04.12.1989

„Die san nur arme Würschtl“

Es war eine lange, strapaziöse Fahrt für Tadeusz Lesinski und die anderen im Bus. Bald nach der Abfahrt in Warschau fiel die Heizung aus. Dann, an der polnisch-tschechischen Grenze, ließen bummelnde Zöllner die Insassen drei Stunden lang warten, ehe es nach Österreich weiterging.
Um acht Uhr morgens erreichte der rotweiße Autobus am vergangenen Mittwoch das Reiseziel: Wien, II. Bezirk, Perspektivstraße. Die Adresse ist selbst den meisten Wiener Taxifahrern nicht geläufig. In Polen jedoch hat die knapp 300 Meter kurze Straße im Prater zwischen Riesenrad und Baby-Strich einen glänzenden Ruf - als größter und lukrativster Schwarzmarkt in der österreichischen Bundeshauptstadt.
Tagtäglich, auch am Wochenende, werden Hunderte Polen von der Gelegenheit angelockt, dort geschmuggelte Waren jeglicher Art und Herkunft gegen Devisen zu verhökern.
Dabei geht es den wenigsten um Spekulationsgewinne. Für die meisten ist der mühsame Schmuggeltrip ins Ausland die einzige Möglichkeit, ihr karges Einkommen zu verbessern, das im eigenen Land hinten und vorn nicht mehr reicht. In Polen, von Inflation und Mangelwirtschaft heimgesucht, leben bereits vier Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Im Winter droht vielen das nackte Elend.
Tadeusz Lesinski, 41, gehört - noch - nicht zu den akut Notleidenden. Der Mathematiklehrer eines Gymnasiums im Warschauer Stadtteil Praga verdient im Monat 280 000 Zloty, offiziell knapp 100 Mark. Seine beiden Kinder gehen zur Schule, Gattin Malgorzata arbeitet in einer Behörde. Ihr Vater und seine Mutter sind krank und benötigen zum Überleben seine Unterstützung, denn polnische Rentner sind besonders kraß benachteiligt. Das Familienbudget aber würde für die sechs Mäuler nicht reichen - wären da nicht die regelmäßigen Fahrten nach Wien.
Wie andere Mitreisende auch hat sich Lesinski gleich nach der Ankunft in das Spalier der Schwarzhändler eingereiht, die Schulter an Schulter zu beiden Seiten des schmalen Gehsteigs wie aufgefädelt stehen. Trotz der frühen Morgenstunde und frostiger Temperaturen ist auch schon reichlich Kundschaft da.
Sie kommt aus allen Gegenden des Balkans, aber auch viele Einheimische spähen in der Perspektivstraße nach einem Schnäppchen. Die Händler haben ihr Angebot auf dem Gehsteig zu ihren Füßen ausgebreitet: Es reicht von Bleikristall, Angelruten, bestickten Tüchern und Fleischkonserven bis zu Gartenzwergen und Werkzeug.
Tadeusz Lesinski hat diesmal - es ist seine neunte Reise seit dem Sommer - eine Stange Lucky Strike, die ihm der Vater eines Schülers geschenkt hat, sowie zwei Paar Kinder-Moonboots made in DDR in seiner braunen Tasche mitgebracht.
Mehr nach Österreich zu schmuggeln, wollte er nicht riskieren. Zu oft hat er erlebt, wie tschechoslowakische oder österreichische Zöllner ganze Kofferinhalte beschlagnahmten - für die Betroffenen ein unersetzbarer Verlust.
So steht Lehrer Lesinski, während zu Hause in Warschau ein Urlaubsvertreter seine Schüler unterrichtet, mit tief ins Gesicht gezogener Wollmütze in der Wiener Vorstadtgasse und schämt sich: "Jedesmal, wenn ich hier auf dem Basar stehe, kocht in mir die Wut hoch. Was ist das für ein System, das seine Bürger zwingt, ins Ausland zu reisen und dort gegen Gesetze zu verstoßen - das alles nur, um das Überleben meiner Familie zu sichern?"
