28.08.1989

UmweltHände waschen

Winzer können ihren Wein, Gärtner ihr Gemüse nicht mehr verzehren: In Rheinland-Pfalz ist eine ganze Stadt bleiverseucht.
Viele Eltern im rheinland-pfälzischen Ort Braubach bei Lahnstein machten sich auf das Schlimmste gefaßt. Als sie dann, nach monatelangem Warten, endlich die amtlichen Untersuchungsergebnisse in Händen hielten, waren sie doch "geschockt", wie etwa Andrea Stehl, 29, Mutter von Ina, 10, und Kim Benjamin, 8.
Der Junge, so stellten die Ärzte fest, ist verseucht: Er schleppt 27 Mikrogramm Blei pro 100 Milliliter Blut mit sich herum; bei einem türkischen Kind wurde sogar der Spitzenwert von 58 Mikrogramm gemessen. 159 Schüler der Braubacher Marksburg-Schule wurden getestet, bei einigen fanden sich ähnlich hohe Belastungen, berichtet der Lahnsteiner Gesundheitschef, Anton Miesen.
Derart hohe Werte schreckten Eltern und Wissenschaftler gleichermaßen. Denn "alles, was über 15 Mikrogramm Blei pro 100 Milliliter Blut liegt", sagt der Düsseldorfer Bleiexperte Ulrich Ewers vom Institut für Umwelthygiene, "ist kritisch". Nach den Richtlinien des Bundesgesundheitsamtes sind zumindest bei Werten ab 25 Mikrogramm "Gesundheitsgefährdungen auf längere Zeit nicht auszuschließen".
Die über 4000 Einwohner von Braubach leiden unter den Emissionen der traditionsreichen Blei- und Silberhütte der Deutschen Metallgesellschaft, die seit 300 Jahren am Ort produziert. Das Werk belastet die Umwelt mit Schwermetallen, die ins Grund- und Abwasser gelangen. Allein von 1984 bis 1987 monierte die Gewerbeaufsicht 106 Verstöße gegen das Arbeits- und Immissionsschutzrecht.
Zwar haben Landes- und Bundespolitiker schon damals Abhilfe versprochen. Doch die bleierne Zeit ist für Braubach, das zeigen die jüngsten Messungen, immer noch nicht vorbei. Der Bleigehalt im Schwebestaub, ermittelte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), habe sich "seit 1980 nicht verringert".
In der Kleinstadt, schon vor rund 1300 Jahren als erster rechtsrheinischer Weinort urkundlich erwähnt, wurden viele lokale Weine von der Karte gestrichen: Sie sind zum Verzehr nicht mehr geeignet. Dieses Jahr noch sollen mehrere Weinberge, wegen zu hoher Verseuchung, stillgelegt werden.
Auch die Blutbleiwerte haben sich, sagt Miesen, seit 1983 "nicht wesentlich verändert". Sie sind, stellte der Chemiker Arthur Brockhaus fest, bundesweit beispiellos. Brockhaus, der mit Ewers rund 7000 besonders bleibelastete Personen untersuchte, hat anderswo "derartige Zahlen noch nicht gefunden".
Den Eltern empfahlen die Behörden, sie sollten besser darauf achten, daß sich ihre Kinder die Hände waschen. Und "in den Wohnungen", warnt ein Merkblatt des Gesundheitsamtes, "ist jedes Aufwirbeln von Staub zu vermeiden, zum Beispiel beim Kehren, trockenen Staubwischen, Bohnern usw." Dagegen seien "Staubsaugen und häufiges nasses Aufwischen angezeigt".
Kinder sind besonders gefährdet. Das Blei greift bei ihnen vor allem das zentrale Nervensystem an, das, anders als bei Erwachsenen, noch nicht durch dicke Wände der Blutgefäße geschützt ist. Konzentrations- und Leistungsschwäche, aggressives Verhalten, Störungen der Motorik, des Enzymhaushaltes und des Wachstums können die Folgen sein. Auch schwangere Frauen gehören zur Risikogruppe. Bleivergiftungen können neurologische Schäden beim Embryo verursachen.
Seit acht Jahren warten die Braubacher auf die versprochene Abhilfe. Die Heidelberger "Arbeitsgemeinschaft Umweltanalytik" war 1981 zu dem Ergebnis gekommen, Braubach sei "der am stärksten mit Blei belastete Ort der Bundesrepublik" (SPIEGEL 43/1981).
Der damalige rheinland-pfälzische Umweltminister Rudi Geil (CDU), heute Innenminister des Landes, und sein Staatssekretär Klaus Töpfer (CDU), heute Bundesumweltminister, versprachen eine Sanierung der Hütte. Sie lehnten zwar eine Schließung des Betriebes ab, gelobten aber, die Umweltbelastung werde alsbald gesenkt.
