17.04.1989

Glorioser Sündentrüffel

Princess Anne und der Stallmeister, die Inderin und der Schwiegersohn der Queen - endlich haben die Briten wieder einen ihrer geliebten Skandale.
Wenn sich ein Lächeln auf ihrem rosenrot gefütterten Mund niederließ, sanft wie ein Schmetterling auf einem schwankenden Blatt, wenn dunkle Blicke aus ihren schwarzumfiederten Augen wehten, geheimnisversprechend und kündend von exotischer Glut, wenn sich ihr elfenbeinern getönter Leib bewegte gleich einem Hauch, der im All balanciert - dann, ja dann war es wirklich wie im Kitschroman und um die Männer geschehen.
En suite sanken sie hin vor den Reizen der Pamella Bordes, die bald über eine Entourage verfügte, um die sie jeder Variete-Direktor beneidet hätte. Da waren, nur zum Beispiel: ein reitsportlich engagierter Schwiegersohn Ihrer Britannischen Majestät; ein für Sport und andere Unarten der Leibesertüchtigung zuständiger Minister; ein im Geheimdienstlichen wie im Promiskuitiven tätiger Verwandter des libyschen Obersten Gaddafi; dazu die Chefredakteure zweier angesehener Sonntagszeitungen, denen Pamella ebenfalls über alle Maße (86-56-86) gefiel.
Als sei dies noch nicht genug, ereilte die Briten letzte Woche die gedruckte Kunde, Princess Anne habe in zärtlichem Einvernehmen mit dem Stallmeister der Queen gestanden. Diese Vermutung jedenfalls sog die englische Presse aus jenen vier Briefen, die ein bislang unbekannter Indiskretin aus Annes Schreibtischschublade gemopst und Ende vorletzter Woche der "Sun" zugespielt hatte. Das Boulevard-Blatt, das im letzten Jahr nach der Veröffentlichung gestohlener Privatbilder der Königsfamilie 100 000 Pfund hatte zahlen müssen, verzichtete diesmal auf eine Drucklegung und übergab die Briefe unveröffentlicht Scotland Yard.
Auf dem Umweg über einen mit der Untersuchung des Diebstahls befaßten Kriminalbeamten erfuhr die Öffentlichkeit aber dann doch etwas über Art und Inhalt der mit schwarzer Tinte und steifer, aber gut leserlicher Handschrift verfaßten Billetts: "Falls der Mann der Princess wissen möchte, warum sie geschrieben worden sind, hätte sie einiges zu erklären."
Damit waren endlich wieder einmal alle Ingredienzen für einen jener schönen Skandale beisammen, wie ihn sich die Briten und ihre Presse nur zu gerne bereiten.
Dazu gehören ein bißchen Igittigitt, anderswo Sex genannt, und viel Ogottogott, woanders Prüderie geheißen - jene Gefühlsmischung aus spitzlippiger Entrüstung und schieläugiger Scheinheiligkeit also, die den Engländer immer dann überkommt, wenn er sich wieder einmal der Vermutung hingibt, daß man auch in den gehobenen Kreisen außerehelich zu Werke geht.
Ein so schöner, ein so wonderfully schöner Skandal wie dieser war den Briten freilich schon lange nicht mehr vergönnt. Tag für Tag taten sich, kaum daß der schwindlige Blick die Übersicht über das Ausmaß an Unmoral gefunden zu haben schien, neue Abgründe und Kurzweil auf. Das geht nun schon seit über zwei Wochen so, und ein Ende ist - pfui, wie entzückend! - vorerst nicht abzusehen.
Die Faktenlage gestaltet sich zwar etwas dürftig, aber unter Zuhilfenahme von etwas kreativem Denken gelang es den Pressbengels vom Boulevard schließlich doch, die für den großen britischen Skandal unabdingbare Verbindung zwischen Unterleib und Oberschicht zu schaffen.
Die Quersumme der Erkenntnisse, Stand Ende letzter Woche: Während der zum Zeremoniendienst bei der Queen abgeordnete Fregattenkapitän Timothy Laurence mit Princess Anne tändelte, hatte deren Ehemann, der Captain Mark Phillips, etwas mit Pamella Bordes, die wiederum etwas mit vielen anderen hatte, vielleicht sogar eine landesverräterische Beziehung - schließlich pflegte sie gleichzeitigen Umgang mit dem britischen Sportminister Colin Moynihan und dem Gaddafi-Vetter Ahmed Gaddaf el-Dam, einem des Agententums verdächtigen Frauenschwelger.
Vor allem die Vermutung, daß Pamella Bordes, gleichsam als Trojanisches Ohr des Muselmannes, den Minister ausgehorcht haben könnte, entfachte bei der Presse die Hoffnung auf einen zweiten Profumo-Skandal. Wie es der Zufall in einer seiner lustigeren Launen wollte, lief mit der Bordes-Affäre auch der Film "Scandal" an, der von der Beziehung zwischen dem damaligen Kriegsminister John Profumo und dem Callgirl Christine Keeler handelt - selten war ein zweitklassiger Film so erfolgreich.
Ihren Anfang nahm die ganze Geschichte, als Pamella Bordes einem ihr nur flüchtig bekannten Herrn ein koitables Angebot machte - "500 Pfund, und ich bin sehr diskret". Eigentlich hatte der Mann recht seriös gewirkt, doch es handelte sich nur um einen Journalisten; der besann sich umgehend auf seine Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit und begann zu recherchieren.