Nach vier Stunden ist Lesinski seine Ware losgeworden. Eine Bulgarin zahlte für die Kinderstiefel 300 Schilling, die Zigaretten kaufte ein Wiener Rentner mit Pudel an der Leine für 150 Schilling. Damit hatte sich für Lesinski die kurze Reise schon gelohnt - am späten Nachmittag fuhr der Bus zurück, am nächsten Morgen stand der Lehrer wieder in der Schule:
Seine Kalkulation sah so aus: Die 450 Schilling (etwa 65 Mark) kann er in Polen legal wechseln, das bringt gute 200 000 Zloty. Abzüglich der 60 000 Zloty für die Busfahrt bleiben 140 000 über. Damit hat er sich in knapp 36 Stunden ein halbes Monatsgehalt dazuverdient. Nicht schlecht.
Nächste Woche wird er wiederkommen, mit versilbertem Besteck und, wenn sein Bruder in Danzig weiter von sowjetischen Matrosen beliefert wird, wohl auch mit einem Döschen Kaviar. Für dessen Erlös will er gute Wolle kaufen. Seine Frau und deren Schwester werden davon Pullover stricken, die Lesinski bei seiner übernächsten Schmuggelfahrt, in jedem Falle noch vor Weihnachten, nach Wien transportieren wird.
Lesinski: "Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, daß ich Wolle und Schuhe verschieben würde, hätte ich ihn ausgelacht. Jetzt überlege ich mir, welche Farben am besten gehen würden."
So wie der Mathematiklehrer rechnen sich polnische Bürger immer öfter aus, wie mit Schmuggel, Schwarzhandel und der Ausnützung von Kurs- und Preisdifferenzen ein Zubrot zum Hungerlohn zu verdienen ist. Von Budapest bis zum Bosporus, von Berlin bis in die Ukraine, von Zagreb bis zum nordostungarischen Zahony packen unterdessen Hunderttausende Polen auf Flohmärkten, Parkplätzen und in Hinterhöfen ihre fast immer illegal eingeführten Besitztümer aus.
In den meisten Fällen sind es nicht Menschen, die aus blankem Gewinnstreben oder einer unstillbaren Krämermentalität ihre verbotenen Geschäfte betreiben. Krasse Not zwingt sie dazu. Und wer will es ihnen verübeln, daß sie, ausgestattet mit freieren Reisemöglichkeiten als alle anderen sozialistischen Nachbarn, daraus Nutzen ziehen?
Viele Polen daheim fürchten durch das Ausschwärmen ihrer schmuggelnden Landsleute Schaden für das Ansehen des Landes vor allem im Westen. Die Warschauer Jugendzeitung Sztandar Mlodych brachte es auf den Punkt: Polnische Touristen, zumal mit vollen Rucksäcken, seien landauf, landab "ungern gesehene Gäste".
Folge: Die Polen, so das "Kursbuch", sind die "neuen Phönizier Osteuropas". Die Umtriebigkeit der Polen * Am Grenzübergang Drewitz. hat das Regime seit Jahren gefördert. Denn polnische Bürger durften, viel früher als ihre sozialistischen Nachbarn, frei in den kapitalistischen Westen reisen. Allerdings war die Devisenzuteilung so beschränkt, daß polnische Touristen gezwungen waren, sich während der ganzen Reise aus Mitgebrachtem zu verköstigen. Zusätzliche Auslagen finanzierten sie durch den Verkauf von Vorräten.
Aus handelnden Reisenden (die meist auch westliche Waren nach Hause mitbrachten, um sie dort gewinnbringend zu verkaufen) wurden so in den letzten Jahren zunehmend reisende Händler, die ganz Ost- und Mitteleuropa nach Okkasionen abgrasen oder mit ihren Warenangeboten überschwemmen. Zu den Amateuren gesellten sich immer mehr Profis.
