28.08.1989

SparkassenStark gefährdet

Falsche Produkte, falsche Kunden: Deutschlands Sparkassen und Landesbanken gehen harten Zeiten entgegen.
Helmut Geiger hatte sich schwergewichtige Lektüre nach Portugal mitgenommen. Was der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes im Urlaub las, bestärkte ihn in seinen Befürchtungen: Die Sparkassen, so Geiger, stünden vor einer "Schicksalsfrage", jetzt würden "die Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt".
Geiger hat vorab das Gutachten der Beraterfirma McKinsey gelesen, das den Vorstand des Sparkassenverbands auf einer Sondersitzung am Donnerstag dieser Woche beschäftigen wird. Das Urteil der McKinsey-Leute fällt hart aus: Sparkassen und Landesbanken könnten ohne drastische Neuorganisation im verschärften Wettbewerb bald nicht mehr mithalten.
In der Tat scheinen auf die größte Bankenvereinigung der Welt - 263 000 Mitarbeiter, 17 000 Zweigstellen, anderthalb Billionen Mark Bilanzsumme - schwere Zeiten zuzukommen. Die "derzeit noch guten Marktanteile", so heißt es in einer Zusammenfassung des Mc-Kinsey-Gutachtens, beruhen "vor allem auf dem angestammten Geschäft mit traditionellen Sparprodukten", und das reiche nicht mehr.
Drei von vier deutschen Unternehmen und zwei von drei Bundesbürgern haben ein Konto bei der Sparkasse. Aber bei "mehr zukunftsorientierten Produkten", wie etwa dem Wertpapiergeschäft, liege der Marktanteil der Kassen unter 20 Prozent. In dieser Sparte, die den Großbanken schöne Erträge beschert, macht die Sparkassenorganisation, so das Gutachten der Unternehmensberater, 170 Millionen Mark Verlust.
Durch die einseitige Abhängigkeit der Sparkassen vom Geschäft mit den Sparern wird nach Meinung der Gutachter der Marktanteil der Sparkassen "besonders stark gefährdet". Bis 1998 könne er von derzeit 45 Prozent auf 5 Prozent zusammenschmelzen.
Die Wünsche der Kunden, so meinen die McKinsey-Leute, würden sich rapide verändern. So werde der Anteil der Wertpapiere an der Geldvermögensbildung des Bundesbürgers bis 1998 auf 24 Prozent anwachsen. Versicherungen würden ebenfalls erheblich an Bedeutung gewinnen und bis zu 25 Prozent Marktanteil erreichen. Gleichzeitig würden die Spareinlagen, die jetzt noch 45 Prozent Anteil hätten, auf 15 Prozent abrutschen.
Demnach bieten die Sparkassen vor allem Leistungen an, die in Zukunft immer weniger gefragt sein werden. Und zudem haben die Sparkassen neben den falschen Produkten vielfach auch noch die falschen Kunden.
Überproportional sind zum Beispiel Sparer über 60 vertreten. Rund die Hälfte aller Spareinlagen gehörten dieser Altersgruppe. Das wird die Kassen sehr bald in Schwierigkeiten bringen. Die Erben, die eines Tages über die Ersparnisse verfügen, werden anders damit umgehen als Oma und Opa.
Diese Trends werden ebenso wie der zunehmende Wettbewerb auf dem gemeinsamen europäischen Finanzmarkt nach Ansicht der Gutachter "erhebliche Auswirkungen auf die Rentabilität" haben. Ohne "energisches Gegensteuern" werde sich die Ertragskraft der Sparkassen in den nächsten Jahren "erheblich verschlechtern".
Die McKinsey-Leute sehen jedoch nicht nur für die 584 Sparkassen schwarz, auch die zehn Landesbanken müßten mit einer "weiteren Schwächung" ihrer ohnehin schon "unterdurchschnittlichen Ertragskraft" rechnen.
Das langfristige Firmenkreditgeschäft, wichtigste Verdienstquelle der Landesbanken, geht zurück. Auf der anderen Seite konnten sie im Auslands- und Investmentgeschäft bisher noch nicht recht Fuß fassen.
Hierfür sei, so die Analyse der Gutachter, vor allem die "Zersplitterung der Kräfte" in der Sparkassenorganisation verantwortlich. Diese verursache "erhebliche Mehrkosten" und verhindere den Aufbau eines leistungsfähigen internationalen Stützpunktnetzes.
