01.01.1990

RepublikanerWotans Wölfe

Zu Beginn des wichtigen Wahljahres 1990 verfügen die Republikaner kaum noch über funktionsfähige Landesverbände.
Etti Scherer, 54, Kommissarische Landesvorsitzende der rechtsextremen Republikaner (Rep) in Nordrhein-Westfalen, nervt ihre Partei mit übersinnlichen Kräften.
Die Frau mit der altmodischen Wellaform-Frisur benutzt ein Metallstück am Faden, ein Siderisches Pendel, um den Charakter von Freund und Feind zu ergründen. Wichtigste Erkenntnis: Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist, was denn sonst, ein Ostspion.
Parteifreund Franz Ludwig Glasauer, Bezirkschef in Oberbayern, spottet über die Seherin in der Rep-Spitze: "Wenn die kommt, bleibe ich hocken - sonst mißt die auch noch die Strahlungen meines Stuhls." Die Vibrationen, die von der Bonner Hausfrau ausgesendet werden, haben auch den Parteivorsitzenden Franz Schönhuber, 66, in München erreicht. Er wolle von Scherers Schwingungen, bescheidet er Beschwerdeführer mit verzweifelt himmelwärts gerichteten Augen, "nichts mehr hören".
Das ist verständlich. Bei den Reps schlägt das Pendel seit Monaten heftig hin und her. 1988 zählte Schönhubers fünf Jahre alter Verein gerade mal 3000 Mitglieder, da kannte der Chef noch "jeden Republikaner und die Ehegeschichten dazu". Nach den Erfolgen von Berlin (7,5 Prozent) und bei den Europa-Wahlen (7,1 Prozent) aber zeigt die Partei Wucherungen. Mit vielen der mittlerweile 25 000 Parteifreunde würde Ober-Rep Schönhuber "nicht mal gemeinsam zu Abend essen", einige seien "echt meschugge".
Über den neuen Anhang äußert sich der Parteichef ziemlich abfällig. Dreimal habe er inzwischen seine Münchner Telefonnummer gewechselt, so Schönhuber, damit "nicht jeder Depp" anrufen könne. Zudem erhalte er häufig Briefe, in denen jede Zeile "drei orthographische Fehler" aufweise. Und Rep-Bundesgeschäftsführerin Centa Hirsch klagt über den eigenen Verein: "Es ist leider so, daß die menschlichen Schwächen sich überdeutlich in den Vordergrund schieben."
Das ist eine noble Untertreibung. Zu Beginn des wichtigen Wahljahres 1990, in dem die Reps nicht nur in den Bundestag, sondern auch in Kommunal- oder Landesparlamente von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bayern und des Saarlandes einziehen wollen, verfügen die Republikaner kaum noch über funktionierende Landesverbände: *___In Bremen hat sich schon vor knapp zwei Jahren eine ____"Bremische Republikanische Partei" abgespalten, deren ____Vorsitzender Lutz Hambusch mit den ____"Blut-und-Boden-Ideologen" nichts mehr zu tun haben ____will. *___Im Saarland sind vor zwei Monaten, nach Streitereien um ____den rechten Kurs, die "Liberalen Republikaner Saar" ____unter Führung des ehemaligen Landesvorsitzenden ____Hans-Helmuth Keßler aus dem Gleichschritt ausgeschert - ____Schönhuber über Keßler: "Ein Fall für den Psychiater." ____* Am 15. Dezember 1989 im Pschorr-Bräu-Keller in ____München. *___In Niedersachsen hat sich, nach Tumulten auf einem ____Landesparteitag im September 1989, eine Gruppe unter ____dem Namen "Demokratische Republikaner Deutschlands" ____selbständig gemacht. *___In Berlin haben sich "Die Deutschen Demokraten" unter ____Führung des Polizisten Bernhard Andres aus dem Verbund ____verabschiedet und mit ihnen drei der elf ____Rep-Volksvertreter im Abgeordnetenhaus - Schönhuber ____über Andres: "Ein netter Kerl, aber verrückt."
Auch mit dem Rest ist wenig Staat zu machen. In Rheinland-Pfalz wird in internen Rep-Schreiben eine verbreitete "Führerpartei-Gesinnung" kritisiert; ohnehin kämen nur einstige Anhänger der abgehalfterten Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), "Asoziale" und "Kriminelle" zu den Republikanern. In Schleswig-Holstein zogen Jung- und Alt-Reps gegeneinander vor Gericht, und in Nordrhein-Westfalen decken sich die Parteifreunde gegenseitig mit Ordnungsverfahren ein.
Oft ist schwer auszumachen, wo es bei den parteiinternen Kämpfen um den Kurs oder nur um Eitelkeit und Gerangel um Pöstchen geht. Notorische Rechtsextreme aus bräunlichen Grüppchen wie der Niedersachsen-Chef und Ex-NPD-Mann Norbert Margraf verteidigen ihre Pfründe, junge Rechtsrevolutionäre drängen nach oben, biedere Konservative versuchen hinhaltende Gegenwehr.
Sie alle beharken sich mit Verbalinjurien wie "Schleimscheißer" und "Knallcharge", "Filzläuse" und "Natterngezücht". Hilflos kündigt der Vorsitzende Schönhuber, der seiner Partei gerade ein "intellektualisiertes" Programm verordnet hat (SPIEGEL 48/1989), immer wieder an, er wolle seine Reihen von "Ultras" säubern.
Wenn der Ober-Rep derzeit auf sein Gefolge angesprochen wird, winkt er nur noch lahm ab: Lieber verzieht er sich ins Europa-Parlament nach Straßburg, wo er sich nach den Sitzungen im "elsässischen Ambiente" des Restaurants Kammerzell direkt am Münster von den Getreuen daheim erholt.
