20.02.1989

„Einen Idioten mache ich aus mir nicht“

Ballettänzer Michail Baryschnikow über die sowjetische Heimat, seine Arbeit und Zukunftshoffnungen
SPIEGEL: Mr. Baryschnikow, hat "Glasnost", das Wort, das mehr Freiheit und Demokratie in der Sowjet-Union verspricht, für Sie eine persönliche Bedeutung?
BARYSCHNIKOW: Dies ist nicht mehr das Land, das ich verlassen habe. Was sich derzeit in Rußland abspielt, ist außerordentlich, atemraubend. Nehmen Sie meine persönlichen Erfahrungen: Erstmals seit 15 Jahren werden Interviews von mir abgedruckt, die im Westen erschienen sind. Ich habe mich damals darin kritisch mit dem Leben in der Sowjet-Union auseinandergesetzt - und heute ist kaum irgendeine Zensur erkennbar.
SPIEGEL: Als der Chef-Choreograph des Moskauer Bolschoi-Balletts, Jurij Grigorowitsch, Sie vor zwei Jahren in New York besuchte und Ihnen offerierte, in der sowjetischen Hauptstadt ein Gastspiel zu geben, haben Sie das Angebot gleichwohl abgelehnt. Trauen Sie dem Frieden nicht?
BARYSCHNIKOW: Ich habe nicht abgelehnt. Ich habe erklärt: Ich trete auf. Aber nicht allein, sondern mit meiner Truppe vom "American Ballet Theatre". Ich möchte nicht irgendeine kleine Schachfigur im großen Spiel des Herrn Gorbatschow sein. Ich habe mich politisch nie engagiert und werde es auch künftig nicht tun. Mein Leben ist schon Theater genug, neue Rollen benötige ich nicht.
SPIEGEL: Reizt es Sie nicht zu sehen, welche Veränderungen es am Kirow-Theater, Ihrer Leningrader Ballettheimat, gegeben hat?
BARYSCHNIKOW: Die Entwicklungen des Kirow und anderer Balletttruppen konnte ich mir ziemlich häufig bei ihren Auftritten im Westen ansehen. Und was ich sah, war meist enttäuschend. Nichts hat sich bewegt. Wenn überhaupt Veränderungen zu erkennen sind, dann sind sie negativ - das künstlerische Niveau hat erheblich nachgelassen.
SPIEGEL: Was verbindet Sie noch mit Rußland?
BARYSCHNIKOW: Ich bin Russe. Ich bin ein Teil der russischen Kultur. Ich lese nach wie vor russische Autoren wie Tschechow, Dostojewski, Tolstoi und auch die neueren Schriftsteller, die jüngeren, von denen interessante Werke veröffentlicht wurden. Ich höre russische Musik, natürlich. Diese Gefühle werden mich stets begleiten, aber - all meine emotionalen Bindungen, die meisten meiner engsten Freunde, meine Familie, meine Tochter, befinden sich in den USA.
SPIEGEL: Hat Sie in den beinah 15 Jahren, in denen Sie im Westen leben, jemals der Zweifel gepackt, etwa: Vielleicht war die Flucht ein Fehler?
BARYSCHNIKOW: Machen Sie Witze? Nein, niemals.
SPIEGEL: Eine Ihrer Freundinnen aus Leningrader Tagen, die Photographin Nina Alovert, erinnert sich anders: Der heimwehkranke Mischa habe relativ oft aus dem Exil angerufen.
BARYSCHNIKOW: Gelegentlich. Natürlich fehlten mir meine Freunde. In Leningrad habe ich zwei- oder dreimal im Monat getanzt, und wenn man sich alle Opern-, Ballett- und Theaterstücke angesehen hatte, dann saß man abends zusammen und redete und redete. Was sollte man sonst tun? Da klopfte man einfach bei den Freunden auch noch nach Mitternacht an die Tür, denn ein Telephon besaß ich damals nicht, man trank bis um drei Uhr morgens zusammen Wodka, diskutierte über das Leben und die Politiker oder besonders über Bücher, die offiziell von der Regierung verboten waren.
SPIEGEL: Sie waren doch wohl kein Oppositioneller?
BARYSCHNIKOW: Nein, dazu fehlte mir der Mut. Wahrscheinlich war ich ein Sympathisant dieser Leute, ohne es klar auszudrücken. Ich habe das System nicht gehaßt. Man könnte meine Haltung Gleichgültigkeit nennen. Aber es haben mich manche Dinge um mich herum gestört, und ich habe auch vieles gehaßt, was ich selbst getan habe.
