05.03.1990

„Ein Trümmerhaufen der Gefühle“

Im Treppenaufgang des Stabsgebäudes der Schweriner Max-Bürger-Kaserne hängen wie in alten Zeiten Fahnen, Freundschaftsschleifen, Bestenwimpel und ein Holzbrett, auf dem in großen Messingbuchstaben steht: "Alles für den Sozialismus".
"Das wird hier wohl auch nicht mehr lange bleiben", frotzelt Oberstleutnant Bodo Schwarzer, Presseoffizier der 8. Motorisierten Schützendivision der Nationalen Volksarmee (NVA).
Kommandeur der Division ist Generalmajor Manfred Jonischkies, 48, ein kleiner, drahtiger Mann mit Bauchansatz, den er durch eine steif-stramme Haltung zu verbergen sucht.
"Bitte fragen Sie", sagt Jonischkies mit befehlsgewohnter, viel zu lauter Stimme. Er muß sich wohl selber Mut machen: West-Besuch! Vor ihm auf dem blitzblank polierten Schreibtisch liegen ein Ringbuch und, exakt ausgerichtet, sechs Bleistifte.
Die Schweriner Division galt bei den für die Feindaufklärung zuständigen G-2-Offizieren der Bundeswehr als besonders guter und zuverlässiger Verband: Sie sollte, flankiert von der 94. und der 21. sowjetischen Schützendivision, im Ernstfall zwischen Lübeck und Gudow über die Grenze in Richtung Norden nach Schleswig-Holstein vorstoßen.
Jonischkies bestreitet das: Seit 1987 sei die Volksarmee "auf Defensive" eingestellt; sein in Goldberg stationiertes Panzerregiment sei aufgelöst, der "Operationsplan geändert" worden.
Jonischkies möchte gern "sein Gegenüber", den Kommandeur der 6. Panzergrenadierdivision in Neumünster, Generalmajor Klaus-Christoph Steinkopff, kennenlernen, ganz offiziell von Kamerad zu Kamerad, "nicht als Bittsteller".
Steinkopff aber ist noch nicht soweit. Er dürfe - das sei geheim - nicht sagen, wer ihm da "auf der anderen Seite" gegenüberstehe. Er habe "keine Berührungsängste, natürlich nicht", für ihn gelte der Primat der Politik. Aber vielleicht doch ein bißchen Angst? Oder Sorge vor einem Verlust des gewohnten Feindbildes?
Seit Öffnung der Grenzen vor vier Monaten stimmt nichts mehr in der einst so heilen Welt der Soldaten in Deutschland-Ost und Deutschland-West. Die NVA bietet Bruderschaft, die Bundeswehr sträubt sich gegen die heftige Umarmung. Der NVA-Offizier, zum Haß auf die aggressiven Imperialisten erzogen, kennt plötzlich "keinen Feind" mehr, der Bundeswehr-Offizier, zu Toleranz und Offenheit verpflichtet, muß hinhaltenden Widerstand leisten, weil Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg und Generalinspekteur Dieter Wellershoff an alten Erlassen festhalten.
"Die Ereignisse", sagt Jonischkies etwas verbittert, "haben sich durchschlagend auf die Moral der Truppe ausgewirkt. Es gibt viele Offiziere und Unteroffiziere, die das nicht verkraften."
Schon Anfang Dezember, einen Monat nach Grenzöffnung, hatten sich in mehreren Standorten der Schweriner Division Soldatenräte gebildet und ein "menschlicheres Klima" gefordert: mehr Freizeit und weniger Drill, Ausgang in Zivil, Verzicht auf Schikanen, Mitsprache bei Aufstellung der Dienstpläne. "Die Leute, an die 500, standen plötzlich auf der Matte und wollten diskutieren", sagt Oberstleutnant Uwe Ziegler, 35, Kommandeur des in Hagenow bei Schwerin stationierten Schützenregiments "Ernst Moritz Arndt". "Bei mir gab's die erste Demonstration in der Armee überhaupt." Ziegler handelte "ohne Weisung von oben", wie er sagt. Er ließ Soldatenräte wählen und gab ihnen den Befehl, ihre Forderungen "mal schön aufzuschreiben", dann werde man schon weitersehen.
