01.01.1990

Schüsse am Scharmützelsee

Die SED, berichten abtrünnige Kommunisten, hat in der Bundesrepublik eine geheime Militärorganisation aufgebaut. Die illegale Partisanenarmee, die in Krisenfällen Terroranschläge verüben und Gefangene befreien sollte, wurde in der DDR ausgebildet und rekrutiert sich aus Mitgliedern der Deutschen Kommunistischen Partei.
Aber wenn du mich fragst, Junge, Soll ich gehn in die Armee? Kann ich dir nur raten, Junge, wenn du stark genug bist, geh.
Aus eisgraublauen Augen starrt der Mann in seiner karg möblierten Altbauwohnung im Frankfurter Bahnhofsviertel vor sich auf den Tisch und erklärt kühl: "Wie sie den Herrhausen umgebracht haben - das ist mir vertraut, das ist kein Problem."
Wenige Wochen vor dieser Aussage, am 30. November 1989 um 8.34 Uhr, haben Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, im hessischen Bad Homburg in eine teuflische Sprengfalle fahren lassen. Auf solche Terrorakte ist nach eigenen Angaben auch der Frankfurter Fachmann gedrillt, ein arbeitsloser Russischlehrer, der derzeit auf Programmierer umschult.
Seine Ausbildung an "industriell und selbst hergestellten Sprengstoffen" hat der asketische Antialkoholiker, Teetrinker und Nichtraucher allerdings weder bei der RAF noch in den palästinensischen Terrorcamps eines Abu Nidal genossen. Das blutige Handwerk wurde ihm, so schildert der Kämpfer mit dem Decknamen Lothar Oertel**, 38, von deutschen Kommunisten beigebracht: in einem versteckten Trainingslager in der östlichen DDR.
Seit Mitte der siebziger Jahre habe die alte SED unter ihrem damaligen Gene** Der richtige Name ist der Redaktion bekannt. * Am Westufer des Springsees. ralsekretär Erich Honecker, erklärt Oertel, einen geradezu unglaublichen Plan in die Tat umgesetzt: Unter Anleitung bewährter SED-Altgenossen sei in der Bundesrepublik eine geheime, illegale "Militärische Organisation" (MO) aufgebaut worden, die in "Zeiten sich zuspitzender Klassenkämpfe" den kapitalistischen Herren die Stirn und die bewaffnete Faust bieten sollte. Oertel heute: "Das ist in jeder Hinsicht bizarr."
Für das Partisanenbataillon der SED, das sich bundesweit in "Kampfformationen, Kampfgruppen und Einsatzgruppen" mit insgesamt bis zu 300 Mann gegliedert habe, seien vertrauenswürdige Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) verpflichtet worden. Ihr Auftrag: gewappnet zu sein für den Schutz "revolutionärer Massenaktionen", die Abwehr von Neonazis, die Befreiung festgesetzter Genossen, für Sabotageakte gegen Züge und Fernmeldeeinrichtungen sowie Anschläge auf ausgesuchte Personen.
Oertels Enthüllungen, die er in einer umfangreichen eidesstattlichen Versicherung niedergelegt hat und die von mehreren Mitverschwörern bestätigt werden, sind ein neues Kapitel in der Generalabrechnung mit dem Stalinismus, die nun auch die Restbestände der zerbröselnden SED-Schwesterpartei DKP in der Bundesrepublik erfaßt. Die roten Bonzen, so stellt sich heraus, beherrschten nicht nur die Spielregeln von Amtsmißbrauch und Korruption, sie waren auch bereit, terroristische Gewalttaten einüben zu lassen.
Das Feindbild vom Klassengegner im Westen, der unablässig die Zerstörung der DDR mit militärischen, geheimdienstlichen und terroristischen Mitteln im Sinn habe, schmückten die Altstalinisten mit den Heldengeschichten über bewaffnete Kämpfe der Arbeiterklasse aus: vom Roten Frontkämpferbund, der Ende der zwanziger Jahre gegen den Faschismus in Waffen gesteckt wurde, bis zu den kommunistischen Bataillonen im spanischen Bürgerkrieg 1936, vom Widerstand gegen Hitler bis zu den Zeiten der Illegalität nach dem Krieg, als die westdeutschen KPD-Kader in der Ost-Berliner Parteischule "Franz Mehring" das Pistolenschießen übten.
Auch die DKP, die sich stets vom "individuellen Terror" der RAF distanziert hat, propagierte die "revolutionäre Gewalt". So hieß es in DKP-Studienmaterialien laut Verfassungsschutz, die "politische Macht der Arbeiterklasse" müsse fähig sein, die "sozialistische Umwälzung" gegen jeden "Anschlag der inneren und äußeren Reaktion" zu verteidigen. Es sei illusorisch, so wurden die DKP-Kader indoktriniert, an einen ",friedlichen' Spaziergang" zum Sozialismus zu glauben.
