24.04.1989

Zauberers Sohn, Kind dieser Zeit

Leiden am berühmten Vater Thomas und „Zusammenhang“ mit der geliebten Schwester Erika; Begegnungen mit literarischer Prominenz von Gide bis Brecht und Streifzüge mit Strichjungen; Beobachtung „grausliger Nazis“ und Emigration, Drogen-Trips und Selbstmord- Gedanken - Klaus Manns Tagebücher kommen jetzt ans Licht.
Es sei "ja schrecklich", schrieb Klaus Mann 1937 in einem Brief, "daß in unserer Familie so gut wie alles schon einmal formuliert worden ist".
Ein gutes halbes Jahrhundert später wird die Wahrheit dieses Stoßseufzers von den zigtausend Seiten des veröffentlichten Familiengesamtwerks belegt. Erstaunlich bleibt, daß immer noch nicht alles veröffentlicht ist, was die Manns formulierten.
Noch sind Thomas Manns Tagebücher nicht komplett gedruckt, da tauchen intime Journale seines ältesten Sohnes auf: In sechs Bänden wird die Münchner Edition Spangenberg erstmals Klaus Manns Tagebücher (gekürzt) herausbringen. Sie reichen von 1931 bis zum Mai 1949, in dem er sich, 42 Jahre alt, mit einer Überdosis Schlaftabletten in Cannes das Leben nahm.
Erst nach einigem Zögern hat Golo Mann die Veröffentlichung der Diarien seines Bruders erlaubt. Sie werden, 21 Kladden und Taschenkalender, im Tresor einer Münchner Anwaltskanzlei verwahrt. Band eins, der bis Silvester 1933 reicht, also die Endphase der Weimarer Republik, Hitlers Machtergreifung und den Beginn von Klaus Manns Emigration umfaßt, erscheint zum 40. Todestag des Autors am 21. Mai**.
Als er die Aufzeichnungen im Oktober 1931 begann, war Klaus Mann knapp 25. Er hatte sich mit Erzählungen, Romanen und journalistischen Arbeiten einen Namen gemacht, mehr noch im Quartett mit seiner Schwester Erika, Pamela Wedekind und Gustaf Gründgens theaterspielend Aufsehen erregt. Von Rechten geschmäht, von Linken kritisiert, genoß er den Ruf eines so begabten wie gefährdeten Enfant terrible und hatte sich doch nicht von der übermächtigen Gestalt des Vaters ablösen können. Schon damals galt, was Thomas Mann dem Selbstmörder nachrief: "Seine Sohnschaft mag ihm in der Frühe Spaß gemacht haben; später hat sie ihn belastet."
Von der Problematik seiner Existenz hat der Sohn, der zeitlebens vom Elternhaus finanziell abhängig blieb, später romanhaft ("Der Vulkan") und autobiographisch ("Der Wendepunkt") Zeugnis gegeben. Seine Briefe, 1975 in zwei Bänden erschienen, sprechen davon. So werden die jetzt erscheinenden Tagebücher Kennern seines Werkes nicht durchweg neue Aufschlüsse bieten. Wert und Reiz der Notizen liegen vor allem in ihrer Spontaneität und Direktheit (siehe Auszüge Seite 203).
Oft nur in Stichworten ist da das Leben des umtriebigen, aber seiner selbst unsicheren Schriftstellers, des nach politischer Orientierung suchenden bürgerlichen Intellektuellen, des durch mancherlei Vergnügungen streunenden Bohemiens festgehalten. Nebeneinander steht etwa "Arbeit am Kindheitsbuch" (der Autobiographie "Kind dieser Zeit"), ein "großes Literatur-Lunch bei Fischers", ein Abend in diversen Bars: "Kleinen Matrosen mit hübschem Hinterkopf an den Tisch geholt, der furchtbar log . . . mit Freddy geschmust. 3/4 2 h zu Hause."
Zu Hause in der Münchner Mann-Villa ist Mutter Katia ("Mielein" oder "M.") meistens "very sweet", Vater Thomas ("Zauberer" oder "Z.") häufig "nicht zum Besten; politisch verstimmt". In einem Lokal werden "am Nebentisch grauslige Nazis" gesichtet. Die Post bringt ein Buch von Gottfried Benn "mit Widmung" für Klaus. Im Kino läuft ein "Schnee- und Schifilm mit der unverträglich miesen Leni Riefenstahl".
Klaus rezensiert Bücher und textet für Erikas Kabarett "Pfeffermühle". Er läßt sich maniküren, liest im Rundfunk, feiert Künstlerfeste ("Alles schwer besoffen. Kommode zertrümmert"). Zum Freundeskreis gehören der Literat Wilhelm Emanuel Süskind und die Schauspielerin Therese Giehse. Mit Bruder Golo führt Klaus ein "interessantes Gespräch erst über politische, dann über erotische Dinge", er wählt im März 1932 "Hindenburg, wohl oder übel" und fragt sich, warum er "soviel und mit so bewegter Antipathie" an den Ex-Freund Gustaf denkt - fünf Jahre bevor er ihm den "Mephisto"-Roman verpaßt.
