28.08.1989

FrauenliteraturVon der Theke geschält

Selbstironie und Witz verdrängen die Bekenntnisliteratur des frühen Feminismus.
Die neuen Heldinnen sind anders. Zum Beispiel Amanda Jaworski. Amanda, Amerikas schönste und beste Astronautin, soll als erster Mensch zum Mars fliegen. Bis es soweit ist, flitzt sie in hellblauen Satinshorts und Rollschuhen durch das Raumfahrtzentrum der Nasa, versorgt zwei Liebhaber und ihren sonderbaren Kater Schrodinger. Schrodinger, der versehentlich zwei Evolutionsmoleküle verschluckt hat, schläft 23 Stunden am Tag, liest aber auch Zeitung, zeichnet oder schreibt. Als Schrodinger verschwindet, begibt sich Amanda mit einem depressiven Superschimpansen auf eine Odyssee in den Kosmos.
Natalie Harris, hübsch wie ein Mädchen aus einem frühen Chaplin-Film, trägt ganz irdische Züge. Ihr Mann Harry kommt eines Tages einfach von der Arbeit nicht nach Hause. Er ist mit der örtlichen Karnevalsprinzessin, Miss Eddon Gurney, durchgebrannt und hat Natalie mit zwei gräßlichen Kindern, zwei Katzen, einem Hund und einem Haufen Schulden sitzenlassen.
Vergleichsweise harmlos fällt dagegen Lisbeths Dasein aus, die sich in einer lustlos-lahmen Ehe mit ihrem grämlichen Ehemann, Benno I, dem plärrenden Kleinkind Benno II sowie der heftig pubertierenden Tochter herumplagt und davon ihrer Freundin Paula in bissigselbstironischen Briefen erzählt.
Amanda, Natalie und Lisbeth haben eines gemeinsam: Sie sind die Geschöpfe feministischer Autorinnen. Die Romanfiguren gehören zu einer Schar Rebellinnen, die seit einiger Zeit überaus erfolgreich das Frauenbuchgenre aufmischen. Die mit erfrischender Bosheit und in schnoddrigem Tonfall erzählten Emanzipationskomödien treffen offenbar zielsicher den Zeitgeschmack. "Das Jammern, Stöhnen und Seufzen", sagt die Lektorin Ingeborg Mues vom Fischer-Taschenbuch-Verlag, "ist passe." Die Fischer-Verlagsreihe "Die Frau in der Gesellschaft" profitiert von dem neuen Trend: Allein drei kaum bekannte Autorinnen erreichten innerhalb weniger Monate mit ihren Büchern Auflagen von über 100 000 Exemplaren, obwohl der Verlag so gut wie keine Werbung betreibt. Mit bislang 50 000 verkauften Büchern ist "Amanda" beim Diogenes-Verlag auf Bestsellerkurs. Im kleineren Münchner Frauenbuchverlag liegt die englische Autorin Fay Weldon (zur Zeit 20 000 verkaufte Werke) an der Spitze.
Bahnbrechend für die spöttisch-luftigen Bücher war Eva Hellers schmaler Roman "Beim nächsten Mann wird alles anders". Buchhändler wie Verlagsmanager erzählen von der Auflage des 12,80-Mark-Bändchens mit leuchtenden Augen: weit über eine Million.
Eine Art "fröhlicher Feminismus", meint Lektorin Mues, sei im Kommen. Tatsächlich haben Heulsusen in den neuen Bestsellern abgedankt. Statt dessen agieren vitale Frauen, raffiniert und tückisch und ausgestattet mit einer Eigenschaft, die bisher ausgesprochen rar war in der Frauenliteratur: Selbstironie.
Vor gut zehn Jahren hatten die großen Verlage Frauenbuchreihen eingerichtet, etwa um die "konkrete sinnliche Erfahrung von Frauen und ihre Suche nach einem selbstbestimmten Leben" zu schildern, wie die Rowohlt-Reihe "neue Frau" damals ankündigte. Allzuoft machte sie damit auch Ernst.
Es entstand eine in Form und Inhalt monotone Bekenntnisliteratur, in der vorrangig gelitten wurde. Junge Frauen, auf der Suche nach sich selbst, flohen auf ferne Inseln, kreisten dort verbal um ihre zurückgebliebenen Männer, wagten ausnahmsweise einen freudlosen Seitensprung und erfanden nebenbei ein neues Bedürfnisvokabular für die Geschlechterdebatte. Die Forderungen an die Leserinnen duldeten im Ton keinen Aufschub: Es ging darum, "weibliche Autonomie" zu erkämpfen, die "Beziehungsmisere" anzugehen, sich "emotional auszuleben".
"Wir müssen über unsere Beziehung reden" - dieser Satz war in Svende Merians "Der Tod des Märchenprinzen" einziger Programmpunkt eines ganzen Buches. Witz und Ironie waren die Ausnahme in solcher Art Frauenroman, vor allem bei deutschen Autorinnen. Bis Eva Heller die Wende einleitete.
Inzwischen hält das umfängliche Frauenbuchprogramm für jede Emanzipationsstufe und jeden Geschmack etwas bereit. Für gehobene Ansprüche präsentiert zum Beispiel die Hamburger Filmemacherin Helke Sander mit Scharfsinn und feinem Humor "Die Geschichten der drei Damen K". Drei Frauen tauschen sie abends in einer Skihütte aus, "im Kern" sollen sie wahr sein. Der traurigen Wirklichkeit, beschließen die Erzählerinnen, "sollten die lustigen Seiten abgewonnen werden".
