28.08.1989

Wo sind die Kugeln?

Die Betreiber des Kernkraftwerks Isar I im niederbayerischen Ohu wollen nach Ansicht von Reaktortechnikern durch "irreführende Angaben" erreichen, daß der Meiler wieder in Betrieb genommen werden kann.
Mitte vergangener Woche hatte die Bayernwerk AG die Suche nach den Kugeln, die Ende Juli aus einem geborstenen Lager in den Druckbehälter gefallen waren (SPIEGEL 32/1989), abgebrochen. Die noch vermißten acht Stahlkugeln seien "wahrscheinlich" über "die Entleerungsleitung des Reaktordruckbehälters in den Filter gespült" worden. Es sei damit sichergestellt, teilte das Bayernwerk mit, daß der "Reaktorkern kugelfrei ist", sich auch an anderen "sicherheitsrelevanten Stellen" keine Kugeln mehr befänden und das Kraftwerk von Anfang September an wieder Strom liefern könne.
Ingenieure, die mit dem veralteten Siedewasserreaktor befaßt sind, halten es wegen der "nicht ausreichenden Strömungskräfte während des Stillstandes für völlig unmöglich", daß eines der Kügelchen in den Filter eines Hilfskreislaufs geschwemmt wurde. Es sei auch "nicht denkbar", daß eine Kugel direkt in den Einlauf der Entleerungsleitung gefallen ist; der Stutzen, nur acht Zentimeter im Durchmesser, liegt in der Mitte des etwa 30 Quadratmeter großen Reaktorbodens und ist nach oben durch die Brennelemente abgeschirmt.
Nach Auffassung der Spezialisten sind die Kügelchen entweder "nicht herausholbar" in Brennelemente geraten, auf die rund 25 Meter unter Wasser liegenden Pumpenabdeckplatten gefallen oder noch weiter runter in den Reaktorsumpf geplumpst.
Die Vermutung, die Kugeln seien in einen Filter außerhalb des Sicherheitsbehälters gespült worden, kann das Bayernwerk dem bayerischen Umweltministerium nicht beweisen: Der hochradioaktive Filterbereich ist, so ein Reaktortechniker, "unzugänglich wie ein Endlager".

DER SPIEGEL 35/1989
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