SPIEGEL: Was zum Beispiel?
BARYSCHNIKOW: Man mußte viel lügen, sich als linientreu darstellen, um für die Auslandsreise der Balletttruppe akzeptiert zu werden und die Privilegien nicht zu verlieren. Also habe ich das Spiel mitgespielt, um mir Schwierigkeiten zu ersparen. Ich habe so getan, als sei ich mit all dem, was passierte, einverstanden gewesen.
SPIEGEL: Sie waren also ein angepaßter Oppositioneller. Hätten Sie früher gehen sollen?
BARYSCHNIKOW: Sicher. Heute sage ich mir: Welch eine Schande, all diese vergeudeten Jahre. Zugleich aber weiß ich, daß ich von beiden Welten profitiert habe. Die vielen Jahre Arbeit in Rußland haben meinen Sinn für Disziplin stark geprägt und mir ermöglicht, mich voll auf das Tanzen zu konzentrieren. Meine Bereitschaft, hart zu arbeiten, wurde in jenen Jahren geboren. Ich konnte meine mentale und emotionale Kraft entwickeln und lernte, meine Emotionen zu verinnerlichen, wie man es in einer unfreien Gesellschaft muß. Danach, im Westen, konnte ich meinen Gefühlen ihre Freiheit geben, mich ausdrücken, experimentieren.
SPIEGEL: In Leningrad mußten Sie, von einigen kleineren Rollen abgesehen, vornehmlich in "Don Quixote", der "Erschaffung der Welt" oder "Giselle" tanzen. War diese künstlerische Einengung der Grund für Ihre Flucht?
BARYSCHNIKOW: Einen Monat damit zu verbringen, dieselben Rollen zu proben, konnte mich nicht weiterbringen und mir nichts Neues vermitteln. Dieselben Rollen zu tanzen, 10, 15 Jahre meines Lebens lang, das war ein unerträglicher Gedanke für mich.
Ich wußte, daß ich etwas anderes tun müßte. Ich hatte die Ballette von George Balanchine gesehen, die Arbeiten des Londoner Royal Ballet, ich wußte, es existiert eine andere Welt, mit einem weiteren Horizont und helleren Farben - eine Welt außerhalb des Kirow-Balletts. Bewußt waren mir diese Dinge schon Anfang der siebziger Jahre, damals jedoch habe ich nie daran gedacht, das Land zu verlassen. Ich habe meine Entscheidung auch nicht lange geplant, sondern mich damals in meinem Hotelzimmer in Toronto in einigen Stunden entschieden, mir einfach gesagt: "Du bist verrückt, wenn du zurückkehrst, was erwartet dich zu Hause noch?"
SPIEGEL: Was wußten Sie damals - außerhalb der Ballettwelt - vom Westen?
BARYSCHNIKOW: Nichts, absolut nichts. Ich konnte einige Brocken Französisch, kein Englisch. Das habe ich mir durch das Fernsehen und Kino angeeignet. Der Cellist Mstislaw Rostropowitsch und die Ballerina Natalja Makarowa haben mir damals geholfen. Viel Zeit, darüber nachzudenken, was ich nicht wußte, hatte ich ohnehin nicht: Beinahe jedes Balletttheater der Welt machte mir Angebote. Ich bin von einem Land ins andere gezogen, habe neue Ballette einstudiert. Von Roland Petit, Fred Ashton, Balanchine, Alvin Aley, nennen Sie, wen Sie wollen.
SPIEGEL: Wie war der erste Eindruck von New York?
BARYSCHNIKOW: Welch ein Unrat in den Straßen, welch ein Dreck überall. Aber die Stadt hat mich schnell verzaubert. Sie ist einzigartig. Welch wunderschöne Häßlichkeit in New York City.
SPIEGEL: War das die Freiheit, die Sie suchten?
BARYSCHNIKOW: Was ist Freiheit, welche Freiheit? Man muß auch für die Freiheit bezahlen. Das habe ich sehr schnell erkannt. Niemand anders ist für die Entscheidungen verantwortlich. Nur du selbst. Ich konnte nicht mehr sagen: Dieses oder jenes kann ich nicht tun, weil es verboten ist, nein, nahezu alles war möglich. Es gab für mich keine Grenzen.
Folglich habe ich viele Fehler gemacht, leider, habe mich vom Geld locken lassen. Der Gedanke, ich könnte irgendwo 100 000 Dollar verdienen, brachte mich bis nach Australien. Statt dessen hätte ich mit einem einzigen Choreographen arbeiten müssen. Ich habe mich von dem Gedanken locken lassen: Du kannst dir bald deine eigene Wohnung kaufen, dein eigenes Apartment hier in New York.
