auch heute noch altägyptische Riten und aus der Antike überkommene nilotische Bräuche weitgehend Leben und Politik in der großen Flußoase Ägypten.
Zwar haben die 53 Millionen Ägypter, kopfstärkstes Volk unter den Arabern, mit den meisten Bewohnern der arabischen Welt Sprache und Religion gemeinsam. Doch ihr Selbstverständnis wie ihre Verhaltensnormen - und dementsprechend auch ihr politischer Horizont - unterscheiden sie aufgrund des pharaonischen Erbes von anderen Völkern arabischer Zunge.
"Was macht euch so anders?" fragte im 14. Jahrhundert der arabische Historiker und Soziologe Ibn Chaldun. "Lauern eure Vorväter unsichtbar in eurem Blute?"
Sie lauern. Kein Volk der Erde - weder Griechen noch Römer, weder Perser noch Chinesen - tut sich so viel auf die Größe seiner Vorfahren zugute. Kein Volk der Erde aber auch ließ sich über drei Jahrtausende fast ohne Unterbrechung von Herrschern regieren, die als Mitglieder der Götterwelt bedingungslosen Gehorsam verlangten. An der Instanz des Pharao, an dem System "Pharao = Gott" rüttelten die Ägypter nie.
Die äthiopischen, nubischen, libyschen, persischen und assyrischen Eroberer übernahmen nur zu bereitwillig Ägyptens Pantheon. Sobald ihre Heerführer auf dem Pharaonenthron saßen, waren sie - wie praktisch - unantastbar. Denn auch sie verkörperten nun Gottheit und Königtum in einem.
Die von alters her überkommene Bereitschaft, dem Mann an der Spitze willfährig zu sein, erklärt zumindest teilweise, warum sich die Ägypter für weitere 2000 Jahre bis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von Ausländern bevormunden ließen. So war es nur natürlich, daß der erste Ägypter, der das von fremder Besatzung ganz befreite, endlich wieder unabhängig gewordene Nilland regierte, den Massen wie ein auferstandener Pharao erschien.
Präsident Gamal Abd el-Nasser, der 1956 den Kampf gegen die ehemaligen britischen Besatzer und das mit ihnen verbündete Frankreich wagte, galt seinen Landsleuten als von der Vorsehung auserwählter Führer. "Ja habib el-malajin" - Liebling der Millionen -, so feierten ihn die Fellachen. Dabei war Nasser ein Despot, dessen Geheimpolizei sich brutaler Verbrechen schuldig machte.
Nasser wollte die arabische Welt vereinigen, doch den mit gewaltigem Wortgetöse verkündeten Panarabismus verstand er in erster Linie als Ausweitung des ägyptischen Machtbereichs in alle Himmelsrichtungen.
Nicht zuletzt wegen der von Kairo betriebenen plumpen Ägyptisierung mißriet das Experiment eines staatlichen Zusammenschlusses von Ägypten und Syrien zur "Vereinigten Arabischen Republik" ebenso gründlich wie die kurzlebige Föderation Ägypten/Jemen.
Es half dem Pharao Nasser nichts, daß er die einst einem altägyptischen Tempel nachempfundene Fassade des Kairoer Hauptbahnhofs abreißen und durch eine Außenhaut mit arabischen Fresken ersetzen ließ. Die arabischen Nachbarn bemerkten sehr wohl ein anderes symbolträchtiges Monument: Den Bahnhofsvorplatz schmückt seit Nasser eine Granitstatue des Pharaos Ramses II., der vor über 3000 Jahren den Machtbereich seiner Nilheimat bis zum Orontes-Fluß und tief in den heutigen Sudan hinein ausgedehnt hatte.
Zum ägyptisch-pharaonischen Selbstverständnis gehören auch Allgegenwart und Allmacht des Staates. Nirgends in Arabien außer in Ägypten existierte kontinuierlich ein Zentralverwaltungsstaat mit dem dazugehörigen mächtigen Beamtenapparat.
