01.01.1990

DDR/MikroelektronikEnde der Illusion

Eine Studie von DDR-Wissenschaftlern belegt: Die „Elektronisierung der Volkswirtschaft“ ist weitgehend gescheitert.
Der Gastgeber, mächtigster Mann im Staat, hörte den Lobspruch gern: "Sinnvoll und stimulierend", schmeichelte ihm Heinz Wedler, damals wie heute Generaldirektor des Kombinats Mikroelektronik in Erfurt, sei der "maßgeblich von deinem persönlichen Wirken geprägte Kurs".
Gerührt nahm Staatsratsvorsitzender Erich Honecker dann das Gastgeschenk entgegen: erste Muster eines leistungsfähigen 32-bit-Mikroprozessors aus DDR-eigener Produktion. Dann gab der greise SED-Generalsekretär der Delegation aus Erfurt das Lob zurück: Ihre Arbeit entspreche "höchsten international bekannten Maßstäben".
Das war im August letzten Jahres in Berlin. In den Schubladen der Akademie der Wissenschaften der DDR schlummerte da schon eine Studie zum Stand der Mikroelektronik im SED-Staat, die den wahren Gehalt auch dieses realsozialistischen Rituals offenbart: alles Lüge.
Denn die Untersuchung des Zentralinstituts für Wirtschaftswissenschaften an der Prenzlauer Promenade, noch im November letzten Jahres als geheime "Dienstsache" eingestuft, belegt nicht nur einen "gravierenden ökonomischen Rückstand" in der Schaltkreisproduktion der DDR.
Nicht einmal der technologische Abstand zum Westen habe verringert werden können, lautet die bittere Bilanz der Arbeitsgruppe unter Leitung von Akademieprofessor Wolfgang Marschall. Zwar sei die "Schaffung einer eigenen mikroelektronischen Basis" richtig gewesen; der Milliardenaufwand für die Bauelemente-Fertigung in der DDR hat jedoch nach den Ergebnissen der Studie nicht gelohnt und darüber hinaus, so Marschall, den Ausbau der Mikroelektronik beim ostdeutschen Nachbarn sogar "ökonomisch gehemmt".
Zugunsten der Entwicklung von Basis-Schaltkreisen wie Speicherchips und Steuerprozessoren für Personalcomputer, ergab die Bestandsaufnahme, sind die Bereiche Rechen-, Nachrichten- und Steuerungstechnik sowie Konsumgüterelektronik derart vernachlässigt worden, daß der DDR-Anteil an der Elektronik-Weltproduktion in den letzten zehn Jahren von 0,8 auf 0,4 Prozent zurückgegangen ist - ein Trend, der sich laut Studienleiter Marschall in den neunziger Jahren "mit größter Wahrscheinlichkeit" fortsetzen wird. Ratlos lassen den Wissenschaftler die Entscheidungen des alten Regimes: "Sie sind nicht ökonomisch zu erklären."
Die alte Staatsführung habe "einseitig auf möglichst viel Technikeinsatz", dagegen kaum auf "Effektivitätsgewinn" gesetzt, heißt es weiter in der Studie. Von den 14 Milliarden Mark, die von 1977 bis 1988 in die Mikroelektronik flossen, blieb die Hälfte in der Halbleiter-Industrie hängen. Das ursprünglich angestrebte Ziel, die importunabhängige Produktion von Standard-Bauelementen in der DDR, erklärten die Wissenschaftler jetzt schlicht zur "Illusion".
Das Cocom-Embargo, das die Deutsche Demokratische Republik am Hochtechnologie-Erwerb auf westlichen Märkten hindert, war dabei für die Autarkie-Verfechter laut Marschall eine "Tatsache, auf die sie sich fein herausreden konnten".
Am weitesten nämlich, so belegt die Studie, hinkt die DDR-Technologie im Bereich der Gebrauchs- und Nachrichtenelektronik hinterher: Gemessen an westlichen Standards liegt sie dort 12 bis 15 Jahre zurück. In der Bauelemente-Industrie beträgt der Rückstand zwischen drei und acht Jahren - aber das entspricht auf diesem Sektor schon bis zu drei Technologie-Generationen. Auch "die ominöse Sache mit dem 1-Megabit-Chip" (Marschall) wird durch die Studie in ein neues Licht gerückt.
Gemeint ist jener spektakuläre Auftritt, mit dem Erich Honecker im September 1988 einer erstaunten Weltöffentlichkeit suggeriert hatte, die DDR habe in bestimmten Bereichen der Chipproduktion dramatisch aufgeholt. Honecker präsentierte damals ein Bauelement, auf dem der Text von 100 Schreibmaschinenseiten gespeichert werden könnte.
Daß es mit diesem 1-Megabit-Chip aus dem Kombinat Carl Zeiss Jena in Wahrheit nicht soweit her ist, macht die Studie mit der Empfehlung deutlich, den Versuch der Selbstversorgung auf diesem Gebiet aufzugeben. Bislang ist die Produktion des Speichers in der DDR über eine "Pilotserie" von 20 000 Stück nicht hinausgekommen. Im Westen ist der Standardchip seit 1986 in der Massenproduktion, allein der bundesdeutsche Hersteller Siemens bringt es derzeit monatlich auf zwei Millionen Stück.
Das Bauelemente-Sortiment der DDR, fordert Marschall nun, sei "konsequent zu bereinigen", Speicherchips sollten, "soweit überhaupt sinnvoll, nur zur Technologie-Einführung genutzt werden". Nüchternes Fazit des Wissenschaftlers: "Im Normalfall wird es notwendig sein, Standard-Bauelemente zu importieren."
Den einzigen Ausweg aus der Krise sehen die Akademie-Experten in der Konzentration der DDR-Mikroelektronik auf die Industriezweige, die bei geringem Energie- und Materialverbrauch "intelligenzintensiv" produzieren.
Die Erfahrungen aus der bisherigen Bauelemente-Entwicklung, empfiehlt die Studie, sollten der Herstellung von sogenannten anwenderspezifischen Schaltkreisen zugute kommen. Diese jeweils für bestimmte Industrieanwendungen entworfenen Chips, deren Schaltlogik auf typische Produktionsabläufe ausgerichtet ist, können auch in kleineren Serien rentabel hergestellt werden, beispielsweise für Textil-, Elektronik- und Werkzeugmaschinen.
Auch im besonders "intelligenzintensiven" Bereich der Software-Entwicklung, meint Marschall, könnte viel* Im September 1988; links: Carl-Zeiss-Jena-Generaldirektor Wolfgang Biermann. leicht eines Tages aus der Not eine marktfähige Tugend werden: Mit maßgeschneiderten Branchenlösungen lasse sich gegen Programmanbieter im Westen sehr wohl konkurrieren. Die DDR verfüge über "hervorragende Programmierer, die keine Schwierigkeiten mit internationalen Standards haben dürften". Allerdings sei der Bestand an Computern, auf denen derartige Programme entwickelt werden können, in der DDR immer noch "absolut nicht ausreichend".
Wozu das führt, mußten in den vergangenen Wochen Marschalls Akademie-Kollegen vom Berliner "Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse" schmerzhaft erfahren.
Schon vor der Wende tüftelten dort rund 50 Entwickler, in Kooperation mit der Volkswagen AG und der West-Berliner Gesellschaft für Prozeßsteuerungs- und Informationssysteme, an Software-Produkten für den Westmarkt. Mit jeweils einem Personalcomputer für vier Mitarbeiter sind sie, so Exportdirektor Hans-Günter Weide, sogar noch "vergleichsweise sehr gut ausgestattet".
Trotzdem verließen nach der Öffnung der Grenzen vier seiner Software-Experten die laufenden Projekte, um ihren Arbeitsplatz direkt an ein Computerterminal im Westen zu verlegen. Damit seien zwar, verglichen mit anderen Bereichen, nicht übermäßig viele Mitarbeiter abhanden gekommen; aber, so klagte Weide letzte Woche, "diese wenigen waren wichtig".