SPIEGEL: Hat Sie der umgehende Erfolg im Westen überrascht? "Newsweek" etwa nannte Sie einmal einen "kulturellen Helden von mythischen Ausmaßen".
BARYSCHNIKOW: Komplimente tun immer gut. Ich habe allerdings immer gewußt, daß ich ein guter Tänzer bin. Aber irgendwie hatte ich Angst. Kannst du auch Format im zeitgenössischen Tanz erreichen? Das war die große Frage für mich, die mir zu schaffen machte. Ich wollte nicht nur ein weiterer klassischer Tänzer sein, sondern neue Horizonte erreichen, meine Seele und meinen Körper in Einklang bringen und entwickeln. Gott sei Dank . . .
SPIEGEL: . . . ist ein Ballettänzer nicht begrenzt wie ein Tenor . . .
BARYSCHNIKOW: . . . der immer wieder Donizetti oder Verdi singen muß. Das Ballett hat den zeitgenössischen Tanz, und das war eine Herausforderung für mich. Es gab Erfolge und Enttäuschungen. Gelegentlich trat ich in Balletten auf, die Mißerfolge waren, und ich war unglücklich darüber, weil ich beides wollte: Erfolg für mich und die Aufführung. Zu jener Zeit war ich ziemlich blöd, weil ich nicht erkannte, daß man als Tänzer auch in einem mißratenen Ballett lernen kann.
SPIEGEL: Mancher Ihrer Freunde behauptet, Sie seien - bei allem Erfolg - depressiv veranlagt, ein einsamer Melancholiker.
BARYSCHNIKOW: Unser Beruf führt zur Einsamkeit, nicht nur im Ballett, sondern in der kreativen Kunst überhaupt. Ich glaube, ich bin ein launischer Typ, mit meinen Stimmungen geht es rauf und runter. Ich komme einfach nicht dagegen an. Doch deshalb gehe ich noch lange nicht zum Psychiater wie die Amerikaner, da hilft mir Gott - ich gehe angeln.
SPIEGEL: Ihr Freund, der 1972 in die USA emigrierte Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky, sagte einmal über Sie: "Er hat noch immer die physische Kraft zu hoffen, doch obgleich er nicht zynisch ist, erwartet er nicht mehr viel."
BARYSCHNIKOW: Im tieferen Sinne hat er vielleicht recht, doch die Hoffnung darf man nie aufgeben. Ich bin ein gesunder, glücklicher Typ, dem sehr wohl bewußt ist, daß das Glück jede Sekunde enden kann. Ich genieße die Stunden in meinem Landhaus bei New York und die wundervolle Beziehung, die ich zu meiner Tochter habe. Mein Leben ist Teil ihres Lebens.
SPIEGEL: Das klingt so romantisch beschaulich. Tatsächlich aber arbeiten Sie wie ein Besessener.
BARYSCHNIKOW: Besessen würde ich das nicht nennen, sondern Arbeitsstil. Denn zwei Wochen Pause sind für einen Tänzer das Maximum. Ein Tänzer kann es sich einfach nicht leisten, vier Wochen in der Karibik auszuspannen. Danach würde er zwei Monate brauchen, um seinen Körper wieder in Form zu bringen. Ich habe erst wirklich Ruhe, wenn ich durch eine Verletzung dazu gezwungen werde.
SPIEGEL: Sind Sie eigentlich gern Tänzer?
BARYSCHNIKOW: Zuweilen ist der Beruf eines Tänzers sehr frustrierend, nämlich immer dann, wenn man sich so wie in einem der japanischen Expreßzüge fühlt, die im 200-Stundenkilometer-Tempo fahren: Du siehst hinaus auf die Landschaft, und die verwischt vor deinen Augen, rast an dir vorbei. So kann das Leben eines Tänzers zuweilen aussehen. Man lebt im Theater, im Übungsstudio, und draußen rauscht das Leben vorbei, das andere Leben. Mich interessieren so viele Dinge, ich will so vieles machen, und deshalb belastet es mich manchmal, ein Sklave des Berufes zu sein. Tanz ist ein Teil meines Lebens, aber es ist nicht mein ganzes Leben. Wegen der Anforderungen in meinem Beruf bin ich gelegentlich frustriert darüber, in diesem Geschäft zu arbeiten.
SPIEGEL: Hatten Sie jemals einen anderen Berufswunsch?