"Vater Staat" - dieser in Preußen geprägte, betulich-bedrohliche Kosename würde auf das Gemeinwesen im Niltal zwischen dem vierten Katarakt und dem Mittelmeer noch viel besser passen. Schuld daran ist die Natur.
Die Abhängigkeit der Bevölkerung vom Nil, von der stets zu kleinen Kulturlandfläche - nur 4,5 Prozent des Staatsgebiets - und dem je nach Nilpegel schwankenden Grundwasserniveau erzwang geradezu eine umfassende staatliche Reglementierung: Das komplizierte Netz der Bewässerungskanäle und die Anlage von Deichen zum Schutz vor Überschwemmungen waren Aufgaben, die Einzelgemeinden nicht bewältigen konnten. So entstand am Nil ein Staat, dessen Grundstruktur alle politischen Wirren überdauerte.
Bei Niedrigwasser und Hungersnot verteilten die schriftkundigen Beamten des Pharaos Getreide und Trockenfleisch, das in riesigen, aus Nilschlammziegeln errichteten Vorratslagern gespeichert wurde - die "Fleischtöpfe" Ägyptens des Alten Testaments.
Die staatlichen "Ahram"-Konsumläden, vor denen heute lange Käuferschlangen nach subventioniertem Fleisch, Reis, Brot und Zucker anstehen, erfüllen die gleiche Funktion wie die altägyptischen Speicher.
Sollte sich die ägyptische Regierung den Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds beugen und diese jahrtausendealte Einrichtung abschaffen, sprich: die Subventionen für die Grundnahrungsmittel streichen, droht Unheil. "Dann bricht hier, zum erstenmal, der Staat zusammen", befürchtet der sozialistische Parlamentsabgeordnete Milad Hanna.
Wo Staat und Staatsoberhaupt seit Jahrtausenden als naturgewollte Einrichtungen ins Lebenskonzept einbezogen werden, genießt zwangsläufig der Beamte höchste Autorität. "Die Schreibstubengesichter in der chronisch überbesetzten Altertümerverwaltung unterscheiden sich in nichts von den Beamtenvisagen der pharaonischen Staatsschreiber im Ägyptischen Museum", mokierte sich der ägyptische Historiker Abd el-Munim Abu Bakr, "damals wie heute flößten sie Respekt ein, institutionalisierten aber auch amtliche Großmannssucht, Konformismus und oft die einen Sinn nicht mehr erkennen lassende Bürokratie."
Ägyptens Gottkönige zahlten einst Pensionen, ein Grund mehr für altägyptische Eltern, ihren männlichen Sprößlingen die Würde eines "Schreibers" zu verschaffen. "Verdinge Dich als Schreiber, dann respektieren Dich alle Leute, und Du hast für Dein Leben ausgesorgt", steht auf einem Papyrus, den ein besorgter Vater einst seinem ältesten Sohn schrieb.
Die Beamtenlaufbahn gilt heute wie zu pharaonischen Zeiten am Nil als besonders begehrenswert. Etwa eine halbe Million Absolventen der Universitäten warten derzeit auf einen de facto unkündbaren Dauerjob in einem Regierungsamt.
Zu den ewigen Plagen Ägyptens gehört - neben der unabwendbaren Sommerhitze und der offenbar ebenso naturverordneten Überbevölkerung - schon immer die übermächtige, arrogante, sich selbst genügende Bürokratie. Eine Fülle schriftlicher Klagen über Anmaßung und Ungerechtigkeit der Staatsdiener zu pharaonischen wie zu Nassers Zeiten belegt, daß Beamtenherrlichkeit zeitlos ist.
Ein unbekannter Künstler verewigte die Bürokratenwillkür durch ein aussagestarkes Dokument. In einer Grabkammer des pharaonahen Hofbeamten Ti in Sakkara bei Kairo stellte der Bildhauer vier Landarbeiter dar, die mit gebeugtem Rücken Getreidekörner zählen. Vier Aufseher überwachen die wichtige Aktion, während vier weitere Beamte die Kontrolleure kontrollieren.
Übervolle Amtsstuben, wenig Arbeit für zu viele Gehaltsempfänger, Beamte, die nur eine Stunde täglich erscheinen, sind demnach keineswegs - wie die Ägypter gern behaupten - ein erst durch die osmanische Oberherrschaft entstandenes Übel.