Jonischkies, von Ziegler alarmiert, suchte Rat im Verteidigungsministerium in Strausberg bei Berlin, aber dort fühlte sich keiner zuständig. Die zutiefst erschrockenen Genossen Generale waren mit sich und der Wende beschäftigt.
"Da hab' ich mir gedacht: Als Kommandeur mußt du so handeln, als ob du gewählt werden wolltest", behauptet Jonischkies. Seine Stimme klingt plötzlich so leise und verzagt, als könne er immer noch nicht glauben, was sich da ereignet hat.
Die Proteste in Hagenow konnten in der auf Geheimhaltung gedrillten Armee noch verschwiegen werden. Dann aber kam Beelitz - heute Synonym für den ersten Aufstand in der NVA.
Der Anlaß war eher nichtig: Einige Soldaten hatten ihre Offiziere gebeten, zu Silvester ausnahmsweise in der Kaserne mit einem Glas Sekt anstoßen zu dürfen. Die Antwort war ein harsches Nein.
Die Soldaten, Unteroffiziere auf Zeit und Wehrpflichtige, zogen verärgert auf ihre Stuben, die Stimmung schlug in Wut um. Keiner der Beteiligten weiß heute mehr, wer eigentlich die Idee zur Soldatenrevolte hatte.
In Windeseile vervielfältigten die Beelitzer Volksarmisten einen Forderungskatalog, der eigentlich nur für ihre Vorgesetzten bestimmt war; sie schrieben "Streikaufruf" darüber und "An alle, an alle!"
Sie bastelten aus Pappe und Tüchern Transparente und zogen vor die Kaserne: "Nur wenn die preußisch- militaristischen Überbleibsel in unserer Armee beseitigt werden, verdient sie den Namen ,Nationale Volksarmee'." Die Demokratie dürfe nicht vor den Kasernentoren haltmachen.
Der Funke sprang über, Beelitz war plötzlich überall: in Rostock und Brandenburg, in Schwerin und Erfurt, in Cottbus, Basepohl, Neuseddin, Saßnitz und Warin. Soldaten verweigerten Befehle, ließen Offiziere strammstehen und Flaschen kreisen, wählten Soldatenräte und rannten scharenweise auf die Straße: eine "Meuterei", die nach Paragraph 259 der Militärgerichtsordnung der NVA mit "Freiheitsstrafen bis zu acht Jahren" geahndet wird.
Ein hartes Durchgreifen, wie etliche Generale der Armeeführung empfahlen, war nicht mehr möglich. Theodor Hoffmann, 55, Admiral, von Regierungschef Hans Modrow gerade zum Verteidigungsminister bestellt, mußte am 2. Januar nach Beelitz fahren und sich den meuternden Soldaten stellen. Schon einen Tag später erließ Hoffmann eine "Weisung", die bei Offizieren und Berufsunteroffizieren einen Schock auslöste:
Nicht mehr 85, sondern nur noch 50 Prozent der Soldaten müssen ständig einsatzbereit in den Kasernen hocken; Personalausweis und Reisepaß, bis dahin von den Vorgesetzten eingezogen und verwahrt, bleiben "am Mann", für die Soldaten heißt das: freies Reisen gen Westen; Ausgang in Zivil und auch außerhalb des Standortes; in den Kasernen darf - bisher streng verboten - das West-Fernsehen eingeschaltet, zum Essen muß nicht mehr - "Drei, vier - ein Lied" - im Gleichschritt marschiert werden; Frühsport fällt aus, es heißt nicht mehr "Genosse Soldat" und "Genosse Hauptmann", sondern "Herr Soldat" und "Herr Hauptmann".
"Perestroika im Überschalltempo", kommentiert Generalmajor Rolf Lehmann von der Militärakademie "Friedrich Engels" in Dresden, der schon im November vergangenen Jahres mit einigen anderen Offizieren eine schnelle Militärreform in der NVA (SPIEGEL 49/1989) gefordert hatte, aber von den Genossen im Verteidigungsministerium immer wieder gebremst worden war.