Auflagen von über 100 000 Exemplaren erreichte die Dortmunder Autorin Sabine Deitmer, indem sie satirisch-genüßlich beschrieb, "wie Frauen morden". Manche Werke jedoch sind erkennbar hastig zusammengeschrieben, um auf der neuen Welle mitzuschwimmen. Der immense Erfolg der Holländerin Martine Carton (Auflage: 85 000) läßt sich allenfalls durch den Titel ihres Buches erklären: "Etwas Besseres als einen Ehemann findest du allemal".
Die amerikanische Schriftstellerin Carol Hill, 48, hat mit ihrem Roman "Amanda" hingegen eine aufregende intergalaktische Liebesgeschichte geschrieben, die in den USA schnell zum Kultbuch wurde. In der deutschen Übersetzung kommen die Abenteuer der attraktiven Astronautin, wie es im Diogenes-Verlag heißt, bei ganz verschiedenen Lesern "sehr gut an": Amanda gefällt sowohl Science-fiction-Liebhabern als auch Feministinnen.
Über die englische Bestseller-Autorin Fay Weldon, deren Roman "Kein Wunder, daß Harry sündigte" jetzt in deutsch vorliegt, schwärmte die "Times": "Fay Weldon lesen ist wie Champagner trinken."
Im Münchner Frauenbuchverlag, wo mehrere Weldon-Bücher erschienen sind, ist die 56jährige Autorin schon länger eine Art Geheimtip. Feministin Weldon, blond und etwas rundlich, ist seit 26 Jahren mit einem Antiquitätenhändler verheiratet. Ihre Bücher schreibt sie am Küchentisch, während sie ihre vier Söhne hochpäppelt.
Mit gradliniger Prosa verwickelt Weldon ihre Leser durch direkte Ansprache in die Probleme ihrer Figuren: "Was denken Sie, wie oft Sie schon mit einer Person beim Essen saßen, die etwas mit Ihrem Partner laufen hatte, ohne daß Sie davon wußten?"
Vergnügt plaudert Frau Weldon in ihren Büchern über feige, selbstgerechte Männer und fiese, intrigante Frauen. Locker und ironisch springen ihre Sympathien zwischen den handelnden Personen hin und her: "Meiner Meinung nach", teilt sie ihren männlichen Lesern vertraulich mit, "lügen verheiratete Frauen weitaus mehr als die ledigen und geschiedenen."
Feministisches Gedankengut und Gesellschaftskritik streut sie spitzbübisch und sparsam zwischen die Zeilen. Über die sechziger Jahre etwa befindet sie amüsiert: "Was für eine Zeit das war! Als alle alles wollten und dachten, sie könnten es kriegen, ja und sie hätten sogar ein Recht darauf. Ehe und Freiheit, Sex ohne Babys, Revolution ohne Armut, Karriere ohne Selbstsucht, Kunst ohne Anstrengung, Wissen ohne Auswendiglernen. Mit anderen Worten: Mahlzeit ohne Abwasch."
Den englischen Feministinnen ist Weldon zu zahm, zu harmlos, zu lieb. Die Autorin nimmt's gelassen. "Ich stimme zu neun Zehnteln mit ihnen überein, aber ich glaube, die Frauenbewegung ist so sehr damit beschäftigt, recht zu haben, daß sie sich kaum noch an den Schmerz über die Unmöglichkeit der Liebe zwischen Männern und Frauen erinnert, der am Anfang der ganzen Empörung stand."
Auf Veränderungen, die über das Vergnügen, nicht über die Pflicht gehen, hofft auch ihre hessische Kollegin Claudia Keller, 44, Schöpferin der Hausfrau Lisbeth. Die frauenbewegte Autorin, deren Buch "Windeln, Wut und wilde Träume" bereits 140 000mal verkauft wurde, suchte nach einer Art des Schreibens, die "nicht so freudlos, nicht so knatschig und nicht so duster" daherkommt.
Die Geschichte von Lisbeth und ihrer Sippe wirkt denn auch in Ton und Stil volkstümlich wie ein Ohnsorg-Theaterstück, ein literarisches Pendant zu dem Schlager, in dem Johanna von Koczian über "ein bißchen Haushalt" trällert.
Unter Lisbeths Fans befinden sich auffallend viele Männer. Studenten schrieben der Autorin Keller, sie hätten in Benno I, der mit Frau und Kindern eigentlich nur noch aus Versehen spricht, ihren Vater wiedererkannt. Für Lisbeths Freundin Paula, die nach 18 Ehejahren Mann und Kinder sitzenläßt, zeigen männliche Briefeschreiber vorgerückten Alters besonderes Interesse. Sicherlich habe doch sexuelle Abenteuerlust Paula zu diesem Schritt veranlaßt. Und warum denn die Autorin die Triebhafte nicht dabei beschrieben hätte, wie sie sich "jeden Abend 'nen anderen Typen von der Theke schält".
So gründlich mißverstanden zu werden, sagt Frau Keller kopfschüttelnd, "das hat mich doch ganz schön geplättet".
Längst haben Film- und Fernsehgesellschaften die neuen Frauen entdeckt: Fay Weldons Roman "Die Teufelin" wird gerade von Susan Seidelman mit Meryl Streep in der Hauptrolle verfilmt. Lisbeths Abenteuer will der Bayerische Rundfunk in 26 Folgen zur Serie verarbeiten. Autorin Keller, gewarnt durch die Verfilmung des Eva-Heller-Romans, möchte das Drehbuch selbst schreiben. Damit, wie sie sagt, das neue Befreiungsbewußtsein "auch richtig rüberkommt". f

DER SPIEGEL 35/1989
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