Ebenso alt ist die Schwerfälligkeit ägyptischer Beamtenroutine. Die Zöllner im Kairoer Flughafen, die eine Sendung besonders schmackhafter Apfelsinen verfaulen ließen, weil die gewissenhafte Einhaltung der dabei fälligen Formalitäten so lange dauerte, stehen den körnerzählenden Fellachen im Alten Reich recht nahe. Pech nur für die Zöllner, daß es sich bei den Apfelsinen um ein Geschenk des damaligen pakistanischen Staatschefs Sia-ul Hak an Ägyptens Staatspräsidenten Anwar el-Sadat handelte.
Der Pharao mit seinem Staatsapparat bildete eine Pyramide, die stärker war als alle Fremdeinflüsse. Assyrer, Perser, Äthiopier - sie alle gingen im ägyptischen Schmelztiegel auf. Die alten Griechen übernahmen Mythen und Götter, die Ptolemäer dazu noch den Pharaonenkult - auch darauf sind die Ägypter von heute stolz.
Die berühmte Königin Kleopatra, der letzte Souverän auf Ägyptens Thron vor der römischen Besetzung, gilt den Ägyptern auch heute noch trotz ihrer makedonischen Abstammung als Symbol nationaler Größe.
Positives Ergebnis der fortwährenden Anpassung fremder Völkerschaften an ägyptische Lebensnormen ist die ägyptische Toleranz, die im Orient auch heute nicht ihresgleichen hat. Hier fanden Verfolgte stets eine sichere Zuflucht - angefangen vom Kronprinzen des Hethiterreiches, Mursili, bis hin zu König Saud von Saudi-Arabien und dem 1985 von Volk und Armee hinweggefegten sudanesischen Diktator Numeiri.
Dem Exkönig Faruk, den die ägyptische Offiziersrevolution verjagt hatte, gewährte der Revolutionär Nasser ein Staatsbegräbnis. Zur Beisetzung von Exkönigin Farida in Kairo erschienen 1988 drei Kabinettsminister und ein Vertreter von Staatschef Mubarak.
"Tiefes Mitgefühl für den ehrenwerten Nassir Atija Abd el-Schahid" bekundete Mubarak auch den Angehörigen eines Großkaufmanns, der voriges Jahr im Kairoer Stadtviertel Abbassija gestorben war. Das allerhöchste Beileid kam erst 40 Tage nach dem Tod - aber das mit Grund.
Der "ArbaIn", der 40. Tag nach dem Tod, war im alten Ägypten ein besonderer Feiertag, an dem der mumifizierte Mensch beigesetzt wurde, um die Reise ins Jenseits anzutreten.
So wie der Staatspräsident heute, hatten bereits die Pharaonen der Frühzeit darauf Wert gelegt, den Hinterbliebenen einer möglichst großen Zahl dahingeschiedener Untertanen zu kondolieren - am 40. Tag nach dem Tod.
Neben dem Staat gab die Religion den alten Ägyptern Halt in allen Lebensbereichen. "Alles Denken, das über das physische Leben hinausging, konzentrierte sich auf die Religion, auf das Leben nach dem Tode", stellte der amerikanische Ägyptenforscher James Henry Breasted fest. Nirgends nahm der Totenkult solche fast schon wieder lebensbezogenen Formen an wie im alten Ägypten.
Dieser gewaltige Totenkult blieb auch erhalten, als die islamischen Heerscharen das Nilland um 640 gewaltsam dem neuen islamisch-arabischen Kulturkreis anschlossen. "Unerhört" sei das gewesen, ereiferte sich in den dreißiger Jahren der Gründer der - gänzlich unägyptisch radikal-islamischen - "Moslembruderschaft", Hassan el-Banna.
Das Fellachenvolk integrierte den Islam in seine in grauer Vorzeit geprägte Gedankenwelt. "Das Pharaonenreich lebte unter islamischen Vorzeichen weiter", belustigte sich der Kairoer Literat Anis Mansur.
