23.01.1989

SPRINGERTrostreiche Tüttelchen

Eines der letzten Bollwerke der Springer-Presse gegen den Kommunismus soll fallen: die DDR in Gänsefüßchen.
In den Gründerjahren der Bundesrepublik Deutschland kannte das Staatsvolk-West keine DDR. Allen geläufig war nur die Zone.
Später nahmen selbst schwachsichtige Machthaber immerhin ein "Phänomen" östlich der Elbe wahr - und in diesem historischen Schwebezustand zwischen Realität und Verdrängung hat die Deutsche Demokratische Republik bis heute im größten westdeutschen Zeitungskonzern überdauert.
Unbeirrt setzen die Blätter des Axel Springer Verlags die sogenannte DDR in sogenannte Gänsefüßchen. Die Praxis der orthographischen Nichtanerkennung wird in "Bild", "Welt", "Hörzu" und allen anderen Titeln mit eiserner Konsequenz durchgehalten. Nicht nur der Oststaat selber fällt unter das Verdikt der Anführungsstriche, optisch mitgebannt werden auch ",DDR'-Bewohner", ",DDR'-Kirchenkreise", ",DDR'-Oppositionelle" und ",DDR'-Flüchtlinge".
Doch nun soll die kämpferische Zeichensetzung gegen die "luziferischen Gewalten", wie der 1985 verstorbene Konzerngründer Axel Cäsar Springer die kommunistische DDR-Führung begriff, reformiert werden. Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder des Verlags suchen nach einem geeigneten Anlaß, das graphische Relikt des Bonner Alleinvertretungsanspruchs loszuwerden, den die Politiker schon längst aufgegeben haben.
Bis zum Frühjahr, sagen leitende Springer-Redakteure voraus, werde die Anerkennung der Realitäten in der konservativen Trutzburg vollzogen sein - angepeilt sei der März. Der Abschied von den Doppelhäkchen, die der Hamburger Volksmund auch "Tüttelchen" nennt, fällt den Springer-Chefs aber aus zwei Gründen besonders schwer: einem aktuellen und einem traditionellen.
Gegenwärtig bangen die Nachlaßverwalter des Verlegers um die Identität des Unternehmens, dessen Führung gleich mehrere Konkurrenten beanspruchen. Verlegerwitwe Friede Springer, die Trost und Rat in hinterlassenen Schriften ihres Ehemanns sucht, möchte dessen Lebenswerk vor dem Zugriff des Filmmoguls Leo Kirch und des "Bunte"-Verlegers Hubert Burda bewahren.
Springer selber hatte den Symbolwert der nationalpolitischen Tüttelchen festgeschrieben. Einen Leserbrief an die "Welt", in dem ein Kölner Rechtsanwalt vor zehn Jahren "das Kürzel DDR in Anführungszeichen" als "kleinkariert" kritisierte, beantwortete der damalige "Welt"-Herausgeber mit einem zurückliegenden Wort Willy Brandts: Die DDR sei "weder deutsch noch demokratisch, noch eine Republik". Für ihn gebe es, so Springer, "keinen Grund, die Anführungsstriche für obsolet anzusehen".
Nachdem der Sozialdemokrat Brandt als Bundeskanzler den Dialog mit der DDR eingeleitet hatte, wurde die sozialliberale Ostpolitik von der Springer-Presse über ein Jahrzehnt lang heftig bekämpft. Nachdenklicher und realistischer wirkte Springer aber Anfang der achtziger Jahre. Der frühere Regierungssprecher Klaus Bölling (SPD), den der Verleger während Böllings Zeit als Bonn-Beauftragter in Ost-Berlin zu sich in seine Berliner Villa Schwanenwerder einlud, erlebte "kein Eifern, keine Ideologie", und er hatte den Eindruck, "die Gänsefüßchenideologie war weg bei dem Mann".
Doch zu einer interpunktionellen Anerkennung der DDR konnte sich Springer nicht durchringen. Dabei war ihm klar, wie sich sein früherer "Bild"-Chef Peter Boenisch erinnert, "daß jüngere Leser gar nicht mehr wissen, was mit den Anführungsstrichen gemeint ist". Geradezu verwirrt werden die Leser, wenn in Interview-Fragen die DDR mit, in den Antworten dagegen ohne Anführungsstriche gedruckt wird.
Als einziges Springer-Blatt brachte vorletztes Jahr Zeitungsillustrierte "Ja" das Unwort DDR im Klartext. Weil das aber die einzige auffällige redaktionelle Leistung der Blattmacher war, wurde "Ja", nach nur 16 Wochen, mangels Nachfrage, wieder eingestellt.
Auch der frühere "Welt"-Herausgeber Herbert Kremp, einst neben Boenisch Springers härtester Kampfjournalist, überraschte im vorletzten Sommer die Konferenz der Springer-Chefredakteure mit der Erkenntnis, er halte die DDR-Schreibweise in Anführungszeichen für nicht mehr zeitgemäß.
Für die Springer-Blätter ist das Relikt des Kalten Krieges auch geschäftsschädigend. Die DDR verweigert einem "Welt"-Korrespondenten in Ost-Berlin die Akkreditierung. Und bei jungen Leuten, die im bizarren Brauchtum ein Signal der Rückständigkeit sehen, finden "Bild" und "Welt" kaum noch Leser.
Bisher durfte nur ein Springer-Schreiber die Anführungszeichen weglassen: der Dramatiker und frühere Kommunist Franz Xaver Kroetz, der letztes Jahr in der "Welt" ein olympisches "Tagebuch" aus Seoul veröffentlichte. Er lobte die DDR-Goldmedaillen ohne Anführungsstriche, berichtete über "de Madln aus der DDR" und spottete: "Gänsefüßchen können ein verdammt langes Leben haben", im "Kopf und anderswo". #
Traditionalist Springer* "Weder deutsch noch demokratisch"
DDR-Schreibweise in Springer-Zeitungen*: Orthographische Nichtanerkennung

DER SPIEGEL 4/1989
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