28.08.1989

„Es zittern die morschen Knochen...“

Der junge Amerikaner war entzückt von der Goldenen Stadt; "Barocke Türme, unwirklich und ätherisch, schwebten friedlich vor dem strahlenden Blau des Herbsthimmels . . . Kleine Passantengruppen versammelten sich noch immer, wie seit Jahrhunderten, stündlich auf dem Marktplatz, um die Heiligen zu sehen, die in der Spieluhr am Rathaus ihre vorgezeichneten Runden gehen", schrieb der frisch ernannte Zweite Sekretär der amerikanischen Gesandtschaft in der Stadt an der Moldau im Oktober 1938 in sein Notizbuch. Er hieß George F. Kennan, war sportliche 34 Jahre alt und sollte nach 1945 der namhafteste Ostexperte der Vereinigten Staaten werden.
Zu diesem Zeitpunkt war Kennan noch zuversichtlich, daß die Republik der Tschechen und Slowaken den Verlust der sudetendeutschen Gebiete durch das Münchner Abkommen überdauern werde; mit den Sudeten sei Prag auch lästige "Hypotheken" losgeworden. Das "Herz des Landes" sei jedenfalls "physisch intakt geblieben".
Der neue Mann, früher in Moskau stationiert, entdeckte bald, wie sehr der erste Eindruck trog. Er fand heraus, was A. J. P. Taylor, der englische Historiker, Jahre später so beschrieb: _____" In westlichen Augen war die Tschechoslowakei ein " _____" glücklicher, demokratischer Staat, den Hitler mutwillig " _____" verstümmelte. In Wirklichkeit war es ein " _____" Nationalitätenstaat, der durch tschechische Initiative " _____" geschaffen und durch tschechische Autorität " _____" aufrechterhalten wurde. Zerbrach diese Autorität, war der " _____" Zerfall des Staates die Folge, genau wie der Kollaps der " _____" Habsburger Monarchie die Folge ihrer Niederlage im Ersten " _____" Weltkrieg war. "
Bis Dezember 1938 hatte auch George Kennan den urzeitlichen Volkstumshader kennengelernt, der das Land mit seiner geschwächten Zentralmacht auseinanderzureißen drohte: Alle "Kräfte des Zusammenhalts", schrieb er, seien "über Bord gegangen" unter schadenfroher Mithilfe der Deutschen, die vor allem die anti-tschechischen Ressentiments der Slowaken schürten. "Deren Anführer sind von den Deutschen vollständig gewonnen worden . . . (und) stolzieren in großspurigen Faschistenuniformen umher . . ." Unüberhörbar bliesen deutsche Sendboten aus Wien und Berlin den Slowakenführern ein, ihre Unabhängigkeit von Prag zu erklären.
Emil Hacha, ein pensionierter Verwaltungsrichter, unpolitisch und pflichtbewußt, hatte das Amt des CSR-Staatspräsidenten von Eduard Benesch übernommen, der nach Amerika emigriert war, weil er daheim seines Lebens nicht mehr sicher sein konnte. Getreu seinem Eid, die staatliche Einheit zu wahren, entschloß sich Hacha, um dem Abfall der Slowakei zuvorzukommen, zu einem Verzweiflungsakt: Er schickte in der Nacht zum 10. März 1939 tschechische Truppen in die Slowakenhauptstadt Bratislava/ Preßburg und ließ die separatistische Landesregierung absetzen.
Die Separatisten, von Hitlers Außenminister von Ribbentrop bedrängt, riefen die Unabhängigkeit (genauer: Nazi-Hörigkeit) der Slowakei aus. Den Wirrwarr, der in Preßburg ausbrach, benutzte Hitler begierig als Vorwand, die CSR, die ihm in München entgangen war, nun endlich lustvoll zu unterwerfen.
Emil Hacha, am Ende seiner Kräfte und Möglichkeiten, ließ sich nach Berlin zitieren und unterschrieb eine Erklärung, wonach er "das Schicksal des tschechischen Volkes vertrauensvoll in die Hände des Führers" lege. Unterschreibe er nicht, hatte Generalfeldmarschall Göring, das Fleischerhundgemüt, dem erschöpften alten Mann gedroht, werde Prag bombardiert: "Es täte mir schrecklich leid, wenn ich gezwungen wäre, diese schöne Stadt zu zerstören."
Am 15. März, dem Tag des Einmarsches, blies ein spätwinterlicher Schneesturm über Böhmen und Mähren hinweg. George F. Kennan berichtet von "totenbleichen" Asylsuchenden, die, von den Radio-Nachrichten aufgeschreckt, früh am Morgen um Einlaß in die US-Gesandtschaft baten. Um 10 Uhr sah der Amerikaner die ersten deutschen Soldaten in Prag auf einem Panzerspähwagen, der in einer Gasse im Gesandtschaftsviertel hielt: "Eine Ansammlung verbitterter, doch neugieriger Tschechen sah schweigend zu. Der Soldat in der offenen Luke des Panzerautos duckte sich gegen das Schneetreiben und befummelte nervös sein MG, während er auf die Menschen hinuntersah."
Inzwischen war auch Hitler nach Prag unterwegs, um die Burg der böhmischen Könige einzunehmen und die CSR in das "Protektorat Böhmen und Mähren" umzuwandeln. Als dem Präsidenten Hacha die Unterschrift zur Selbstaufgabe abgepreßt war, hatte der Führer seinen beiden Sekretärinnen, Christa Schröder und Gerda Daranowski, zugerufen: "Kinder! Nun gebt mir mal da und da" - auf seine Wangen zeigend - "jede einen Kuß! Das ist der schönste Tag in meinem Leben. Ich werde als größter Deutscher aller Zeiten in die Geschichte eingehen!"
Seit die deutschen Pickelhauben im August 1914 ins neutrale Belgien hineinstürmten, hat kein auswärtiges Ereignis die Engländer heftiger schockiert und empört als "the rape of Prague", die "Vergewaltigung" an der Moldau, die sie aus allen Schlagzeilen anschrie. Die Millionen, die keine sechs Monate zuvor den geretteten Frieden von München bejubelt hatten - Hitler hätte sie kaum rüder aus ihren gutwilligen Wunschvorstellungen reißen können. Um so einmütiger waren sie nun in ihrem Zorn.
Gerade die "Appeaser", die für eine Politik der Verständigung eingetreten waren, sahen sich brutal enttäuscht. Hitler habe "an den Iden des März über dem deutschen Staatsschiff die schwarze Piratenflagge mit dem Totenkopf aufgezogen", bemerkte Sir Nevile Henderson, Botschafter in Berlin.
