26.06.1989

DOPINGBarer Unsinn

Der Kölner Biochemiker Manfred Donike, als „Doping-Papst“ weltweit gerühmt, zeigt merkwürdige Ermüdungserscheinungen im Kampf gegen Anabolika.
Über Jahre hinweg festigte Manfred Donike seinen Ruf als unnachsichtiger Fahnder im Anabolika-Sumpf des Sports. Der Honorarprofessor der chinesischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften in Peking und Träger des "Goldenen Bandes" der Berliner Sportpresse wird angesichts seiner unfehlbaren Analysen in aller Welt nur ehrfurchtsvoll der "Doping-Papst" genannt.
Der Kölner Biochemiker entlarvte immer neue Tricks der Pillen- und Spritzensportler, warnte vor "hohen Dunkelziffern". Wie recht er hatte, belegt seit Wochen jener Untersuchungsausschuß im kanadischen Toronto, der im Dopingfall des Sprinters Ben Johnson ermittelt: Athleten, Ärzte und Trainer bestätigten Donikes Theorie der weltweiten Praxis des gezüchteten Athleten.
Doch ausgerechnet jetzt, da der Kampf für den sauberen Athleten womöglich in eine erfolgversprechende Phase tritt, zeigt der Professor rätselhafte Ermüdungserscheinungen. Donike, der bislang seinen Forscherstolz gern öffentlich gemacht hatte, erweckt auf einmal den Eindruck des berühmten Hundes, der zur Jagd getragen werden muß.
So erlebten Millionen bundesdeutsche Fernsehzuschauer im "Aktuellen Sport-Studio" des ZDF eine eigentümliche Diskussion zwischen Donike und dem ZDF-Leichtathletikexperten Bernd Heller. Der TV-Mann hatte in Toronto als Zeuge über ein Telephonat berichtet, das er im März mit Donike geführt hatte. Dabei habe ihm der Wissenschaftler erklärt, eine von ihm neu entwickelte Nachweismethode, das Erstellen von "Steroid-Profilen", ergebe bei einer nochmaligen Analyse der Urinproben von den Olympischen Spielen in Seoul ein dramatisches Ergebnis: Bis zu 80 Prozent aller bei Olympia getesteten männlichen Athleten (pro Wettkampf sechs) hätten vor den Spielen Anabolika genommen.
Bei einem zweiten Gespräch, unmittelbar vor Hellers Zeugenauftritt, wollte Donike von seinen März-Thesen nichts mehr wissen. Heller ("Ich weiß doch, was ich gehört habe") breitete sie dennoch unter Eid in Toronto aus, verschwieg auch das Dementi nicht. In der Fernsehrunde warf der Professor ("Barer Unsinn") dem Journalisten fehlendes Fachwissen vor und beteuerte immer wieder: "Ich habe nie eine Prozentzahl genannt."
Das stimmt nicht. Bereits in Seoul, einen Tag nach der Disqualifikation Johnsons, saß Donike im VIP-Raum des Reiterstadions und referierte über seine neue, noch nicht anerkannte Methode. Während draußen Deutschlands Springreiter Mannschaftsgold gewannen, rechnete der Dopingfahnder aufgrund einer "ersten und oberflächlichen Auswertung von insgesamt 1600 Dopingproben" hoch, daß bis zu 30 Prozent der Athleten verbotene Stoffe nähmen - "unterschiedlich nach Sportarten, aber durchgehend in den Medaillenrängen". Den Anteil der Proben, die nach der neuen Methode als positiv einzustufen seien, bezeichnete er zwei SPIEGEL-Redakteuren gegenüber mit "50 Prozent, eher mehr".
Kenner der Szene, wie etwa der ehemalige Mittelstreckler Paul-Heinz Wellmann, wunderten sich denn auch über Donikes Sport-Studio-Auftritt "als das Schlappste, was ich je gesehen habe". Der Kölner Professor habe eine "einmalige Chance verpaßt, die volle Wahrheit auf den Tisch zu legen".
Donike berief sich statt dessen auf Formalien. Seine Untersuchung müsse zunächst der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vorgelegt werden, dann erteile das IOC die Erlaubnis zur Veröffentlichung - oder auch nicht.
Fraglich ist nämlich, ob die Olympia-Organisatoren um den schier allmächtigen Juan Antonio Samaranch ein Interesse daran haben, daß Donike neue Doping-Befunde veröffentlicht.
