29.05.1989

„Seine Raffgier ist umfassend“

Politik und Geschäfte des Münchner Rechts-Verlegers Gerhard Frey
Die beiden Herren tragen schwer an gemeinsamer Erfahrung: Sie zerstören sich gegenseitig ein Lebenswerk.
Als der Bayernfunk-Journalist Franz Schönhuber 1981 sein SS-Bekenntnis "Ich war dabei" herausbrachte, wurde er vom rechsextremistischen Münchner Pressezaren Gerhard Frey, 56, so lange und laut gelobt, daß sich die öffentlichrechtliche Anstalt kompromittiert fühlte - Schönhuber flog raus.
Frey hatte nach fast 20 Jahren Wühlarbeit endlich die wichtigsten Rechten, seine Deutsche Volksunion (DVU) und die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), unter einem Dach. Da sorgte Schönhuber mit der Erfolgsserie seiner Republikaner für eine neue Zweiteilung des nationalistischen Lagers.
Die beiden Nationalpopulisten liegen mittlerweile in erbitterter Fehde. "Niemals" werde er, verspricht Schönhuber, mit NPD, DVU oder dem "NS-Devotionalienhändler" Frey paktieren. Schönhubers Partei mache sich, gibt Frey zurück, insgeheim mit "Wende-Betrügern" der Union gemein.
Dennoch träumt mancher im Fußvolk von einer großen Allianz. So schwärmt der bayrische NPD-Sprecher und Bundesvorsitzende der Jungen Nationaldemokraten, Karl Heinz Sendbühler: "Schönhubers Charisma, Freys Geld und die Organisation der NPD - und kein Parlament ist mehr vor uns sicher."
Die NPD hat Frey, der Millionensummen für gemeinsame Wahlkämpfe auswirft, auf der gemeinsamen Liste zur Europa-Wahl sogar den Vortritt gelassen: Er kandidiert auf Platz eins, der NPD-Vorsitzende Martin Mußgnug, 53, bescheidet sich mit dem dritten Rang.
Die DVU, die seit 1971 als Verband firmierte und erst vor zwei Jahren als politische Partei angemeldet wurde, umgab sich mit vielerlei Grüppchen wie der "Aktion Oder-Neiße", dem "Ehrenbund Rudel" oder der "Initiative für Ausländerbegrenzung".
Schon immer ließ sich allerdings darüber streiten, ob Frey beim Sammelwerk mehr die politische Mission oder mehr seine geschäftlichen Ziele im Auge hatte. "Frey", behauptet jedenfalls Konkurrent Schönhuber, "ist praktisch nur ein ausgekochter Geschäftemacher."
Seine publizistische Hausmacht unter dem Dach des Druckschriften- und Zeitungsverlags DSZ in München-Pasing wirft Jahresgewinne von geschätzten acht bis zehn Millionen Mark ab. Zu Freys monopolartigem Rechtspresse-Trust gehört neben dem Leitblatt "Deutsche National-Zeitung" ("DNZ") und dem "Deutschen Anzeiger" seit 1986 auch die "Deutsche Wochen-Zeitung", die Frey günstig von der notleidenden NPD übernommen hatte.
Beim DSZ-Verlag in der Pasinger Paosostraße residiert auch die DVU-Parteizentrale mit ihrem Vorsitzenden. Und der versteht es seit langem, die Interessen von DVU-Frey und DSZ-Frey anzugleichen. "Seine Raffgier", sagt ein ehemaliger Verlagsmitarbeiter, "ist umfassend und allgegenwärtig."
Die Leserschaft wird unablässig zu - beitragspflichtigen - Mitgliedschaften in alten wie neuen Gruppen und zu Spenden aufgefordert. Frey ruft sogar dazu auf, DSZ oder DVU im Testament zu bedenken, damit das "national-freiheitliche Lager" gestärkt werde.
Geschöpft wird aus dem Reservoir von Altnazis, Militärtraditionalisten, radikalen Vertriebenen. Teilnehmer von DVU-Veranstaltungen und Abonnenten werden ständig zum Kauf von Büchern, Schallplatten und Videokassetten animiert.
Mit "beinahe sittenwidrigen Gewinnspannen", sagt ein Eingeweihter, vertreibe Frey nebenbei Medaillen "großer Deutscher", etwa von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß oder vom Stuka-Helden Hans-Ulrich Rudel. Die Gedenkmünzen lasse der Verleger beispielsweise in Feingold für rund 220 Mark pro Stück anfertigen und setze sie dann für das Doppelte oder Dreifache ab.
