31.07.1989

„Wir müssen diesen Wahnsinn stoppen“

SPIEGEL-Redakteur Martin Kilian über die radikale Umweltschutzgruppe Earth First in den USA
Zu viert lauerten sie am Fuß eines Strommastes, einsame Gestalten in der Wüste Arizonas. Es war ein heißer Tag Ende Mai, die Sonne ging in glühenden Farben unter.
Plötzlich erhellte das grelle Licht einer Leuchtbombe die Einöde. 30 FBI-Beamte hatten die vier umstellt: Hunde bellten, ein Hubschrauber dröhnte.
Zwei der verhinderten Attentäter, Mark Davis und Marc Baker, wurden sofort festgenommen, ihrer Komplicin Peg Millett gelang die Flucht bis zur nächsten Landstraße, wo sie per Anhalter das Weite suchte. Der vierte war, wie sich in jener Nacht herausstellte, ein Undercover-Agent des FBI namens Mike Tait gewesen.
Millett, Davis und Baker sind Missionare in Sachen Umwelt, denen die Staatsanwaltschaft vorwirft, sie hätten nicht nur die Überlandleitung in der Wüste, sondern auch Atomkraftwerke angreifen wollen. Als "Öko-Terroristen", Mitglieder der radikalen Umweltschutzgruppe Earth First, stuft sie das FBI ein.
Bei der Definition von Terror allerdings ist die Staatsgewalt auch in den USA nicht zimperlich. Einen Terrorakt etwa begeht in den Augen des FBI-Beamten David Small jeder, "der aufgrund politischer oder sozialer Ziele gegen Bundes- und Staatsgesetze oder lokale Vorschriften verstößt" - ein engmaschiges Netz, in dem sich Bürgerrechtler Martin Luther King mit seinem zivilen Ungehorsam gewiß verfangen hätte. Jetzt fiel es über die drei vom Wüsten-Kommando und über David Foreman, den Kopf von Earth First. Die Anklageschrift wirft ihm vor, Teil einer "Verschwörung" gewesen zu sein.
Noch nie haben Strafverfolger in den USA so hart gegen Umweltschützer zugeschlagen, andererseits aber haben amerikanische Umweltschützer auch noch nie so offen die Sprengung von Strommasten sowie das Übermalen und Absägen großflächiger Werbeschilder entlang der Highways propagiert. "Wir haben die Landschaft befreit und Reklametafeln geerntet", pflegen Earth-First-Aficionados zu sagen.
Was sie sonst noch ankündigen - die Zerstörung von Planierraupen und Langholz-Lastwagen etwa -, stand ebenfalls nicht im Öko-Brevier der amerikanischen Umweltschutzbewegung, bevor Earth First diese subversiven Ideen im Westen verbreitete.
Mit einer Nacht Verspätung fing das FBI dann auch noch Peg Millett, eine Halbschwester der Feministin Kate Millett. Im Gefängnis der Staatshauptstadt Phoenix sitzt sie jetzt in Untersuchungshaft.
Öko-Terrorismus? Da weiten sich ihre Augen, und sie gerät in Fahrt: "Absolute Pazifisten sind wir und, egal was das FBI sagt, wir wollen niemanden verletzen. Das FBI", bricht es aus ihr heraus, "lügt, sie wollen dich einschüchtern."
Nur langsam hatte sich Millett an Earth First herangetastet, zunächst machte das Macho-Image hart trinkender Wildnis-Freaks sie mißtrauisch. Davor hatte sie bei "respektablen" Umweltschutzorganisationen gearbeitet - bis ihr die Geduld riß.
"Ungeheuerlich" nennt sie die Verwüstung des amerikanischen Westens durch habgierige Eroberer, die seine Bodenschätze an sich bringen, die klare Luft über den Wüsten und Wäldern verpesten und am Wochenende mit allradgetriebenen Vehikeln lärmend breite Furchen durch Canyons und Plateaus pflügen.
Den amerikanischen Osten, trauert Earth-First-Mitbegründer Foreman, haben die Umweltzerstörer bereits total an sich gebracht. Jetzt greifen sie nach dem Westen. Im Pazifikstaat Oregon giert die unersättliche Holzindustrie nach den uralten Wäldern. In Colorado, Montana und Wyoming zerstampfen die Hufe zu vieler auf öffentlichem Land grasender Rinder die Prärie, der Abbau von Kupfer, Uran und Kohle zerklüftet Arizona ebenso wie New Mexico und Wyoming.