Außenminister Halifax, der lange Lord, prophezeite dem deutschen Botschafter, Herbert von Dirksen, das Ende der unblutigen Siege Hitlers. Und Premier Chamberlain, mitgerissen vom Stimmungsumschwung in seiner eigenen Tory-Partei, rechnete in einer beißenden Polemik mit all den Lügen ab, die er sich von dem deutschen Diktator hatte aufbinden lassen: "Was ist aus der Erklärung geworden, es gebe ,keine weiteren territorialen Forderungen'? Was aus der Zusicherung ,wir wollen keine Tschechen'? . . . Ist dies der letzte Angriff auf ein kleines Land, oder . . . ist dies ein Schritt auf das Ziel hin, die Welt durch Gewalt zu beherrschen?"
Wie zur Antwort fährt Adolf Hitler am 23. März 1939, eine Woche nach Prag, mit dem Panzerschiff "Deutschland" in den Hafen von Memel an der Ostsee ein. Die kleine Hafenstadt war nach 1918 von Litauen annektiert worden. Nun verlangten bei örtlichen Wahlen fast 90 Prozent der Bewohner ungestüm ihre Rückkehr. Die Litauer gaben sie wohlweislich frei. Der Führer, seekrank auf der Reise, erholte sich rasch in dem Taumel völkischer Frenetik, die ihn an Land empfing.
Doch Hitler hatte seinem Gegenspieler Chamberlain, den er fälschlich für ein "kleines Würmchen" hielt, zu viel zugemutet. Die Aufregung um Prag und Memel, verschlimmert durch Gerüchte aus Warschau über einen kurz bevorstehenden Überfall der Wehrmacht auf Polen, drängte den Premier zu einer folgenreichen Tat. Er bot dem polnischen Außenminister Jozef Beck eine britisch-französische Beistandsgarantie an: Sollte Polen einen deutschen Angriff erleiden, würden Großbritannien und Frankreich den Polen "sofort jede in ihrer Macht stehende Unterstützung leisten".
Der Außenminister, der sich selbst den "einzigartigen Oberst Beck" nannte und in ganz Europa als dipsomaner Aufschneider berüchtigt war, ergriff das überraschende Angebot auf der Stelle, "zwischen zwei Fingerschnippern gegen seine Zigarette, um die Asche abzuklopfen", wie der britische Botschafter Sir Howard Kennard die Szene lebhaft beschrieb. Was Wunder; denn diese Garantie war an keinerlei Bedingungen geknüpft - außer der, daß die Polen kämpfen, wenn der Aggressor zuschlägt. Dann wollte England mit Gut und Blut für Polen einstehen.
Die Anhänger Chamberlains priesen die überstürzte Garantie als resoluten Warnschuß gegen den entlarvten Hitler; als schnell vorgeschobenen Riegel gegen dessen Drang nach Osten; als Abschreckungssignal, daß sein nächstes Abenteuer Krieg bedeute. Aber die parlamentarischen Plagegeister des Premierministers - Winston Churchill, David Lloyd George, Anthony Eden - waren auch damit noch nicht zufrieden.
"Unsere Garantie ist die tollkühnste Verpflichtung, die je ein Land auf sich genommen hat. Ich sage mehr - sie ist schwachsinnig (demented)", wettert der beredsame alte Waliser Lloyd George, Englands Kriegspremier von 1916 an. Denn wie wolle man die den Polen versprochene Unterstützung leisten, wenn man im Kriegsfall polnisches Gebiet von England aus gar nicht erreichen könne? Ein Hitler sei nur abzuschrecken, wenn man ihm dort, wo er erobern wolle, also im Osten, "überwältigende Kräfte" entgegenstelle, nicht aber durch eine isolierte Garantie; sie helfe den Polen nicht und verspreche nur, Briten und Franzosen an der Westfront in einen neuen Zermürbungskrieg zu stürzen.
Deshalb, folgerte Lloyd George, habe ein Beistandsversprechen für Polen nur im Bund mit den Russen Sinn: "Wir gehen in eine Falle, wenn wir ohne die Hilfe Rußlands diese Verpflichtung übernehmen. Es ist das einzige Land, das seine Waffen dort zum Einsatz bringen kann." Und Winston Churchill: "Sich auf eine Garantie für Polen zu beschränken hieße im Niemandsland im Feuer beider Seiten stehenbleiben . . . Es gibt kein Mittel, eine östliche Front gegen die Nazi-Aggression ohne die aktive Hilfe Rußlands aufzubauen."
Es klang wie die größte Entdeckung seit Amerika: Dort in der Ferne, hinter Polen und dem Baltikum, lag ja noch das unermeßliche Reich aller Reußen, wenn auch unter neuem Management. Millionen über Millionen leidensfähige Menschen, die schon im ersten großen Krieg ihr Blut mehr zum Besten des Westens als ihres eigenen Landes vergossen hatten; denn niemals hätten England und Frankreich an der Westfront gegen die Deutschen durchgehalten, wenn das Zarenreich sich nicht bis zur Selbstaufopferung geschlagen und deutsche Kräfte gefesselt hätte.
Dies bedenkend, sahen Lloyd George und Churchill (um nur sie zu nennen) keinen anderen Weg: Die Russen mußten wieder an die Front. Denn nur ein gegen Deutschland gerichtetes hieb- und stichfestes Militärbündnis zwischen Großbritannien, Frankreich und Josef Stalins Sowjetunion hatte Aussicht, Hitler und seinen Generälen die Kriegslust zu verderben. Nur die bedrückende Perspektive, vom ersten Tag eines neuen Krieges an nicht nur im Westen, sondern auch an einer endlos durch Wälder, Sumpf und Steppe sich dehnenden russischen Front kämpfen zu müssen, würde den Deutschen wirklich Angst machen - Angst genug, um sie zur Besinnung zu bringen.
Sie litten ja, ihr Führer voran, alle an dem noch frischen Zweifronten-Trauma von 1914. Man mußte diesen "cauchemar des coalitions" der Deutschen, dieses Schreckensbild der Umzingelung, nur wiederauferstehen lassen, um noch das tapferste Teutonenherz mit eisiger Furcht zu erfüllen. Adolf Hitler selbst bekräftigte die Wahrheit dieser Annahme, wenn er seinen einkreisungsscheuen Militärs für und für beteuerte, er sei "kein solcher Trottel, in einen Zweifrontenkrieg hineinzustolpern".
Auf der Gegenseite beschwor Winston Churchill die "Right Honorable Gentlemen" im Unterhaus am 3. April 1939: "Wir können es uns nicht leisten, bei der Schaffung einer Grand Alliance gegen die Aggression zu versagen. Wir werden in tödliche Gefahr geraten, wenn wir versagen." Im Tonfall eines rauflustigen Shakespeare-Königs rief er die Regierung Chamberlain und die Franzosen auf, ein Bündnis mit Stalin zu schließen und nach dem Wahlspruch zu handeln: "Ja, wir drei wollen uns zusammentun und Hitler das Genick brechen."
