31.07.1989

JAPANWare Frau

Von der Küche zur Politik: Erstmals haben Japanerinnen eine Wahl entschieden.
Ministerpräsident Sosuke Uno, seit seinem Amtsantritt vor erst knapp zwei Monaten als Geisha-Freund weltbekannt, wollte sich aus dem Wahlkampf heraushalten.
Nur einen einzigen öffentlichen Auftritt, drei Tage vor der Wahl zum japanischen Oberhaus am vorletzten Sonntag, gönnte sich Uno. Es wurde ein Fünf-Minuten-Debakel. Mehrere hundert Frauen sangen ihn nieder: "Wer Frauen zum Narren hält, zerstört sich selbst, Herr Ministerpräsident. Bitte, treten Sie zurück!"
Das war höflich artikuliert, gleichwohl ein beispielloser Affront in Macho-Japan, wo nach überkommener Vorstellung Frauen sich um Kinder und Küche zu kümmern, den angeblichen Ernst des Lebens aber gefälligst dem Mann zu überlassen haben. Vor kurzem noch befand Landwirtschaftsminister Hisao Morinouchi knapp, Frauen seien in der Politik "unnütz".
Vergangenen Montag aber ging der gesungene Frauenwunsch in Erfüllung: Mit Tränen in den Augen und, wie der Korrespondent der Londoner "Times" beobachtete, dem leeren "Blick eines Mannes, der gar nicht begreift, wie ihm so schnell geschieht", stotterte Sosuke Uno in Reportermikrophone: "Ich habe beschlossen, als Ministerpräsident dieses Landes zurückzutreten. Das ist meine Art, Verantwortung zu übernehmen."
Tags zuvor hatten Japans Wähler ihr Urteil über die Regierung und die sie tragende Liberaldemokratische Partei (LDP) abgegeben - und als Uno seinen Abschied ankündigte, wußte er noch nicht einmal, wie vernichtend dieses Urteil ausgefallen war.
Die Hälfte der 252 Mandate des Oberhauses stand zur Wahl. Seit ihrer Gründung 1955 hatte die LDP das Oberhaus mit absoluter Mehrheit beherrscht; 69 Oberhaussitze hatte sie bei der Wahl zu verteidigen. 54 Mandate brauchte die Partei, um insgesamt ihre absolute Mehrheit zu behaupten. Doch nur 36 LDP-Kandidaten überstanden den Test.
Eine so niederschmetternde Schlappe hatte die LDP, die seit Jahrzehnten praktisch ganz Japan als ihren politischen Erbhof verwaltet, noch nicht erlebt. "Gara" seien die Ergebnisse, meinte ein Ex-Premier, wie ein "unkontrollierbarer Börsencrash".
Schon seit längerem hatte sich Unmut über Postenschacher, Korruption und Arroganz der LDP-Fürsten breitgemacht, die Politik unverhohlen vor allem zum eigenen Vorteil trieben.
Seit vorigem Sommer hatte der sogenannte Recruit-Skandal Japan in Atem gehalten: Dutzende von LDP-Politikern, darunter sogar der damalige Premier Takeshita, hatten sich von dem Immobilienkoloß Recruit mit Millionenbeträgen schlicht kaufen lassen.
Da fast die gesamte Führungstruppe der LDP, durch Recruit belastet, abdanken mußte, sollte als letztes Aufgebot der vermeintliche Saubermann Uno das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen. Doch als Uno schon wenige Tage nach Amtsantritt in der Presse als lüsterner Weiberheld gehandelt wurde, der "die Ware Frau kauft", war klar, daß das Unterfangen scheitern mußte - vor allem an den Frauen.
Zu der moralischen Entrüstung vieler Japanerinnen über die "schmutzigen alten Männer" der LDP kam der Frust der Erkenntnis, daß die Frauen den hochfahrenden Chefs gerade der Regierungspartei als Wähler bisher recht gleichgültig waren.
Dazu gehört etwa die Steuerreform, welche die LDP gegen heftigen Widerstand aller Oppositionsparteien im Parlament durchboxte: Sie brachte den Japanern die bis dato im ostasiatischen Inselreich unbekannte Mehrwertsteuer in Höhe von drei Prozent.
Daß alles teurer würde, erboste vor allem die Hausfrauen. Denn Japans Männer gehen nicht oft einkaufen. Nach Väter Sitte liefert der Mann daheim seine Lohntüte ab und erhält von seiner Angetrauten ein Taschengeld. Die Kontrolle über das Haushaltsgeld liegt bei der Frau.