DER SPIEGEL 1/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DDR/Mikroelektronik:
Ende der Illusion

Video 00:51

So groß wie ein Mensch Taucher filmen Riesenqualle

  • Video "Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen: Diese Leute hassen unser Land" Video 02:39
    Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen: "Diese Leute hassen unser Land"
  • Video "Wohnung, Atelier und Kita kostenlos: So wirbt Görlitz um junge Familien" Video 12:35
    Wohnung, Atelier und Kita kostenlos: So wirbt Görlitz um junge Familien
  • Video "Vom Retter zum Geretteten: Traktorfahrer in Not" Video 01:02
    Vom Retter zum Geretteten: Traktorfahrer in Not
  • Video "Australien: Stadtbekannte Robbe greift Hai an" Video 01:14
    Australien: Stadtbekannte Robbe greift Hai an
  • Video "Italien: Wasserhose verwüstet Strand" Video 00:40
    Italien: Wasserhose verwüstet Strand
  • Video "Ursula von der Leyen: Ihr Weg nach oben" Video 04:19
    Ursula von der Leyen: Ihr Weg nach oben
  • Video "Razzia in Italien: Polizei findet Rakete bei Rechtsextremen" Video 00:59
    Razzia in Italien: Polizei findet Rakete bei Rechtsextremen
  • Video "Containerschiff auf Kollisionskurs: Da ist ein Kran im Weg" Video 01:02
    Containerschiff auf Kollisionskurs: Da ist ein Kran im Weg
  • Video "Konzept für bemannte Renndrohne: Formel 1 in der Luft" Video 01:34
    Konzept für bemannte Renndrohne: Formel 1 in der Luft
  • Video "Schweden: Neun Tote bei Absturz von Kleinflugzeug" Video 01:21
    Schweden: Neun Tote bei Absturz von Kleinflugzeug
  • Video "Kriminaldauerdienst: True Crime in Hannover" Video 49:23
    Kriminaldauerdienst: True Crime in Hannover
  • Video "Amateurfußball: Torwart patzt - und dann..." Video 00:58
    Amateurfußball: Torwart patzt - und dann...
  • Video "Festival Zen OpuZen: Sand vom Feinsten" Video 01:21
    Festival "Zen OpuZen": Sand vom Feinsten
  • Video "3 Minuten bei -110 Grad: Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!" Video 03:51
    3 Minuten bei -110 Grad: Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!
  • Video "Schminken, Schweinebauch und Zensur: So tickt Chinas Jugend" Video 06:37
    Schminken, Schweinebauch und Zensur: So tickt Chinas Jugend
  • Video "So groß wie ein Mensch: Taucher filmen Riesenqualle" Video 00:51
    So groß wie ein Mensch: Taucher filmen Riesenqualle