Die kleine Partei der westdeutschen Kommunisten (rund 25 000 Mitglieder), neu gegründet 1968, hat bis in die jüngste Zeit laut Oertel einen illegalen militärischen Arm der SED unter Leitung eines geheimen DKP-"Militärrates" mit "M-Kadern" (Oertel) unterhalten. Das ist, wenn die Angaben zutreffen, nicht nur ein Fall für westliche Geheimdienste und Staatsanwälte.
Politiker, die der Partei endgültig den Garaus machen wollen, könnten darin eine Handhabe sehen, wie 1951 gegen die alte KPD beim Bundesverfassungsgericht einen Verbotsantrag zu stellen - wegen Aktivitäten, die sich gegen die verfassungsgemäße Ordnung der Bundesrepublik richten.
Das konspirative Treiben der SED/ DKP-Partisanen, die das Ende des Kalten Krieges offenbar verschlafen haben, ist den westdeutschen Geheimdiensten weitgehend verborgen geblieben. Während Verfassungsschutzexperten aus dem Kölner Bundesamt und Dienst-Männer wie der Hamburger Abwehrchef Christian Lochte die Erzählungen Oertels zunächst ins Reich der Fabel verwiesen, reagierte der Leiter des hessischen Verfassungsschutzes, Günther Scheicher, wie elektrisiert.
Schon im November 1984 hatte er Hinweise erhalten, daß für den "Ordnerdienst" der DKP reihenweise Spezialisten angeheuert wurden, die sich mit Elektronik und Schußwaffen auskennen.
Diese Truppe, so der Tip, werde über einen "eigenständigen Anleitungsstrang" außerhalb der DKP-Strukturen geführt. Das Ende des Strangs hielt wohl der Nationale Verteidigungsrat der DDR in der Hand, dem die mittlerweile geschaßten SED-Generalsekretäre Erich Honecker und Egon Krenz vorsaßen.
Ähnliches hatte 1979 auch der Überläufer Werner Stiller, vormals Oberleutnant im DDR-Ministerium für Staatssicherheit, berichtet. Stiller, der heute unter neuer Identität an geheimgehaltenem Ort lebt, schreibt in seinen Erinnerungen ("Im Zentrum der Spionage"), die DKP unterhalte einen "konspirativ arbeitenden Apparat", der "im Untergrund den kommunistischen Einfluß vergrößern und für den ,Tag X' als ,fünfte Kolonne' bereitstehen" solle.
Dem SPIEGEL erklärte jetzt der DKP-Vorsitzende Herbert Mies, 60, solche Behauptungen ließen "auf eine neue politische Provokation" schließen. "In der DKP" habe es eine geheime Gruppierung, "die als ,Militärorganisation' firmiert sei", nicht gegeben, ebensowenig einen "Militärrat".
Das deckt sich sogar weitgehend mit den Angaben der Überläufer: "Es galt", so ein ehemaliger Mitkämpfer mit dem Decknamen Raimund Borchert* aus Düsseldorf, "das Prinzip der strikten Trennung von legaler und illegaler Arbeit." Dies bestätigt auch ein Duisburger Genosse, der von 1981 bis 1984 der MO angehört hat: "So ein Apparat kann auch gegen Andersdenkende in den eigenen Reihen eingesetzt werden."
Die DKP habe jedenfalls, so Borchert, stets die Notwendigkeit "aller Kampfformen" betont. Der Aufbau der Geheimtruppe sei mit "internationalen Erfahrungen" in Chile, Nicaragua, Südafrika und im Iran sowie dem Aufkeimen des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik begründet worden. Borchert: "Vor allem das Argument von der notwendigen Abwehr neonazi* Der richtige Name ist der Redaktion bekannt. stischer Angriffe klang sehr überzeugend."
Wie Borchert wollen auch die anderen Zeugen vorerst ihre Klarnamen öffentlich nicht nennen. Sie fürchten nicht nur den Staatsanwalt, sondern auch Aktionen "durchgeknallter Genossen". Der Duisburger Überläufer: "Ich habe Angst, daß mir von Staats- und Parteiseite nichts Gutes widerfährt."
Einer der "Instrukteure" im Partisanenbataillon war "bis vor einem halben Jahr" nach eigenem Bekunden der Frankfurter Lothar Oertel, seit 1970 Mitglied der DKP. Der Reserve-Gefreite der Bundeswehr stieg auf in den hessischen Landesvorstand der parteiverbundenen Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und wurde hauptamtlicher Funktionär in der Düsseldorfer Parteizentrale.