Und Der Morgen, die Zeitung der alten Blockpartei LDPD, die früher in höchsten Tönen die sozialistischen Tugenden der NVA gepriesen hatte, frohlockte etwas unbeholfen: _____" Vorbei also die Zeiten, da man bis zur völligen " _____" Erschöpfung von Füßen, Nerven " _____" und Trommelfell über Kasernenhöfe "exte" und Marschlieder " _____" sang, deren Hohlheit teilweise jegliche zivile " _____" Vorstellung von Produkten des Schwachsinns weit übertraf, " _____" vorbei die Zeiten des "Halten Sie gefälligst den Mund!" . " _____" . . Eine stattliche Anzahl von Offizieren purzelt nun " _____" gezwungenermaßen aus allen dünkeltriefenden Wolken. "
Hoffmanns erstem Schlag folgten weitere: Verkürzung der Wehrdienstzeit auf ein Jahr, Einführung eines Zivildienstes, vorzeitige Entlassung der noch zu 18 Monaten Drill Einberufenen nach 12 Monaten. Honeckers Generale, die "treuesten Söhne der Arbeiterklasse", waren plötzlich auf Reformen eingestellt.
Ob es denn wohl richtig sei, fragte Oberst Groß von der Dresdner Militärakademie, daß nun "von den alten Leuten die Zukunft für die jungen Leute bestimmt" werden soll.
"Von wem sonst?" fragten die Alten zurück; fast alle NVA-Offiziere seien schließlich SED-Mitglieder gewesen, Außenseiter verstünden nun einmal nichts vom Militärhandwerk.
Die Volksarmee, jahrzehntelang mit den gerade übenden Reservisten zwischen 170 000 und 180 000 Mann stark, schrumpft seit November von Monat zu Monat, fast täglich gehen einige Dutzend "von der Fahne" und setzen sich gen Westen ab.
Im Oktober 1988 wurden, noch auf Erich Honeckers Befehl, 10 000 Soldaten nach Hause, in die Produktion, geschickt, im Dezember erhielten 20 000 Reservisten vorzeitig ihren Entlassungsschein, am 26. Januar verließen 25 000 Wehrpflichtige des dritten Diensthalbjahres und 15 000 Unteroffiziere die Armee, vornehmlich dringend benötigte Spezialisten, die von der Möglichkeit Gebrauch machten, sich schon nach 24 Monaten Dienst "entpflichten" zu lassen.
Aus der stolzen NVA wurde fast über Nacht ein 100 000-Mann-Heer - auf dem Papier; denn noch immer arbeiten Tausende Soldaten in Krankenhäusern und Fabriken, in der Landwirtschaft und in Verkehrsbetrieben.
Wohin man in der Armee auch blickt: die Kasernen wirken wie ausgestorben, die Posten sind lässig und mürrisch, Soldaten fragen nach dem Sinn des Wehrdienstes, Offiziere bangen um ihre Existenz.
Die Gefechtsausbildung laufe noch, sagt Generalmajor Jonischkies; seine Division sei, wenn auch mit starken Einschränkungen, nach wie vor "kampfbereit".
Wirklich?
Beim Nachrichtenbataillon der Division hat es gerade wieder Zoff gegeben. Der Kommandeur wollte seine Leute am 6. Februar zu einer Alarmübung ausrücken lassen. Die Soldaten weigerten sich: "Wir haben keinen Feind, wir wollen nicht mehr schießen." Da weder Drohungen ("Das ist Befehlsverweigerung") noch Zuspruch ("Es muß doch weitergehen") halfen, wurde die Übung abgeblasen und der Kommandeur gefeuert. "Er war kein schlechter Soldat", sagt Jonischkies, "er wollte die Zügel wieder straffer ziehen und hat dabei überzogen."
Inzwischen fragt auch "Kolja", wie die Volksarmisten die sowjetischen Soldaten nennen, was denn mit der NVA los sei, die bisher als vorbildlich und zuverlässig, eben als "typisch deutsch" galt - wie die Bundeswehr in der Nato.
"Was ihr da macht, hat mit Armee doch wohl nichts mehr zu tun", mußte sich Jonischkies vor wenigen Tagen bei einem "Freundschaftstreffen" von einem hohen sowjetischen Offizier sagen lassen, der mit ihm zusammen auf einer sowjetischen Militärakademie studiert hatte. "Na ja, ihr steht unter Schock, wir kennen das schon seit fünf Jahren."
