20.03.1989

Tief im Süden

„Mississippi Burning“. Spielfilm von Alan Parker. USA 1989; Farbe; 124 Minuten.
Im Juni 1964, Lyndon B. Johnson war Präsident der USA, Robert Kennedy Justizminister, verabschiedete der Senat Bürgerrechtsgesetze, die für die Gleichberechtigung der Schwarzen im Süden der USA einen entscheidenden verfassungsrechtlichen Schritt bedeuteten. Zwei Tage später verschwanden im Staate Mississippi, also mitten im tiefsten Redneck-Süden, drei Bürgerrechtler. Zwei davon waren Weiße aus dem Norden, der dritte ein Schwarzer, der aus den Südstaaten stammte.
Unter dem Druck des Präsidenten und seines Justizminsters leitete das von J. Edgar Hoover geleitete FBI eine aufwendige Suche nach den Verschollenen ein - nachdem der Mississippi-Gouverneur kaltschnäuzig erklärt hatte, die drei hätten sich gewiß nach Kuba abgesetzt. Obwohl Hoover der Bürgerrechtsbewegung kaum Sympathien entgegenbrachte und Martin Luther King schlicht einen Kommunisten nannte, war die Untersuchung gründlich, aufwendig und führte zur Aufklärung des Verbrechens.
Man fand die Leichen der drei Ermordeten, nachdem Marineeinheiten wochenlang die Sümpfe durchsucht hatten, man fand die Täter, nachdem das FBI einen Informanten für 30 000 Dollar kaufen konnte. Sie wurden wegen Verschwörung gegen die Bürgerrechte verurteilt, da eine Mordanklage sie lediglich vor die einheimische Jury in Mississippi gebracht hätte. Keiner der sieben hat länger als fünf Jahre Haft verbüßt.
Trotzdem war die FBI-Fahndung, war der anschließende Prozeß für das Klima der Rassenkämpfe in den sechzigern wichtig: Millionen verfolgten die Vorgänge in Zeitungen und im Fernsehen; der Ku-Klux-Klan, der Auftraggeber des Mordes, wurde vor den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit wochenlang als verbrecherische, lynchwütige Organisation vorgeführt.
Normalerweise nimmt sich Hollywood solcher Themen wie dem der Ermordung der drei Bürgerrechtler nur ungern an. Kinokasse und Politik, das ist ein ungeschriebenes Gesetz der Branche, vertragen sich nicht.
Und wenn Hollywood doch nach Themen greift, die das nationale Selbstverständnis und den patriotischen Stolz zu beflecken drohen, dann verwandelt, dann glättet Hollywood solche Themen zu Hollywood-Stoffen - siehe Vietnam.
"Mississippi Burning", der seinen Titel übrigens dem damaligen Decknamen des FBI-Unternehmens entlehnt hat, ist der Film eines Engländers, des Regisseurs Alan Parker. Und es ist dennoch ein Hollywood-Film mit zwei duften FBI-Polizisten, liberal und akademisch der eine, ein Greenhorn aus dem Norden, scheinbar gemütlich und lustig der andere, ein Praktiker aus dem Süden.
Gene Hackman spielt dieses Rauhbein, das sein Gemüt hinter einem dreckigen Grinsen versteckt, so, daß er neben Dustin Hoffman sicher der aussichtsreichste Oscar-Kandidat für die männliche Hauptrolle ist, eine Mischung aus Chandler-Held und John-Wayne-Cowboy mit einem melancholischen Schatten von reifer Skepsis und Altersweisheit.
Aber damit, wie er den Fall auf seine Weise aufklärt, ergibt sich auch das größte Problem des Films, der in seiner Stimmung und in seinen Gesichtern von einer überzeugenden Authenzität ist: Die Armut und Rückständigkeit des Südens, sein verkniffener Stolz und seine verfettete Selbstgefälligkeit werden sichtbar, sie werden nicht denunziert, sondern erklärt.
Das Problem, wie gesagt, ist die sadistische Dirty-Harry-Masche, die Hackman gegen die Ku-Klux-Klan-Brutalos im Süden einsetzt, sie gleichsam mit ihren eigenen Waffen schlagend und dabei an atavistische Rachegelüste appellierend: Gegen Schweine helfen nur schweinische Methoden.
In einer Szene setzt Hackman, während FBI-Beamte grinsend und ihn abschirmend vor der Tür stehen, einem Südstaaten-Polizisten das Messer im Rasiersalon an die Kehle und ritzt ihm ungerührt das Gesicht auf, bevor er ihn zusammenschlägt. Für die Zuschauer, die schon lange fast physisch unter der heimtückischen Gewalt der Klan-Leute gelitten haben, wird eine solche Szene zum sadistischen Befreiungsschlag.
Aber gerade in diesem authentischen Fall hat sich das FBI aus guten Gründen gehütet, der schweigenden und gelegentlich lynchen lassenden Mehrheit im Süden auch nur ein Argument gegen die Ermittlungen zu liefern. Und daß ein Film, der illegales Unrecht und verschwörerische Brutalität anprangern will, ausgerechnet zu ihrer Bekämpfung nach deren Methoden greifen muß, schwächt seine moralische Position doch sehr.
Trotzdem bleibt als Haupteindruck des bewegenden Films, daß er noch einmal in Bildern und Szenen die Zeit der großen Bürgerrechtskämpfe beschwört und an die Opfer erinnert. Ein Stück Geschichte des Südens ist im Film bewahrt. In Philadelphia, Mississippi, dem wahren Ort der historischen Handlung durfte die Hollywood-Spiegelung bisher nicht gezeigt werden. Der Manager des einzigen Filmtheaters am Ort fand, es lohne sich nicht. Allein diese Nachricht lohnte den Film.

DER SPIEGEL 12/1989
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DER SPIEGEL 12/1989
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