Oertel, "ein Typ, der zunächst alles bis zur Neige macht", ist inzwischen aus der DKP ausgetreten und offenbart sein Wissen über "den ganzen Hirnriß", weil er die "Sache für verfehlt" hält.
Auf ihn war die Partei früh aufmerksam geworden. Schon ein Jahr nach seinem Eintritt in die DKP pries das Parteiorgan Unsere Zeit (UZ) den damals 20 Jahre alten Wehrdienstleistenden Oertel auf einer Sonderseite als Vorbild für jeden jungen Kommunisten. Vier Jahre später, im Frühsommer 1975, wurde der fleißige Parteiarbeiter, der inzwischen in Marburg Sprachen studierte, zum ersten Mal nach Ost-Berlin gebeten.
Die Einladung erreichte den Junggenossen, so Oertel, "auf dem Parteiweg" der DKP über den damaligen hessischen SDAJ-Landesvorsitzenden Ulrich Scheibner. In einer konspirativen Wohnung auf der Ost-Berliner Fischerinsel begann eine Räuberpistole, wie sie in drittklassigen Agententhrillern nicht klischeehafter dargestellt werden kann - mit spiegelbrillenbewehrten Chauffeuren, verhängten Autos und plump codierten Losungen.
"Ein alter Haudegen" mit Kampferfahrung aus dem spanischen Bürgerkrieg stellte sich unter einem Decknamen vor und quetschte Oertel zwei halbe Tage lang über Herkunft, Alkoholkonsum und Zuverlässigkeit aus. Dann klopfte der Unbekannte auf den Busch: Ob Oertel denn der Einschätzung zustimme, daß sich die Partei "für alle Eventualitäten rüsten" und auch "revolutionäre Gewalt" anwenden müsse.
Anderntags, der Partisan in spe hatte im Ost-Berliner Hotel Berolina eine Nacht lang alles überschlafen, wurde Oertel nach eigener Schilderung eine "Verpflichtungserklärung" auf Lebenszeit präsentiert, "nicht kündbar" und mit kaum verhohlenen Todesdrohungen garniert: Im besonderen Parteiauftrag solle er sich für alle Kampfformen einsetzen, den Kommunismus vor inneren und äußeren Feinden schützen, sich ständig militärische Kenntnisse aneignen und körperlich fit halten. Das alles sei vor dem Gegner geheimzuhalten, mit Verrätern werde nicht lange gefackelt.
Auch ein Kasseler Parteisoldat mit dem Decknamen Berthold Lindner* hat nach eigenem Bekunden 1982 ein solches Gelübde abgelegt. Den "maschinengeschriebenen Wisch auf graugelblichem Papier im Format Din A-4" hat nach eigener Aussage ebenfalls ein hessischer SDAJ-Funktionär mit dem Decknamen Falk Ritter*, 28, unterschrieben. Auch Ritter wurde, wie Oertel, zu einem Hochhaus auf der Fischerinsel gekarrt: "Der Fahrer trug eine Spiegelbrille, wie im Krimi."
Ritter, der in der Woche vor Weihnachten aus der DKP ausgetreten ist, ließ sich am 16. Mai 1988 für die geheime Militärorganisation keilen; seine Ausbildung war für den Februar 1989 vorgesehen, wurde dann aber abgeblasen. Falls er nicht absolutes Stillschweigen bewahre, so wurde ihm in der Verpflichtungserklärung gedroht, habe er "mit der schwersten der Strafen zu rechnen". Ritter: "Das machte mir angst."
Wie Ritter und andere Zeugen hatte auch Oertel das Papier mit seinem neuen Decknamen unterschrieben, der ihm von den Ost-Berliner Genossen zugewiesen worden war. Der erste Einsatzbefehl ließ nicht lange auf sich warten: Wenige Wochen nach seiner Verpflichtung , Anfang September 1975, wurde Oertel, so schildert er, in die Ost-Berliner Rathausstraße 13 bestellt - ein Gebäude, das westdeutschen Geheimdienstlern wohlbekannt ist.
Das Haus, weiß Hessens oberster Verfassungsschützer Scheicher, sei "ein lebhafter Taubenschlag" und werde nicht nur für "geheimdienstliche Aktivitäten" genutzt, sondern auch als "verschwiegene DKP-Anlaufstelle".