Die Gutachter empfehlen dem Sparkassenverband denn auch, Landesbanken und Deutsche Girozentrale in Frankfurt zu einem einzigen Spitzeninstitut zu fusionieren. Durch das Zusammenlegen sämtlicher Landesbanken ließen sich Kosten von 300 bis 600 Millionen Mark im Jahr sparen. Hinzu kämen 200 bis 300 Millionen durch eine Fusion der Landesbausparkassen.
Die Gutachter halten jedoch nicht nur ein Zusammengehen der Landesbanken und der Landesbausparkassen, sondern auch eine Konzentration unter den Sparkassen für erforderlich. Der dringend notwendige Aufbau einer leistungsfähigen Anlageberatung für die Privatkundschaft erfordere Sach- und Personalinvestitionen, die sich erst bei einer Bilanzsumme von mindestens einer Milliarde Mark "betriebswirtschaftlich verantworten" ließen.
Solche Überlegungen laufen darauf hinaus, daß gut die Hälfte der 584 bundesdeutschen Sparkassen ihre Eigenständigkeit aufgeben müßten. Nach McKinsey-Meinung ließen sich so weitere 300 bis 500 Millionen pro Jahr sparen.
Die Vorschläge der Gutachter werden aber wohl kaum jemals verwirklicht werden. Fusionsentscheidungen, so weist Hans Peter Linss, Vorstandschef der Bayerischen Landesbank, auf die entscheidende Schwierigkeit hin, seien "letztlich politische Entscheidungen". Wer sich mit Fusionsabsichten trage, komme damit "durchweg auf steinige Wegstrecke".
So erscheint es ausgeschlossen, daß der Freistaat Bayern seine Landesbank in eine deutsche Sparkassenzentralbank einbringen würde. Auch Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen würden da wohl kaum mitziehen.
Wie schwierig es ist, auch nur zwei Landesbanken miteinander zu verbinden, zeigt das Beispiel der Badischen Kommunalen Landesbank (Bakola) und der Landesbank Stuttgart. Es brauchte Jahre, ehe diese Institute sich zur Südwestdeutschen Landesbank zusammenschlossen - und auch dann war es nur möglich, weil die Bakola in wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen war.
Ein anderer Fusionsversuch scheiterte Anfang des Jahres. Die Westdeutsche und die Hessische Landesbank wurden sich nicht einig.
Ob eine deutsche Sparkassenzentralbank überdies je vom Bundeskartellamt genehmigt würde, ist zweifelhaft. Bei der Fusion sämtlicher Landesbanken entstünde ein Finanzriese, der noch weit größer wäre als die Deutsche Bank.
Auch wenn es nicht für eine Zentralbank der Kassen reicht - bei zehn Länderbanken wird es nicht bleiben können. Für viele Institute, so Friedel Neuber, Chef der Westdeutschen Landesbank (WestLB), lasse die Entwicklung auf den Finanzmärkten bald "keinen Platz mehr". Als Vorstandsvorsitzender der größten Landesbank mit dem dichtesten Auslandsnetz kann Neuber die weitere Entwicklung relativ gelassen abwarten.
Neuber - und andere Landesbankchefs wie Linss - glauben ohnedies, daß die Diskussion um eine deutsche Sparkassenzentralbank vom eigentlichen Problem der Sparkassenorganisation ablenke. Entscheidend sei, so der WestLB-Chef, daß die Sparkassen "ihre Geschäftspolitik den sich verändernden Nachfrage- und Angebotsbedingungen auf den Finanzmärkten anpassen".
So zeigt in der Sparkassenorganisation wieder einmal der eine auf den anderen: Die Sparkassenfürsten, oft zu bequem, um sich in ein neues Gebiet wie das Wertpapiergeschäft zu wagen, geben die Schuld an der Misere den Landesbanken. Die Landesbankchefs dagegen meinen, die Sparkassen sollen erst einmal das von der Kundschaft gefragte Geschäft lernen und selbst lebensfähige Betriebsgrößen schaffen.
Das McKinsey-Gutachten jedenfalls, das Verbandspräsident Geiger bestellt hat, wird vorerst wohl kaum zu tiefgreifenden Reformen führen: Da muß es Sparkassen und Landesbanken offenbar erst noch viel schlechter gehen. f

DER SPIEGEL 35/1989
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