01.01.1990

RumänienDie Bestien

Die „Securitate“, Ceausescus gefürchtete Geheimpolizei, erwies sich als unerbittliche Terrortruppe.
Ehe das Jahr sich wendete, fiel die letzte Bastion des Stalinismus in Europa, stürzte der letzte Tyrann. "Die Rumänen", verneigte sich die polnische Solidarnosc vor den "Brüdern", hätten bewiesen, "daß es in Europa keine Völker gibt, die sich mit der Herrschaft des Bösen und der Dummheit abfinden".
Die Solidarnosc-Zeitung Gazeta wyborcza: "Ihr habt das Unwahrscheinliche vollendet, das niemand außer euch getan hat." Die Sieger zogen zu Hunderttausenden durch die Straßen von Bukarest, zu Fuß, auf Lastwagen, schwenkten Nationalfahnen, aus denen das verhaßte Emblem der Kommunisten herausgeschnitten war, und schrien immer wieder: "Die Bestien sind tot!"
Am Montagabend hatte das Bukarester Fernsehen die alles entscheidende Meldung gesendet: daß an geheimem * Text auf dem Transparent: "Die Diktatur ist gefallen, der Ceausescu-Clan ist gefallen, wir sind frei." Ort - offensichtlich in einer Kaserne von Ploiesti, 70 Kilometer nördlich von Bukarest - der verhaftete Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu, 71, sowie seine Stellvertreterin und Ehefrau Elena, 70, in einem Schnellprozeß vor einem Militärgericht zum Tode verurteilt wurden. "Unverzüglich, um vier Uhr nachmittags, wurden die Urteile vollstreckt."
Das Fernsehen, kommentiert von Vertretern des neugegründeten "Komitees zur Rettung der Nation", zeigte im Laufe des Dienstags gut 30mal die schrecklichen Bilder: ein erschöpfter Ceausescu, von Soldaten aus einem Schützenpanzer gezerrt, ein Arzt, der dem Todgeweihten penibel noch einmal den Blutdruck mißt, Frau Elena mit verkniffenem Mund auf der Anklagebank und - zum Finale - die Leiche des Diktators.
Der kurze Prozeß und die unbarmherzigen Bilder, von den Regierungen in Washington und Paris als "unnötig und unmenschlich" kritisiert, von den Oberen im Kreml aber als "Willen des Volkes" hingenommen, gehörten laut neuer rumänischer Führung zur "lebensrettenden Strategie für die Demokratie".
Der neue Ministerpräsident Petre Roman rechtfertigte den Tyrannenmord: _____" Nur mit dem Beweis, daß die schrecklichen Diktatoren " _____" wirklich nicht mehr am Leben sind, können wir weiteres " _____" Blutvergießen verhindern und das Volk vom " _____" ernsthaften Wandel der Politik überzeugen. Zudem gab es " _____" Hinweise, daß die Geheimpolizei Securitate ein Kommando " _____" zusammenstellt, um die beiden zu befreien. "
Noch am Mittwoch feuerten in Bukarest versteckte Heckenschützen, noch immer wollten Ceausescu-Getreue den Sieg des Volkes wieder umkehren oder möglichst viel Unschuldige mit in den Tod nehmen.
Das Hauptkontingent der Verteidiger der alten Ordnung stellte der berüchtigte Sicherheitsdienst "Securitate", der über 50 000 bis 70 000 im Terror geschulte Profis verfügte und weit besser ausgerüstet war als die 190 000 Mann der rumänischen Armee.
Nach der kommunistischen Machtübernahme 1944 entsprechend dem Vorbild der sowjetischen Geheimpolizei NKWD "zum Schutze des Sozialismus" gegründet, wurde die Securitate dem Innenministerium unterstellt, war aber seit 1965 den fanatischen "Wächtern der Revolution" im Iran ähnlich geworden, mit deren Hilfe der Ajatollah Chomeini Andersdenkende verfolgte.
Unkontrolliert und keinem Gesetz verpflichtet, war diese Leibstandarte dazu bestellt, jeden Befehl Ceausescus blind und brutal zu erfüllen - ein Staat im Staate gegen das Volk. Die Angehörigen dieser Ceausescu-Truppe haben im Dienst so oft gefoltert und gemordet, daß sie als gefürchtete Handlanger des Regimes bei Aufgabe nicht mit Gnade oder einem gerechten Prozeß rechnen konnten, eher mit Lynchjustiz.
Mitte der achtziger Jahre hatte der mißtrauische Ceausescu-Clan nach vier gescheiterten Militär-Putschen die Securitate auch zum Aufpasser über die Armee bestellt. Politoffiziere taten in jeder Kompanie Dienst, um die bewaffnete Macht lückenlos zu überwachen.