Die pharaonische Sitte etwa, die Toten mindestens zweimal im Jahr zu besuchen - vor allem an islamischen und christlichen Festtagen -, führte zur Anlage von "Totenstädten", in denen die Besucher mit Kind und Kegel, Spirituskocher und Fernseher schon mal drei, vier Tage bleiben. In einigen oberägyptischen Dörfern bringen die Bauern den Verstorbenen einmal jährlich sogar Speisen an die Gräber - wie zur Pharaonenzeit.
Diese "heidnische" Sitte ist im islamischen Kernland Saudi-Arabien als ketzerisch verschrien. Dort weiß heute niemand mehr, wo der so beliebte fromme König Feisal begraben liegt. Im Wüstenkönigreich verstorbene Ägypter werden daher in die Heimat zurückgeflogen, rechtzeitig zum 40. Tag nach dem Tod, versteht sich.
Findige Professoren der berühmten Kairoer Al-Azhar-Universität, der Hochburg islamischer Gelehrsamkeit, fanden eine islamische Rechtfertigung für diese Gedenkfeier. "Am ,ArbaIn' steigt die Seele in den Himmel", verkündeten sie beschwichtigend, um orthodox-moslemische Kritik zum Schweigen zu bringen.
Das staatliche ägyptische Fernsehen ging noch einen Schritt weiter. Um auch die letzten Zweifler mit dem Erbe der Väter zu versöhnen, erfreuten die Regisseure ihr Publikum vergangenes Jahr durch eine Fernsehserie, die den Pharao Amenophis IV. (Echnaton) als Wegbereiter des Islam präsentiert - dabei herrschte dieser Pharao etwa 2000 Jahre vor Mohammed.
"Falsch, aber gut für Ägyptens Volksseele", kommentierte der für seine Sozialkritik und seine fortschrittlichen Religionsanalysen bekannte ägyptische Autor Farag Foda die Medienerfindung.
Das Christentum wurde noch gründlicher ägyptisiert. Jahrhunderte vor dem Bruch zwischen römischen Katholiken und Protestanten gingen ägyptische Bischöfe ihren eigenen Weg zu Christus: Sie gründeten die koptische Kirche.
Als einzige christliche Kirche führte sie eine eigene Zeitrechnung ein, die nicht auf das Geburtsjahr des Religionsstifters Jesus zurückgeht, sondern auf das Jahr 284 - zur Verherrlichung christlicher Märtyrer, die damals den grausamen Verfolgungen durch den römischen Kaiser Diokletian zum Opfer fielen.
Ägyptens Tageszeitungen tragen nach wie vor das koptische Datum neben dem islamischen und dem für Ägyptens Regierung verbindlichen abendländisch-christlichen Datum auf ihrer Titelseite.
Die etwa neun Millionen Kopten, die ihre Abstammung vom Pharaonenvolk besonders hochhalten, konservierten auch die altägyptischen Monatsnamen. Der ägyptische Fellache kennt sie noch heute besser als die islamischen.
Nagib Mahfus, der Träger des Literatur-Nobelpreises von 1988, der als Meister der arabischen Sprache gilt, profilierte sich durch seine strikt ägyptenbezogenen Romane.
Mahfus wie auch der vor eineinhalb Jahren gestorbene "Vater des arabischen Theaters", Taufik el-Hakim, werden von islamischen Ultras als Ketzer angeprangert. Doch sie empfanden den Vorwurf, eine "pharaonische Schule" gegründet zu haben, fast als Auszeichnung.
Ägyptens Wertskala ist der arabischen nur bedingt verwandt. Allein vor dem Hintergrund des ägyptisch-pharaonischen Selbstverständnisses ist zu erklären, warum Ägyptens Intelligenzija den ägyptisch-israelischen Friedensschluß von 1979 fast einheitlich begrüßte.