Die Mehrwertsteuer, seit dem 1. April in Kraft, "hat die Frauen stärker als irgend etwas zuvor politisiert", sagt der Kritiker Hisao Imai.
Der Zorn der Hausfrauen mußte zwangsläufig der Sozialistischen Partei zugute kommen. Denn an ihrer Spitze steht eine Frau, die es geschickt verstanden hat, sich als Wortführerin in die Frontlinie des Steuerprotests einzureihen und mit ihrem biederen Charme als "gewöhnliche Hausfrau" zur Identifikations- und Leitfigur von Millionen Japanerinnen zu werden: Takako Doi, 60.
Vor fast drei Jahren war Takako Doi als Verlegenheitskandidatin zur Vorsitzenden der ideologisch verkrusteten und verzankten SPJ gekürt worden. Die ehemalige Jura-Professorin, Fachgebiet Staatsrecht, erwies sich als Glücksgriff für die Partei - auch wenn ihr der LDP-Minister Morinouchi die Befähigung abspricht, je "eine Regierung zu leiten, weil sie unverheiratet und kinderlos ist und keinen Haushalt geführt hat".
Frau Doi ging zielstrebig daran, der SPJ ein neues Wählerpotential zu erschließen: die Frauen, fast 53 Prozent der 86 Millionen japanischen Wahlberechtigten. Das Beispiel der einzigen Frau an der Spitze einer japanischen Partei gab den Frauen Selbstbewußtsein.
"Frauen fühlten, daß sie Stellung beziehen, sich artikulieren und etwas tun mußten, sonst würde sich nichts ändern", sagt Frau Doi. Und: "Ich habe festgestellt, daß die Frauen die Hauptopfer der LDP-Politik sind." Die SPJ-Abgeordnete Manae Kubota meint, Dois Aufstieg in der Partei habe "umfassende gesellschaftliche Wirkung".
Daß sich die Hausfrauen-Strategie bei dieser Wahl für die Sozialisten auszahlte, ist nicht Frau Dois Verdienst allein. Die SPJ hatte auch mehr weibliche Kandidaten für das Oberhaus aufgestellt als jede andere Partei.
Auf elf der insgesamt 46 gewonnenen Parlamentssessel sitzen fortan Sozialistinnen. Harumi Inui, ehemalige Lehrerin aus der Präfektur Tokushima, hat für das Rezept eine einfache Formel: "Ich werde unsere Botschaft aus der Küche in die Politik einbringen."
Die "Revolution in der Küche", so die Abgeordnete Kazuo Shinsaka, hat der Sozialistischen Partei erstmals in ihrer Geschichte bei einer landesweiten Wahl mehr Stimmen gebracht als der dauerregierenden LDP. Ausschlaggebend dafür war, meint der Soziologe Yukio Akatsuka, daß die Vorsitzende Takako Doi Japans Frauen dazu gebracht habe, "unabhängige Wähler statt passive Wähler" zu sein, die "nicht mehr nur von der Meinung ihrer Männer beeinflußt" sind.
Dem Leitartikler von "Asahi Shimbun" verschlug es schier die Sprache: Die Demütigung der Liberaldemokraten sei "der erste grundlegende Strukturwandel in der Nachkriegspolitik Japans".
Noch hat die LDP im politisch wichtigeren Unterhaus, das etwa allein den Premier wählt, internationale Verträge ratifiziert und den Staatshaushalt verabschiedet, eine komfortable Mehrheit von rund 60 Prozent. Doch die könnte schon bald bröckeln.
Spätestens im nächsten Sommer sind Unterhauswahlen fällig - und die Zeichen stehen schlecht für die LDP.
Vielleicht könnte die LDP, machte sie denn Ernst mit ihrer oft versprochenen Selbstreinigung, unter einem neuen, glaubwürdigen Partei- und Regierungschef das Ruder noch einmal herumreißen. Doch woher diesen nehmen? "Wer sagt, er wisse, wer nächster Premier wird, lügt", kommentiert ein hoher LDP-Funktionär, "wir wissen nicht, wo es langgeht."
Das läßt die Sozialisten hoffen, in naher Zukunft nicht nur einen Zipfel der Macht zu erobern, sondern die LDP womöglich ganz abdrängen zu können. "Wenige Japaner nur glauben an den Sozialismus", meint der Politologe Masataka Kosaka von der Universität Kyoto, aber zum erstenmal sei "Japan ganz ruhig bei dem Gedanken an eine sozialistische Regierung".

DER SPIEGEL 31/1989
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