Seither war die Securitate auch mit Panzern, Kampfhubschraubern und panzerbrechenden Waffen ausgerüstet. In allen Städten hatte der Dienst Waffenlager angelegt und nach chinesischem Vorbild die Zentralen in Bukarest durch ein unterirdisches Tunnelsystem miteinander verbunden - Widerstandsnester und Fluchtwege in einem.
Die Sicherheitsdienstler bezogen Spitzengehälter: mehr als ein rumänischer Chefarzt oder Professor. Securitate-Leute durften in separaten Läden westliche Waren einkaufen, wichtigstes Privileg im Hungerland Rumänien.
Die Elite dieser Ceausescu-Wächter war die Präsidentengarde, eine dem Ceausescu-Clan auf Leben und Tod ergebene Janitscharen-Truppe, "Falken des Vaterlandes" genannt. Schon seit über 20 Jahren sortierte das Ehepaar auf dem rumänischen Thron in den Waisenhäusern die tüchtigsten Kinder aus und ließ ihnen in einer Sonderschule im Prahova-Tal die beste Ausbildung zukommen.
Über 4000 elternlose Kinder, denen Nicolae und Elena Ceausescu Vater und Mutter ersetzten, gingen durch diese Anstalt und wurden hernach in Schlüsselpositionen der Prätorianergarde untergebracht.
Aber auch ausländische Söldner gehörten zum letzten Aufgebot, hauptsächlich Libyer und Palästinenser, die vertragsgemäß in geheimen Lagern der Securitate zu Terroristen ausgebildet wurden. Gaddafi, dessen Großvater ein aus Rumänien ausgewanderter Gastarbeiter war, hatte Ende der siebziger Jahre eines dieser Lager in Siebenbürgen selbst inspiziert.
Ob es der neuen Macht, dem 39köpfigen "Komitee zur Rettung der Nation" schnell und überzeugend gelingen würde, das dichte Verbindungsnetz der Securitate unschädlich zu machen, war Mitte der Woche noch nicht entschieden.
Der Neue an der Spitze ist zur Empörung vieler Rumänen einer der Alten: Ion Iliescu, 59, Sohn eines rumänischen Altkommunisten, war als Günstling Ceausescus aufgestiegen. Bis 1971 Jugendminister und ZK-Sekretär für Ideologie, entdeckte er rechtzeitig die Grenzen der totalen Macht am Ausgang des 20. Jahrhunderts - und setzte auf einen demokratischen Sozialismus. Zu freien Wahlen im April bekannte er sich jetzt allerdings nur unter dem Druck der Mehrheit im Bukarester Revolutionsrat; der Gründung einer nichtkommunistischen Alternative ("Demokratische Partei") suchte er zuvorzukommen.
Wichtigste Empfehlung des geläuterten Ideologen ist seine Nähe zu Michail Gorbatschow. Als Sprecher der rumänischen Studenten Mitte der fünfziger Jahre hat Iliescu zusammen mit dem Kremlchef in Moskau studiert und ist - so Iliescus Beteuerung - seither mit ihm befreundet.
Zum neuen Premier wurde der Bukarester Professor für Wasserwirtschaft Petre Roman, 43, bestimmt, Sohn eines rumänischen Spanienkämpfers, dessen Vorzug wohl vor allem darin liegt, daß er bisher kein öffentliches Amt bekleidet hat und damit unbelastet scheint.
Galionsfigur der neuen Macht aber ist Corneliu Manescu, 73, von 1961 bis 1972 Ceausescus Außenminister und seinerzeit maßgebender Architekt der rumänischen Selbständigkeit im Sowjetblock. Der deshalb auch im Westen hochgeschätzte Diplomat stand zuletzt in einem Dorf bei Bukarest unter Hausarrest, weil er im März zusammen mit fünf weiteren Altgenossen Ceausescus Personenkult und die Securitate scharf kritisiert hatte. Für die Übernahme eines verantwortlichen Amtes, so hat der Greis erklärt, fühle er sich zu alt.
Mit im Kreis der Vaterlandsretter sitzt jener Pastor Laszlo Tökes, dessen Verhaftung in Temesvar den blutigen Aufstand ausgelöst hatte. Auch der Dichter Mircea Dinescu ist dabei, den die Securitate wegen kritischer Schriften verfolgte und schikanierte.
Gewonnen, so Staatschef Iliescu am Mittwoch, sei die Revolution noch nicht: "Der Wiederaufbau wird durch reaktionäre Kräfte erschwert" - und es war nicht auszumachen, ob er damit die geschlagenen Kommunisten oder die siegreichen Demokraten meinte.

DER SPIEGEL 1/1990
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