Peg Millett will "diesen Wahnsinn stoppen". Edward Abbey, ohne den Millett vielleicht nicht im Gefängnis von Phoenix säße, verstand ihre Entschlossenheit. Der exzentrische Schriftsteller und Anbeter der Wüste säte Subversion und sah die Saat noch aufgehen, ehe er, im März dieses Jahres, starb.
1975 hatte er jenen Roman veröffentlicht, der etliche radikale Umweltschützer inspirierte: "The Monkey Wrench Gang" ("Die Universalschraubenschlüssel-Bande"). Er erzählt die Geschichte einer Guerilla von vier zivilisationsmüden Anarchisten, die den Westen in einen Urzustand zurückversetzen wollen - ohne Staudämme und Straßen, Reklameschilder und Touristen.
Der Glen-Canyon-Damm am Colorado im Norden Arizonas hat es den vieren besonders angetan. So kniet einer aus der Gruppe oben auf dem riesigen Betonblock nieder und fordert per Stoßgebet "ein kleines Präzisionserdbeben".
Als der Himmel sie nicht erhört, beginnt die Viererbande mit Schraubenschlüsseln, Dynamit und allerlei anderem bösartigen Material selbst zu hantieren: "Monkeywrenching", Sabotage gegen Forstleute und Sägewerkbesitzer, ja gegen jeden, der sich in ihren Augen am Wilden Westen verging, zog fortan etliche tatendurstige Umwelt-Aktivisten in seinen Bann.
Abbey hatte in seinem Roman eine explosive Mixtur aus den Gedanken von King Ludd, dem englischen Maschinenstürmer des angehenden 19. Jahrhunderts, und dem klassischen Western-Outlaw gebraut: John Wayne schießt die häßliche Industriegesellschaft in Stücke.
"Keine Autos mehr in den Nationalparks", donnerte Abbey. Er empfahl statt dessen als Transportmittel "Pferde, Fahrräder, Maultiere, Wildsäue - alles, nur keine Autos".
Foreman war ein Freund Abbeys und hat nach eigenen Worten "mit Ed zusammen Monkeywrenching gemacht". Unter jener Stromleitung in der Wüste, die Peg Millett ins Gefängnis brachte, stand er zwar nicht. Doch die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, den geplanten Anschlag mit 680 Dollar finanziert zu haben.
Ankläger Roger Dokken schleudert ihm entgegen, er sei der "Schlimmste in der Gruppe", denn Foreman schleiche "im Hintergrund herum", ja er sei gar "eine Art Guru, der diese ganze Sache erst ins Rollen gebracht hat".
Die Sache "ins Rollen" gebracht zu haben ist Foreman gerade recht. Ende der siebziger Jahre arbeitete er in Washington, um sich bei Kongreßabgeordneten und Senatoren für den Schutz der amerikanischen Wildnis einzusetzen. Verbittert gab er auf und ist seitdem überzeugt, die großen Umweltverbände des Landes seien zu kompromißlerisch, ihre Vertreter Stubenhocker und Yuppies.
Foreman dagegen, untersetzt und kräftig, ist Bogenschütze, Maultierpacker, Hufschmied - ein Jäger und Sammler im Zeitalter der Fertigpizza.
1980 tut er sich mit Gleichgesinnten zusammen, darunter urigen Kerlen wie dem Wildnisführer Howie Wolke oder dem Umwelt-Radikalen Mike Roselle. Der höhnt über die Umweltschützer in Washington, die Wildnis sei für sie "so etwas wie Disneyland, wohin man sich begibt, nachdem der Computer ausgeschaltet und die Eigentumswohnung gut verriegelt ist".
Die anderen Ökologen mögen Anthropozentriker sein - für Foreman und seine Freunde ist der Mensch "nur eine von tausend Arten, nicht mehr und nicht weniger als ein Grizzlybär".
Daß die Menschheit "ein Drittel der photosynthetischen Fläche der Erde für sich und ihren Anbau braucht", findet Foreman "wahrhaft übertrieben". Der Mensch und seine Maschinen, so verlangen die Earth-First-Gründer, müßten zurückgedrängt werden. Der Universalschraubenschlüssel liegt griffbereit, Ziele bieten sich zuhauf.
Die Saboteure verstehen sich als "Ökoteure"; nicht Sabotage, sondern "Ökotage" wollen sie begehen. Gegenüber jetzt mageren zwei Prozent soll die Wildnis nach dem Willen von Earth First bald wieder zehn Prozent Amerikas überwuchern.