Erstaunliche Worte vom, laut Hitler, "Oberkriegshetzer Churchill". Erstaunliche Worte von einem Mann, der die rote Revolution in Rußland einst am liebsten "in der Wiege ersticken" wollte und dem Leninismus das Prädikat "bestialisch" verlieh. Inzwischen aber war er sicher, daß Großdeutschland unter Hitler für England und den Westen eine größere Gefahr sei als die Sowjetunion unter dem außenpolitisch vorsichtigen Stalin.
Aber der Dickschädel Churchill stand mit wenigen Freunden noch immer allein, ein Rebell in der regierenden Tory-Partei. Die Mehrheit der Konservativen sagte seit der Kristallnacht und der Besetzung Prags zwar nicht mehr laut, wie in den Jahren davor: "Hitler is better than Stalin." Doch nach wie vor hegten sie ungleich stärkere Feindseligkeit gegen gottlose Bolschewiken als gegen Juden verfolgende Nazirabauken. Ein Bündnis mit den Roten im Kreml gegen die immerhin antikommunistischen Deutschen erschien den meisten Tories noch immer sittenwidrig.
Trotz seiner bitteren Erfahrungen mit den Nazis bemühte Chamberlain sich manchmal, doch noch etwas Gutes an ihnen zu finden. So hätten sie durch ihr Eingreifen in den Spanischen Bürgerkrieg geholfen, "die Bolschewisierung Spaniens zu verhindern". Doch "gegenüber Rußland und den Motiven der Russen" kannte der Premier nur eine Regung: "profundestes Mißtrauen".
Was, fragte er, führten Stalin und seine Sendboten im Schilde? Stalins Mannen waren es, die den Anstoß zur Bündnisdiskussion gegeben hatten. Die ganze Grand-Alliance-Idee, mit der Churchill auftrumpfte, war made in Moscow. _____" Wir Nationalsozialisten . . . stoppen den ewigen " _____" Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen " _____" den Blick nach dem Land im Osten. " _____" Wenn wir aber . . . von neuem Grund und Boden reden, " _____" können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm " _____" untertanen Randstaaten denken. " _____" Das Riesenreich im Osten ist reif zum Zusammenbruch. Und " _____" das Ende der Judenherrschaft in Rußland wird auch das " _____" Ende Rußlands als Staat sein. Zitate aus Hitlers "Mein " _____" Kampf", 1925. "
Niemand konnte dem deutschen Führer vorwerfen, er habe die Sowjetrussen nicht beizeiten wissen lassen, daß ihr Land das Haupt- und Endziel seiner Eroberungswut sei. Sobald Hitler fest im Sattel der Macht saß, begann Stalin denn auch, Anlehnung an die bourgeoisen Westmächte zu suchen wie vorher an die Weimarer Republik.
Im September 1934 trat die Sowjetunion dem Völkerbund in Genf bei, den die Nazis im Jahr zuvor Türen knallend verlassen hatten (und der bis zu diesem Zeitpunkt auch bei Kommunisten als kapitalistischer Altherrenklub galt). Der geistreiche Maxim Litwinow, Moskaus Außenminister und jüdischer Herkunft, plädierte dort nun beharrlich für gemeinsame "kollektive Sicherheit gegen Aggressoren".
Schon nach der jähen Annexion Österreichs rief Litwinow am 17. März 1938 Großbritannien, Frankreich und sogar die Vereinigten Staaten von Amerika dazu auf, mit der Sowjetunion eine gemeinsame Politik gegen die Nazi-Expansion zu formulieren. Alle drei angesprochenen Regierungen winkten ab. Chamberlain, der noch mit Hitler ins reine zu kommen hoffte, wollte nicht die "Einkreisungsfurcht der Deutschen" wecken - die Furcht, die nach russischer Ansicht das einzige war, was die Deutschen stoppen konnte.
Noch wenige Tage vor dem Höhepunkt der tschechischen Krise bot Maxim Litwinow den Westmächten Moskaus Beistand an. Die Antwort, die die Russen diesmal bekamen, habe "Stalin erzürnt und gedemütigt durch die verächtliche Haltung der Westmächte", wie es der britisch-konservative Stalin-Biograph Ian Grey beschreibt. Denn Engländer und Franzosen würdigten die sowjetischen Angebote nicht nur keines Wortes. Sie verschmähten es auch, die Sowjetunion zur Münchner Konferenz einzuladen. Das bestärkte den Argwohn Stalins, London und Paris hätten Hitler nun doch "freie Hand im Osten" gegeben gegen sein Versprechen, den Westen ungeschoren zu lassen.
Winston Churchill zeigte Verständnis für Stalins Groll, als er diese Unterlassungssünde verurteilte: "Das sowjetische Angebot wurde ignoriert. Die Sowjets wurden nicht in die Waagschale gegen Hitler geworfen und mit einer Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Mißachtung, behandelt, die in Stalins Denken einen Einschnitt zurückließ. Die Ereignisse nahmen ihren Lauf, als ob es Sowjetrußland gar nicht gäbe. Dafür mußten wir später teuer bezahlen."
Um so suspekter fand Stalin die Polengarantie, die Chamberlain aus seinem Homburg zauberte und nach wenigen Tagen auch auf Rumänien ausdehnte. Aber der anschwellende Kritikerchor im Unterhaus und in der Presse, der diese Garantien nur im Zusammengehen mit den Sowjets für wirksam hielt, setzte den Premier so unter Druck, daß er sich zu einer ersten Anfrage an den Kreml herbeiließ: Wäre die Sowjetunion willens zu erklären, sie werde Polen und Rumänien zu Hilfe kommen, wenn sie von den Deutschen angegriffen werden und diese Hilfe wünschen?
Stalin verwarf das einseitige Ansinnen, schon weil es keinerlei westliche Hilfe für ein mit den Deutschen ringendes Rußland vorsah. Doch am 17. April 1939 (viereinhalb Monate vor Ausbruch des Kriegs, den die Hitlergegner ja noch verhindern wollten) präsentierte die Sowjetführung ihren Gegenvorschlag. Sie wünschte einen klassischen gegenseitigen Beistandspakt zwischen Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion. Er sollte eine Militärkonvention über Stärke und Einsatz der eigenen Streitkräfte einschließen und verbunden sein mit einer gemeinsamen Garantie für die Unabhängigkeit aller Staaten an der sowjetischen Westgrenze von Finnland bis zum Schwarzen Meer.
Nur ein so unzweideutiger Dreierpakt konnte nach Moskauer Ansicht einen ausreichenden Abschreckungseffekt auf Hitler und seine Generäle ausüben. Doch just vor einer solchen Allianz scheuten Chamberlain und Halifax zurück wie vor einem Deal mit dem Leibhaftigen. Auch hohe Militärs der Westmächte forderten nun einen harten Pakt mit Moskau.
