20.02.1989

GESTORBENIda Ehre

Ida Ehre, 88. Hekuba, Mutter Courage und Frau Warren ist sie gewesen. Leiden und Überleben, das Faulknersche "They Endure", hat ihre Bühnengestalten wie das persönliche Schicksal der Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele geprägt. 1900, im damals mährischen Prerau als Kind gläubiger Juden geboren, in Wien als Schauspielerin ausgebildet, ging sie den Weg durch die deutschen Provinzen nach Berlin. 1933 endete der erste Teil einer sich gerade festigenden Karriere. Die Ehre überlebte. Ende 1945 eröffnete sie, im Zentrum des Hamburger Judenviertels am Grindel, ihre Kammerspiele, und die Zeit, die ihr so übel mitgespielt hatte, half ihr nun. Die "Alster-Duse" konnte auf die Bretter bringen, was in den Nazitagen tabu war. Aus einem in zwölf Jahren angewachsenen Vorrat internationaler Dramatik konnte sie wählen und fand Anouilh, Giraudoux und Thornton Wilder. Die Gegenwart ließ sie nicht "Draußen vor der Tür". In ihrem Haus rief Hans Quest 1947 zum erstenmal sein "Gibt denn keiner, keiner Antwort?" Der Glanz des mit Hilde Krahl und Hans Mahnke, Edda Seippel und Erwin Geschonneck ideal besetzten Ensembles verdämmerte, als die Währungsreform kam, die Schauspieler in lukrativere Engagements abwanderten. Ida Ehre hielt durch, tapfer und zäh, fast 40 Jahre und am Schluß eine Hamburger Institution. Unvergessen, auch außerhalb der Hansestadt, bleibt die alte Jüdin, die sie in einem der ersten Nachkriegsfilme gespielt hat. Käutner hat ihn inszeniert. Er heißt "In jenen Tagen." Ida Ehre starb am vergangenen Donnerstag in Hamburg.

DER SPIEGEL 8/1989
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