27.02.1989

UNTERNEHMENCadillac und Ecstasy

Nun auch noch Drogengeschäfte - die Chemiefirma Imhausen rutscht in eine Krise.
Auf Imhausen-Geschäftsführer Hans-Joachim Renner läßt der Lahrer Kraftfahrer Paul Rheinschmitt nichts kommen. Der sei ein "richtiger feiner Herr".
Persönlich wie geschäftlich sei er mit dem Mann immer zurechtgekommen. "Mein Geld", so Rheinschmitt, "habe ich immer prompt bekommen. In geschäftlichen Dingen war Renner äußerst korrekt."
Sein Urteil wird der Mann wohl revidieren müssen. Vorige Woche stand fest, daß Renner in einen der schwersten Rauschgiftskandale der Nachkriegszeit verstrickt ist.
Mit Renners Zustimmung sollen der Imhausen-Prokurist Ingo Graefe und der Chemiker Jean-Marie Grünenwald im September vergangenen Jahres 170 Kilogramm der Designerdroge MDMA produziert haben. MDMA ist in Szenekreisen unter der Bezeichnung "Cadillac" oder "Ecstasy" bekannt.
Die Imhausen-Mitarbeiter verkauften den auf dem Schwarzmarkt 40 Millionen Mark teuren Stoff an einen amerikanischen Geschäftsmann. Der Abnehmer, offenbar Mitglied eines internationalen Rauschgiftrings, ließ das Pulver bei einer bayrischen Firma in 1,3 Millionen Tabletten pressen.
Der anrüchige Deal war kein Einzelfall. Bereits 1987 hatten Angestellte der Firma Imhausen, die durch die Lieferung einer Chemiefabrik an Libyen weltweit in die Schlagzeilen geriet, 235 Kilogramm der meskalinähnlichen Lustdroge PMA zusammengebraut. Deren Herstellung ist in der Bundesrepublik streng verboten. Außerdem lieferten die Imhausen-Chemiker seit 1986 über 900 Kilogramm des Drogenrohstoffs PMK an ihren amerikanischen Freund.
Als der US-Auftraggeber am Donnerstag der vorvergangenen Woche eine frische Lieferung in Lahr abholen wollte, griffen die Ermittler zu. Sie verhafteten die Imhausen-Dealer und einen New Yorker Hintermann. Nur Renner, der die Aufträge unterschrieben hatte, bekamen die Fahnder nicht zu fassen. Der promovierte Chemiker hatte, offensichtlich vorinformiert, kurz zuvor versucht, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen.
Die jüngste Drogenaffäre bestätigt, daß es sich bei der Imhausen-Chemie um ein Unternehmen ganz besonderer Art handelt. Die unangenehmen Enthüllungen könnten das endgültige Aus für das Unternehmen bedeuten. Schon wegen der Libyen-Affäre sind wichtige Lieferanten und Geschäftspartner auf Distanz zu Imhausen gegangen.
So hält zum Beispiel der Leverkusener Bayer-Konzern Grundstoffe und Produktionshilfsmittel wie Salze und Chloride zurück. Rund ein halbes Dutzend Zulieferer von Rohstoffen und Ausrüstungsgegenständen bedienen Imhausen nur noch gegen Vorkasse.
Andere Geschäftspartner, wie Siemens oder Salzgitter, fühlen sich von den Lahrer Managern getäuscht. Die hatten bei ihnen Pläne und Anlagen für eine Chemiefabrik bestellt, die angeblich in Hongkong gebaut werden sollte, schließlich aber im libyschen Rabita entstand. Siemens und Salzgitter drohen mit Schadenersatzforderungen.
Bereits Anfang Februar hatte die Bundesregierung Fördermittel von rund 15 Millionen Mark für drei Imhausen-Forschungsobjekte gesperrt. Das größte Projekt, eine Kohleverflüssigungsanlage, betreibt die Chemiefirma zusammen mit dem bundeseigenen Salzgitter-Konzern.
Die Mittel wollen die Bonner nun erst freigeben, wenn Firmenchef Jürgen Hippenstiel und sein angeschlagener Partner Renner einer neuen Geschäftsführung Platz machen. Doch der Imhausen-Chef zögert noch.
"Solche schwerwiegenden Entscheidungen brauchen Zeit", sagt Imhausen-Pressesprecher Rolf Weber. Da müßten erst die Gesellschafter zustimmen.
Druck könnte nur die Belegschaft ausüben. Doch die Imhausen-Beschäftigten zeigen wenig Neigung, sich gegen das Management zu stellen.
Noch am 16. Februar hatte der Betriebsrat in einem Brief an die Geschäftsleitung "den sofortigen Rücktritt" der Imhausen-Spitze gefordert. Davon war nach einem Gespräch mit dem Firmenchef keine Rede mehr. Die Belegschaft erklärte sich bereit, auch weiterhin stillzuhalten.
Durch ihr Entgegenkommen wollen die Beschäftigten zumindest einen Teil der 350 Arbeitsplätze retten. Im Umkreis von Lahr ist Imhausen weit und breit die einzige größere Chemiefirma.
Andere Arbeitsplätze sind für die meist gut ausgebildeten Imhausen-Beschäftigten in Lahr nicht zu finden. Größere Arbeitgeber am Ort, wie der Zigarettenhersteller Roth-Händle, bauen seit Jahren Stellen ab.
Viele der vorwiegend jungen Mitarbeiter haben zudem gerade erst gebaut, eine Eigentumswohnung gekauft oder eine Familie gegründet. "Die sind so hoch verschuldet", meint ein 25jähriger Chemielaborant bei Imhausen, "daß sie fast zu allem bereit sind, um ihren Arbeitsplatz zu behalten."
Solche Existenzangst fördert die Verdrängung. Wie weit die Loyalität der Angestellten geht, hat der Offenburger IG-Chemie-Bevollmächtigte Jürgen Ricken kürzlich bei einem seiner zahlreichen Gespräche mit Beschäftigten der Chemiefirma festgestellt: "Da gibt es immer noch Leute", wundert sich Ricken, "die glauben, daß an den Vorwürfen gegen ihre Vorgesetzten nichts dran ist."

DER SPIEGEL 9/1989
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