General Edmund Ironside, der hünenhafte Generalinspekteur der britischen Überseetruppen, der sich bei einer Besichtigungsreise von der Unzulänglichkeit der polnischen Armee überzeugte, antwortete dem Premier auf dessen Frage, wie er zu einem Waffenbund mit den Sowjets stehe: "Es geht mir sehr gegen den Strich, Sir, doch es ist das einzige, was wir tun können." - "Das einzige, was wir nicht tun können!" gab Chamberlain scharf zurück. Bis in den Juni hinein tauschten Moskau und London "Verbesserungsvorschläge", ohne daß die Gegensätze schwanden: Die Russen drängten auf Resultate, die Engländer zauderten und verschleppten ihre Reaktionen - drei Wochen nahmen sie sich Zeit für ihre erste Antwort auf Stalins Paktvorschlag vom 17. April.
Am 3. Mai löste Stalin Litwinow ab und machte einen seiner engsten Vertrauten, Sowjetpremier Wjatscheslaw Molotow, auch zum Außenminister: Außenpolitik, hieß das, war für das Sowjetreich zu einer Sache auf Leben und Tod geworden.
"Sein Lächeln glich dem sibirischen Winter", schrieb Winston Churchill nicht ohne Sympathie über Molotow. "Doch seine gemessenen und oft weisen Worte, verbunden mit seiner umgänglichen Art, machten ihn zum perfekten Verfechter der Sowjetpolitik in einer tödlichen Welt."
Aber die Allianz mit den Westmächten behielt auch bei Molotow noch Vorrang, wenngleich Hitler später vor seinen geduldigen Generälen prahlte, bei ihm sei angesichts der Umbesetzung "wie eine Kanonenkugel" der Gedanke eingeschlagen, mit Litwinow habe Stalin auch seine Westorientierung aufgegeben. Es blieb bei Churchills Einschätzung: "Die russischen Interessen konzentrieren sich zutiefst darauf, Herrn Hitlers Pläne für Osteuropa zu vereiteln." Das ging, wenn überhaupt, nur mit den Westmächten.
Aber Chamberlain, der im Jahr zuvor so energisch um eine Verständigung mit Hitler gerungen hatte, war wie von bleierner Entschlußlosigkeit befallen. Er war sich nicht zu fein, gleich dreimal hintereinander zu dem "groben Klotz" von deutschem Diktator zu eilen, um einem neuen Krieg zuvorzukommen. Doch zu einem ähnlichen Vorstoß nach Moskau konnte er sich nicht überwinden, obwohl noch mehr auf dem Spiel stand, seit er Englands Schicksal durch die Polengarantie unausweichlich mit Osteuropa verkettet hatte. Auch Außenminister Halifax mochte einer Einladung Molotows nicht folgen: Er könne sich zur Zeit leider nicht "aus London absentieren".
Anthony Eden, Vorgänger von Halifax im Foreign Office, schlug Chamberlain vor, ihn, Eden, in einer dramatischen Sondermission zu Stalin zu schicken, um den Beistandspakt abzuschließen, der die beste Chance bot, Hitler abzuschrecken. Schlügen die Westmächte das Angebot aus, warnte Eden, dann könnten die Russen es sich auch anders überlegen und mit Hitler ins Geschäft kommen. Schon nach der Münchner Konferenz habe der Vize-Außenminister Wladimir Potemkin dem französischen Botschafter Coulondre ominös angedeutet, die Sowjets könnten, wenn der Westen sie weiter ignoriere, gezwungen sein, sich mit Hitler auf "eine vierte Teilung Polens" zu einigen.
Doch Chamberlain verzichtete auf Edens Dienste. Er hielt ein Übereinkommen zwischen Stalin und Hitler für unmöglich und verspottete die Paktbefürworter und ihren "erbarmungswürdigen Glauben, Rußland sei der Schlüssel zu unserer Errettung". Dieser Glaube fand freilich immer mehr Gläubige in England und Frankreich. Bei einem Gallup-Meinungstest sprachen sich nicht weniger als 92 Prozent der befragten Briten für eine Allianz mit Stalin aus - vielleicht ahnten sie schon, daß erst dieser grausam-planvolle Willensmensch fähig sein würde, Hitlers rasendes Reich niederzuzwingen.
Chamberlain und Halifax konnten, es war Mitte Juni, nicht mehr umhin, einen Unterhändler nach Moskau zu schicken; doch weder flogen sie selbst, noch schickten sie eine Person der ersten Garnitur.
Sie schickten einen William Strang, seines Zeichens Direktor der Mitteleuropa-Abteilung im Außenamt und eben wegen dieses nachgeordneten Rangs ein ständiger Affront für die empfindlichen Kremlherren. Immerhin war Strang Ostexperte. Im Gegensatz zu seinem Chef Halifax verstand er die Russen und blieb auch späterhin überzeugt, daß sie das Bündnis mit den kapitalistischen Westmächten ernsthaft wollten, nicht aus Liebe, sondern "vom Zwang der Notwendigkeit getrieben wie wir", wie Strang nach London berichtete: "Diese Verhandlungen sind für sie ebenso ein Abenteuer wie für uns. Wenn wir ihnen nicht trauen, trauen sie uns ebensowenig. Wie wir geteilter Meinung sind über die Weisheit unseres Vorgehens, sind sie es auch . . . Dieses Unbehagen auf beiden Seiten macht die Verhandlungen so schwierig."
Die Crux der Sache aber war, daß Neville Chamberlain sich durch seine übereilte Polengarantie zum Gefangenen seiner eigensinnigen Schützlinge an der Weichsel gemacht hatte.
1795 war Polen als selbständiges Land untergegangen, aufgeteilt zwischen Preußen, Habsburgern und Russen. Untergegangen, aber nicht verloren: Drei Kaiserreiche mußten zusammenbrechen, damit es sich 1918 aus ihrem Staub von neuem erheben konnte: das Wunder der Polonia Restituta, des wiederhergestellten, auferstandenen Polen.
Um es zu einer Großmacht zu machen, ritt Marschall Jozef Pilsudski, der Nationalheld, mit seiner Kavallerie 1920 bis nach Kiew und brachte ukrainische und weißrussische Ländereien von beträchtlichem Umfang in polnischen Besitz. Im Westen bekam der neue Staat in Versailles große Brocken des Deutschen Reichs zugesprochen, auch solche, deren Bewohner überwiegend deutsch waren. Schon der erste Chef der Reichswehr, Hans von Seeckt, proklamierte deshalb mit unbestreitbarer Bündigkeit: "Polen muß wieder verschwinden."
Um so mehr Erstaunen erregte Adolf Hitler, als er, statt verlorene Provinzen einzufordern, 1934 einen Nichtangriffsvertrag mit Pilsudski schloß. Dem polnischen Haudegen ging es darum, daß "Polen auf der deutschen Speisekarte nicht die Vorspeise, sondern der Nachtisch wird", wie er seinen Leuten sarkastisch erklärte. Hitler dagegen, der Lebensraum-Konquistador, dachte nur nebenher an Lappalien wie Oberschlesien oder Westpreußen. Er dachte an ganz Polen als Aufmarschfeld gegen die Sowjetunion - wobei für ihn offen war, ob die Polen eine Zeitlang als Hilfsvolk mitmachen würden gegen den gemeinsam gehaßten Bolschewismus, ehe Deutschland sie als Dessert konsumiert.