Im Oberkommando der Streitkräfte des Warschauer Paktes kennt man die Stimmung genau: Die NVA, jetzt als nicht mehr verläßlich eingestuft, wird kaum noch bei gemeinsamen Manövern eingesetzt, seit sich die Soldaten eines in Stahnsdorf bei Potsdam stationierten Schützenregiments geweigert haben, mit ihren sowjetischen "Klassenbrüdern" ins Feldlager auszurücken. "Unser Nimbus ist hin", sagt Jonischkies, "Kolja traut uns nicht mehr", ergänzt ein Oberstleutnant.
Der Ruf der NVA hatte sich in den letzten 15 Jahren in Moskau zu einem Mythos verklärt: Keine Armee des Warschauer Paktes paradierte an Feiertagen zackiger als die NVA, keine Armee hatte bessere Schießergebnisse und höhere Klarstände bei Panzern, Flugzeugen und Schiffen. Und immer wieder wurde die Geschichte vom Manöver "Druschba 88" erzählt.
Generaloberst Horst Stechbarth, damals Chef der DDR-Landstreitkräfte, ließ die schwachen Stellungen der "blauen Verteidiger" von den von sowjeti* Beim Manöver "Druschba 88" mit polnischen Soldaten. schen Generalen geführten "roten Angreifern" überrennen; er nahm die Roten dann, nach schnellem Vorstoß an den Flanken, in die Zange. Das Manöver mußte, da die Angreifer nicht mehr siegen konnten, abgebrochen werden. Stechbarth, ein enger Freund Honeckers, gegen den heute wegen Korruptionsverdacht ermittelt wird, erhielt damals einen Verweis, Moskaus Generale beruhigten sich.
Vorbei, vorbei.
Die Mehrheit der Wehrpflichtigen der NVA gehorcht nach den stürmischen November- und Dezembertagen zwar wieder, stellt aber bei jeder Gelegenheit kritische Fragen nach dem Sinn des Wehrdienstes. Die Vorgesetzten sind verzweifelt. Sie haben es gelernt, Befehle zu geben. Diskussion aber war und ist ihnen fremd. Was sollen sie auch antworten?
Fast alle ihre Soldaten waren inzwischen in der Bundesrepublik und haben dort Gleichaltrige getroffen, die alles Mögliche im Kopf haben, Discos und Mädchen zum Beispiel, aber nie und nimmer daran denken, mit der Knarre in der Hand gen Osten zu stürmen.
"Das Feindbild ist dahin", sagt Oberstleutnant Schwarzer, "früher ja, da . . ." Er läßt den Satz unvollendet.
Früher gab es den "aggressiven imperialistischen Klassenfeind" im Westen, Befehle mußten - Paragraph 22 des Wehrdienstgesetzes - "exakt" und "widerspruchslos" ausgeführt werden. Die Offiziere und Unteroffiziere galten etwas im Staate Erich Honeckers. Sie wurden besser besoldet als ihre Bekannten in der Wirtschaft, im Bildungswesen und in der Verwaltung. Hauptleute und Majore konnten es mit Zulagen auf 2000 Mark (Ingenieur: 1000, Professor und Arzt: 1500) bringen, Obristen und Generale gar auf 3000 bis 6000 Mark im Monat. Berufsoffiziere waren zwar, anders als ihre Bundeswehr-Kameraden, jederzeit kündbar, durften aber auf Übergangshilfe und zivile "gleichwertige Arbeitsverhältnisse" vertrauen: Personalleiter, Verwaltungsangestellter, Wehrkunde-Lehrer, Ausbilder in der Zivilverteidigung und der "Gesellschaft für Sport und Technik", die für die vormilitärische Ausbildung der Schüler und Lehrlinge zuständig war.
Generale und Obristen des Verteidigungsministeriums hatten Privilegien, von denen alle wußten, über die aber niemand sprach: Es gab Einkaufsgutscheine für die mit West-Waren belieferten Diplomaten-Läden in Ost-Berlin, Gäste- und Ferienhäuser in den schönsten Gegenden der Republik, Autos mit Fahrer, herrschaftliche Dienstwohnungen. Außerdem blühte der Autohandel: Die Armee bot ihre ausrangierten "Wolgas" und "Wartburgs" für 2000 bis 3000 Mark an; die Soldaten des Kfz-Bataillons des Verteidigungsministeriums mußten die Fahrzeuge reparieren, Probleme mit Ersatzteilen gab es nie.
