19.06.1989

FUSSBALLGanz große Zukunft

Immer mehr Bundesligaklubs machen Jagd auf Talente im Kindesalter. Häufig werden sogar die Väter der Jungstars mit Jobs geködert.
Genüßlich kaut Alois Sobotzik, 41, auf einem Stück Apfelkuchen. Dann lehnt er sich entspannt zurück, deutet auf die Sitzgruppe aus feinem Veloursleder und den Wohnzimmerschrank, Eiche Furnier. "Alles neu", sagt er stolz, "hier war ja nix, und wir hatten nix."
Vor sechs Monaten sind die Sobotziks, Aussiedler aus dem polnischen Zabrze, in eine Dreizimmerwohnung im schwäbischen Sindelfingen bei Stuttgart gezogen - vorher ging es zum Großeinkauf ins Möbelhaus.
Denn wie Tausende anderer Polen war die vierköpfige Familie ohne Hausstand in die Bundesrepublik gekommen und hatte sich acht Monate in einem Frankfurter Notquartier mit 16 Quadratmetern Lebensraum begnügen müssen.
Das ist jetzt vorbei. Den Einstieg in einen zumindest bescheidenen Wohlstand besorgte der 14jährige Sohn: Thomas Sobotzik gilt Branchenkennern als eine der Nachwuchshoffnungen im deutschen Fußball.
Umtriebigen Talentsichtern war der Junge von Anfang an aufgefallen, und als nach einem Jugendturnier in Aalen selbst Trainer-Guru Udo Lattek ins Schwärmen geriet ("Der hat eine ganz große Zukunft vor sich"), kam das wundersame Angebot aus dem Schwabenland: Die cleveren Vereinsmanager des VfB Stuttgart beschafften der Familie ein Domizil, Sobotzik senior dazu einen Job und sicherten sich so die Dienste ihres vermeintlichen Wunderkindes.
Zwar darf Thomas, ein robuster Mittelstürmer-Typ mit zartem Bartflaum, noch keinen Vertrag unterschreiben. Doch seit nun der Vater bei Daimler-Benz sein Geld verdient und aus der Zugehörigkeit zu einem der imageträchtigsten Unternehmen der Bundesrepublik ein sattes Selbstwertgefühl bezieht, scheinen die Bande vorerst fest geknüpft zu sein.
Die Methode, talentierte Fußballspieler im Pubertätsalter über die Gunst der Eltern zu gewinnen, hat prominente Vorbilder. So wechselte Ex-Nationaltorhüter Eike Immel als 15jähriger zu Borussia Dortmund. Der Keeper, seinerzeit in der Jugendmannschaft des hessischen Provinzklubs TSV Eintracht Stadtallendorf zwischen den Pfosten, schlug dabei so viel Geld heraus, daß sich sein Vater, ein Landwirt, einen neuen Mähdrescher kaufen konnte.
Oder: Der FC Schalke 04 stellte Günter Thon als Trainer für den Gelsenkirchener Nachwuchs ein, um an seinen damals 14jährigen Filius Olaf - heute Bayern München - heranzukommen.
Vorbei die bequemen Zeiten, in denen etwa der 1. FC Köln 1978 einen Jugendlichen namens Bernd Schuster mit einem simplen Hi-Fi-Turm locken konnte. Je kleiner die Zahl der Talente und je größer der Hunger der in scharfem Wettbewerb liegenden Bundesligavereine, desto stärker steigen die Preise.
Im Falle seines kleinen Hoffnungsträgers diktierte der Oberschlesier Alois Sobotzik so ungeniert auch die Bedingungen, die seine eigene Karriere betrafen. Er wolle "nur beim Daimler schaffen und sonst nirgendwo", lautete harsch die Forderung eines Mannes, der sich selbst als "eher unterqualifiziert" empfindet. Heute bedient er einen komplizierten Computer; da hätten, vermutet Sobotzik, "am Ende wohl höhere VfB-Kräfte" nachgeholfen.
Die Stuttgarter handelten aus Erfahrung, denn die Sorge ums Familienwohl hatte ihnen schon einmal einen Jungstar beschert. 1980 bändelten sie mit dem Portugiesen Victor Lopes, damals 15, an, schickten dessen Vater gleichfalls zu Mercedes und brachten die Mutter als Köchin im vereinseigenen Jugendhaus unter. Der zum Nulltarif an den Neckar gelockte Lopes wurde später nach Ulm verkauft. Seit letztem Jahr kickt er beim Zweitligisten Fortuna Köln.