Nur ein Pharao wie Anwar el-Sadat hatte einen derart gewagten Schritt tun können. "Das war nur noch Pharao Echnatons Befehl vergleichbar, die alten Götter zu verbannen und die entwurzelte Priesterschaft zur Anbetung des neuen Sonnengottes Aton zu zwingen", erkannte der Kairoer Ägyptologe Labib Habaschi. "Ich habe den Pharao getötet", rief denn auch einer der fanatischen Moslems, die Sadat 1981 erschossen.
Islamische genauso wie christliche Fanatiker wollen nicht wahrhaben, daß viele vermeintlich mit ihrer Religion zusammenhängenden Riten weder islamischen noch christlichen Ursprungs sind. So ist die bei allen Moslems, aber auch bei den Juden und Kopten übliche Beschneidung der Knaben keineswegs eine Erfindung einer der drei Offenbarungsreligionen, sondern altägyptische Praxis, welche die Kinder Israels während ihrer ägyptischen Gefangenschaft übernommen hatten.
Pharaonische Symbole gehören zu Ägyptens Alltag. So schmückt die staatliche Fluggesellschaft EgyptAir die Leitwerke ihrer Flugzeuge mit dem gefiederten Kopf des göttlichen Horus und nannte die neu eingeführte Business Class vielsagend "Horus Class". Die erste neue Boeing 767 der EgyptAir wurde wie selbstverständlich nach der altägyptischen Königin Hatschepsut (1490 bis 1468 vor Christus) getauft.
Altägyptisch ist auch der gewaltige Gegensatz zwischen arm und reich, der dem Kairo-Besucher von heute auffällt, aber schon den berühmten griechischen Ägyptenreisenden Herodot verwunderte. Zwischen dem Luxusleben der 17 000 Kairoer Millionäre und dem Hungerdasein der verelendeten Massen mag auch für die Maßstäbe eines Entwicklungslandes eine fast einmalig tiefe Kluft liegen - historisch ist sie durchaus. "Eine Mittelschicht im landläufigen Sinne gab es in Ägypten nie", dozierte schon vor gut 100 Jahren der große deutsche Ägyptenforscher Adolf Erman, "die Extravaganz der Wohlhabenden und die extreme Armut der Unterschicht sind alt."
Altägyptisch ist ferner das Selbstwertgefühl, das sich die Ägypter allen sozialen und politischen Widrigkeiten zum Trotz mit Blick auf ihre Vergangenheit erhalten haben. "Das ewige Ägypten wird nicht sterben", muntert ein Geschichtsbuch ägyptische Gymnasiasten auf, denn: "Allah hat dieses Volk den anderen Völkern vorangestellt."
Altägyptisch ist schließlich auch die Lebensfreude, der sich am Nil jung und alt hingeben. Schon 4000 Jahre alte Reliefs zeigen in einer Fülle von Darstellungen, wie Ägypter Feste feierten, tanzten und sangen.
Heute haben die Ägypter die meisten Volksfeste unter allen Nationen im Nahen Osten. Sie feiern sogar schiitische Festtage, obwohl seit acht Jahrhunderten keine Schiiten mehr am Nil leben.
Das größte Fest ist das Schamm el-Nassim, das pharaonische Frühlingsfest, ein offizieller Feiertag, der von Moslems wie Christen gemeinsam begangen wird. Kein anderes Fest der Welt wird seit so langer Zeit so kontinuierlich gefeiert wie dieses Pharaonenfest.
In Oberägyptens Dörfern werden bei den Festen heute noch altägyptische Melodien auf der uralten Schilfrohrflöte, dem Naj, gespielt. Er gehört ebenso zum alltäglichen Erbe wie die "chamsa chmessa", der Abdruck von Handfläche und Fingern an der Haustür, der bösen Geistern den Eintritt verwehren soll.
Weitsichtige Taxifahrer in Kairo malen ein der Hieroglyphen-Bildschrift entlehntes stilisiertes Horusauge an die Kotflügel ihrer Wagen, damit die Insassen nicht vom bösen Blick getroffen werden.
Der Sicherheitsdienst des Präsidialamtes geht da gleichfalls auf Nummer Sicher. Die von ihm ausgestellten Ausweise tragen das schützende Horusauge, wenn auch nur auf der Rückseite.

DER SPIEGEL 8/1989
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