29.05.1989

PFLANZENSCHUTZPilz im Hopper

In einem Hamburger Reisanbaugebiet entwickelt ein Doktorand, dem der Staat die Förderung verweigert, neue Bio-Strategien zum Schutze des weltweit wichtigsten Nahrungsmittels.
Das Reisanbaugebiet ist mit der U-Bahn zu erreichen. In einem alten Treibhaus des Hamburger Instituts für Angewandte Botanik, direkt neben dem Park "Planten un Blomen", wachsen bei 25 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit hellgrüne Reispflanzen.
Das ganze Jahr sorgt dort Doktorand Georg Hauptmann, 39, für tropisches Klima, in dem er mit einem besonderen Pflanzenschädling experimentiert. "Als mir hier mal eine Scheibe eingeschmissen wurde", sagt Hauptmann, "war es um meine kleinen Hopper geschehen."
Die "Braunrückige Reiszikade" (brown plant hopper), ein millimetergroßes Krabbeltier, ist seit drei Jahren Hauptmanns Forschungsobjekt. Das Insekt richtet jährlich gewaltige Schäden am Reis an, dem weltweit wichtigsten Nahrungsmittel. Mehr als 500 Eier kann ein Hopper-Weibchen, das etwa 57 Tage alt wird, in die jungen Reispflanzen legen. Die Zikade überträgt Krankheiten und entzieht der Pflanze den zuckrigen Saft - das Reisfeld "verbrennt" (Hauptmann).
Schon im 18. Jahrhundert berichteten Chroniken über "katastrophale Ernteausfälle", die auf der japanischen Insel Kyushu zum Tod von 100 000 Menschen führten. Die Zikade, verwandt mit den zirpenden Tieren im Mittelmeerraum, vermehrt den Hunger in der Dritten Welt. Bei der konventionellen Bekämpfung der Reiszikade müssen die unterentwickelten Staaten jährlich Millionensummen für chemische Pflanzenschutzmittel ausgeben.
So exportierten 1988 die deutschen Hersteller von Pflanzenschutzmitteln 122 000 Tonnen Wirkstoffe im Wert von rund drei Milliarden Mark in alle Welt - ein Fünftel davon nach Asien. Auf den Philippinen werben deutsche Chemiekonzerne wie Bayer, Schering oder Hoechst mit großformatigen Schautafeln in den Reisfeldern.
Zwar steigerten neue Reiszüchtungen wie die Sorte IR 56, die angeblich gegen Insektenbefall resistent sind, den Hektarertrag seit 1960 um bis zu 60 Prozent - mehr als in den sieben Jahrtausenden Reisanbau zuvor. Aber auch der "Wunderreis" ("Spektrum der Wissenschaft") ist nicht mehr gefeit gegen die Schädlinge, die sich den Neuzüchtungen ebenso anpassen können wie den immer raffinierteren chemischen Pflanzenschutzmitteln. "Wir brauchen deshalb keine Schädlingsbekämpfung", sagt Biologe Hauptmann, "sondern eine Schädlingskontrolle."
Nach diesem Prinzip gingen Anfang dieses Monats Pflanzenschützer im italienischen Südtirol gegen gefräßige Maikäfer vor. Aus Hubschraubern wurden krankheitserregende Pilzsporen, die sich in der Körperflüssigkeit der Käfer einnisten, über die Obstplantagen gesprüht. Die nächste Generation der Larven wird dadurch reduziert. Diese biologische Methode soll, anders als die Verwendung von Pestiziden, andere Pflanzen und Tiere nicht schädigen.
Auch Hauptmann setzt auf Pilze als biologische Helfer, die nur den Reisschädling befallen und zerstören. Die Grundlagen seiner "Mykoinsektizid-Forschung" lernte der Biologe 1986 an der Cornell University im amerikanischen Bundesstaat New York, die über die weltweit einzige zugängliche Sammlung von speziellen Pilzkulturen verfügt.
Auf eigene Kosten orderte Hauptmann dann das Rohmaterial für seine Reisforschung. Per Luftfracht kamen mehrere Kilogramm einer Spezialsorte Reis und die braunen Zikaden aus dem philippinischen Manila. Seitdem erkundet Hauptmann mit Versuchsapparaturen, Klimakammern und einem Computer-Modell die "Mortalitätsraten" seiner Hopper.
Bei staatlichen Institutionen stieß der Reisforscher allerdings auf Unverständnis. Westdeutsche Fördergelder wurden ihm nicht bewilligt; lediglich die EG finanziert jetzt ein deutsch-britisches Reisprojekt für Hauptmanns Zikaden. Ein Botanik-Professor hatte dem Biologen sogar geraten, die Finger von dem Dissertationsthema zu lassen: "Was wollen Sie denn mit dem Reis?"
Dagegen interessiert sich nun die chemische Industrie für die Bio-Experimente. Im Pflanzenschutzzentrum Monheim der Bayer AG wird ebenfalls an biologischen Nützlingen, etwa an Bodenpilzen gegen Käfer, geforscht. "Der chemische Pflanzenschutz", sagt allerdings der Bayer-Abteilungsleiter für Agrarfragen und Umweltschutz, Jürgen Fröhling, "kann dadurch ergänzt, aber nicht ersetzt werden." Die Bayer-Experten, die selbst eine Halle voller Zikaden halten, meldeten sich gleichwohl bei Hauptmann zur Visite an.
Vorerst will der Forscher jedoch "niemanden hereinlassen": Es gehe um "viel Geld". Der biologische Pflanzenschutz für das Massenprodukt Reis, das nach Schätzung des Internationalen Reisforschungsinstituts in Manila bis zum Jahr 2020 "fünf Milliarden Menschen satt machen" muß, verspricht hohe Gewinne. In den USA gehen denn auch 150 Millionen Mark jährlich in die Forschung, in der Bundesrepublik nur rund fünf Prozent davon.
Hopper-Spezialist Hauptmann, der 1990 mit Freilandversuchen in Thailand und Sri Lanka beginnen will, hofft auf den "großen Durchbruch": "Ich habe mir einen Schädling herausgesucht, der auch ökonomisch relevant ist."

DER SPIEGEL 22/1989
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