20.02.1989

GESTORBENLeon Festinger

Leon Festinger, 69. Seine "Theorie der kognitiven Dissonanz" gehört zu den wenigen Erklärungen der Sozialwissenschaften, die der Student zu Hause gleich anwenden kann. Sie basiert auf der simplen Erkenntnis, daß jeder gern in Frieden mit sich und seinen Überzeugungen lebt. Dissonanzen wie etwa beim Raucher, der über Lungenkrebs-Gefahren liest, erzeugen Unbehagen. Festingers Theorie erklärt, wie Menschen dieses Unbehagen verringern - oder es von vornherein vermeiden. Sein liebstes Beispiel war immer der Autokauf, der geradezu einen Hunger nach Informationen auslöst, die das psychische Gleichgewicht wiederherstellen. Der Sozialpsychologe gab deshalb den Autofirmen den ironischen Rat, ihre Werbung auf Personen zu konzentrieren, die gerade einen Wagen ihrer Marke erworben haben. Die "Dissonanz-Theorie" machte den gebürtigen New Yorker, der mehr als ein Jahrzehnt in Stanford (Kalifornien) lehrte, über die Fachwelt hinaus berühmt und stimulierte zu Hunderten von Experimenten über das psychische Gleichgewicht von Menschen. Fachliche Kritik trübte die Popularität der Theorie nicht. Ihr Vater, bekanntester Schüler des Nestors der Sozialpsychologie, Kurt Lewin, beschäftigte sich zuletzt mit den Anfängen der technisch-kulturellen Lebensweise und publizierte noch ein Buch über die "Archäologie des Fortschritts". Leon Festinger starb am vorletzten Samstag in New York an Leberkrebs.

DER SPIEGEL 8/1989
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