Mindestens 12 000 Anhänger hat Earth First gewonnen, und Foreman ist stolz darauf, daß unter ihnen "mehr vorzeitige Schulabgänger und Arbeiter sind als bei den anderen, gemäßigteren Umweltschutzgruppen".
Mitgliederlisten werden wohlweislich nicht geführt. Dezentral und oft im Untergrund ringen die Ökoteure mit der Industriegesellschaft, und Abbeys Schraubenschlüsselbande liefert ihnen die Inspiration. Anleitung bietet ein Handbuch, betitelt "Öko-Verteidigung: Ein Führer zum Gebrauch von Universalschraubenschlüsseln", worin Meister Foreman das Fällen von Strommasten ebenso sachkundig abhandelt wie das Einfüllen von Sand in die Hydraulik riesiger Bulldozer.
Nichts versetzt die Maschinenstürmer so in Rage wie die Holzindustrie. Sie betreibt "ökologischen Holocaust", die Beamten des US-Forstschutzes sind "Baum-Nazis". "Wir beschuldigen Brasilien, den Regenwald zu vernichten, aber schauen Sie mal, was wir mit unseren Forsten machen", poltert Foreman.
Earth-First-Waldfreunde trotzen anrückenden Holzfällerkolonnen, indem sie sich, ausgiebig mit Proviant versehen, im Astwerk alter Baumriesen niederlassen. "Uns aus 30 Meter Höhe zu fällen getrauen die sich nicht, und Feuerwehrleitern gibt es keine im Forst", freut sich einer, der es gemacht hat.
Wirksamste Waffe im Kampf der Ökoteure gegen die Mörder des Waldes aber ist der Nagel. Heimlich treiben sie in Bäume, die zur Holzernte freigegeben wurden, ihre "Spikes" ein. Dann ergeht eine anonyme Warnung an den Holzfällerbetrieb. Der muß dann mit Metalldetektoren in den Wald ziehen, um die vernagelten Bäume zu entdecken, klagt Cathy Baldwin vom Holzgiganten Willamette Industries in Portland im Staat Oregon.
Die Frage, was Willamette gegen die Ökoteure zu tun gedenke, empfindet Baldwin als dumm: "Wie wollen Sie denn sieben Millionen Hektar bewachen?" Auch Metalldetektoren haben ihre beste Zeit bereits hinter sich, setzt doch die Avantgarde der Täter zunehmend Quartz-Spikes ein.
Als so bedrohlich empfinden Politiker aus den betroffenen Staaten des Nordwestens der USA den Nagelschlag inzwischen, daß sie im Herbst 1988 im Kongreß ein Gesetz durchdrückten, das den Attentätern Gefängnisstrafen androht.
Nicht nur Wald und Wildnis sind das Schlachtfeld der Ökoverteidiger geworden. Düster kündigte das Earth-First-Journal 1988 an: Es sei "an der Zeit, unsere gefesselten Flüsse zu befreien" und die Dämme, "diese Monster aus Zement", zu zerstören. Schon bei einer ihrer ersten Aktionen im Frühjahr 1981 hatten Aktivisten auf dem Glen-Canyon-Damm schwarze Plastikfolie ausgerollt, um einen Riß vorzutäuschen - dem örtlichen Sheriff war nicht zum Lachen zumute.
Ein Damm wurde noch nicht gesprengt, aber niemand weiß, wie viele Baumaschinen den Ökoteuren schon zum Opfer fielen. Sabotage dieser Art wurde nach Angaben der Behörden mittlerweile in allen Bundesstaaten westlich des Mississippi begangen.
Auch Landvermesser stehen auf der Feindliste von Earth First. Foreman-Freund Howie Wolke etwa wurde im Staat Wyoming zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil er Vermessungsmarkierungen für eine geplante Forststraße immer wieder entfernt hatte.
Besonderen Wagemut bewiesen zwei Earth-First-Kämpfer im Januar in der Colorado-Hauptstadt Denver: Zehn Stockwerke über dem Festumzug des Viehzüchterverbandes entfalteten sie, selbst an einem Seil zwischen zwei Häusern hängend, ein Banner mit der Aufschrift "Vieh zerstört öffentliches Land".
Nur mit Mühe konnte verhindert werden, daß ein erboster Hausmeister mit dem Schrei "Ich möchte die auf die Straße platschen sehen" das Seil kappte.
Derlei Parolen machen Earth First nicht nur bei den "Ausbeutern der Erdmutter" unbeliebt. Als "Öko-Faschisten" beschimpfte sie der US-Grüne Murray Bookchin. "Terroristen, die unter voller Anwendung der Gesetze bestraft werden sollten", sieht Jay Hair, der Vorsitzende der Umweltschutzorganisation National Wildlife Federation, in den Öko-Kriegern. Wie Hair fürchten auch andere Naturschutzverbände um ihren Ruf, wenn dem Treiben der Aktionisten nicht Einhalt geboten wird.
