30.01.1989

A-WAFFENHandliche Größe

Bonner Behörden haben 1984 die Ausfuhr von Beryllium in das Atomwaffenland Indien genehmigt. Der Stoff wird beim Bombenbau verwendet.
Das Metall mit dem fremdartigen Namen ist silbrigweiß, ziemlich leicht und ungemein giftig.
Mit einer Zange schoben, an einem Dezembertag des Jahres 1938, die deutschen Physiker Otto Hahn und Fritz Straßmann den mit pulverisiertem Radium vermischten Stoff in ein Messinggestell und legten oben auf die Apparatur ein Papiertütchen mit einem Uran-Präparat - der Versuch begann.
Das Experiment sollte die Welt verändern: Hahn und sein Mitarbeiter entdeckten die Kernspaltung, erster Schritt auf dem Weg zur Entwicklung der Atombombe, der schrecklichsten Waffe der Menschheitsgeschichte.
Das silbrigweiße Beryllium (chemisches Symbol: Be) ist Atomtechnikern noch immer, ein halbes Jahrhundert nach dem Hahn-Experiment, von Nutzen: Weil das Metall im Kontakt mit Alphastrahlern wie Uran und Plutonium Neutronen aussendet, reflektiert und multipliziert, lassen sich damit nukleare Kettenreaktionen anheizen - sowohl beim Starten von Atomreaktoren als auch bei der Zündung der A-Bombe.
Nach Ziffer 0112 der Bonner "Ausfuhrliste B", die den Export von waffenfähiger Nuklear-Ware in Problemländer unterbinden soll, ist die Ausfuhr von Beryllium denn auch strikt genehmigungspflichtig. Trotzdem durfte, wie sich jetzt herausstellt, im Frühjahr 1984 die Hanauer Firma Degussa 95 Kilogramm ausgerechnet in das Atomwaffenland Indien exportieren - Bonn hatte "keine Bedenken".
Der Handel, genehmigt von den freidemokratisch geführten Behörden des damaligen Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff und des Außenministers Hans-Dietrich Genscher, könnte Anlaß zu neuen Irritationen im deutschamerikanischen Verhältnis sein. Wie aus Antragsunterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, hervorgeht, stammte ein großer Teil des Materials aus den USA; die Degussa hat die heiße Ware als Zwischenhändler nach Indien weitergereicht.
Die Transaktion vollzog sich zu einem Zeitpunkt, an dem sich weltweit Gerüchte verdichteten, Indien sei dabei, nach seiner Atombombe auch noch eine eigene Wasserstoffbombe zu entwickeln. Die Lieferung ging an eine Adresse, die, so der westdeutsche Kernwaffenforscher Gerhard Locke, "sehr verdächtig" ist: das Bhabha Atomic Research Centre (BARC) in Trombay nördlich von Bombay.
Das Zentrum rühmt sich gern seiner Nuklear-Entwicklungen auf medizinischem und landwirtschaftlichem Gebiet. Weniger auskunftsfreudig sind die Inder, wenn es um den militärischen Teil ihrer Forschungen geht.
Was die Atomreaktoren in Trombay an Plutonium - dem Stoff, aus dem die Bombe ist - erbrüten, ist den internationalen Safeguards-Kontrollen entzogen. Fest steht jedoch, daß das Material für Indiens erste Kernzündung 1974 aus Trombay stammte. Die derzeitige Plutonium-Produktion dort schätzen US-Experten auf etwa 25 Kilogramm pro Jahr.
Merkwürdig: Bonner Ministerien wischten gleichwohl jeden "Verdacht einer mißbräuchlichen Verwendung des Berylliums im Nuklear-Bereich" beiseite, als sie, am 15. März 1984, dem Degussa-Handel per Formblatt die Freigabe erteilten. Auch die Degussa, an der eine Tochterfirma des Waschmittel-Unternehmens Henkel sowie die Dresdner Bank Anteile halten, wollte, am Freitag letzter Woche, nichts Verwerfliches an dem Indien-Deal finden. Die Lieferung sei schließlich, so Firmensprecher Hans-Joachim Nimtz, "mit amtlicher Genehmigung erfolgt".
Am 21. Oktober 1983 nahm das Bundesamt für Wirtschaft (BAW) den ersten von zwei Ausfuhranträgen des Hanauer Unternehmens entgegen. Nur vier Monate zuvor, im Juni 1983, hatte die Reagan-Regierung alle einschlägigen US-Lieferungen nach Indien gestoppt - Geheimdienste registrierten damals intensive Anstrengungen der Inder, einen zweiten Nuklear-Versuch zu starten, womöglich mit einer Wasserstoffbombe.
Ähnliche Meldungen verbreitete, fast zwei Jahre später, auch der Bundesnachrichtendienst (BND). Das "Kernforschungszentrum BARC in Trombay", warnten die Pullacher in einem Geheimbericht vom Mai 1985, sei vom indischen Verteidigungsministerium angewiesen worden, "die Arbeiten zur Entwicklung einer Kernfusionswaffe (Wasserstoffbombe) weiterzuführen".
In der Rubrik "Verwendungszweck" hatte die Degussa in ihrem Ausfuhrantrag "Forschungs- und Entwicklungsarbeiten" beim Schmelzen, Verdichten und Gießen von Beryllium angegeben, das häufig auch für Legierungen verwendet wird. Bestellt worden war Material von "hohem Reinheitsgrad", mindestens 98 Prozent. Den Antragsunterlagen fügte die Degussa ein Telex des indischen Atomministeriums bei. Darin behauptete ein Regierungsvertreter schlankweg, in Indien gebe es "kein Programm zur Herstellung von Kernwaffen".
Die damals georderte Berylliummenge macht nach Expertenansicht Sinn: 95 Kilogramm - das sei "eine handliche Größe für an die 20 Bomben", urteilt Waffenforscher Locke.
Beim Bau einer Wasserstoffbombe kann das Metall als Mantel um den radioaktiven Kern gelegt werden. Erwünschter Effekt: Die neutronenvermehrenden Eigenschaften des vergleichsweise billigen Berylliums verringern, so Locke, den Bedarf an kostbarem Plutonium "etwa um den Faktor zwei".
Den Bonner Fachleuten kann diese Nutzungsmöglichkeit nicht verborgen geblieben sein: Davor, daß das Metall "als Neutronenreflektor zum Bau von Kernwaffen verwendet werden" kann, hatten Experten aus dem Bundesforschungsministerium bereits ausdrücklich gewarnt, als sie im Februar 1980 einen Ausfuhrantrag für 60 Kilo Beryllium-Nitrat nach Indien zu beurteilen hatten.
Lediglich deshalb, weil aus dem Nitrat, wie das BAW vorrechnete, "höchstens 2,637 kg" reines Beryllium gewonnen werden können, wurde die Genehmigung seinerzeit erteilt.
Für den Bau von Bomben, so hatten die Fachleute aus dem Forschungsressort festgehalten, benötige Indien schon "Kilogramm-Mengen". Die wurden, vier Jahre später, dann ja geliefert - nahezu zwei Zentner.

DER SPIEGEL 5/1989
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