Beliebtestes Ziel polnischer Business-Touristen ist Istanbul. In den letzten 18 Monaten kamen per Bus, Auto und Schiff rund 300 000 Polen in die türkische Bosporus-Metropole. In ihrem Gepäck brachten sie Fotoapparate, Rasierer, Spielzeug und Regenschirme mit, die sie in den Geschäfts- und Hotelvierteln Laleli und Aksaray an türkische Zwischenhändler verscherbeln. Dort finden ihre Mitbringsel reißenden Absatz - besonders begehrt sind auch Campingzelte. Für die wenigen Dollar, die die Türken zahlen, kaufen die Polen wiederum Jeans und T-Shirts, die in der Türkei billig produziert werden.
Ein profitables Geschäft: In den Basaren Istanbuls kosten Markenjeans-Imitationen zwischen 6 und 15 Dollar. In Warschau, Krakau oder Lodz erzielen Türkei-Urlauber Preise um die 200 000 Zloty. Die Gewinnspanne ist so garantiert dreistellig.
Der Polen-Tourismus hat sich für die türkische Wirtschaft mittlerweile zu einem brummenden Geschäft entwickelt. Istanbuler Experten schätzen, daß die polnischen Besucher jährlich Waren im Wert von 300 Millionen Dollar kaufen und ausführen. Zum Vergleich: Der offizielle Export türkischer Waren nach Polen betrug 1988 ganze 77,6 Millionen Dollar.
Einen Teil ihrer Einkäufe aus Istanbul veräußern die polnischen Handelsreisenden gelegentlich schon auf der Rückfahrt. Das führte im Frühjahr 1989 zu diplomatischen Verwicklungen zwischen den Bruderländern Bulgarien und Polen: Sofia protestierte beim Warschauer Außenministerium, daß sich von den rund 800 000 Polen, die jährlich in Bulgarien urlauben, allzu viele als Schwarzhändler betätigen.
Um die Schiebereien zu unterbinden, bietet der bulgarische Staat den polnischen Besuchern seither auf der Durchreise einen besonderen Service an. Ihr Gepäck wird kostenlos vom Einreise-Grenzübergang an jede beliebige Adresse in Polen weiterbefördert.
So zuvorkommend - wenn auch aus blankem Eigennutz - gehen andere Staaten mit den polnischen Touristen längst nicht mehr um: Erst vergangene Woche hat die ungarische Regierung die private Ausfuhr vieler Lebensmittel verboten. Diese Maßnahme zielte gegen jugoslawische Einkäufer in den südlichen Grenzgebieten, aber auch gegen Polen, die ungarische Salami mit lukrativem Aufschlag an der Wiener Perspektivstraße zu Alpendollar machen.
Vorbild für die ungarische Entscheidung war die strenge Praxis von DDR-Zöllnern gegenüber den polnischen Nachbarn, die an den Grenzen bis auf die Haut gefilzt wurden, weil sie haufenweise hoch subventionierte Mangelwaren aus Ost-Berliner Kaufhäusern nach Hause oder auf den Polenmarkt nach West-Berlin schleppten.
Gegen die zunehmend rüde Behandlung ihrer Bürger protestierte vergangene Woche die polnische Regierung in Ost-Berlin. Beschwerden blieben bislang an die Adresse West-Berlins aus: Auch dort gehen Polizisten polnischen Schwarzhändlern ungeniert an die Wäsche.
In der Sowjetunion, einem beliebten Markt polnischer Überlandfahrer, hat sich das Klima gegenüber den Schwarzhändlern dramatisch verschärft. Warschauer Zeitungen brachten schon mehrmals Berichte von Überfällen auf polnische Touristen in der UdSSR. In Belorußland wurde ein polnisches Pärchen im vollbeladenen Auto überfallen, ausgeraubt und erschossen. Die Leichen wurden anschließend verbrannt.