Davon gab es, schildern Oertel und Ritter, eine ganze Reihe: *___In der Karl-Marx-Allee 20, dritter Stock, habe eine ____ältere Frau regelmäßig Besucher aus dem Westen in ____Empfang genommen; *___in der Hohenschönhauser Straße und an der Ecke ____Lenin-Allee/Ho-Chi-Minh-Straße hätten stets leere ____Wohnungen für geheime Treffen bereitgestanden; *___eine "Erika Möller" in der Palisadenstraße 37c habe als ____Telegrammadresse hergehalten, falls mal etwas ____schieflief; *___für Notfälle reserviert sei auch der "Schalter 9" im ____ersten Stock des internationalen Reisebüros gegenüber ____dem Hotel Stadt Berlin, wo der "Genosse Rolf" ____behilflich sei.
Auch diese Anschriften sind westlichen Geheimdienstlern ein Begriff, sei es wegen "geheimdienstlicher Aktivitäten", sei es im Zusammenhang mit "orthodoxen Kommunisten" (Scheicher).
An einigen der Anlaufadressen wohnten, so Oertel, verdiente Parteiveteranen, die nichts weiter zu tun hatten, als ihre Besucher weiterzureichen. So wurde in der Rathausstraße der Fahrdienst von der "Abteilung Verkehr der SED" stets mit der Losung "Grüße von Günter aus Erfurt", in der Karl-Marx-Allee mit der Parole "Gruß von Onkel Walter aus Halle" herbeitelefoniert.
Das Netz der konspirativen Wohnungen, in denen eine Frau namens Christa laut Oertel den Untergrundkämpfern auch schon mal die Haare stutzte oder die Bärte abnahm, hatte einen Knotenpunkt im Stadtteil Marzahn. Dort, im siebten Stock des Gebäudes Franz-Stenzer-Straße 11, habe sich in der geräumigen Wohnung von "Gerlach und Nagel", die sich als die Genossen "Kurt" und "Edith" ausgegeben hätten, die zentrale Stelle für die Vorbereitung heikler Aktionen befunden.
Von dort aus, schildert Oertel, wurde der erste Partisanentrupp 1975 bei Nacht in ein militärisches Sperrgebiet wenige Kilometer westlich von Frankfurt an der Oder verfrachtet. In einem Waldstück zwischen Bad Saarow und Müllrose mußten die Rekruten, von einigen Herren in Zivil erwartet, in Kleintransporter vom Typ Barkas und russische Geländewagen umsteigen. Die Fahrzeuge waren von innen "voll abgehängt" - "durch Preßspanplatten, mit Wolldecken bezogen" (Oertel).
Diesen Verlauf des Transports bestätigen auch andere ehemalige MO-Rekruten wie Lindner oder ein hessischer Kämpfer mit dem Decknamen Ronnie Jordan*, die später dorthin verfrachtet wurden. Nach holpriger Wegstrecke endete das kuriose Verwirrspiel regelmäßig vor einigen Flachbauten, dem geheimen Ausbildungslager der MO.
Dort mußten die Kampfgefährten erst mal ihre persönliche Habe, sogar Uhren und Ringe, abgeben. Noch in der Nacht erhielt der Trupp, nach Oertels Erinnerung zwölf Mann, seine Dienstkleidung: Uniformen der Nationalen Volksarmee (NVA). Von den Betreuern wurden die Frischlinge aufgemuntert: "Bei Tageslicht sieht hier alles bildhübsch aus."
Das Camp mit Schießplatz, Munitionsbunker, Kantine, Garage und Un* Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt. terkünften schmiegt sich versteckt an einen waldbestandenen Abhang, der steil zum Springsee abfällt, einem Gewässer südlich des Scharmützelsees (siehe Schaubilder Seiten 66 und 67).
Dort lernten die Genossen aus dem Westen drei Monate lang das Tarnen, Täuschen und Terrorisieren. Spätere Lehrgänge, berichtet Lindner, hätten nur noch vier Wochen gedauert: "Das war mit allem Drum und Dran - Schießen, Sprengen, Konspirieren, Ideologie." Auch Jordan, der bereits 1985 die DKP verlassen hat und seither mit den alten Gefährten keinen Umgang mehr pflegt, kam in den Genuß dieser umfassenden Ausbildung. Jordan heute: "Im Grunde genommen ist das Ganze lächerlich, aber es entspricht den Tatsachen."
Sogar die "Erfahrungen von Bomben- und Brandanschlägen" der RAF und der Roten Zellen seien, steuert Borchert bei, diskutiert und ausgewertet worden. Er sei, so ebenfalls Oertel in seiner eidesstattlichen Versicherung, "an allen denkbaren Waffen, im Sprengen sowie in allen Formen des konspirativen Handelns ausgebildet" worden. Die Vorgesetzten, allesamt in NVA-Uniformen mit Rangabzeichen bis hin zum General, seien lediglich unter Decknamen "Manfred", "Klaus", "Frank", "Viktor" und "Felix" bekannt gewesen.
