02.10.1989

FußballVerrenktes Genie

Der vielleicht begabteste deutsche Fußballer kann sein Talent nicht nutzen.
Das Genie, Wolfram Wuttke mußte es vergangenen Dienstag wieder mal erfahren, ist machtlos gegen den Unverstand der Massen.
"Briegel für Wuttke", skandierten Tausende von Zuschauern in Kaiserslautern, als Hans-Peter Briegel, vielfacher Nationalspieler im Dienste des örtlichen 1. FC, zu seinem Abschiedsspiel in die Heimat zurückgekehrt war. Wuttke selbst durfte dabei nicht mitspielen, der Klub hatte ihn aus Disziplinargründen gesperrt.
Daß Briegel, ein ewig dampfendschnaubender Fußballarbeiter, ihm, dem leichtfüßig-filigranen Ballzauberer, bei den Fans den Rang abgelaufen haben sollte, brachte Wuttke in Rage. Tags darauf verlangte er vom Südwestfunk eine Telefonaktion, um den Fans das Mißverständnis klarzumachen.
Wuttke, 27, ist die tragische Figur im westdeutschen Fußball. Wohl begabter als alle, die Mitte dieser Woche gegen Finnland um die WM-Qualifikation spielen, ist er seit neuestem wieder weit weg von Franz Beckenbauers Nationalelf.
Nachdem Wuttke für diese Saison Besserung in jeder Beziehung geschworen und das endgültige Erwachsenwerden angekündigt hatte, war jetzt wieder alles aus: Der angeblich verletzte Fußballer wurde voll des erdigen Pfälzer Weins auf dem örtlichen Weinfest gesichtet.
Bislang waren Fans des "Wolfram Wahnsinn", wie der Kicker den schlamperten Genius nannte, ihrem Helden treu geblieben.
Ob Trainer wie Jürgen Sundermann in Schalke, Jupp Heynckes in Mönchengladbach, Ernst Happel in Hamburg oder Hannes Bongartz in Kaiserslautern von Wuttke zur Weißglut getrieben wurden, das Fußvolk liebte "Wutti" immer. In Hamburg sprayten sie vor Jahren schon ihren Wunsch auf dem Trainingsgelände an die Wand: "Wuttke, wir brauchen dich."
Der Maradona aus der Pfalz galt dem Fußvolk bis zur letzten Woche als eines der letzten Originale in einer lange verödeten Kickerlandschaft: faul, aber genial, Talent statt täglicher Fron. Und sein in der Vorderpfalz auf Weinfesten standhaft erworbener Titel des "Schoppenkönigs" machte ihn allenfalls noch sympathischer. Selbst der emeritierte Fußballehrer Max Merkel bat seine alten Kollegen um Nachsicht: "So viele Wuttkes gibt es doch nicht."
Das Geheimnis des Einzigartigen ist oft analysiert worden, von Kopf bis Fuß. Schienbeinende und Fußwurzel seien nicht normal gewachsen, befand Kaiserslauterns Vereinsarzt Dr. Wolfgang Niederer - Wuttke wertet es als Zeichen höherer Mächte: "Ein Geschenk des Himmels, der liebe Gott hat mir die Füße verrenkt." Seine Schüsse mit dem Außenrist hatten auch Happel begeistert, der Wiener sah das Problem mit Wuttke weiter oben: "Dem hat man ins Hirn geschissen."
Von keinem Bundesligaprofi ist über die Jahre ein so buntes Bild gezeichnet worden wie von Wuttke. Einerseits fallen ihm "ganz spontan" auf dem Platz die tollsten Tricks ein, andererseits ist er so dumm, sich immer wieder an den Theken ("Einen nehmen wir noch, oder?") erwischen zu lassen. Mal verblüfft er mit pfiffigen Sprüchen ("Ob ich spiele, wissen allein Beckenbauer und der liebe Gott - mit beiden habe ich heute noch nicht gesprochen"), dann hält er jeden italienisch sprechenden Pizzabäcker schon für einen Aufkäufer des AS Rom. Und als seine Verhandlungen mit Piräus scheiterten, bekannte er, vielleicht etwas falsch verstanden zu haben: "Da wurde nur englisch gesprochen."
Wuttke ist weder Schlitzohr noch Traumtänzer, auch nicht der abgebrühte Zocker und Absahner, als der er gern hingestellt wird. Nicht einmal er selbst hat für sich eine passende Charakterisierung parat. Dafür, sagt Wolfram Wuttke, benötige er ein ganzes Buch, das er demnächst auch schreiben wolle. Nur der Titel steht schon fest: "Das verdammte Fußballeben des Wolfram Wuttke."
Seine Selbstverliebtheit brachte schließlich, gefährlich für einen Mannschaftsspieler, seine Mitkicker gegen ihn auf. Kaiserslauterer Profis kündigten ihrem Star den inneren Zusammenhalt auf, sie seien es leid, beleidigt ("Ihr Blinden, ihr Idioten") und belogen ("Das habe ich nie gesagt") zu werden. Das letzte Mal hatten sie Wuttke geglaubt, nachdem der im Radio erklärt hatte, er habe seinen Sohn Benjamin einmal mit in die Mannschaftssitzung genommen, um seinem Filius zu zeigen, "mit was für dummen Menschen ich hier zu tun habe". Die aufgebrachten Kollegen beruhigte er, indem er das Zitat allein auf den ungeliebten früheren Trainer Sepp Stabel bezog.
Wenige Wochen später beobachtete Benjamin wieder einmal das Training der Kaiserslauterer Profis. Als die nach getaner Arbeit müde in die Kabine kamen, saß der kleine Wuttke bereits dort und krähte im Jargon des Vaters: "Was wollt ihr Arschlöcher denn hier?" f

DER SPIEGEL 40/1989
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