Weil ein Versuch, den neugegründeten Staat demokratisch zu regieren, bald in anarchische Korruption ausgeartet war, hatte Marschall Pilsudski schon 1926 das Parlament, den Sejm (für ihn nur "das Hurenhaus"), entmachtet und als Militärdiktator geherrscht. Seit seinem Tod 1935 lenkte eine Offiziersjunta aus Pilsudskis Kampfgefährten das rückständige Land im Stil einer Bananenrepublik - Männer wie der "einzigartige Oberst Beck", Männer, die um so mehr zu Hurraheroismus und trunkener Selbstüberschätzung neigten, je prekärer die Lage Polens zwischen den wiedererstarkenden Riesen Deutschland und Rußland wurde.
Es wurde ernst, als Jozef Beck, mit pomadisiertem Haar und Pelzkragen-Mantel, Anfang Januar 1939 auf dem Obersalzberg erschien, um sich die Zukunftsvisionen des Führers anzuhören.
Hitler machte ihm mit jovialer Miene den Vorschlag, Polen und Deutsche sollten in gemeinsamer Offensive die Ukraine von der übrigen Sowjetunion losreißen und untereinander aufteilen. Damit die Waffenbrüderschaft sich unbelastet entfalten könne, müßten allerdings vorher zwei zwischen dem Reich und Polen anstehende Fragen gelöst werden: Danzig müsse politisch an Deutschland zurückfallen; die Bevölkerung der schon seit 1933 NS-regierten Freien Stadt müsse ihren übermächtigen Heimkehrwillen endlich erfüllt bekommen.
Zweitens müsse sich die Situation im "polnischen Korridor" bessern, dem 30 bis 90 Kilometer breiten Landstreifen, der Polens Binnenland mit der Ostsee verband, aber früher deutsch war und nun Ostpreußen vom Reichsgebiet abschnitt. Deutschland, so Hitler, brauche einen "Korridor durch den Korridor": eine Autobahn und eine Bahnlinie nach Ostpreußen in eigener Regie.
Der braune Diktator nannte sein Begehren "maßvoll", und das war es wohl auch, gemessen an der Annexion Österreichs und des Sudetenlands im Vorjahr. Die Engländer hielten Danzig sogar für die am ehesten gerechtfertigte der deutschen Forderungen. Aber nach dem Einmarsch in Prag, dem Untergang der CSR und Hitlers Landung in Memel, die ähnliches für Danzig befürchten ließ, war es mit der Verständnisbereitschaft vorbei.
Jozef Beck entschloß sich mit seinen Junta-Kameraden zum Widerstand gegen jedes deutsche Ansinnen, vergangen oder künftig, berechtigt oder nicht. Den Polen würde es nicht ergehen wie Benesch und seinen Tschechen, was immer geschehen mochte. Schon am 26. März 1939, gleich nach dem Memeler Handstreich, erklärte Beck dem deutschen Botschafter in Warschau, Hans-Adolf von Moltke, wenn Hitler an Danzig rühre, bedeute das Krieg: "Wir sind keine Tschechen!"
"Sie wollen mit aufgepflanztem Bajonett verhandeln!" protestierte der Botschafter. "Das ist Ihre eigene Methode!" entgegnete Beck.
Chamberlains Beistandsgarantie versteifte vollends den polnischen Nacken - und versetzte den Führer in einen Tobsuchtsanfall ("Ich habe gerade einen Verrückten gesehen, ich kann's noch gar nicht fassen", berichtete ein Zeuge, der Geheimdienst-Admiral Canaris, kurz darauf einem Vertrauten. "Er ist verrückt, verrückt, verstehst du?").
Mit der britischen Zusage war für Hitler die letzte Hoffnung geschwunden, Britannien könnte ihm doch noch die ersehnte "freie Hand im Osten" gewähren. Aber auch die Londoner Regierung saß übel in der Falle; denn ihre polnischen Schützlinge lagen nicht nur mit den Deutschen auf Kollisionskurs; sie sperrten sich auch gegen jeden Kontakt mit den Sowjets. Die Polen, insistierte Beck, würden jedes Bündnis meiden, an dem die Russen beteiligt sind. Unter keiner Bedingung dürften die Westmächte versuchen, "Fuchs und Gans in denselben Käfig zu sperren", wie Beck vor dem Warschauer Ministerrat erklärte: "Wenn die Russen erst einmal bei uns drin sind, werden sie so leicht nicht wieder hinausgehen."
Für London hatte sich damit "das Leben in einen vollkommenen Alptraum verwandelt", wie der Außenamts-Staatssekretär Sir Alexander Cadogan seinem Tagebuch anvertraute: Polens Russen-Boykott würde jedes Bündnis mit der Sowjetunion militärisch wirkungslos machen. Die Warschauer Junta, von der Garantie ermutigt, würde vor Hitlers Ansprüchen nicht zurückweichen, ihm sogar Krieg androhen. Das hieß: Polen zerrt England und Frankreich auf kürzestem Weg in den Kampf mit Deutschland und beraubt die beiden Westmächte obendrein der Hilfe Rußlands.
Um dieses Verhängnis abzuwenden, mahnte Winston Churchill: "Das britische Volk hat ein Recht, Polen aufzurufen, der gemeinsamen Sache keine Hindernisse in den Weg zu legen. Es muß nicht nur die volle Zusammenarbeit mit Rußland akzeptieren. Auch die drei baltischen Staaten, Litauen, Lettland und Estland, müssen in den Verbund eingebracht werden."
David Lloyd George schlug im Unterhaus noch härtere Töne an: "Wenn Rußland nicht in diese Sache (die Anti-Hitler-Koalition) eingebracht wird, weil die Polen die Russen nicht dabeihaben wollen, dann liegt es an uns, die Bedingungen festzulegen; und wenn die Polen nicht bereit sind, die einzigen Bedingungen zu akzeptieren, unter denen wir ihnen erfolgreich helfen können, dann müssen sie das selbst verantworten."
Kurz: Kooperieren die Polen nicht mit den Sowjets, sollte England seine Garantie zurückziehen. Dann sollten die Polen allein den Kopf hinhalten, wenn Hitler sie überrennt, weil durch polnische Schuld keine große, geschlossene, abschreckende Abwehrfront im Osten zustande kommt.
Aber auch die Finnen, die Balten, die Rumänen wollten sich nicht von der Sowjetunion beschützen lassen. Sie fürchteten den Retter Stalin mehr als den Aggressor Hitler; denn die meisten Menschen konnten sich damals noch nicht vorstellen, daß Hitlers Herrschaft in Osteuropa so fürchterlich werden könnte, daß die Überlebenden Stalin als Befreier begrüßen würden.