Leichtes Spiel haben allen voran die Klubs der Bayer-Werke aus Leverkusen und Uerdingen, wenn es darum geht, einen künftigen Star unter Rücksichtnahme auf seinen Anhang zu umgarnen. Prominentestes Beispiel: der heutige Profi Marcel Witeczek, auch er Sohn einer polnischen Aussiedlerfamilie, wechselte mit 16 von Rot-Weiß Oberhausen in die Filiale nach Krefeld.
Überschlägig 100 000 Mark ließen sich die Vereinsvertreter den Transfer angeblich in bar kosten, aber sie investierten auch darüber hinaus beträchtlich. Die Familie Witeczek zog in eine Werkswohnung um, Vater Josef ergatterte einen neuen Job und Sohn Marcel neben "mehr Kohle" einen Ausbildungsvertrag als Einzelhandelskaufmann.
Nur einmal wurden die Großkopfeten aus Uerdingen überboten. Nachwuchs-Star Olaf Janßen zog es vor, mit 17 Jahren beim 1. FC Köln anzuheuern, und die dem Vernehmen nach garantierten 150 000 Mark Jahressalär spielten dabei nur zum Teil eine Rolle. Ausschlaggebend war, daß die rheinische Konkurrenz dem Vater Hans - bis dato im Sportbüro der Bayer-Werke tätig - etwas Feineres offerierte. Der Senior sitzt jetzt in Köln bei der Deutschen Krankenversicherung hinter dem Schreibtisch.
Zuweilen freilich kapitulieren selbst die großzügigsten Vereine vor den überhöhten Ansprüchen gewiefter Eltern. So bekundeten Bayern München, der VfB Stuttgart und der HSV gleichzeitig ihr Interesse an dem Hannoveraner Maximilian Heidenreich, 17, genannt Maxi. Dessen kategorische Forderung - "Wenn ich woanders hingehe, geht die Familie mit" - nebst der von seinem Vater für das Jungtalent verlangten Jahresgage von rund 200 000 Mark schien den Anbietern denn doch des Guten zuviel.
Zwar hatte Klaus Heidenreich, ein damals verschuldeter Vermögens- und Anlageberater, offenkundig zu hoch gepokert, aber er lag grundsätzlich im Trend. Denn die erfolgversprechenden Jugendfußballer genießen mitunter schon einen Status, wie ihn altgediente Profis für sich reklamieren.
Entsetzt beobachtete der DFB-Nachwuchstrainer Berti Vogts anläßlich eines Turniers in Leningrad, wie einer seiner Schützlinge nach ausgiebigen Telephonaten locker die Rechnung von über 600 Mark begleichen konnte.
Der ehrpusselige Mann aus Mönchengladbach änderte darauf erregt erst mal die Verbandsgepflogenheiten. Vogts ("Die lachen uns ja schon aus") ließ den minderjährigen Großverdienern ihren bis dahin üblichen Spesensatz von fünf Mark pro Tag streichen und zieht seither energisch gegen die haltlosen Bundesligavereine zu Felde.
Von einer "echten Talentförderung", so der Coach, könne schon seit Jahren keine Rede mehr sein. Statt dessen kaufe man die jungen Leute "aus allen Regionen zusammen" und verschaffe sich so "billig Kapital".
Für besonders kritikwürdig hält Vogts dabei die Vereinspolitik von Bayer Leverkusen. Und in der Tat: Youngster wie etwa der 17jährige Ralf Ewen aus dem ostfriesischen Hage oder der aus Freiburg übergesiedelte Stürmer Heiko Herrlich, 17, preisen ihren neuen Arbeitgeber in höchsten Tönen. Beide leben in großzügigen Apartments, und zumal der junge Herr aus dem Breisgau, um den sich 16 Bundesligisten bemühten, scheint sich um seine Zukunft nicht sorgen zu müssen. Azubi ist er - aber nur offiziell. Insider schätzen sein Einkommen auf 5000 Mark monatlich.
Von solchen Verdienstmöglichkeiten hat auch der Vater des 14jährigen Jugend-Nationalspielers Thomas Sobotzik "schon gehört". Eigentlich, sagt er lapidar, "hätte ich ja mal in Leverkusen anrufen können". Doch fürs erste habe er sich mit Job und Wohnung in Schwaben "begnügt".

DER SPIEGEL 25/1989
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