09.10.1989

Das Leninsche Erbe

Wenn die geknebelte russische Nation endlich die Freiheit der Sprache zurückerhält, werden wir so viele Auseinandersetzungen vernehmen, daß die verblüffte Welt glauben wird, die Zeit des Turmbaus zu Babel sei wieder angebrochen.
Das Schlüsselwort heißt "Diktatur". Als die Könige von Frankreich ihre Gottähnlichkeit einbüßten, erfand der Genfer Jean-Jacques Rousseau die Volonte generale. Die Mehrheit konnte der Minderheit diktieren, aber eigentlich nur in einem überschaubaren Bezirk, der Republik Genf etwa.
Der Rousseau-Schüler Robespierre übte 1793 auf 1794 eine solche Diktatur aus, solange er die führende Rolle im Wohlfahrtsausschuß behaupten konnte. Aber weder war der Konvent, von dem der Wohlfahrtsausschuß seine Macht hatte, in ordentlichen Wahlen gewählt worden, noch konnte er selbst in ordentlichen Wahlen seine Macht delegieren. Robespierre fühlte sich bevollmächtigt durch die Pariser Sektionen, und als diese von ihm abfielen, stellte der Konvent ihn ohne Anklage, nur per Akklamation, hors de loi; er wurde guillotiniert.
Diktaturen gab und gibt es zuhauf. Aber die Diktatur als Staats- oder Regierungsform blieb bis zu dem Moment verpönt, in dem Karl Marx die "Diktatur des Proletariats" erfand. Sicher ging Marx von der Idee aus, es würden die Proletarier irgendwann die Mehrheit über die Nicht-Proletarier haben, denn ihre Nöte würden ständig wachsen. Dies war und blieb der erste, schwere Irrtum. Die Proletarier waren als Industriearbeiter gedacht und wurden, gleichgültig, welche Ansichten sie hatten, nie zahlreich genug, um auch nur annähernd eine Mehrheit zu bilden.
Den zweiten großen Irrtum beging Lenin. Da es in Rußland noch viel weniger Industriearbeiter als im Westen, aber mindestens 80 Prozent Bauern gab, funktionierte er die Idee von Marx einfach um. Arbeiter und Bauern zusammen hatten in Rußland rein zahlenmäßig eine große Mehrheit.
Aber was dachten Rußlands Bauern? Darauf kam es Lenin niemals an. Er schaute nicht auf Mehrheiten. Stets war er bereit, als Diktator aufzutreten und die Mehrheit auszugrenzen.
Daß er dabei nicht nur zynisch vorging, zeigt die Tatsache, wie er auf das hochindustrialisierte ("proletarisierte") Deutschland blickte. Das Kaiserreich und die Weimarer Republik hatten nach seiner Ansicht jenen fortgeschritten-industriellen Zustand erreicht, den Rußland erst noch erklimmen würde. Es war mithin reif für Lenins Revolution, wohingegen das rückschrittlich-bäuerliche Rußland ohne die deutsche Revolution sich nicht würde behaupten können, auch wenn man es als einen Staat der Arbeiter und Bauern ausschilderte.
So verstand sich Lenin zu dem befremdlichen Gedanken, für das Gelingen der "deutschen" Revolution werde man unter Umständen die "russische", seine eigene also, opfern müssen, zumindest in Teilen. An diesem Doppelirrtum krankt der heute noch offiziell geltende "Marxismus-Leninismus".
Er war nie zu reformieren, er ist gar nicht reformierbar, gleichgültig wo - ob in Polen, wo die Partei abgedankt hat, ob in Ungarn, wo die Reformer ihn für unreformierbar halten, ob in der DDR, wo man sich wie ein Ertrinkender an ihn klammert, ob in der Sowjetunion. Seit den Tagen Robespierres und des Kommunisten "Gracchus" Babeuf hat der Industrie-Kapitalismus seine häßlichen Züge gezeigt. Sehr wohl kann man den Grundgedanken verstehen, die Enteigner müßten enteignet werden.
Ob es zum Staatssozialismus einen richtigen Weg hätte geben können, mag man bezweifeln. Bewiesen aber ist nun, daß der Weg des Marxismus-Leninismus in eine Sackgasse geführt hat, ganz ohne die Terror-Herrscher Stalin und Mao. Die jeweils angepaßte Lehre war nie eine reine, sondern immer eine falsche.
Das Problem der Staatspartei in Moskau ist nur zu natürlich. Sie hat den Bauern Land versprochen, gegeben und wieder genommen. Sie hat den Völkerschaften Rußlands Selbständigkeit garantiert, das Recht zur Sezession einbezogen, und wieder genommen. An beidem war der "Leader" Wladimir Iljitsch Lenin mit seiner großen Autorität beteiligt.
Er war es, der den Generalsekretär Stalin einsetzte, wobei er nicht bedachte, daß er ihn zwar jederzeit hätte absetzen können, er aber sterblich war. Stalin war zu Beginn der Revolution einer der wichtigsten Bolschewiken, und er wußte aus seinem Amt etwas zu machen. Er, wie kein anderer, konnte den toten Lenin zitieren. Er war ein Produkt des Leninismus, nichts sonst. Wie sich von Stalin trennen, ohne Lenin zu beschädigen?
Es stimmt nicht, daß Lenin ein Verfechter von "Glasnost" war, alles andere. Er hat sich auf den Terror gestützt. Der Sozialismus in Rußland mußte durch die Diktatur des Proletariats "von oben" verwirklicht werden: _____" Die wissenschaftliche Definition der Diktatur ist die " _____" einer Macht, die weder durch Gesetze eingeschränkt noch " _____" durch Vorschriften behindert wird und die direkt auf der " _____" Stärke beruht. "
Zeitungen, die er nicht kontrollieren konnte, waren in Lenins Augen feindliche, das heißt zu vernichtende Zeitungen, Agenten des Klassenfeinds. Lenin war nicht für allgemeine Wahlen, sondern allenfalls für Befragungen. Er traute sich immer zu, die stärkeren Bataillone auf seine Seite zu ziehen, und setzte so haarsträubend schwierige Dinge durch wie 1918 den Friedensschluß mit Deutschland und 1921 die "Neue Ökonomische Politik". Im Gegensatz zu Stalin war er weder grausam noch nachtragend.
Aber genügt es heute, nicht grausam und nicht nachtragend zu sein? Die Sowjetunion und die DDR haben eines gemeinsam: Sie müssen am Primat der Einheitspartei festhalten, sonst brechen sie auseinander. Halten sie aber daran fest, so sind ökonomische Reformen nicht aussichtsreich.
Man kann heute nicht mehr behaupten, daß die DDR ein Satellit Moskaus ist. Beide Führungseliten sind aufeinander angewiesen und aneinandergekettet. Nur hat die SED in ihrem Land das Handikap, daß das Westfernsehen allabendlich in die Wohnstuben ihrer Bürger kommt. Vor aller Augen findet die Entvölkerung ganzer Ortschaften statt. Ähnlich, wenn auch nicht völlig vergleichbar, muß sich Gorbatschow mit den Nationalitäten plagen, die Selbständigkeit verlangen. Sie machen immerhin die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Entrussifizierung heißt die Parole.
Gesucht wird, in beiden Staaten: eine kreative, innovative und tatkräftige Gesellschaft. Vorhanden ist: ein verkrusteter Apparat, der als "Leninsches Erbe" nur äußerst unvollkommen beschrieben werden kann. Auch Lenin, der das nicht wahrhaben wollte, hatte ja geerbt: von den Zaren.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 41/1989
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