So erreichte die Briten die gedruckte Kunde vom Leben und Wirken der Pamella Bordes, vor 27 Jahren als Pamela Tschaudhuri in Indien geboren und dort zur Schönheitskönigin des Jahres 1982 gekürt, verheiratet mit dem französischen Werbetreibenden Dominique Bordes und seit 1985 in London ansässig.
Dort nahm sie in der Nähe des Unterhauses eine Luxuswohnung und bald auch bis zu 1000 Pfund pro Nacht - geradezu einzigartig verstand es dieser gloriose Sündentrüffel, den Männern erst den Verstand und dann das Geld zu nehmen: Mal triangulierte sie mit Scheichs, mal tat sie es, sozusagen als Nackedaimler, in den geräumigen Limousinen der Reichen; bisweilen soll sie sogar die Festigkeit des spanischen Rohres an jenem Teil erprobt haben, auf den es beim Masochisten ankommt.
Die freien Abende verwandte sie darauf, ihren Aufstieg in die feine Gesellschaft zu betreiben - und schon bald war es den Stützen dieser Gesellschaft Ehre und Bedürfnis zugleich, an der Seite von Pamella Bordes gesehen zu werden.
Donald Trelford, Chefredakteur des liberalen "Observer", hielt mit ihr im Nachtclub "Tramp" zärtlich Händchen und in der Lounge des "Groucho Club" herzoffene Gespräche. Seinen Kollegen Andrew Neil von der konservativen "Sunday Times" verband mit Pamella ein amouröses Nahverhältnis, das nur deswegen ein vorzeitiges Ende nahm, weil sich die offenbar leicht entzündliche Inderin mit der Schere an Neils Maßanzügen zu schaffen gemacht hatte - hinterher fehlten Achselstücke und Zwickel.
Minister Moynihan führte Pamella Bordes zum Winterball der Konservativen Partei, wo ihr zauberischer Charme weithin Aufsehen erregte. Der Tory-Abgeordnete David Shaw engagierte sie als parlamentarische Assistentin, mit der Aufgabe, ihn über das britische Verlagswesen zu informieren. Sollte Pamella tatsächlich gegenüber ihrem ehemaligen Liebhaber Ahmed Gaddaf el-Dam geplaudert haben, so weiß der libysche Geheimdienst jetzt alles über britische Sportpolitik sowie die Nettopreisbindung im englischen Buchhandel.
Kaum hatte die Presse ruchbar gemacht, daß es sich bei Pamella Bordes um eine geldgefällige Person handele, konnte sich natürlich keiner mehr so recht daran erinnern, mit ihr jemals auch nur gesellschaftlich verkehrt zu haben.
Captain Mark Phillips, so verlautbarte beispielsweise der Buckingham Palace, habe der ehemaligen Miss India Reitunterricht gegeben, nichts weiter. Diese hingegen ließ über ihren Rechtsanwalt ausrichten, sie sei mit dem Tochtermann der Queen eine Nacht lang zusammen gewesen - für welche sie allerdings auf jenen Zins verzichtete, den aus dem unerschöpflichen Kapital der männlichen Dummheit zu ziehen sie sonst gewohnt war: "Angesichts seiner Stellung tat ich es umsonst."
Noch war die englische Presse damit beschäftigt, Princess Anne ob ihres hallodrihaften Ehemannes zu bedauern, als letzte Woche die Existenz jener "in sehr vertraulichem Ton gehaltenen" Briefe (so die "Sun") bekannt wurde. Umgehend angestellte Recherchen unter der Nachbarschaft des königlichen Stallmeisters ergaben, daß dieser die Princess häufig in seinem Fünf-Zimmer-Haus in Winchester empfangen hatte. Manchmal, so wußte das nachbarliche Gehechel, seien sogar Annes Kinder Zara und Peter dabeigewesen, die man dann lange allein im Garten habe spielen sehen . . .
"Scheidungskrise im Palast", meldete daraufhin "Today", die "Daily Mail" fragte besorgt: "Ist diese Ehe noch zu retten?" Mark und Anne hätten, entsetzte sich das Blatt, im letzten halben Jahr nur 22 Tage in ehelicher Gemeinsamkeit verbracht - als sei nicht im ganzen Königreich bekannt, daß die beiden seit langem nicht mehr verbindet als der Hang zu Pferden und eine kritische Distanz zu allzu aufdringlichem Intellekt.
Zu geradezu tragischen Höhen rankte die Affäre, als Mitte letzter Woche die in diesem Zusammenhang unvermeidlichen Gerüchte von Eifersucht und Liebesdrama aus dem Palast raunten: Eine Kammerzofe der Princess, deren Herz der königliche Stallmeister ebenfalls entflammt hatte, habe die Briefe entwendet - in der Hoffnung, ihren geliebten Timothy und ihre Königliche Hoheit zu entzweien. Wenn es die Zofe tatsächlich war und dies ihr Motiv, dann ist das Vorhaben gescheitert: "Er redet nur noch von Anne", vertrauten Freunde des Marineoffiziers der Presse an.
In Hongkong, wohin sie sich zurückgezogen hatte, bot unterdes Pamella mit gewohnt kühlem Kopf den Vertretern der Presse die Exklusivrechte an ihren Amouretten an. Während ihr Rechtsanwalt einen Nervenzusammenbruch erlitt, verkaufte sie ihre Story für 150 000 Pfund an die "Daily Mail".
Schon im voraus ließen die meisten Mitglieder der britischen Regierung dementieren, jemals etwas mit der ehemaligen Parlaments-Assistentin zu tun gehabt zu haben - bisweilen mit etwas nervöser Drohgebärde. "Mr. Bakers Rechtsanwälte werden alles genau verfolgen", warnte der Sprecher des Erziehungsministers, "was über ihn in diesem Zusammenhang geschrieben wird."

DER SPIEGEL 16/1989
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