Mit Erika spricht er über den Kommunismus ("Sind die jungen Russen glücklich?"); mit der Mutter versteckt er "Ostereier im Salon" für die kleinen Geschwister Elisabeth ("Medi") und Michael ("Bibi"). Oft ist er "sehr pleite". Gelegentlich sucht er "im Apothekerschränkchen nach etwas Opi-haftem".
Und abends geht's mit Freund "Babs", einem Schauspieler, der auch Gründgens nahestand, zum Lenbachplatz, dann französisch weiter: "On trouve un garcon, qui s'appelle Narcissus. Avec lui chez B. Tous les trois. Assez drole et vulgaire, mais excitant."*
Über Klaus Manns homosexuellen Umgang grober und feinerer Art gibt das Tagebuch ebenso deutlich Auskunft wie über die andere Gewohnheit, die sein Leben heikel machte: den Drogengenuß. Opium, Morphium, Eukodal-Tabletten und Äther machen ihn high, zahlreiche Eintragungen berichten davon. Nicht immer hat er allein "genommen (3 1/2 Amp.)", mal ist ein kollektives "Großes Nehmen bei E", Schwester Erika, registriert.
Am 31. Januar 1933, Hitler an der Macht, Vater Thomas "ruhiger betreffs Hitler, als angenommen", notiert Klaus: "Mir Spritze gemacht, aber viel daneben." Am nächsten Tag hat er es schon "besser gekonnt", versichert jedoch: "Werde aber aus Trotz kein Süchtiger!"
Wenige Wochen später ist Klaus Mann aus Deutschland, wo bald auch seine Bücher verbrannt werden ("Barbarei bis ins Infantile. Ehrt mich aber"), nach Paris emigriert. Das Tagebuch verzeichnet Begegnungen mit seinem Idol Andre Gide, mit Jean Cocteau, Julien Green und Andre Malraux. Er trifft, im Cafe "Deux Magots" oder im Restaurant "Dome", Exil-Genossen wie Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten und Bertolt Brecht, in Zürich die Dichterin Else Lasker-Schüler und den Philosophen Ernst Bloch.
Der leichthändige, oft kesse Esprit des jungen Literaten verstummt auch in der schwierigeren Lebenslage nicht, aber ernsthafter und mehr als bisher ist nun von Politik die Rede. Das antifaschistische Engagement Klaus Manns verstärkt sich, führt zur Gründung der Zeitschrift "Die Sammlung" in Amsterdam, für die auch Onkel Heinrich Mann schreibt, und gerät in Gegensatz zum "bedenklichen Schwanken" des Vaters, der im provisorischen Schweizer Exil noch zögert, offen gegen Hitler-Deutschland aufzutreten. "Im Stich gelassen", von ihm wie anderen prominenten Exil-Autoren, fühlt sich der Sohn.
Es mehren sich depressive Stimmungen, Zweifel an der eigenen Schriftsteller-Karriere. Viele Aufzeichnungen protokollieren bedrückende, nicht selten masochistisch getönte Träume - mal geistert durch sie des "Zauberers" Tod, mal der verhaßte Hitler, mal, schrecklich bizarr, der verehrte Dichter Stefan George.
Bewegend lesen sich Tagebuch-Passagen, in denen der Autor die Glücksdefizite seines Liebeslebens und seine tiefe Bindung an die Schwester Erika erörtert. Und wiederholt kreisen seine Gedanken um den Freitod, den naher Freunde wie des Malers Richard ("Ricki") Hallgarten und den möglichen eigenen, der ihm "Erlösung" aus einem verunglückten Leben bringen könne.
Noch waren es, in jenem "Jahr von einschneidender historischer Scheußlichkeit", über 15 Jahre bis dahin. Noch lagen Zeiten literarischer Produktivität und kämpferischer Energie vor ihm, noch gab es, so am 27. Dezember 1933 notiert, "immer neue Hoffnungen". Doch unter demselben Datum steht auch: "Zustand der Gefährdung hält an. Gewärtig jeder Katastrophe."
Schon der erste Tagebuch-Band läßt ahnen, wie wenig dem Sorgen-Kind dieser Zeit und Familie zu helfen war. Am 1. Januar 1949, knapp fünf Monate vor seinem Selbstmord, wird er ins Tagebuch eintragen, das er seit 1942 auf englisch führte: "I am not going to continue these notes. I do not wish to survive this year" (Ich werde diese Notizen nicht fortsetzen. Ich habe nicht den Wunsch, dieses Jahr zu überleben).

DER SPIEGEL 17/1989
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