Für den "DKP-Militärrat", so Oertel, sei ein älterer Herr dabeigewesen, der sich als "Axel" ausgegeben habe. Ihn will Oertel Mitte November auf einem Bild im Parteiorgan UZ wiedererkannt haben: den ehemaligen Wehrmachts-Oberleutnant und späteren Mitbegründer des sowjetisch beeinflußten "Nationalkomitees Freies Deutschland", Rudolf Fey. * Im Gebäude Franz-Stenzer-Straße 11.
Das Parteiblatt würdigte Fey, der wechselnde Funktionen in der KPD und der DKP des Ruhrgebiets ausgeübt hatte und dann in die DDR übersiedelte, als Kämpfer gegen den "Militarismus". Seine Lebenserinnerungen ("Ein Totgesagter kehrt zurück") seien ein Beitrag dazu, "daß von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht".
Der wurde am Scharmützel- und Springsee, inmitten eines Truppenübungsplatzes, fleißig geübt. Die Untergrundkämpfer hantierten nach Oertels Angaben mit allem, was in westlicher und östlicher Handfeuerwaffentechnik gut und teuer ist: der israelischen Maschinenpistole Uzi, dem Heckler&Koch-Gewehr G-3, dem russischen "Kalaschnikow"-Karabiner AK-47, der sowjetischen Panzerfaust RPG, der tschechischen Mini-MP Skorpion, den Walther- und Makarow-Pistolen sowie Scharfschützengewehren.
"Sehr ausführlich", berichtet Oertel, sei vor allem die Ausbildung an Sprengstoffen gewesen. Im Gelände hätten die geheimen Kämpfer, im NVA-Tarnanzug, die Zerstörung von Objekten, zum Beispiel eines Eisenbahnzuges, geübt. Oertel: "Da haben wir konkret an Schienen gesprengt."
Was das martialische Geballer sollte, erfuhren die Rekruten nach Oertels Schilderung an zwei großen topographischen Sandkastenmodellen, die eine Gegend bei Solingen und ein Gelände bei Hessisch-Lichtenau nachbildeten.
Zuerst in der Theorie, dann im Gelände habe der Trupp, aufgeteilt in zwei Kampfgruppen, die "Zerstörung einer Fernmeldeeinrichtung bei Solingen" und "das Legen eines Hinterhalts mit anschließender Gefangenenbefreiung" im Hessischen geübt. "Bei Übungen", berichtet auch ein Duisburger MO-Kämpfer, "ging es allgemein und konkret zu, etwa wie man einen Strommasten fällt oder wie man Anschläge auf fernmeldetechnische Anlagen macht."
Zur Erholung durften sich die Guerrilleros im Lagerkino Filme wie "Die Olsenbande" oder den sowjetischen Mehrteiler "Befreiung" ansehen. Ein "Bergfest" wurde zur Halbzeit der Ausbildung gefeiert, eine Bierzeitung verfertigt.
Am verträumten Springsee zog sich die SED eine professionell ausgebildete Untergrundtruppe mit staatlichem Gütesiegel heran. Ihre Ausbildung ging in Teilen weit über den Drill für die paramilitärischen SED-Betriebskampfgruppen hinaus, die nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 zum Schutz vor Konterrevolutionären aufgebaut worden waren und zuletzt rund 400 000 Mann zählten.
Die Einheiten in der steingrauen Uniform, die 1961 den Bau der Mauer absicherten, mehrfach bei Spannungssituationen in der DDR mobil machten und zusammen mit der Volksarmee ins Manöver zogen, werden von der gewendeten SED-Führung nun entwaffnet und aufgelöst. Sie gehörten zum "Militärapparat der SED" (Oertel) - wie wohl auch die geheimen Krieger vom Springsee.
Daß die Partisanen in der Bundesrepublik nicht nur als sogenannte Schläfer auf eine Gelegenheit zum Einsatz warten, sondern sich auch aktiv in ihren Fertigkeiten üben sollten, zeigte sich in den Lagebesprechungen.
Die Kämpfer wurden laut Borchert nicht nur dazu ausgebildet, in möglichen Kriegssituationen "im Hinterland des Gegners" loszuschlagen. Auch soziale Unruhen wie Streiks und "Angriffe des Klassengegners gegen die revolutionäre und demokratische Bewegung" könnten, mitten im Frieden, den Einsatz der Kampfgruppen in der Bundesrepublik erfordern, hieß es im Unterricht.
