09.10.1989

Hausmitteilung Betr.: Ungarn

Die Bilder aus Prag und Warschau und Ost-Berlin machen leicht vergessen: Mit den Ungarn fing das aktuelle Ungemach der DDR an. Als die Magyaren den Stacheldraht an der Grenze nach Österreich niederrissen und Teile davon auf den Souvenirmarkt warfen, begriffen die Ostdeutschen den eher symbolhaft gemeinten Akt als Aufruf zum Aufbruch - und dann auch zum Ausbruch. In der großen politischen Emanzipationsbewegung, die Osteuropa erfaßt hat, marschieren die Ungarn überall vornweg. So war es nur logisch, daß der SPIEGEL seine jüngste, die 20., Auslandsvertretung in Budapest eröffnete und Siegfried Kogelfranz dort ackreditierte. Zur Einweihung reisten vorige Woche die Redakteure Augstein, Böhme, Meyer, Reinhardt und Wild nach Budapest. Wichtigster Gast beim Abendessen mit deutschen und ungarischen Freunden im Restaurant "Kek Duna" (Blaue Donau): Reformstar Imre Pozsgay, Staatsminister, Mitglied des Parteipräsidiums und im November wahrscheinlich Präsident eines Staates, der sich dann nicht mehr "Volksrepublik", sondern schlicht "Republik Ungarn" nennen soll. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein dankte dem Gast und dem Gastland für ihr Verständnis gegenüber den DDR-Flüchtlingen: "Wir Deutschen können von den Ungarn viel lernen - besonders Menschlichkeit."

DER SPIEGEL 41/1989
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