Noch rabiater drücken sich Politiker aus: "Rettet die Wirtschaft Montanas, nagelt einen Earth-First-Menschen", schäumte der konservative Kongreßabgeordnete Ron Marlenee. "Wenn wir mit den Umweltschützern fertig sind", drohte der Parlamentarier aus Montana, "werden sie wie ein Haufen Pferdeäpfel aussehen."
1986 war das FBI erstmals aufmerksam geworden, nachdem Unbekannte versucht hatten, die Stromzufuhr zum Arizona-AKW Palo Verde zu unterbinden. Der Verdacht fiel auf Earth First. Von da an, glaubt Aktivist Roger Featherstone, habe die Bundeskripo die Umweltschützer unterwandert.
Lauschangriffe folgten: Das FBI habe Peg Milletts Haus "unter Berufung auf Gesetze abgehört, die eigentlich zur Bekämpfung der Mafia erlassen wurden", weiß Milletts Anwalt Mike Black.
Hinterhältiger war die Einschleusung des FBI-Mannes Mike Tait, der sich mit Peg anfreundete. "Sogar zum Tanzen sind wir gegangen", sagt sie kopfschüttelnd. Am ersten Hafttag sah sie im Gefängnis-TV "eine Szene mit Judas, der Jesus gerade einen Kuß gab, und da bin ich . . ." - der Rest des Satzes bleibt ihr in der Kehle stecken.
Schuldgefühle befallen den FBI-Agenten natürlich nicht. Dem Gericht ließ der bislang nicht aufgetretene Tait ausrichten, Peg Millett und ihr Mitangeklagter Mark Davis hätten ihm gestanden, einen Skilift zerstört sowie die Stromzufuhr zu einem Uranbergwerk in der Nähe des Grand Canyon unterbrochen zu haben. Nicht die Gruppe, sondern Agent Tait, erwidert Earth First, habe auf wuchtigere Ökotage gegen Atomanlagen in Arizona, Kalifornien und Colorado gedrängt.
Die Staatsanwaltschaft weist diesen Vorwurf zurück: Millett, Davis und Baker wollten laut Anklageschrift zuerst "eine Überlandleitung umstürzen", um dann, nach diesem Probelauf, "große Fische zu braten", nämlich die Stromzufuhr zu den Atomkraftwerken Palo Verde und Diablo Canyon sowie der Atomwaffenfabrik Rocky Flats zu sabotieren. Der Angriff auf die Überlandleitung, bedauert FBI-Agent Bob Pence, "zwang uns zu vorzeitigem Einschreiten".
Am Morgen nach dem FBI-Zugriff in der Wüste wurde Peg Millett an ihrem Arbeitsplatz verhaftet: "Durchs Fenster sah ich zwei merkwürdige Gestalten, bis mir plötzlich einfiel, daß die hier waren, um mich festzunehmen", lacht sie. Kurz zuvor war das FBI bei Foreman - mit gezogenen Revolvern stürmten die Agenten in sein Schlafzimmer.
Foreman will in dem massiven Einsatz den Versuch erkennen, "mit Earth First ebenso umzugehen wie mit den Black Panthers und anderen radikalen Organisationen" in den USA. "Wirklichen Öko-Terrorismus" übten die US-Konzerne "jeden Tag", indem sie "für sich das Recht in Anspruch nehmen, Luft, Wasser und Wälder kaputtzumachen", so Foremans Anwalt Gerry Spence.
Derlei Systemkritik beeindruckt die Staatsanwaltschaft in Phoenix natürlich nicht. Bei der Anhörung im Juni wurde das Quartett, schwer bewacht von Polizisten und FBI-Beamten, in Handschellen vorgeführt.
Foreman bekam vom Gericht die vorläufige Freilassung gegen Kaution; Millett, Baker und Davis bleiben weiterhin als "Gefahr für die Allgemeinheit" in Haft. Fünf Jahre Gefängnis drohen Foreman, 35 Jahre Davis und Peg Millett. Noch in diesem Sommer soll der Prozeß beginnen.
Schon haben sich die extremistischeren Gruppen von Earth First abgespalten und drohen mit noch radikaleren Attentaten im Westen. "Live wild or die" (Leb wild oder stirb) heißt eine von ihnen.
Von Martin Kilian

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