Zudem hätten die subversiven Paramilitärs Daueraufträge erhalten, die den ganzen Wahnwitz des Unternehmens deutlich machten: Ihnen oblag nach Oertels Bericht auch der Schutz "revolutionärer Einrichtungen", womit wohl die Parteihäuser der DKP gemeint waren, und die Sicherung "revolutionärer Massenaktionen" wie Protestdemonstrationen gegen Atomanlagen in Wackersdorf oder Gorleben. Eine beispiellose Groteske: Militärisch gedrillte Untergrundkämpfer sollten, im Ordnerdienst, auch Aufmärsche der DKP unter dem Zeichen der weißen Taube sichern helfen - in der Friedensbewegung.
Das Rüstzeug lieferte nach Oertels und Borcherts Angaben der besonders gepflegte Unterricht in "Konspiration und Sicherheit". Die Genossen lernten etwa die "Abwehr von Verfolgung und Beobachtungen des Gegners", die Organisation konspirativer Treffs und Wohnungen, die "Legendierung", die Verschlüsselung von Nachrichten und die "Rückführung der Kämpfer in die Legalität".
Dorthin wurden sie, nach feierlichem Gelöbnis, entlassen - bis zu 300 treue Westkommunisten haben nach Oertels und Borcherts Schätzung rund um Spring- und Scharmützelsee im Laufe der Jahre ihren Schliff erhalten. In der Bundesrepublik gingen sie unverzüglich ans subversive Werk.
Wie andere Absolventen der Lehrgänge mußte Oertel für seinen DKP-Bezirk in Hessen "Kampfformationen" aufbauen - mit "sehr hochgestochenen Vorstellungen": Die Militärorganisation sollte "flächendeckende Strukturen" erhalten.
Oertels erste Guerilla-Truppe, die er als "Bereichsverantwortlicher" zu führen hatte, war seinen Angaben zufolge auf neun Mann angelegt. Darunter sollten sich, so der Auftrag, auch Spezialisten für Transporte, Sprengungen und Kurierdienste befinden. Oertel: "Die Personaldecke war viel zu dünn, um so einen Wahnsinn aufzubauen."
Dennoch konspirierten die Partisanen, was das Zeug hielt. Stets ging es darum, "Materiallager" als Waffenverstecke und "Deckadressen" zu finden oder geheime Treffs zu organisieren. Was Oertel schildert, mutet wie eine Mischung aus Verfolgungswahn und Räuber-und-Gendarm-Spiel an.
Dreimal jährlich mußte er sich mit Vorgesetzten und Untergebenen treffen, die Begegnungen wurden nach einem detaillierten Stufenplan organisiert: Die Prozedur bestand aus einem "Vortreff", bei dem auf mögliche Observierung geachtet werden mußte, einem "Haupttreff" 15 Minuten später, einem "Reservetreff" zwei Stunden danach und, für Notfälle, einem "Sicherheitstreff" an einem völlig anderen Ort.
"Illegale Quartiere" wurden besorgt, zum Beispiel nutzten die Kämpfer laut Oertel die Wohnungen von "Leuten, die lange in der Arbeiterbewegung und zuverlässig sind". Der Bereichsverantwortliche selber, so gibt er an, konnte, "wenn es mal dicke kam", im Hotel eines Parteifreundes in Bad Orb abtauchen.
Für die Kosten der ganzen Geheimniskrämerei kam, ganz bürokratisch, nach Oertels Angaben die SED auf. Er habe mit seinen Leuten regelrechte "Fahrtkostenabrechnungen" gemacht und sein "Bewegungsgeld" meist direkt aus Ost-Berlin bekommen: "Dies alles fand auf einer Ebene statt, wo es keine erkennbare Trennung zwischen SED und DKP gab."
Der Eintritt in den anderen deutschen Staat war für die kommunistischen Partisanen leicht zu bewerkstelligen: Sie verfügten, wie offizielle Delegationen der DKP oder Ost-Touristen aus dem Parteibereich, über Blankoblöcke mit "Ferienschecks der Volkssolidarität", abgestempelt vom Parteivorstand der DKP. Eingetragenes Reiseziel: "Berlin (DDR), Zentralkomitee der SED".
Mit diesen grünweißlichen Papieren im Paß genossen die Konspirateure an den Grenzübergängen Vorzugsbehandlung. Auch den Rückweg trat Oertel oft auf dem kurzen Wege an: durch ein geheimes Tunnelsystem im Berliner Ost-West-Bahnhof Friedrichstraße, das auch Überläufer Stiller schon beschrieben hat. In dem "schleusenartigen Gang" habe es "keine Visitation, keine der üblichen Grenzkontrollen" gegeben, berichtete Stiller.