Ein angegliedertes Reisebüro "Deutsche Reisen", das einst der NPD-Veteran Waldemar Schütz auf die Beine gebracht hatte, schickt vornehmlich hochbetagte Kundschaft in die weite Welt, etwa auf die "Spuren der Goten" oder nach "Deutsch-Südwestafrika".
Seine "National-Zeitung" hatte Frey, Sproß einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie aus Cham in der Oberpfalz, einst unter dem Titel "Deutsche Soldaten-Zeitung" erworben. Frey lenkte das Blatt, das ursprünglich von US-Besatzern und Bundespresseamt finanziert worden war, um den neuen westdeutschen Wehrwillen zu wecken, Anfang der sechziger Jahre zielstrebig ins rechtsradikale Spektrum. Die Wochenzeitung polemisierte schrill gegen die "Kriegsschuld-Lüge" und forderte "Generalamnestie" für NS-Kriegsverbrecher.
Als die Zeitung damals lang und breit über die Misere farbiger Hilfstruppen-Veteranen im ehemaligen Deutschafrika berichtete, kam Frey auf die Idee, die Reportage mit einer Spendenaktion zu verknüpfen. Über die unerwartete Flut von Einzahlungen sei der Verleger, wie alte Mitarbeiter berichteten, begeistert gewesen: "Das können wir doch auch für uns nutzbar machen."
Zum eigenen Vorteil hängt sich Frey bisweilen auch bei fremden Aktionen an - so vor Jahren an die Kampagne "Freiheit für Rudolf Heß". Weder der Hilfsgemeinschaft gleichen Namens noch der Familie Heß ist je bekannt geworden, ob Frey das für seine Aufrufe kassierte Geld tatsächlich "für den vorgegebenen Zweck verwendet hat", sagt Heß-Sohn Wolf Rüdiger im bayrischen Gräfelfing. Heß junior fiel auf, daß dieselbe Kontonummer auch für andere Frey-Sammlungen angegeben wurde - eine "unscharfe Trennung", die ihm mißfällt. Heß: "Frey hat mit dem Namen meines Vaters erfolgreich Geld gemacht."
Mittlerweile ist Gerhard Frey längst ein schwerreicher Mann, der sein Geld fast ausschließlich in Immobilien angelegt hat. Er besitzt Mietshäuser in München und Berlin und bewohnt eine festungsartig ausgebaute Villa im Münchner Würmtal-Vorort Gräfelfing, an der gelegentlich Demonstrantengrüppchen vorbeimarschieren.
In Gräfelfing läßt sich Frey, der privat ein Eremitendasein führt und Briefmarken sammelt, nach Auskunft eines früheren Mitarbeiters morgens von seinem Chefbuchhalter Walter Kussin die neuesten Kontoauszüge vorlegen - einschließlich Mitgliederbeitragszahlungen und Spendeneingängen.
Auch in Pasing hat der Patron sein Haus bestellt: Ehefrau Regina hat Prokura; Tochter Michaela, 24, führt die Anzeigen- und Honorarabteilung und "schurigelt", wie Insider berichten, "alte Frontsoldaten" unter den DSZ-Autoren; Sohn Gerhard Frey junior, 20, ist in der Verlagsleitung tätig und macht bereits bei der Partei Karriere. Der junge Frey (Partei-Spitzname: "Baby Doc"), Jura-Student, ist DVU-Kreis- wie Bezirksvorsitzender und kandidiert auf Platz vier für das Europa-Parlament.
Großzügig gibt sich Hausherr Frey senior nur in Ausnahmefällen, etwa bei den Galionsfiguren politischer DVU-Kundgebungen wie dem britischen Historiker David Irving. Der Engländer, der Frey als Aushängeschild für Kriegsschuld- und Auschwitz-Lüge dient, kassiert auch für Auftritte vor nur 50 oder 60 Zuhörern stets einige tausend Mark Honorar und darf mit einem gemieteten Rolls-Royce vorfahren.

DER SPIEGEL 22/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Seine Raffgier ist umfassend“

  • Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa
  • Frust vor Großbritannien-Wahl: "Keiner von denen sagt die Wahrheit"
  • Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: "Ich war ein Idiot"