Konnte also England die westlichen Nachbarn der Sowjetunion zu einem Bündnis mit Moskau zwingen?
Für den 70jährigen Neville Chamberlain war es ein unlösbarer Widerspruch:
Britannien hatte sich gegen Hitler gewandt, um die kleineren Staaten Osteuropas künftig vor der Willkür des deutschen Diktators zu bewahren. Wie konnte also er, der britische Premier, da die Osteuropäer unter Druck setzen, damit sie sich in die dubiose Obhut einer anderen diktatorischen Großmacht begeben? Selbst wenn er es täte, würde er doch nur das Gegenteil erreichen und zusehen müssen, wie Balten, Finnen und Rumänen in die deutschen Arme flüchten.
Solange er im Vorjahr noch die Hoffnung hatte, zu einer honorigen Koexistenz mit Adolf Hitler zu kommen, handelte Neville Chamberlain mit zielbewußter Energie, nun aber erschien er unschlüssig, ratlos und wie gelähmt von seinem Widerwillen gegen die russische Option. Seine ganze Einschätzung der Kräfte und Gefahren in Europa veränderte sich auf bizarre Art, nur damit er sich einreden konnte, daß er die Russen nicht brauche. Er hielt Polens Armee, anders als seine Militärs, für kampfkräftiger als die sowjetische, zumal Stalin, wie er meinte, "alle seine besten Offiziere an die Wand gestellt" habe. Daher sei von den Sowjets kaum mehr zu erwarten, als daß sie im Kriegsfall "den Polen Munition liefern".
Chamberlain trieb die britische Rüstung voran und führte im Mai 1939 erstmals im Frieden die Wehrpflicht ein. Aber die von Deutschland drohende Kriegsgefahr nahm in seinen Augen eher ab. "Jeder weitere Monat ohne Krieg macht den Krieg weniger wahrscheinlich", schrieb der Premier und klammerte sich nach allem, was er mit Hitler erlebt hatte, noch immer an den Gedanken, gute Beziehungen mit des Führers Freund Benito Mussolini seien "der beste Weg, den Master Hitler ruhig zu halten".
So sträubte sich Chamberlain, radikale Konsequenzen aus dem Scheitern seiner Befriedungspolitik zu ziehen. Churchill, Lloyd George, Anthony Eden und Freunde zogen diese Konsequenzen. Für sie waren Hitlers Kohorten durch taktische Finten und wohltätigen Selbstbetrug offenbar nicht zu stoppen. Für sie stand eine neue, noch schrecklichere Kriegskatastrophe bevor, die, wenn überhaupt, nur mit verzweifelten Mitteln noch aufzuhalten war.
Es ging in Osteuropa nicht mehr um diplomatische Feinheiten und den ehrenwerten Respekt vor den Rechten kleiner Staaten; es ging um das schiere Überleben von Menschen und Völkern. Es ging darum, ein Desaster zu verhindern, das Menschen und Völker samt ihren Rechten unbekümmert zu zermalmen drohte. Waren denn da nicht auch zweifelhafte Methoden und Bundesgenossen angängig, war da nicht Härte erlaubt, wenn Menschen in Notwehr handelten gegen das maximale Unrecht eines Krieges?
Auch Chamberlain und Daladier hatten ja im Vorjahr den Tschechen ein Ultimatum gestellt: Tretet die Sudetengebiete ab, oder ihr verliert unseren Beistand. Warum sollten die Westmächte dann nicht versuchen, die Polen zur militärischen Zusammenarbeit mit den Russen zu nötigen, wenn dadurch - und nur dadurch - ein Weltenbrand zu verhüten wäre, den Winston Churchill den "unnötigen Krieg" genannt hat? Denn wie im Sommer 1939 war Churchill bis an sein Ende überzeugt, daß nur das Bündnis mit der Sowjetunion, das den Krieg gewann, diesen Krieg auch hätte verhindern können.
Wenn überhaupt.
Anfang August 1939. Mit knirschenden Stiefeln und klirrenden Panzerketten setzte sich das deutsche Heer in Richtung polnische Grenze in Marsch - zu "Sommermanövern". Täglich druckten die deutschen Zeitungen neue Greuelmeldungen über Untaten an Volksdeutschen ("Ingenieur bestialisch ermordet").
Französische Soldaten machten die Bunker der Maginot-Linie kampfklar. 100 000 Mann der britischen Territorialarmee übten im südenglischen New Forest. Aber der Führer Großdeutschlands ließ sich seine allsommerliche Bayreuther Wallfahrt zu den Richard-Wagner-Festspielen nicht nehmen.
Seit dem 25. Juli hatte Hitler sich von neuem vollgesogen mit den Leidenschaften und Manien der Wagnerschen Musikdramen, mit der erotisierten Todessehnsucht von "Tristan und Isolde", mit dem Auserwähltheitswahn und dem Horror vor "unreinem" Blut im "Parsifal", hatte sich aufwühlen lassen von der Rassenfeindschaft zwischen nordischen Helden und finsteren Gnomen im "Ring des Nibelungen".
Am 2. August war "Götterdämmerung". Am 4. August abends traf Hitler sich in seiner Privatwohnung am Prinzregentenplatz in München mit Generaloberst Keitel, dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Keitel legte ihm den präzisierten Zeitplan für einen Angriff auf Polen (Fall "Weiß") vor. Hitler setzte den Angriffsbeginn "Weiß" vorerst auf den 26. August fest.
Am 5. August, dem Beginn des englischen Bank-Holiday-Weekends, gingen hohe britische und französische Offiziere in Zivil an Bord des Dampfers "City of Exeter", der von Tilbury in der Themsemündung aus das Inselreich verließ. Für gewöhnlich verkehrte das altmodisch-bequeme Schiff im Passagier- und Frachtdienst zwischen England und Südafrika. Doch diesmal pflügte der behäbige Tropensteamer auf einer Sonderfahrt durch Nordsee, Kattegat und Belt in die Ostsee hinein.
Mit seinen Sonnensegeln war der Kahn ein Anblick aus Joseph Conrads Tagen. Die Offiziere an Bord fanden die Reise denn auch "sehr angenehm", wie sich der Franzose Andre Beaufre erinnerte. Die Herren spielten Decktennis und delektierten sich an "üppigen Curry-Gerichten", die von turbangeschmückten indischen Stewards serviert wurden: ein surrealer Trip, der es den Passagieren schwermachte, sich vorzustellen, daß nicht weit von ihrem an Danzig und Ostpreußen vorbeiführenden Kurs deutsche und polnische Soldaten mit scharf geladenen Waffen einander gegenüberstanden.