Bei Dutzenden solcher "Anleitungsgespräche" in Ost-Berlin, jeweils in einer der zahlreichen konspirativen Wohnungen, bekam Oertel regelmäßig die Akten über seine Truppe zu Gesicht. Instruiert wurde er anhand der "Richtlinien und Beschlüsse des Militärrates": "Das war alles ganz bürokratisch in Laufmappen, mit Aktenzeichen und Stempeln von vertraulich bis geheim."
Die Anführer in der DDR wiesen dem Bereichsverantwortlichen gelegentlich neue Mitkämpfer zu, die Oertel von Angesicht noch nicht kannte. In solchen Fällen erhielt der Guerrillero-Boß in Ost-Berlin bestimmte Erkennungszeichen - James Bond läßt grüßen -, die der neue Mitkämpfer in der Bundesrepublik dann zu ergänzen hatte: die Hälfte einer durchgerissenen Fahrkarte, ein kleines Schloß, zu dem der passende Schlüssel gereicht werden mußte.
Aus den putzigen Agentenspielchen wurde Ernst, als sich Anfang der achtziger Jahre der innenpolitische Streit um die Nachrüstung zuspitzte. Oertel bekam, so berichtet er, den Auftrag, einen übergreifenden Partisanentrupp, eine "Einsatzgruppe", in volle Bereitschaft zu versetzen. Mit dabei waren Genossen aus dem Saarland und Baden-Württemberg, Order: "Wir sollten die persönlichen Waffen, Pistolen, ins Land bringen und dafür Materialverstecke organisieren."
Dafür wurde die Gruppe zu einem einwöchigen Sonderlehrgang, wieder am stillen Springsee, zusammengefaßt. Nach der Rückkehr in die Bundesrepublik erhielt der Trupp, schildert Oertel, den Befehl, Waffen aus der DDR von einem Übergabepunkt in Berlin in vorbereitete Verstecke zu transportieren.
Die Schießeisen sollten "in zwei schweren Pumpen" verborgen sein. Oertel entwarf einen Plan; Waffenverstecke hatte sich die Gruppe zum Beispiel auf Grundstücken im mittelhessischen Lollar oder im Dorf Hünstetten-Wallbach nordwestlich von Frankfurt ausgeguckt. Auf einer von Wochenendurlaubern genutzten Immobilie in Neu-Anspach sollten die Pistolen zunächst "entcontainert" (Oertel) werden. Doch der Plan wurde in letzter Minute, durch Weisung aus Ost-Berlin, gestoppt: Es gebe, so der diskrete Hinweis, Schwierigkeiten mit den Grenzorganen.
Zudem wurden die Konspirateure von neuem Ungemach ereilt. Ein SDAJ-Funktionär in Nordrhein-Westfalen hatte sich, unter ungeklärten Umständen, ums Leben gebracht - ein "Sicherheitsfall", wie Oertel von seinem Führungsoffizier in Ost-Berlin erklärt wurde. Die Einsatzgruppe mußte stillgelegt werden, die SED änderte erneut die Taktik: Nun sollten kleine "Kampfgruppen" mit einem "Instrukteur" und jeweils sechs Partisanen gebildet werden.
Auftrag diesmal: die Beschaffung von "persönlichen konspirativen Einrichtungen" und von "Materiallagern, in denen auch weitergehende Bewaffnung außer Pistolen" untergebracht werden könnte. Oertel brachte einen solchen Trupp zustande, der erst mal zu "Trockenübungen" ausschwärmte: Das "Beziehen einer Basis" im hessischen Nidda wurde erprobt, ein Kraftwerk bei Hanau und eines bei Schleusen wurden für eventuelle Anschläge ausgespäht, die laut Mitkämpfer Borchert "gedanklich" erwogen worden seien.
Doch dann zogen parteiinterne Auseinandersetzungen in der DKP zwischen "Erneuerern" und "Bewahrern" auf, ein Mitkämpfer sagte der Gruppe ade - wieder mußte eine Einheit des Bataillons der Arbeiterklasse stillgelegt, eine neue aufgebaut werden.
Oertels Kampfzeit aber ging allmählich zu Ende. Er wurde zum einjährigen Parteilehrgang an die Franz-Mehring-Schule nach Ost-Berlin beordert. Nach innerparteilichen Zerwürfnissen, bei denen es um die konspirativ vorbereitete Ablösung eines reformfreudigen DKP-Funktionärs in Nordrhein-Westfalen ging, setzte sich Oertel allmählich von Partei und Militärorganisation ab. Oertel übt heute tätige Reue: "Das war eine fürchterliche Verirrung des Denkens."