BARYSCHNIKOW: Seit meinem 12. oder 13. Lebensjahr wollte ich Tänzer werden. Ich habe die Schule gehaßt. Ich war schlecht in Mathematik, in Algebra, eigentlich in allen naturwissenschaftlichen Fächern. Und immer wieder drohte mir mein Vater vor Prüfungen: "Wenn dein Zeugnis schlecht bleibt, nehme ich dich aus der Ballettschule." Davor hatte ich oft gewaltige Angst, denn ich wußte, ich würde mich als Tänzer durchsetzen können.
SPIEGEL: Daran haben Sie nie gezweifelt?
BARYSCHNIKOW: Doch, ich kannte meine Grenzen: Ich war nicht groß und wußte nicht, wieviel ich noch wachsen würde. Ich wollte nicht irgendein Tänzer sein, sondern die großen, romantischen Hauptrollen spielen. In Rußland werden diese Rollen wirklich großen, schönen Männern vorbehalten, man muß eine Art "danseur noble" sein. Ich bin eben 1,70 Meter groß, das absolute Minimum für diese Rollen.
SPIEGEL: Männliche Ballettänzer, davon sind Laien überzeugt, sind allesamt homosexuell veranlagt. Hat Sie dieses Image je gestört?
BARYSCHNIKOW: Überhaupt nicht. Ich habe immer gewußt, daß in der kreativen Welt Homosexualität verbreitet ist, heimlich zwar, in der Sowjet-Union im verborgenen, doch gleichwohl eine Realität. Warum nicht? Für mich ist Homosexualität normal, es ist lediglich eine andere Form sexueller Vorliebe.
SPIEGEL: Sind Tänzer Masochisten, die immer wieder bereit sein müssen, die Grenzen des Schmerzes und der Erschöpfung zu erreichen, zu leiden und dennoch zu lächeln?
BARYSCHNIKOW: Das Publikum erkennt nur die Schönheit der Bewegung. Qualen sind ebenfalls Teil unseres täglichen Trainings. Alle Sportler kämpfen gegen dieselbe Müdigkeit und Verletzungen der Muskeln und Sehnen. Das ist ein Teil unseres Lebens. Natürlich hasse ich Schmerzen. Glauben Sie etwa, das ist ein Vergnügen? Natürlich nicht. Aber es muß sein.
SPIEGEL: Manche Ballettlehrer reden ihren Schülern ein: "Je mehr ihr leidet, desto besser werdet ihr."
BARYSCHNIKOW: Das ist einfach dumm. Es ist genauso idiotisch, als würde man mit blutigen Füßen und aufgeplatzten Blasen weitertanzen. Wer darunter leidet, hat ohnehin etwas falsch gemacht oder sich schlecht vorbereitet. Natürlich, wenn man sich während eines Auftritts leicht verletzt, muß man da durch und trotz der Schmerzen irgendwie ans Ende der Vorstellung kommen.
SPIEGEL: Tanzt bei Ihnen die Angst vor Verletzungen, dem jähen Ende der Karriere stets mit?
BARYSCHNIKOW: Drei Knieoperationen habe ich bereits überstanden, und große virtuose Partien tanze ich nicht mehr. Ich habe das große Glück, daß ich viele Formen des Tanzes beherrsche. Ich muß nicht mehr unbedingt klassische Rollen wie den "Albrecht" oder "Siegfried" tanzen, sondern kann auch barfuß oder, wenn es erwünscht ist, in Hackenschuhen auftreten. Das weiße Beintrikot brauche ich ebenfalls nicht.
SPIEGEL: Wessen Choreographien mögen Sie besonders?
BARYSCHNIKOW: Derzeit arbeite ich mit der außergewöhnlichen Martha Graham, die immer noch tätig ist. Ich glaube, sie ist 94 Jahre alt, und Amerika sollte ihr Tag und Nacht für ihre Pionierleistung auf dem zeitgenössischen Gebiet danken. Und dann gibt es noch einige jüngere begabte zeitgenössische, moderne Choreographen wie Twyla Tharpe, Mark Morris, Paul Taylor, Merce Cunningham oder William Forsythe, deren Arbeit ich schätze. Sie sehen: Mein Leben auf der Bühne wird kein Ende nehmen, obgleich ich nicht mehr notwendigerweise drei Akte von "Don Quixote" tanze.
SPIEGEL: Als 41jähriger gilt ein Tänzer nicht mehr als jung.