Der spanische IOC-Chef hat die Olympische Bewegung inzwischen auf einen einzigen Sockel gestellt: das große Geld. Konzerne und Fernsehorganisationen aber zeigen sich zunehmend irritiert, daß der vermeintlich imagefördernde Sport mit dunklen Doping-Machenschaften in Verbindung gebracht wird.
So kündigte Mercedes bei der Vorstellung seines neuen Sportförderungsprogramms gleich schon den Ausstieg an, falls Doping im deutschen Sport mit ins Spiel komme. Bei Bayer in Leverkusen müssen alle Übungsleiter mit Entlassung rechnen, falls ihre Athleten spritzen. Und selbst der Sportartikelhersteller Adidas, nur an Siegertypen interessiert, hat in die Sponsorverträge eine Drogenklausel eingebaut.
So scheiterte auch ein erster Rehabilitierungsversuch für Johnson. Der kanadische Eishockey-Star Wayne Gretzky hatte den Sprinter zu einem Wohltätigkeits-Tennisturnier eingeladen. Weil aber Sponsoren um ihren guten Ruf fürchteten, mußte Gretzky dem gestrauchelten Olympiasieger wieder absagen.
Derlei Empfindlichkeiten der Geldgeber werden mit immer neuen Horrormeldungen aus Toronto weiter gereizt.
Zuletzt befand der US-Arzt Robert Kerr vor dem Untersuchungsausschuß, in den Trainingscamps gehe es zu "wie bei Frankenstein" zu Hause. So werde im Ostblock auch mit kleinen Dosen Strichnin als Stimulanz unmittelbar vor dem Wettkampf experimentiert. Und er allein habe 4000 Athleten aus 20 Ländern mit Steroiden gepusht.
Durch die Untersuchung in Kanada, gibt auch IOC-Sprecherin Michele Verdier zu, verlieren die Olympischen Spiele "ganz klar an Wert".
Aber das kann Juan Antonio Samaranch keineswegs zulassen, hat er seit seinem Amtsantritt 1980 als IOC-Präsident die damals kränkelnde Organisation doch zu neuer Blüte geführt. Allein in den letzten vier Jahren erlöste Samaranch rund 1,5 Milliarden Mark mit den Spielen - er hat sie schlicht an das Fernsehen und die Konzerne verkauft. Und der Boom hält an: Für den nächsten Planungszeitraum bis zu den Spielen in Barcelona offerieren die Sponsoren gar 150 statt wie bisher 120 Millionen Dollar für die Vermarktung der fünf Ringe.
Samaranch und sein Hofstaat werden inzwischen überall als Dukatenesel empfangen. Erstmals erhielten die Nationalen Olympischen Komitees in Calgary und Seoul pro Athlet ein Antrittsgeld. Und Städte investieren bis zu 30 Millionen Mark nur in die Bewerbung als Ausrichter der Spiele.
Angesichts der blühenden Geschäfte haben die IOC-Oberen ein heftiges Interesse daran, die Meldungen aus Toronto herunterzuspielen.
Die Vorgänge in Kanada, sagt IOC-Direktorin Michele Verdier, hätten in der Olympia-Zentrale in Lausanne "noch keinen beunruhigt". Und niemand wisse doch, ob denn auch "wirklich alle die Wahrheit gesagt haben". Für Maßnahmen des IOC sei es "noch viel zu früh".
Die Verschleppungs-Taktik des IOC würde in der Tat empfindlichen Schaden nehmen, wenn "Doping-Papst" Donike nun öffentlich mitteilte, daß 50 oder 80 Prozent der Urinproben von Seoul positiv gewesen seien. Mehr als durch den Ausschuß in Kanada, der den Einzelfall Johnson behandelt, wäre Olympia als großes Chemiefest desavouiert.
Unklar ist, inwieweit Samaranchs IOC den Kölner Professor bei seinen Veröffentlichungen hemmt oder stützt. Während die IOC-Sprecherin vehement bestreitet, daß die Olympia-Organisation Donike an der Kölner Sporthochschule mitfinanziert, ist der in Köln zuständige Experte ganz anderer Ansicht. Der Leiter der Haushaltsabteilung der Sporthochschule Köln räumt ein, daß es "Drittmittel, auch vom IOC", für Donikes Institut gibt.
Der Professor selbst läßt auf eine entsprechende Frage ausrichten: "Das geht Sie gar nichts an."

DER SPIEGEL 26/1989
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