04.09.1989

GesundheitErwärmte Herzen

In einem schwäbischen Kurort, stellte ein Badearzt fest, werden viele Kranke noch kränker.
Eine neuentdeckte Thermalquelle saniert die leere Kasse einer Kleinstadt; dann bricht alles zusammen, weil eine Ärztin dem Heilwasser bescheinigt, es rufe bei den Kurgästen "gefährliche Nebenwirkungen" hervor - fiktive Handlung eines Fernsehfilms ("Die Villa") von ZDF und Österreichischem Fernsehen, der demnächst gesendet werden soll.
Was sich der Drehbuchautor da ausgedacht hat, ist im Schwäbischen schon Wirklichkeit: In Urach (11 370 Einwohner), das sich seit 1983 mit dem Titel "Bad" schmückt, fürchten Kommunalpolitiker wie Unternehmer um Ruf und Geld.
Anfang der siebziger Jahre war dort, unter dem Vulkangestein der Schwäbischen Alb, eine heiße Wasserader angebohrt worden - "eine der stärksten und wärmsten Mineralquellen des Landes" (Werbung). Kommunale und private Geldgeber, voran die Uracher Privatbrauerei Olpp, investierten Millionen-Summen: An den westlichen Ortsrand wurde das private Thermalbad mit einem Hallen-, zwei Freiluft- und einem Therapiebecken hingeklotzt, dazu ein "Aquadrom" genanntes "Attraktionsbad", eine "Thermenklinik" und große Hotels, alles garniert mit reichlich Grünanlagen und Parkplätzen.
Die Stadtverwaltung, die bis dahin nur mit properen schwäbischen Wirtshäusern, einer Burgruine und einem Wasserfall mittleren Ausmaßes werben konnte, legte sich eine Kurverwaltung zu. Slogan: "Heiße Quellen und erwärmte Herzen".
Nun wird es in der Badestadt frostig. Professor Siegwart-Horst Günther, 64, vor zwei Jahren als Badearzt in die Stadt berufen, schlug Mitte August in Briefen unter anderem an das Stuttgarter Wirtschaftsministerium und das Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) Alarm. Seit seinem Dienstantritt im Mai 1987, meldete Günther, habe er bei Kurgästen und Patienten "eine Reihe ärztlich nicht akzeptabler Nebenwirkungen" des Thermalwassers beobachtet.
Um seine Behauptungen "wissenschaftlich gesichert belegen zu können", habe er seine Untersuchungen von 2100 Patienten bis zum 31. Januar 1989 ausgewertet. Danach bildeten sich bei einer täglichen "Verweildauer" von 20 Minuten in der Therme "bereits innerhalb der ersten beiden Wochen bei 610 Patienten" - das sind fast 30 Prozent - "eine oder mehrere schwerwiegende Nebenwirkungen".
Günther will vor allem ein Absinken des Blutdrucks beobachtet haben sowie Herz- und Kreislaufstörungen, Hautveränderungen "zum Teil erheblichen Ausmaßes", Infektionen und Pilzkrankheiten, "Zoster- (Gürtelrose-) und Karzinom-Entwicklung", Gallenstein- und Nierensteinbeschwerden, Gelenkentzündungen und Hexenschuß.
Auslöser für all die Gebrechen, mutmaßt Günther, könne eine zu hohe Radioaktivität des Thermalwassers sein. Auch das Institut für Wasser-, Boden- und Lufthygiene des BGA hatte im November letzten Jahres im Ausfluß der Mineralquelle Konzentrationen von Radium, Uran und Radon festgestellt. Die Strahlung entspreche allerdings "durchschnittlichen Werten", so daß "kein Grund für gesundheitliche Bedenken" bestehe.
Günthers kritischer Bericht lag dem BGA damals noch nicht vor. Schon im Juli letzten Jahres aber hatte der Badeprofessor, der auf eine schillernde Karriere zurückblickt, die Kurverwaltung informiert, "daß es durch Anwendungen der Thermalbäder bei einer Vielzahl von Patienten zu drastischen Blutdrucksenkungen kommt" und auch "Hautveränderungen" aufträten.
Zudem hatte Günther den Amtsarzt Ulrich Wolf vom zuständigen Gesundheitsamt in Reutlingen alarmiert. Der sah jedoch damals "keinen Grund", von Amts wegen einzuschreiten. Auch sei es "nicht nötig", in dem Kurprospekt auf die radioaktive Strahlung hinzuweisen, "weil Radioaktivität kein Bestandteil des Wassers ist".
In der offiziellen Analyse des Uracher Thermalwassers (Aussehen: "farblos", Geruch: "schwach stechend", Geschmack: "mineralisch-säuerlich") sind Bestandteile wie Natrium und Kalzium, Chlorid und Fluorid angegeben. Als "Heilanzeigen" werden chronische Gelenkleiden und Erkrankungen der Wirbelsäule genannt, Unfallnachbehandlung und Rehabilitation nach gelenkchirurgischen Eingriffen, auch Prophylaxe vegetativ-nervöser Störungen. Unter den "Gegenanzeigen" stehen im bunten Werbeheft allerdings ausdrücklich akuter Gelenkrheumatismus, frisch entzündliche Prozesse, nicht kompensierte Herz- und Kreislaufkrankheiten, "Krebsleiden und andere maligne (bösartige) Prozesse" - genau solche Leiden, die sich nach Günthers Untersuchungen bei Uracher Kurgästen verschlimmert hatten.