Töpfer erweckte zudem den Eindruck, sein Ministerium werde das Problem unverzüglich anpacken. Zwei Wochen lang ließ er 20 Braubacher selbstgezogene Karotten und Kartoffeln, Tomaten und Kohlköpfe kochen - für eine "Gesamtverzehranalyse".
Auf die Auswertung mußten die Beteiligten allerdings über ein Jahr lang warten. Das Ergebnis stand ohnehin fest: Selbstangebautes aus dem Ort enthielt zuviel Blei.
Seither hat sich in der idyllisch gelegenen "Wein- und Rosenstadt" (Fremdenverkehrswerbung) nichts getan. "Hier ist es eher noch schlimmer geworden", meint Andrea Stehl, die mit anderen Braubachern eine Umweltinitiative "Betroffene Bürger" gegründet hat.
Der Blei- und Silberhütte Braubach (BSB) wurde zudem noch der Bau einer Anlage genehmigt, in der alte Ackumulatoren verschrottet werden. Die geplagten Anwohner sollten auf besondere Weise vor weiteren Belastungen geschützt werden: Der BSB sei aufgegeben worden, schrieb Geschäftsführer Friedrich Lamm, "sicherzustellen, daß bestimmte Obst- und Gemüsearten nicht angebaut werden".
Damit dies gewährleistet sei, könnten Gartenbesitzer ihre Grundstücke an das Unternehmen verkaufen oder aber, als einmalige Entschädigung für den Anbauverzicht, sieben Mark pro Quadratmeter nutzbaren Gartens beanspruchen. Obwohl nicht alle Anwohner auf den Vorschlag eingingen, wurde die Anlage genehmigt.
Nun entdeckten Umweltschützer neue Belastungen für Braubach. Bei der Verschrottung von Akkus und der Bleibehandlung falle, so Peter Seel vom BUND, "hochgiftige Schlacke" an.
Die Schlacke, mit dem krebserzeugenden Arsen und dem gleichfalls giftigen Antimon verseucht, wird auf Halden neben der Hütte ohne besondere Schutzvorkehrung gelagert. Im Umfeld der Halde, berichtet der BUND, sei eine "hohe Arsenbelastung des Grundwassers" festzustellen. Auch ein Waldstück neben dem Unternehmen, das als Naherholungsgebiet genutzt wird, ist stark verseucht.
Die Koblenzer Bezirksregierung ist bisher nicht eingeschritten. Behördenintern wird zwar eingeräumt, daß das Zeug von der Halde, würde die in Bonn geplante Technische Anleitung Abfall angewandt, ohne spezielle Behandlung noch nicht einmal auf einer Sondermülldeponie abgelagert werden dürfte - zu diesem Ergebnis kam das Landesamt für Umwelt in einem Brief an das Mainzer Umweltministerium.
Eine Beseitigung der rund 370 000 Tonnen Giftmüll, die sich im Laufe der Jahrzehnte angehäuft haben, will die Behörde vorerst nicht fordern. Dabei entstünden Kosten von rund 100 Millionen Mark, an denen sich das Land beteiligen müßte.
Zudem droht BSB-Geschäftsführer Lamm mit der Schließung des Betriebs, in dem rund 170 Beschäftigte arbeiten: "Wenn wir das als Sondermüll beseitigen müßten, sind wir hier weg."
Die Untätigkeit der Behörden hat inzwischen auch die Brüsseler EG-Kommission alarmiert. Im Fall Braubach, schrieb die Kommission an Außenminister Hans-Dietrich Genscher, verstoße die Bundesregierung seit Jahren gegen die EG-Richtlinie für den Bleigehalt in der Luft.
Die Richtlinie legt einen Grenzwert von zwei Mikrogramm Blei pro Kubikmeter Luft fest. Doch diese Marke wird in Braubach, nach Messungen des Gewerbeaufsichtsamtes Koblenz, bis heute nicht eingehalten. Aus diesem Grund hat die EG-Kommission die Bundesregierung bereits beim Europäischen Gerichtshof verklagt.
Wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung, der umweltgefährdenden Abfallbeseitigung und des Betreibens einer ungenehmigten Anlage ermittelt inzwischen auch die Koblenzer Staatsanwaltschaft gegen die BSB. Meßwerte, die im Auftrag der Behörde gesammelt wurden, "rechtfertigen allemal einen Anfangsverdacht", so Oberstaatsanwalt Heinz Krautkrämer. Den Einwohnern empfiehlt er einstweilen: "Ich würde da wegziehen."

DER SPIEGEL 35/1989
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