20.02.1989

Sündenbock am Mikrophon

Nachts ist auf amerikanischen Rundfunkkanälen neuerdings oft "slime-time": Statt schmuseweicher Moderatoren geben ruppige Talkmaster den Ton an, die im Telephondialog mit Zuhörern die Ängste und Haßgefühle der "schweigenden Mehrheit" hervorkitzeln: Aggression als Entertainment. Aus der Figur eines solchen Schlammschlacht-Matadors hat sich der junge Autor und Schauspieler Eric Bogosian eine Bühnenshow gemacht, die in New York so erfolgreich war, daß er den Stoff nun zusammen mit dem Regisseur Oliver Stone ("Platoon", "Wall Street") zu einem Film weiterentwickelt hat: "Talk Radio", bei der Berlinale erstaufgeführt, kommt diese Woche in die deutschen Kinos. Seine Theater-Herkunft kann der Film nicht verleugnen, die Rahmenstory bleibt ein Behelf, alle Faszination geht von Bogosians furiosem Non-Stop-Solo aus. Er liefert das Psychogramm eines Provokateurs, der seinen Selbsthaß ins Mikrophon kotzt, um, gewissermaßen therapeutisch, sich selbst zur Zielscheibe der dumpfesten rassistischen Aggressionen zu machen. Kein Zufall, daß der Film fast ausschließlich bei Nacht spielt: Er zeigt die finstere Nachtseite der Nation.

DER SPIEGEL 8/1989
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