Der Badearzt vermutet, daß viele Patienten nicht gründlich genug voruntersucht werden. Die Uracher Thermalbad-Verwaltung, kritisiert er in einem Schreiben an die für Badeärzte zuständige Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, handele "unverantwortlich". Sie akzeptiere Therapie-Rezepte von Medizinern aus allen Teilen der Bundesrepublik, die weder mit den Besonderheiten der Uracher Quellen vertraut seien noch die Patienten von einem Badearzt untersuchen ließen.
Der Geschäftsführende Gesellschafter der Thermalbad Urach GmbH & Co. KG, der Brauereieigentümer Helmut Olpp, ist seither auf den Professor nicht mehr gut zu sprechen. Der Umsatz in dem Olpp-Unternehmen sei wohl "rapide zurückgegangen", glaubt Günther, "denn ich verschreibe Bäder und Anwendungen nicht für jeden und nicht nach Routine und für Kinder überhaupt nicht mehr".
Im letzten Jahr zählte Bad Urach 380 000 Thermalbad-Besucher: eine sichere Einnahmequelle für die Stadt, ihre Hotellerie und Gastronomie, eine sichere Kapitalanlage für die 1350 Kommanditisten des privat finanzierten und gelenkten Thermalbads.
Olpps Ehefrau Regine hält mit 1,164 Millionen Mark mehr als zehn Prozent der acht Millionen Mark Einlagen, Helmut Olpp ist Mehrheitsgesellschafter der GmbH. Der Bierbrauer räumt gern ein, "daß ich beim Thermalbad das Sagen habe und daß man das in Urach auch weiß".
Die Kritik des Badearztes kommt dem Unternehmer denkbar ungelegen: Die Geschäfte mit der Gesundheit gehen in letzter Zeit ohnehin etwas schleppend.
Der Heilbäderverband des Landes klagt, daß es im ersten Halbjahr einen großen Umsatzeinbruch in den Kurorten gegeben habe: bis zu 30 Prozent weniger Bäder und Massagen, Rückgang der Übernachtungen um zwölf Prozent - Auswirkungen der Bonner Gesundheitsreform, die den Patienten eine Kostenbeteiligung bei den Heilmitteln und eine Kürzung der Zuschüsse für die Unterkunft aufbürdet.
Nun will das Reutlinger Staatliche Gesundheitsamt doch noch eine Überprüfung der Uracher Quellen anordnen, BGA und Stuttgarter Wirtschaftsministerium müssen sich mit Günthers Vorwürfen befassen. Noch gibt sich Thermalbad-Chef Olpp ungerührt: "Ich unternehme gar nichts, wir warten ab." Bis neue Ergebnisse vorliegen, versucht Olpp den Urach-Kritiker Günther madig zu machen. Olpp: "Der Herr ist in Geldschwierigkeiten, das ist doch alles etwas windig."
Dabei war Günther von den Urachern vor zwei Jahren überschwenglich empfangen worden: "Einen größeren Glücksfall für die noch junge Badestadt", kommentierte die Lokalpresse, "hätte es wohl kaum geben können." Nun aber werden genüßlich Details aus Günthers Vergangenheit ausgebreitet.
Der Sohn eines Dorfschullehrers aus Halle hatte nach eigenen Angaben in Jena promoviert und sich 1954 an der Ost-Berliner Humboldt-Universität habilitiert. 1956 wurde der Mediziner zum Professor berufen. Anschließend sammelte Günther allerlei Diplome ausländischer Universitäten, lehrte in Kairo und Damaskus, in London, Liverpool und Glasgow, wurde als Chefarzt an das Behandlungszentrum für Schuppenflechte an der Universität in Jerusalem berufen und nahm eine Gastprofessur für Dermatologie an der Universität New Jersey an.
Eitel dokumentierte Günther, der auch mal Kurarzt im Nordseebad Sankt Peter-Ording war, die Stationen der weltumspannenden Arbeit an den Wänden seiner Praxis. Sie sind mit zahlreichen Fotos geschmückt, die den Professor mit verblichener oder lebender Prominenz zeigen: mit Albert Schweitzer etwa, in dessen Lambarene-Hospital Günther von 1963 bis 1965 als Internist arbeitete, oder mit dem österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, in dessen Anwesenheit Günther 1987 in Wien ein Orden der Malteser-Ritter verliehen wurde.
Den bodenständigen Schwaben stieß auch sauer auf, daß sich der schwierige Günther mit der Thermalbad-Verwaltung fortwährend um Kompetenzen und Finanzen, Rechte und Pflichten stritt. Nun will sich der Kurort nicht länger mit einem Professor schmücken, der sich seinerseits nicht mehr mit den Heilwasserunternehmern herumschlagen will: Ende vorvergangenen Monats hat Günther, drei Jahre vor Ablauf seines Pachtvertrages, die Praxis im Thermalbad aufgegeben - ihm liege, ließ er wissen, unter anderem ein Angebot von allerhöchster Stelle vor: Der Vatikan sähe es gern, wenn er eine Klinik in Damaskus aufbauen würde.
Kurgäste und Kommunalpolitiker müssen sich einstweilen, bis neue Untersuchungen über das Heilwasser vorliegen, mit einem Satz aus dem Prospekt der Kurverwaltung trösten: "Eine Kur kann für jeden zu einer äußerst wertvollen Erfahrung werden."

DER SPIEGEL 36/1989
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