Die Republikaner, die sich den Wählern stets als Wiedervereinigungs- und deutsche Reichspartei präsentiert haben, sind in der beherrschenden innenpolitischen Diskussion über die Zukunft der beiden deutschen Staaten denn auch kaum präsent: Dem Zehn-Punkte-Plan des Bundeskanzlers hatten sie nichts entgegenzusetzen, das Thema deutsche Einheit ist nun von den Volksparteien besetzt.
Auch die großspurige Ankündigung von Rep-Funktionären, die Partei werde schon bald in der DDR mit eigenen Gruppen antreten, war verfrüht: Selbst der Vorsitzende mahnt Interessenten aus der DDR, nicht überhastet vorzugehen.
Schon kolportiert selbst ein enger Schönhuber-Vertrauter, der Chef leide an Führungsschwäche. Er ordne an und setze nichts durch, sei sprunghaft und wetterwendisch, seine Programm-Ideen seien "markig unverbindlich". Fast jeder Auftritt gerate ihm nur noch zum "Ringen mit der eigenen Biographie" vom SS-Mann zum ehemaligen stellvertretenden Fernsehchef des Bayerischen Rundfunks.
Der niedersächsische Ober-Rep Margraf rief Mitte Dezember offen zur Rebellion auf. Schönhuber könne "nicht führen", er müsse abgewählt und aus der Partei ausgeschlossen werden. Der Münchner Parteivorsitzende konterte mit der Ankündigung, dem niedersächsischen Landesverband die Teilnahme an der Wahl am 13. Mai zu verbieten.
Bundesweit wollen nun die "Demokratischen Republikaner Deutschlands" eine "Alternative zu den NSDAP-Republikanern des Herrn Schönhuber und Konsorten" bieten. Das verspricht ein Aufruf, der vor sieben Monaten von einer Bonner Initiative verbreitet wurde, Motto: "Republik & Republikaner: Ja bitte - Schönhuber: Nein danke".
Die restliche Rep-Truppe soll der einstige CSU-Bundestagsabgeordnete Eckehard Voigt, 50, bis zur Wahl auf Vordermann bringen. Der neue Wahlkampfmanager war 1983 einer der Gründungsväter der Reps, hatte im Streit mit Schönhuber die Partei später verlassen und ist vor sieben Monaten zurückgekehrt. Voigts wichtigste Aufgabe ist es, die nordrhein-westfälisch Landtagswahl im Mai vorzubereiten. Die sei, glaubt Schönhuber, der "Türöffner für die Bundestagswahl".
Doch gerade an Rhein und Ruhr sieht sich die Partei in desolater Lage, an der Basis haben sich merkwürdige Gestalten nach vorn gedrängt: So wurden zwei Kölner Rep-Ratsherren als Mitglieder der neugermanischen Sekte "Wotans Wölfe" entlarvt, der sie als Priester unter den Kultnamen "Mannus" und "Högni" gedient hatten.
In Kreisverbänden des Landes zirkulieren kuriose Rundschreiben über angebliche Praktiken der Sowjets, die "ahnungslose Menschen bis zu einer Entfernung von 1700 Kilometern durch telepathisch übertragene Befehle" steuern könnten. Und der inzwischen gefeuerte rheinische Rep-Kommunalpolitiker Rainer Reusch berichtet über frühere Parteifreunde, "die fest daran glaubten, Hitler habe im ewigen Eis überlebt und komme wieder".
Die nordrhein-westfälischen Republikaner produzieren eine Welle von Parteiordnungsverfahren, denunzieren sich gegenseitig mit Dossiers und bemühen auch ordentliche Gerichte. Schiedsinstanzen der Partei fällen Urteile wie am Fließband.
Der Landesparteitag, ursprünglich für den 2. Dezember 1989 angesetzt, mußte verschoben werden: Gegnerische Kreisverbände waren vom Vorstand nicht eingeladen worden. Sie drohten daraufhin, beim Landeswahlleiter zu intervenieren und die Teilnahme der Reps am Wahlgang im Mai zu verhindern.
Die Düsseldorfer Parteizentrale und die Fraktion im Kölner Rathaus bekämpfen sich bis aufs Blut. Vier der sieben Kölner Ratsmitglieder, die im Oktober gewählt worden waren, sind aus der Partei geflogen oder erst gar nicht aufgenommen worden. Der Landesvorsitzende Kurt Beckmann, 69, der "Meuterer und Putschisten" (SPIEGEL 41/1989) am Werk gesehen hatte, gab inzwischen selbst auf und ließ Etti Scherer ran.
Der Wirrwarr ist so groß, daß die Dame mit dem Pendel mal bei sich selbst pendeln müßte. Im Januar 1989 war sie in erster Instanz vom Landesschiedsgericht "mit sofortiger Wirkung" aus der Partei ausgeschlossen worden. Zwar sei das Pendeln kein "Verstoß gegen die innere Ordnung", stellte das Gremium fest, doch habe Frau Scherer zu viele Intrigen gesponnen und "Funktionsträger" verunglimpft. Das Bundesschiedsgericht allerdings sprach die Seherin später von allen Vorwürfen frei. Nun wird Wahlkampfmanager Voigt auf dem Landesparteitag in Hamm am Dreikönigstag gegen Etti Scherer antreten.
Geradezu wohltuend heil muß dem Vorsitzenden Franz Schönhuber da die Heimat erscheinen. Bei der Kommunalwahl im März rechnen sich die in Bayern wenig zerstrittenen Republikaner beste Chancen aus. Schönhubers Ehefrau Ingrid, 54, die in München kandidiert, erwartet mehr als 20 Prozent. "Süddeutsche", schwärmt Schönhuber, "sind eben bereiter zum Dialog." f

DER SPIEGEL 1/1990
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