Das Ziel der "City of Exeter" war Leningrad; denn sie, ausgerechnet sie, war dazu gechartert, die britisch-französische Militärmission nach Rußland zu bringen, die Stalins Molotow Ende Juli dringend nach Moskau eingeladen hatte. Nach dem Stocken der diplomatischen Verhandlungen sollten die westlichen Offiziere gemeinsam mit den höchsten Sowjetsoldaten den Handlungsrahmen für eine militärische Kooperation gegen Deutschland festnageln. Es sollte ein Versuch sein, über die kriegstechnischen Fragen doch noch zur Basis für ein Bündnis zu kommen. Doch die schwimmende Kolonialidylle "City of Exeter" quirlte sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von ganzen 13 Knoten (24 km/h) ihrem Bestimmungshafen entgegen. Erst fünf Tage nach der Abreise konnten die britisch-französischen Emissäre am 10. August in Leningrad an Land gehen. Sie besichtigten geruhsam die Perle an der Newa und fuhren mit dem Nachtexpress "Roter Pfeil" nach Moskau weiter. Aber da hatten der Dampfer und seine Passagierliste ihre Unheilswirkung bereits getan.
Schon am 4. August hatte Iwan Maiski, der betriebsame Sowjet-Botschafter in London, die Zusammensetzung der Offiziersdelegationen an Molotow übermittelt und neuerlich Enttäuschung hervorgerufen. Stalin hatte gehofft, die Briten würden ihren Empire-Generalstabschef, Lord Gort, schicken, um zu demonstrieren, daß sie es mit diesem letzten Anlauf zu einer "Friedensfront" gegen Hitler ernst meinen. Oder daß General "Tiny" Ironside käme, der 1,90-Meter-Mann, der gegen seinen Strich für den Pakt mit Moskau plädierte.
Statt dessen wurde die britische Abordnung von einem gutaussehenden 59jährigen Admiral namens Sir Reginald Drax angeführt, einem kaum bekannten Aristokraten, der zu dieser Zeit als Marine-Adjutant des britischen Königs, George VI., einen eher zeremoniellen Dienst tat.
Der französische Missionsleiter, General Joseph Doumenc, war ein früherer Vizechef des Generalstabs und hatte Vollmacht, auf der Stelle eine Militärkonvention mit den Russen abzuschließen. Aber die seltsame Dampferfahrt nach Leningrad machte das ganze Unternehmen in russischen Augen zu einer unbegreiflich realitätsfremden Posse, zu einem Trip von Traumtänzern vor dem Hintergrund drohenden Infernos.
Denn obwohl Hitlers Angriffsbefehl "Weiß" geheim war, konnte sich jeder Militärfachmann ausrechnen, daß die Wehrmacht spätestens am 1. September losschlagen mußte, wenn sie Polen noch 1939 überfallen wollte. Konnten die Sowjets sich auf Gedeih und Verderb mit Leuten verbünden, die den Ernst der Lage so wenig erfaßten?
So gab die "City of Exeter" samt ihren Curry-schmausenden Gästen, ein Narrenschiff aus Kreml-Sicht, den letzten Anstoß für Josef Stalins schicksalhaften Sinneswandel weg vom Westen, hin zu Hitler. Noch am 4. August meldete der deutsche Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg, nach Berlin: "Mein Gesamteindruck ist, daß die Sowjetregierung gegenwärtig entschlossen ist, mit England und Frankreich abzuschließen, wenn diese alle sowjetischen Wünsche erfüllen . . . Es wird unsererseits beträchtliche Mühe erfordern, die Sowjetregierung zu einem Umschwung zu veranlassen."
Doch schon am folgenden Tag besuchte Georgij Astachow, Botschaftsrat in Berlin, seinen Kontaktmann in Ribbentrops Außenministerium, Karl Schnurre. Er brachte die von Hitler und Ribbentrop längst nervös erwartete Moskauer Antwort auf den deutschen Wunsch, den Schnurre im Auftrag seiner Dienstherren an Astachow, einen hageren Donkosaken mit Ziegenbärtchen, herangetragen hatte: Die Führung des Reiches wolle über die rein wirtschaftlichen Beziehungen mit der Sowjetunion hinausgehen und einen umfassenden politischen Vertrag mit ihr aushandeln, der den "vitalen Interessen" beider Staaten "von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer" Rechnung trage.
Das war am 26. Juli bei einem Abendessen im Berliner Restaurant "Ewest". Nun kam, während die "City of Exeter" in Tilbury noch zum Auslaufen klarmachte, die willkommene Nachricht: Die Sowjetregierung sei zu weiterführenden Gesprächen bereit, wenn nur erst (Reichsmark first) ein anstehendes Kreditabkommen unterzeichnet sei.
Je näher der selbstgesetzte Angriffstermin "Weiß" rückte, desto unbehaglicher war Hitler bewußt geworden, daß er Polen nicht ohne eine Abmachung mit Moskau überfallen konnte. Sogar ohne einen Sowjetpakt mit dem Westen (an dessen Zustandekommen er zweifelte) wäre dem Diktator eine vertraglich ungebundene Sowjetunion an Polens Ostgrenze zu unberechenbar gewesen. Was nur heißen konnte: Gegen die Sowjetunion wäre zu diesem Zeitpunkt für Hitler nichts gegangen; Winston Churchill hätte recht behalten.
Aber Briten, Polen und Franzosen ließen weiterhin nichts unversucht, um den Russen die letzten Zweifel zu nehmen, daß ein Westbündnis mit Chamberlain, Drax und Halifax dem Sowjetreich unerträgliche Risiken aufbürden würde. Das zeigte sich schon bei den ersten Beratungen der britisch-französischen Militärmission mit der Sowjet-Delegation, die von Stalins höchster Militärperson, Verteidigungsminister Marschall Kliment Woroschilow, angeführt wurde.
Mit Ungeduld durchschnitt Woroschilow den höflichen Wortnebel, den Admiral Drax und General Doumenc verbreiteten, und kam zur Sache: "Wird den sowjetischen Bodentruppen erlaubt, polnisches und rumänisches Territorium zu betreten, um Feindberührung mit dem (deutschen) Gegner aufzunehmen, falls dieser Polen und Rumänien überfallen sollte?" Diese Erlaubnis, dieser "Durchlaß unserer Truppen", sei die Voraussetzung für ein Bündnis; anders könne die Sowjetarmee weder kämpfen noch einen Aggressor abschrecken. Aber diese Voraussetzung fehle noch immer. Polen und Rumänien sperrten sich.
Admiral Drax warf besänftigend ein, die Polen (und auch die Rumänen) würden Rußland schon "um Beistand anflehen", wenn die Deutschen kommen. Gerade das bezweifelte Woroschilow. Außerdem sei es dann zu spät, um noch jemand herauszuhauen.