Vor allem in der Ukraine, berichten verängstigte Polen, gebe es regelrechte Wegelagerer "wie im vorigen Jahrhundert". Überschrift einer polnischen Zeitungsreportage: "Am schlimmsten sind die Karpatenbanden."
Nach den Überfällen - die Räuber spekulierten auf wohlgefüllte Kofferräume - gaben polnische Behörden ihren Landsleuten den Rat, künftig nur noch in Konvois zu fahren und keinesfalls im Freien zu übernachten.
Gefahr für geschäftstüchtige Polen auch in Rumänien: Im Oktober verprügelten rumänische Zöllner, für ihre Brutalität und Korruption berüchtigt, zwei Dutzend Polen auf der Rückfahrt aus Istanbul dermaßen, daß sich viele Verletzte in Ungarn in ärztliche Behandlung begeben mußten.
Vorletzten Mittwoch erwischte es einen polnischen Schwarzhändler in Wien: Auf dem Basar in der Perspektivstraße widersetzte sich ein 30jähriger Mann einer "Perlustrierung" (amtsösterreichisch für Personenüberprüfung). Es kam zu einem Handgemenge. Die beiden Polizisten fühlten sich bedroht, einer zog die Waffe, gab erst Warnschüsse ab und feuerte dem Polen schließlich eine Kugel durch den linken Oberschenkel.
Die "wüsten Szenen auf dem berüchtigten Schmuggelmarkt" (so das Wiener Boulevard-Blatt Neue Kronen-Zeitung) sind für Michael Sika, Stadtkommandant und Polizeichef des II. Gemeindebezirks, die Folge einer "wachsenden Aggression der Polen gegenüber uns Polizisten". Im Vergleich zu den Ungarn etwa, die um den Wiener Mexikoplatz ihren illegalen Geschäften nachgehen, seien die Polen "überhaupt nicht zugänglich". Die Erfahrung des Wirklichen Hofrates Sika: "Einem Polen etwas zu sagen oder ihm einen Ratschlag zu erteilen ist völlig sinnlos." Vielleicht hängt dieser Wesenszug, rätselt Sika, mit der "polnischen Geschichte zusammen: Die Polen waren ja irgendwie immer ein unterdrücktes Volk".
Ein Polizist des Kommissariats Ausstellungsstraße, schräg gegenüber dem Polen-Schwarzmarkt, zeigt Verständnis für die rauhe Art der Polen im Umgang mit seinen Kollegen (in den letzten Monaten wurden 18 Beamte bei "Amtshandlungen" mit Polen verletzt): "Die meisten san doch nur arme Würschtl, die de paar Schilling dringend brauchen."
In letzter Zeit hat sich die Szene jedoch verändert. Polizeichef Sika: "Wir haben es immer häufiger mit organisierten Schiebern zu tun." Sie brächten den Schwarzmarkt unter ihre Kontrolle und hätten in Wiener Wohnungen bereits zahlreiche Vorratslager angelegt. Sika: "Wenn sie auf die Schnelle in der Perspektivstraße 100 Kilo Kaffee brauchen, ist das bei denen kein Problem. Binnen Minuten ist die Ware da."
In dieser Entwicklung hin zum professionellen Schiebertum sieht der Mathematiklehrer Tadeusz Lesinski "eine große Gefahr für uns kleine Figuren". Denn dies bedeutet mehr Konfrontation mit der Polizei und damit noch mehr Kontrollen. Lesinski: "Es ist für mich schon demütigend genug, daß ich hier an der Straße stehen muß und das Gesetz breche. Aber mit solchen Kriminellen möchte ich nichts zu tun haben. Da bleibe ich lieber zu Hause und hungere."
Die ältere Frau, die rechts neben ihm auf Kundschaft für den in einem Plastiksack verstauten Christbaumschmuck hofft, wendet sich an den Lehrer: "Mein Herr, wenn erst Ihre Kinder hungern, dann werden Sie noch mehr schmuggeln." f

DER SPIEGEL 49/1989
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