29.05.1989

BANKENEnorm aufgeblasen

Mit einer voreiligen PR-Aktion haben Frankfurter Kommunalpolitiker die Bankiers-Sippe Rothschild verärgert.
Erst sollten, zum 1. Juli, Büroräume für 20 bis 30 Leute gemietet werden, später dann würde ein Haus für einige hundert Mitarbeiter bezogen werden: Die Rothschilds, so hieß es Anfang des Monats in Frankfurt, würden wieder in die Stadt ihrer Vorfahren zurückkehren.
Seine "jahrelangen, sehr intensiven Gespräche" mit der Bankengruppe, lobte sich Stadtkämmerer Ernst Gerhardt, seien erfolgreich gewesen. Die Heimkehr der weltberühmten Bankiers nach fast neun Jahrzehnten, freute sich Oberbürgermeister Wolfram Brück, wirke wie ein "Qualitätssiegel" für den scheidenden CDU-Magistrat. Der Bankplatz Frankfurt werde weiter aufgewertet.
Die Stadtväter jedoch waren zu weit vorausgeeilt. Die berühmten Bankiers wollen mit der Aufwertung noch warten.
Mit Staunen und wachsendem Mißvergnügen hatten die Rothschilds in Zürich und London, in Genf und Paris Gerhardts PR-Spektakel verfolgt. Die vom Römer lancierten Berichte, so Direktor Bernard Myers von Rothschild and Sons in London, seien "ein großes Ärgernis" - sie seien nicht nur voreilig, sondern auch "enorm aufgeblasen".
Bisher, so Myers, gebe es nur eine "prinzipielle Einigung", so bald wie möglich eine gemeinsame Repräsentanz seiner Bank und der Rothschild Bank AG in Zürich, an der die gesamte Familie beteiligt sei, in Frankfurt zu eröffnen. Die dafür vorgesehenen Mitarbeiter müßten noch gesucht werden, das Datum, zu dem die Bankgeschäfte aufgenommen werden sollten, stehe noch nicht fest, Geschäftsräume seien noch nicht angemietet. Das Ganze sei im übrigen nichts Besonderes, sondern Teil einer Europa-Strategie. Die Rothschilds hätten bereits Büros in Mailand und Madrid eröffnet, auch Lissabon solle folgen.
Von intensiven Gesprächen mit der Stadt, sagt auch Harold Rudel von der Rothschild-Bank in Zürich, "könne überhaupt keine Rede sein". Diese seien zur Eröffnung einer Repräsentanz auch gar nicht erforderlich. In Frankfurt würden vielleicht einmal zwei Angestellte für Rothschild arbeiten. Alles andere sei "dummes Zeug".
Gerhardts ungesicherter Vorstoß, der ein bemerkenswertes öffentliches Echo fand, ist zumindest begreiflich: Der Name Rothschild hat in der Frankfurter Bankenwelt einen guten Klang.
Bescheiden hatten die Rothschilds vor gut 200 Jahren in Frankfurt angefangen. In der Judengasse, im Getto vor den Mauern der Stadt, arbeitete sich Mayer Amschel Rothschild vom Altwarenhändler und Geldwechsler zum bedeutendsten Bankier der Stadt hoch.
Seine Söhne schickte er nach London, Paris, Wien und Neapel und begründete so den ersten Finanzmulti der Welt. Die Rothschilds wurden zum Synonym für Reichtum und Macht. Keine Bankiersfamilie vorher oder nachher - weder die Fugger noch die Morgans - hatten so viele Staaten und Potentaten auf ihren Schuldnerlisten stehen wie sie.
Die Rothschilds halfen entscheidend mit, den Franzosenkaiser Napoleon zu besiegen; der österreichische Kaiser Franz I. erhob sie auf Empfehlung Metternichs 1822 in den erblichen Freiherrenstand. Sie finanzierten den Bau großer Eisenbahnlinien und des Suezkanals und später den Aufbau Israels.
Die überragende Bedeutung als Finanziers der Mächtigen haben die Rothschilds heute, in der siebten Generation, zwar verloren, aber noch immer sind sie weltweit anerkannt und respektiert. N. M. Rothschild and Sons in London zählt seit Jahren zu den bevorzugten Banken der britischen Regierungschefin Margaret Thatcher, wenn es gilt, ein staatliches Unternehmen zu privatisieren.
Die Rothschild-Bank in Zürich, an der alle Linien der Familie beteiligt sind - die englischen ebenso wie die französischen -, gilt als sehr erfolgreiches Institut für die Vermögensverwaltung. Nach gut 20 Jahren betreuen die Zürcher Bankiers halb soviel Vermögen, wie die größten Genfer Privatbanken in 200 Jahren auf ihre Konten leiten konnten.
In Frankfurt schlossen die Rothschilds mangels männlicher Nachkommen 1901 ihre Schalter. Die Stadt hatte damals so wenig Bedeutung, daß niemand aus der Wiener, der Pariser oder der Londoner Familie das Geschäft an dem Ort, wo einst alles begonnen hatte, fortsetzen mochte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, noch unter dem Eindruck der Nazi-Greuel, scheuten die Rothschilds immer wieder davor zurück, in Frankfurt neu anzufangen. Dann merkten sie plötzlich, daß es fast zu spät war. "Die Stühle", so Elie de Rothschild vom Pariser Bankhaus, "sind besetzt."
Inzwischen ist Frankfurt längst zu einer führenden Bankmetropole Europas geworden. Doch für die Rothschilds gab es immer wieder Gründe, eine Entscheidung zugunsten Frankfurts aufzuschieben. "Die schlechten Erfahrungen der Schweizer Großbanken in Frankfurt", so Rothschild-Mitarbeiter Rudel in Zürich, "haben uns ganz vorsichtig gemacht." #

DER SPIEGEL 22/1989
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