Tatsächlich waren die Kavalleristen, die Polen regierten, wild entschlossen, lieber gegen die Deutschen unterzugehen, als die Russen zu Hilfe zu rufen. Das wußten in den glühenden Augusttagen in Moskau die Engländer so gut wie die Russen. Doch in ihrer fatalistischen Halbherzigkeit konnte die Regierung Chamberlain sich nicht entschließen, der Einschätzung des britischen Generalstabs zu folgen, die so unmißverständlich war wie Kliment Woroschilows Worte: _____" Wenn die Russen an der Abwehr einer deutschen " _____" Aggression gegen Polen oder Rumänien mitwirken sollen, " _____" können sie dies wirksam nur auf polnischem oder " _____" rumänischem Boden tun . . . Es ist notwendig, den Polen " _____" und Rumänen diese unerquickliche Wahrheit mit absoluter " _____" Offenheit nahezubringen . . . " _____" Wenn die Verhandlungen mit Rußland scheitern, könnte es " _____" zu einer russischdeutschen Annäherung kommen, deren " _____" wahrscheinliche Folge sein wird, daß Rußland und " _____" Deutschland . . . sich auf eine neue Teilung der " _____" osteuropäischen Staaten verständigen. "
Um so heftiger brannten die Franzosen nun darauf, das Bündnis doch noch zuwege zu bringen; denn Frankreich, nicht England, lag an der Front und brauchte Entlastung durch die Russen. Noch am 17. August schickte General Doumenc, der französische Missionschef, den Hauptmann Andre Beaufre nach Warschau; er sollte Frankreichs dortigen Botschafter Noel und dessen Militärattache, General Musse, beknien, noch eine Anstrengung zu unternehmen, die beiden führenden Polen zur Kooperation mit den Sowjets zu überreden: Oberst Jozef Beck, den Außenminister, und den obersten Armeebefehlshaber, Marschall Rydz-Smigly.
Den Bemühungen schloß sich bald der aufgeschreckte britische Botschafter an: London hatte am 18. August von Hitlers OKW-Zeitplan für Polen erfahren. Doch Oberst Beck blieb auch davon unbeeindruckt: Er habe, erklärte er den Botschaftern lapidar und endgültig, "nicht die Absicht, einem einzigen Sowjetsoldaten zu erlauben, seinen Fuß auf die heilige Erde Polens zu setzen, komme, was wolle".
Noch erstaunlicher waren die berühmt gewordenen letzten Worte, die der kleine Marschall Rydz-Smigly an die westlichen Diplomaten richtete, deren Regierungen sich immerhin verpflichtet hatten, für Polen in einen unabsehbaren neuen Krieg mit Deutschland zu gehen. Wohl um den Westlern klarzumachen, wie abgrundtief seine Polen die Russen verabscheuen, gab er ihnen zu verstehen, daß es vergleichsweise erträglich wäre, von den Deutschen unterworfen zu werden: "Bei den Deutschen laufen wir Gefahr, unsere Freiheit zu verlieren. Bei den Russen verlieren wir unsere Seele." (War Polen wirklich so oder so verloren, wie man bis heute behauptet? Oder hat Rydz-Smigly nur verheerend falsch geurteilt? Gibt es nicht unter russischer Ägide ein großes, durchaus beseeltes Polen, das unter deutscher Oberherrschaft undenkbar gewesen wäre?)
Ministerpräsident Daladier in Paris war über den Starrsinn der Polen so erzürnt, daß er General Doumenc ermächtigte, einen Beistandsvertrag mit den Sowjets über die Köpfe der Polen hinweg auszuhandeln. Die Sowjetarmee sollte auch gegen den Willen der Polen auf polnischem Gebiet gegen die Deutschen kämpfen, wenn Hitler angriffe. Aber dieser Verzweiflungsvorschlag bestätigte nur die von Woroschilow, Molotow und Stalin gewonnene Gewißheit, welche Probleme dem Sowjetland ins Haus stünden, wenn es sich weiter mit den Westmächten einließe. Denn entweder müßte die Rote Armee korrekterweise Gewehr bei Fuß an der polnischen Ostgrenze stehenbleiben, bis die deutschen Truppen Polen überrollt haben - schon das eine Vorstellung, die den Sowjetführern das Blut in den Adern stocken lassen mußte.
Oder das Sowjetheer dringt unerlaubt in Polen ein, um sich den deutschen Invasoren entgegenzuwerfen. Dann erst recht täte sich ein Panorama chaotischer Möglichkeiten auf. Um nur zwei zu nennen: Das Sowjetheer wird in den Strudel einer polnischen Niederlage gerissen. Oder die Polen können sich halten, beschließen aber frei nach Rydz-Smigly (und mit Billigung des Vatikans), lieber mit den Deutschen gegen den Antichrist im Osten zu kämpfen als mit dem Antichrist gegen Hitler - eine Option, die ja schon zwischen Hitler und Oberst Beck erörtert worden war. Und würden die Westmächte, so Stalins Verdacht, bei alledem nicht einfach nur zuschauen (wie sie es tatsächlich taten, als sie Hitler zwar den Krieg erklärten, für Polen aber keinen Finger krümmten)?
Ohne Polens Mitwirkung sei "das Unternehmen, eine Militärkonvention zwischen England, Frankreich und der UdSSR zu schließen, von vornherein zum Scheitern verurteilt", erklärte Marschall Woroschilow seinen britischen und französischen Offizierskameraden bereits am 14. August (laut Protokoll der 3. Militärmissions-Sitzung in Moskau). Als die polnischen Führer sich nicht umstimmen ließen, drang Woroschilow darauf, die Gespräche abzubrechen: "Müssen wir Polen erst erobern, um dem polnischen Volk unsere Hilfe anzubieten?"
Am 21. August 1939 vertagte sich die Konferenz der Militärmissionen ohne neuen Termin. Am 23. August, 13 Uhr, während Briten und Franzosen noch ratlos in Moskau verweilten, landete Reichsaußenminister von Ribbentrop in der sowjetischen Hauptstadt, um noch am gleichen Tag unter Stalins väterlichen Blicken zusammen mit Molotow die vierte Teilung Polens zu unterschreiben.
"Ich habe die Welt in der Tasche!" jubelte Hitler. In Wahrheit hatte der deutsch-österreichische Scharlatan jetzt schon in dem "kaltblütigen Realisten Stalin" (Winston Churchill) seinen Meister gefunden. Stalin gewann Zeit für die Vorbereitung auf den Kampf mit Deutschland, den er in keiner Sekunde aus dem Auge verlor (entgegen den Legenden vom tumben Kremlherrn, der Hitler vertraute). Hitler aber überließ Stalin ostpolnische (genauer: ukrainischweißrussische) Gebiete, die den Weg nach Moskau von der neuen deutsch-sowjetischen Grenze aus um 300 Kilometer verlängerten.
Es waren die Kilometer, an denen Hitler scheitern sollte; denn sie machten den Weg nach Moskau zu lang für seine Armee. *HINWEIS: Ende
Von Wilhelm Bittorf

DER SPIEGEL 35/1989
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