BARYSCHNIKOW: So, wie ich einmal getanzt habe, geht's nicht mehr. Das ist die Realität. Meine besten Jahren als klassischer Tänzer liegen zwar hinter mir, aber noch viele als Darsteller vor mir. Was ich tun werde, in welcher Form, weiß ich noch nicht, doch eines weiß ich sicher - einen Idioten werde ich aus mir nicht machen. Aber auch das weiß man natürlich nie.
SPIEGEL: Denken Sie dabei an Rudolf Nurejew, der im Alter von 50 Jahren immer noch Engagements akzeptiert?
BARYSCHNIKOW: Absolut nicht. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Es ist einzig und allein seine Angelegenheit. Er muß für sich entscheiden. Ich möchte dazu nichts sagen.
SPIEGEL: Ihre Kollegin Natalja Makarowa hat einmal über sich selbst behauptet: "Ich bin selten mit mir selbst zufrieden, und dieser Dämon des Perfektionismus ist die Quelle meiner Kraft." Denken Sie ebenfalls so?
BARYSCHNIKOW: Perfektion ist für mich ein abstrakter Begriff. Was ist perfekt? In meiner gesamten Karriere hatte ich vielleicht 10, möglicherweise 15 Vorstellungen, die mich mit tiefer Zufriedenheit erfüllt haben. Aber war das Perfektion? Wahrscheinlich nicht. Während dieser Darbietungen war das Gefühl auf der Bühne für mich etwas ganz Besonderes. Man scheint wie in einer Trance zu tanzen, und man schwebt da mit, als sei es tatsächlich so. Und die Gefühle, die Impulse schlagen zurück vom letzten Sitz aus dem Zuschauersaal auf die Bühne. Diese Augenblicke kann ich einfach nicht vergessen. Sie sind selten.
SPIEGEL: Künstler in der Sowjet-Union, mit Sicherheit die Stars, werden vom Staat unterstützt, verwöhnt, ihr Leben ist meist gesichert bis ans Ende der Tage. Wie wirkt auf Sie das amerikanische System, das Theater, Oper und Ballett kaum subventioniert?
BARYSCHNIKOW: Es ist schockierend und frustrierend. Die Zuschüsse, die das "American Ballet Theatre" von der Regierung erhält, sind minimal, etwa ein Drittel unseres 18-Millionen-Dollar-Budgets versuchen wir von Firmen und Stiftungen einzutreiben. Die restlichen Einnahmen kalkulieren wir vom Kartenverkauf. Einen Ausrutscher können wir uns kaum leisten. Schon sind wir im Defizit. Die Unsicherheiten sind groß für die Künstler und das Management. Eines Tages werden die Amerikaner erkennen müssen, daß es so nicht weitergeht.
SPIEGEL: Warum?
BARYSCHNIKOW: Weil die besten Künstler verschwinden. Sehen Sie sich Mark Morris an, der in Brüssel Maurice Bejart ersetzte, oder Billy Forsythe in Frankfurt - die dürfen dort machen, was sie wollen. Sie sind die Talente, die wir benötigen. Diese Leute sind unsere großen Hoffnungen. Es ist schade, daß sie in Amerika nicht die finanzielle und praktische Freiheit haben, die sie für ihre Arbeit brauchen.
SPIEGEL: Können Sie sich Ihre "letzte" Vorstellung als Tänzer in Leningrad vorstellen, als "Herzog Albrecht" etwa, Ihre Starrolle in "Giselle"?
BARYSCHNIKOW: Ich hasse diese Art von Abschieds- oder Jubiläumsvorstellung, mit Blumen und Konfetti auf der Bühne. Das ist beinahe so, als würde man die eigene Beerdigung vorbereiten und das Grab gestalten.
SPIEGEL: Mr. Baryschnikow, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Michail Baryschnikow *
gilt neben seinen russischen Kollegen Wazlaw Nijinski und Rudolf Nurejew als der größte Ballettänzer dieses Jahrhunderts. Der 1948 in Riga geborene Offizierssohn setzte sich 1974 während eines Gastspiels des Leningrader Kirow-Balletts in Toronto von seiner Truppe ab. Westliche Kritiker feierten ihn als "Superman" ("The New York Times") oder "Genie" ("FAZ"). Obgleich Baryschnikow Spekulationen über eine Schauspielerkarriere als "Unsinn" abqualifiziert, nimmt er Unterricht. Im März ist der Tänzer, der US-Bürger wurde und mit der Hollywood-Schönen Jessica Lange eine Tochter hat, am New Yorker Broadway in Kafkas dramatisierter Erzählung "Die Verwandlung" als Bühnenstar zu sehen.
Von Helmut Sorge

DER SPIEGEL 8/1989
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