24.07.1989

WACKERSDORFEin seltenes Glück

Das teuerste Industriegelände, das je in Deutschland zu vergeben war, wird nun von kleinen und großen Unternehmen besiedelt.
Auf die Manager der geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) im oberpfälzischen Wackersdorf war der bayrische Ministerpräsident bis vor kurzem gar nicht gut zu sprechen. Schließlich hatten die Atomexperten Max Streibl in die schwerste Krise seiner kurzen Amtszeit gestürzt.
Als die Stromkonzerne Mitte April den Ausstieg aus dem Zehn-Milliarden-Projekt beschlossen, mußte der Regierungschef flugs vom WAA-Fan zum WAA-Gegner konvertieren. Auch für einen wendigen CSU-Politiker ist das keine leichte Übung.
Doch neuerdings kommt der Bayern-Chef mit der Atomindustrie wieder gut zurecht. Innerhalb weniger Wochen gelang den WAA-Managern, wozu Streibls Beamte womöglich Monate gebraucht hätten: die Atombrache im Taxölderner Forst an Industriefirmen zu vermieten oder zu veräußern.
Der Würzburger Anlagenbauer Noell will bereits im Oktober damit beginnen, im leerstehenden, riesigen Brennelemente-Eingangslager Schleusentore für den umstrittenen Rhein-Main-Donau-Kanal zu schweißen. Ebenfalls vom Spätherbst an möchte der Küchengerätehersteller Wilden aus Pfreimd (Oberpfalz) in der Zentralwerkstatt Mixer und Quirle produzieren. Der Siemens-Konzern und das Bayernwerk planen im benachbarten Industriegebiet eine Solarzellenfabrik.
Ihren größten Coup landeten die WAA-Nachlaßverwalter jedoch vergangene Woche. Überraschend verkündete der bayrische Ministerpräsident, BMW werde auf dem 120 Hektar großen Gelände ein neues Zuliefererwerk bauen.
In dem Zweigbetrieb möchte BMW-Chef Eberhard von Kuenheim Rohkarosserien für das 40 Kilometer entfernte Pkw-Werk in Regensburg fertigen. Zudem sollen in Wackersdorf Spezialfahrzeuge - beispielsweise Polizeilimousinen und Feuerwehrfahrzeuge - zusammengeschweißt werden.
Prunkstück der Ansiedlung soll ein in der bundesdeutschen Automobilindustrie bislang einmaliges Pilotprojekt werden, eine Fabrik zur fachmännischen Entsorgung von Gebrauchtwagen: Statt einer Aufbereitungsanlage für Kernbrennstäbe eine Wiederaufarbeitungsanlage für Automobilteile.
In dem BMW-Komplex sollen bis zu 1600 Beschäftigte Arbeit finden. Werden die Jobs der übrigen Firmen hinzugezählt, winken den Wackersdorfern bis zu 2500 neue Stellen, mehr als die WAA dem abgelegenen Landstrich beschert hätte. "Wir haben schon ein seltenes Glück", freut sich der Wackersdorfer Bürgermeister Josef Ebner.
Noch größeres Glück als die Bewohner hatten die ansiedlungswilligen Firmen. Die meisten von ihnen machen ein glänzendes Geschäft.
Energieversorger, Bund und Land wollen für die Rekultivierung der Atombrache über eine Milliarde Mark auswerfen. Außerdem ist das Gebiet bestens erschlossen, die Firmen sparen das Geld für Straßen, Leitungen oder Gleisanschlüsse.
Und die Firmen bekommen auch noch einen ungewöhnlich sicheren Standort: Der 30 Millionen Mark teure Sicherheitszaun rund um das WAA-Gelände soll vorerst stehen bleiben.
Für BMW kam die Wackersdorf-Offerte zu einem besonders günstigen Zeitpunkt. Der Münchner Konzern erfreut sich einer hohen Nachfrage nach Sondermodellen, die viel Handarbeit und Platz erfordern. Im Münchner Werk, das eingeklemmt zwischen Wohnhäusern liegt, gibt es für diese Sparte nicht mehr genügend Fabrikraum.
Zu welchen Konditionen das Gelände an das boomende Auto-Unternehmen ging, wird als bayrisches Staatsgeheimnis gehandelt; bekannt ist nur, daß BMW rund 200 Millionen Mark für seinen neuen Ableger ausgeben wird.
Streibl und Kuenheim wollen vermeiden, daß sie in lästige Debatten über Subventions-Millionen für gut verdienende Industrie-Unternehmen hineingezogen werden. Der öffentliche Zank über das Daimler-Benz-Werk in Rastatt, wo es 100 Millionen Mark vom Land gibt, wirkt offenbar nach: Bayerns Staatsregierung tut Gutes für BMW; doch anders als die CDU-Kollegen in Stuttgart reden die Münchner nicht über das Geld.
Allerdings lassen die WAA-Besitzer nicht jeden, der sich bei ihnen anbietet, aufs Gelände. Die "Bürgerinitiative gegen die WAA Schwandorf", die einst den Widerstand gegen die geplante Atomfabrik mitorganisiert hatte, wollte 50 000 Quadratmeter kaufen, um eine Öko-Station zu errichten.
Die Wackersdorfer Grundbesitzer lehnten das Angebot dankend ab. Erst im Mai, so schrieben die Atommanager der Bürgerinitiative, sei "ein Wachmann durch einen Knallkörper schwer verletzt" worden - den Ökos seien auch "zukünftig Sachbeschädigungen und gewalttätige Aktionen" zuzutrauen.

DER SPIEGEL 30/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"