06.11.1989

FußballBedrohtes Lebenswerk

Borussia Mönchengladbach, die Lieblingsmannschaft der Deutschen, steckt tief in der Krise.
Angestrengt starrten überschlägig 2000 Menschen, die sich auf dem Mönchengladbacher Marktplatz versammelt hatten, in Richtung einer geheimnisvoll verhüllten Bühne. So als wolle ein Wanderzirkus die schwebende Jungfrau vorführen, griff der Sprecher des nahe gelegenen Bökelbergstadions, Wolfgang Greven, zum Mikrofon, um der Menge die Attraktion einer nicht alltäglichen Veranstaltung zu präsentieren.
Gezeigt wurde in einer ziemlich provinziell anmutenden Fete dann aber doch nur ein eher unscheinbarer junger Mann, der etwas schüchtern einen Satz in gebrochenem Deutsch über die Rampe brachte: "Ich bin stolz", sprach der Fußballstürmer Igor Belanow, 29, "ein Borusse zu sein."
Mit dem spektakulären, zwei Millionen Mark teuren Import aus der Sowjetunion hoffte der Bundesligist aus Mönchengladbach Anfang Oktober sein zur Zeit erheblich lädiertes Image aufzupäppeln - bislang vergebens.
Denn der Star, 1986 Europas "Fußballer des Jahres", blieb nach einem Muskelfaserriß, den er sich im Training zuzog, zunächst einmal außen vor. Branchenkenner bezweifeln ohnehin, ob der Mann aus der Ukraine noch fähig ist, seinem neuen Vertragspartner aus dem Dilemma zu helfen. Bei seinem vormaligen Klub Dynamo Kiew taugte der feinnervige Kicker meist nur noch für die Ersatzbank.
Die Misere um Igor Belanow scheint symptomatisch zu sein. Was immer die einstmals hochgerühmte Truppe vom Bökelberg - über Jahre hinweg laut Umfragen der Deutschen Lieblingsmannschaft - auch anstellt, es endet im Trüben. Passe das Flair vergangener Tage, als renommierte Fußballer wie Günter Netzer, Allan Simonsen oder Jupp Heynckes den legendären Ruf der ewig frischen "Fohlenelf" begründeten.
Unter dem professionellen Geschick der Spitzentrainer Hennes Weisweiler und Udo Lattek hatten die Gladbacher da mit fünf deutschen Meistertiteln, einem Pokal- und zwei Europacup-Siegen eine Erfolgsserie hingelegt, wie sie im Bundesliga-Fußball nur noch der Großverein Bayern München überbot.
Auch unter Latteks früherem Co-Trainer Heynckes langte es immerhin noch zur Teilnahme am Uefa-Pokal und damit zu europaweiter Präsenz. Erst mit dem über acht Jahre hinweg ergeben arbeitenden Assistenten Wolf Werner stürzte der Klub ins Mittelmaß.
Der 47jährige Fußball-Lehrer (Günter Netzer: "Ihm fehlt die Ausstrahlung") gilt nun selbst dem treuesten Anhang als ein Mann, der bestenfalls noch durch seine schwungvollen Brillen Aufsehen erregt. Doch die Vereinsführung - Präsident Helmut Beyer, Alfred Gerhards und Manager Helmut Grashoff, alle deutlich über 60, die seit 27 Jahren gemeinsam die Geschicke der Gladbacher lenken - beunruhigt das wenig.
Einträchtig träumt das Trio, überzeugt von Werners Sachverstand, von einer zweiten großen Ära - und wer Zweifel am Gelingen dieses Unternehmens hegt, wird schon mal brüsk zurechtgewiesen. Kritische Begleitung ist am Bökelberg nicht gefragt. So genügten dem gereizten Pfeifenraucher Grashoff schon ein paar distanzierte Untertöne, mit denen der WDR-Reporter Jochen Hageleit etwa die müde Partie seines Teams gegen Borussia Dortmund kommentierte, um unfein aus der Haut zu fahren: Man müsse sich fragen, so der Manager anschließend, ob er "dem Westdeutschen Rundfunk unter den gegebenen Umständen noch Gastrecht gewähren" könne.
Rüde strich Grashoff einem Fotografen die Dauerkarte, der den starken Mann der Gladbacher abgelichtet hatte, als er sich eine Wolldecke über den Kopf zog und die Kölner Sport-Illustrierte den Schnappschuß nutzte, um mit ihm einen Beitrag über "die Schlafmütze vom Bökelberg" zu illustrieren.
So reagiert ein Funktionär, der sich verbittert an den Glaubenssatz klammert, daß "was vor 25 Jahren gut gewesen ist, auch in tausend Jahren noch gut ist". Während andere Bundesligisten längst über die Umwandlung ihrer Klubs in Aktiengesellschaften nachdenken, pocht Grashoff unbelehrbar auf den Fortbestand traditioneller Vereinsherrlichkeit.
Während der dem Gladbacher verhaßte Amtskollege von Bayern München, Uli Hoeneß, mit dem Sponsor Opel einen auf 15 Millionen Mark dotierten Werbevertrag abgeschlossen hat, brütet sein Konkurrent vom Niederrhein nur noch skurrile Ideen aus. So ließ er auf den Rasen des heimischen Stadions mit Schablonen das Logo eines örtlichen Bierbrauers pressen - der vermeintliche Coup scheiterte am Veto des Deutschen Fußball-Bundes.
Unablässig lamentiert Grashoff über sein zu kleines Stadion und verweist auf gewinnträchtige Arenen wie etwa die der Münchner. In Wahrheit ist der Bökelberg allenfalls dann noch ausverkauft, wenn die Bayern zu Gast sind. Um permanente Defizite zu vermeiden, verhökerte der risikoscheue Manager ("Die Schulden müssen gleich Null bleiben") ständig die besten Akteure.
Nur einmal wollte der Geldverwalter den finanziellen Verlockungen der Konkurrenz widerstehen, als er Uwe Rahn trotz einer Sieben-Millionen-Offerte vom PSV Eindhoven nicht aus dem Vertrag entließ. Wenige Monate später überlegte es sich Grashoff anders und veräußerte den Mittelfeldspieler an den benachbarten 1. FC Köln - jetzt allerdings nur noch für zwei Millionen.
Uli Hoeneß hält so etwas schlicht für "senil", doch solche Attacken fechten den ehrpusseligen Mann aus Mönchengladbach nicht an. Unbeirrt versteht der seinen Verein als "Lebenswerk", den er folglich "aus ganzem Herzen liebt".
Wie der Manager empfindet auch der Trainer, dem Sports attestierte, er gucke "aus der Wäsche wie der Seelöwe des Norddeutschen Rundfunks in Blond". Wolf Werner, ein früherer Mathematiklehrer, ist offenbar immer noch derart überzeugt von der Faszination seines Klubs, daß er den stetigen Niedergang partout nicht begreifen mag.
Als sich die einstmals sympathischen Gladbacher am vorletzten Wochenende als üble Kloppertruppe entpuppten und immerhin zwei Gegenspieler aus Bochum ins Krankenhaus traten, bat der hilflose Coach ("Das habe ich nicht gewollt") händeringend um Verständnis. Daß seine Borussia womöglich absteigen könne, begründete Werner, sei "eine unbekannte Situation".
Unversehens läuft sein Team so Gefahr, daß nun auch noch die vornehmste der Grashoffschen Wertvorstellungen ins Wanken geraten könnte. Der hatte vor Jahren treuherzig proklamiert, es sei ihm "lieber, den beliebtesten statt den erfolgreichsten Verein" zu führen. f

DER SPIEGEL 45/1989
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