02.10.1989

KontakteKann auch anders

Die unterbrochenen Gespräche zwischen Sozialdemokraten und Einheitssozialisten kommen wieder in Schwung.
Manchmal", sagt der Mann im dunklen Anzug im Stuttgarter Landtag, habe er sich schon gefragt, warum er nicht Leiter eines Kabelwerkes geworden sei. Da wisse man am Abend wenigstens, "wie viele Meter man am Tag geschafft hat".
Doch vor 40 Jahren hat sich Hans Modrow anders entschieden. Der gelernte Maschinenschlosser ist Funktionär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) geworden. Inzwischen als SED-Chef von Dresden einer der Mächtigen der DDR, muß er verdammt aufpassen, daß ihn die vier Tage als Gast der Sozialdemokraten im Ländle nicht um Meilen zurückwerfen.
Es ist schon vertrackt: Nicht wenige im Westen, aber auch im Osten würden den 61jährigen, der seit langem mit den Etiketten "Reformer" und "Hoffnungsträger" der SED behaftet ist, nur zu gern als Kronzeugen gegen die Betonköpfe in der DDR-Führung sehen. Doch die alten Männer der Staatspartei achten mit Argusaugen auf jeden Schritt ihres Mannes aus Sachsen.
Gefährlich wird es, als Journalisten von Modrow wissen wollen, ob er in seiner Heimat als "Gorbatschow der DDR" gelte. Hat nicht vor kurzem erst Egon Bahr, der alte Fuchs der Deutschlandpolitik, gesagt, den "möglichen deutschen Gorbatschow" gebe es schon. Nur: "Wir dürfen ihn gar nicht kennen." Der Mann könne "den Kopf nicht aus dem Fenster stecken, sonst kriegt er ihn abgehauen".
Modrow tappt in keine Falle. Auch diesmal hilft ihm seine Fähigkeit, mit freundlichem Lächeln zuzuhören, wenn Gesprächspartner ihn aufs Glatteis führen wollen. Er zügelt seine Eitelkeit.
"Ich lege Wert darauf", belehrt er seine Gastgeber von der SPD, daß "eine Delegation der Bezirksleitung Dresden" zu Besuch sei und "daß hier nicht einer alleine gekommen ist". Kein nationaler Hoffnungsträger will er sein, kein einsamer Eisbrecher im frostigen Gesprächsklima zwischen SPD und SED.
Immerhin: Der Gesprächsfaden, der nach der Ausladung der Sozialdemokraten vor zwei Wochen abgerissen war, ist wieder geknüpft. Der Dialog, versichert Modrow, müsse "nicht nur hier in Baden-Württemberg, sondern auch auf weiteren Ebenen" fortgeführt werden.
Die Gastgeber, die gern die historische Karte spielen, hören das mit Freuden. Dieter Spöri, SPD-Oppositionschef in Stuttgart, sagt den Abgrenzern in seiner Partei deutlich: "Die Formel ,Wandel durch Abstand' widerspricht den Interessen der Menschen."
Noch jemand hilft Hans Modrow bei seiner schwierigen Mission im Westen: sein "Freund Mischa Wolf". Wann immer der SED-Bezirkschef mit Fragen zur Ausreisewelle und zu Reformen in der DDR bedrängt wird, kann er sich darauf zurückziehen, was der Ex-Geheimdienstchef der DDR kurz zuvor in einem Interview der Süddeutschen Zeitung erklärt hat.
Er sei "schon der Meinung, daß man über die Ursachen sehr gründlich nachdenken, auch darüber sprechen muß". Als Modrow diese Formel fast wörtlich übernimmt ("Dinge, über die wir nachzudenken haben"), sind die Bundesdeutschen zufrieden. Zumal die SED-Zeitung Neues Deutschland wie zum Beweis der Halsstarrigkeit der SED-Spitze just jene Passage in ihrem Bericht über den Modrow-Besuch unterschlägt.
Doch der clevere SED-Mann hat mit Hilfe seines Freundes Mischa nur die unsichtbare weiße Linie gezogen, die er während seines ganzen Besuches nicht mehr überschreiten wird: Kein unbedachtes Wort zu dem deutsch-deutschen Drama kommt ihm über die Lippen.
Modrow ist ein gebranntes Kind. Zu oft hat sich der "pommersche Dickschädel" (Modrow über Modrow) unbeliebt gemacht. Der Sohn einer Arbeiterfamilie diente sich über den Jugendverband FDJ und mehrere Studien nach oben. 1967 - mit 39 Jahren - saß der Aufsteiger im ZK der Staatspartei, übernahm 1971 gar die Abteilung Agitation des Zentralkomitees der SED.
Dann kam der Knick. 1973 wurde Modrow ins sächsische Dresden abgeschoben und wartet bis heute auf das, was einige Bezirksfürsten der SED schon haben: Sitz und Stimme im innersten Zirkel der Macht, dem Politbüro der SED.
Mag sein, daß den Oberen in Ost-Berlin Modrows Lebensstil nicht paßt, der ihn fast zum Paradiesvogel unter den SED-Führern macht: Der Mann aus Dresden liebt das einfache Leben. Seit seinem Dienstantritt in Sachsen weigert er sich beharrlich, in die SEDeigene Dienstvilla einzuziehen; erst kürzlich hat er mit den Mitbewohnern seines Mietshauses ein Fest gefeiert.
Der Funktionär mit dem Dienst-Citroen fährt privat einen russischen Lada und ist stolz darauf, seine "Autofahrer-Karriere" mit einem Trabi begonnen zu haben. Und während viele seiner Funktionärskollegen ohne separate Devisen-Läden mit westlichem Überflußangebot nicht leben können, sind er oder seine Frau eher in der "Kaufhalle" zu finden.
Soviel Bescheidenheit kommt an im DDR-Volke. Die SED-Spitze reibt sich aber auch an seinen Ansichten. Als neben DDR-Bischöfen und West-Medien auch noch die Sowjets anfingen, Modrow als einen Funktionär im Sinne Michail Gorbatschows zu loben, schwante dem Böses. Solche Hymnen, stöhnte er, "machen mich noch kaputt".
Beinahe wäre es soweit gekommen. Mit fast 100 Mann rückte Anfang dieses Jahres eine Untersuchungskommission des ZK der SED in Dresden an, um Modrows Laden zu filzen. Das vernichtende Urteil war im Juni im Neuen Deutschland nachzulesen: Mangelhafte "politische Massenarbeit" sei der Partei an der Elbe vorzuwerfen, Schludrigkeiten und Eigenmächtigkeiten gegenüber der Ost-Berliner Zentrale.
Das endgültige Aus für Modrow bedeutete der Verriß der Zentrale nicht. Der Mann aus Dresden ist nicht so einfach zu entmachten. Er hat auf seinem Weg durch die Parteiorganisationen viele Freunde im Apparat gesammelt.
Aber auch die Modrow-Fans im Westen mußten geschockt zur Kenntnis nehmen, daß der "Hoffnungsträger" auch anders kann. Als sich die DDR-Delegation in Stuttgart hinter verschlossenen Türen mit der SPD-Landtagsfraktion traf, schlug der Dresdner SED-Chef ungewohnt scharfe Töne an, die in dem Vorwurf gipfelten, die Massenflucht über Ungarn sei ein "inszeniertes Abwerbekomplott" der Bundesrepublik gewesen. Der Gast, so ein Abgeordneter später enttäuscht, habe "zu 90 Prozent nur Parteichinesisch" von sich gegeben.

DER SPIEGEL 40/1989
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