Weitere ehemalige Mitkämpfer haben sich losgesagt. In einer Erklärung, die sie bei Rechtsanwälten in Nordrhein-Westfalen und Hessen hinterlegen wollen, appellieren sie an "alle Mitglieder der DKP-Militärorganisation", die "sinnlosen Abenteuer" zu beenden. Auszüge aus dem Papier: _____" Kommunistische Ideale wurden von denen verraten, die " _____" sie immer lauthals verkündeten. Uns war in der Strategie " _____" dieser Herren die Rolle zugedacht, im Krisenfall die " _____" Kastanien aus dem Feuer zu holen. Dazu sind wir nicht " _____" mehr bereit. Zugleich ist die Aufhebung unserer " _____" Verpflichtung Bestandteil eines konsequenten Bruches mit " _____" dem Stalinismus und der durch ihn erzeugten Strukturen . " _____" . . " _____" Mit unserem Schritt möchten wir mit dazu beitragen, daß " _____" der Weg in die politische Sekte, den Teile der DKP zur " _____" Zeit gehen, nicht noch von sinnlosen Abenteuern begleitet " _____" wird . . . Wir rufen alle Mitglieder der " _____" DKP-Militärorganisation auf, unserem Schritt zu folgen " _____" und ebenfalls alle eingegangenen Verpflichtungen für null " _____" und nichtig zu erklären. "
Andere sind bisher bei der Stange geblieben. Seine Anleitung in der Bundesrepublik, behauptet Oertel, habe er zeitweise von dem hauptamtlichen DKP-Funktionär Uwe Eichholz erhalten, der nicht nur dem Parteivorstand angehört, sondern in Düsseldorf auch in der Abteilung des Altgenossen Kurt Fritsch, 60, für "Organisation und Höhepunkte" im Parteileben zuständig ist.
Eichholz sei ein "MO-Mann", ebenso wie die hauptamtlichen Funktionäre Uve Merz und Horst Krämer aus der Kaderabteilung. Merz und Krämer will der abtrünnige Oertel beim ersten Schieß- und Sprenglehrgang am Springsee kennengelernt haben, Krämer zum Beispiel unter dem Decknamen "Henry Rehbein".
Unter den MO-Kämpfern befänden sich außerdem Ordnerchefs der DKP, Organisationssekretäre aus den Bezirken und Gewerkschaftsmitglieder in den Betriebsräten vor allem metallverarbeitender Großunternehmen.
Die meisten richten sich offenbar nach der Order, die von der militärischen Führung zum "Verhalten der Partei bei Verhaftung oder Offenlegung von MO-Zugehörigkeit" laut Borchert ausgegeben worden ist: "Klar war auch, daß die Partei sich immer von dieser Tätigkeit distanzieren wird." Im Extremfall sollten, so die Sprachregelung, Aktionen der MO als "individueller Terror" verurteilt werden.
Zu der "neuen politischen Provokation der DKP" erklärte Parteichef Mies denn auch vor Weihnachten, es gebe in der Partei lediglich einen "Ordnerdienst", der zum Schutz von "Veranstaltungen, Aktivitäten und Demonstrationen" gegen Neonazis und "andere rechte Kräfte" eingesetzt werde. DKP-Mitglieder hätten "aufgrund ihrer bitteren Erfahrungen" in der Geschichte, so Mies weitschweifig, ein berechtigtes Verlangen "nach persönlichem Selbstschutz und nach Schutz von DKP-Aktivitäten". Mitglieder der Partei hätten sich "stets auch Gedanken darüber gemacht, wie sie sich gegen Rechtsputschereien und Provokationen widersetzen" könnten. Mies: "Das war und ist legitim und gesetzlich."
Funktionäre wie Eichholz wollen sich über die Berichte der Überläufer schier ausschütten vor Entrüstung: Das sei ja "ein schönes Ei", "die dollste Geschichte, die ich je gehört habe", der bare "Quatsch" und "völlig undenkbar".
Ex-Partisanen wie den Kasseler Berthold Lindner wundert solches Verhalten nicht: "Das ist uns schließlich so eingebleut worden." Und Oertel äußert über Eichholz einen ganz anderen Verdacht.
Der Organisator der "Höhepunkte" sei erst kürzlich wieder in der DDR gewesen. Dort habe er, juxt sich Oertel, wohl an der Beseitigung belastender Unterlagen gearbeitet. Oertel: "Der ist wahrscheinlich mit rußigen Fingern zurückgekommen."
In der Woche vor Neujahr kündigte Oertel an, er werde sich einem Frankfurter Staatsanwalt anvertrauen.

DER SPIEGEL 1/1990
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