Wann immer etwas fehlte, das Auftragsformular mit dem roten Strich und dem Aufdruck "LVO" (Landesverteidigungsorganisation) war schnell zur Hand. Autowerkstätten, Handwerks- und Industriebetriebe mußten LVO-Aufträge "mit Vorrang" behandeln.
Die von der Armee ausgesonderten Wagen standen 14 Tage nach Kauf, von Grund auf überholt, zum Abholen bereit und konnten drei, vier Jahre später noch für 20 000 Mark weiterverkauft werden.
"Ein funktionierendes System in einer nicht funktionierenden Gesellschaft", urteilt ein technischer Offizier des NVA-Ministeriums. "LVO war wie eine Neckermann-Bestellung, egal ob es sich um Reifen, Klopapier, Wasserhähne oder Dachrinnen handelte." Die "roten Ecken" an den Begleitpapieren - "Vertrauliche Verschlußsache VVS" oder "Geheime Verschlußsache GVS" - garantierten, daß nichts in der Öffentlichkeit ruchbar wurde. Paragraph 272 der Militärgerichtsordnung: "Wer militärische Geheimnisse unerlaubt offenbart, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Strafarrest bestraft."
Die Zeiten haben sich geändert. Die Beschaffungspläne wurden mit "Befehl 1/90" des Verteidigungsministers gekürzt, bereits vergebene Aufträge storniert. Die Truppe, die stets aus dem vollen schöpfen konnte, wurstelt vor sich hin.
Oberstleutnant Ziegler, Kommandeur des Hagenower Schützenregiments, beklagt, daß seine Soldaten fast nur noch Wache schieben müssen, Ausbildung sei bis Ende März nur noch an 14 Tagen möglich. Es fehlen Ersatzteile und Sprit, von 30 Schützenpanzer-Fahrern blieben ihm nach der Entlassung am 26. Januar 4, von 15 Kradfahrern ("Regulierer") 3, von 14 Köchen 4. Ziegler: "Jetzt kochen die Schlosser."
"Verlorene Zeit", motzen die Wehrpflichtigen in seiner Gegenwart, "Gammelei."
"Aber irgendeiner muß doch die Waffen bewachen, damit sie nicht in falsche Hände kommen", antwortet Ziegler; andere Aufgaben für die NVA fallen ihm derzeit nicht ein.
Kapitän zur See Hans-Joachim Fechner, Chef der in Warnemünde liegenden 4. Flottille, kritisiert, daß "von oben nie etwas gekommen" sei: "Nach jahrzehntelanger Abschottung ist nun schlagartig alles offen, da muß man erst lernen, sich darauf einzustellen."
Kampfbereit?
"Unsere Schiffe schwimmen noch", sagt Fechner. Die Aufklärungsschiffe seien im Einsatz, die U-Boot-Abwehr-Schiffe seeklar, der Rest bereite sich auf "künftige Aufgaben" vor. Den Befehl 100 des Verteidigungsministers, eine "minimale Hinlänglichkeit der Verteidigung" zu sichern, könne er "gerade noch" erfüllen.
Fechner hat im Januar 550 Unteroffiziere und Soldaten, zum größten Teil technische Spezialisten, entlassen müssen, für Nachwuchswerbung fehlen der NVA die Mittel und die Argumente.
Und was ist an den Gerüchten, daß die Armee-Führung im November, nach Öffnung der Grenzen, einen Putsch geplant hat? - "Die Marine putscht nicht", antwortet Fechner.
Bei den Landstreitkräften, vor allem im Wachregiment "Friedrich Engels" in Strausberg und in den Stäben der Panzerdivisionen in Dresden und Eggesin, hat es, wie in die Bundesrepublik geflohene Offiziere berichteten, im November und Dezember heftige Diskussionen gegeben, ob die Armee nicht den "schleichenden Verfall der Staatsautorität" stoppen und die Macht übernehmen müsse. Die Diskussionen endeten abrupt, als die Wehrpflichtigen revoltierten und die Offiziere zu ihrer Truppe mußten, um erst einmal von der Armee zu retten, was noch zu retten war.
In der Bundeswehr hat es vor 21 Jahren Ähnliches gegeben. Im Kasino des in Koblenz stationierten III. Korps debattierten 1969 nach dem Regierungswechsel einige angeheiterte konservative Offiziere lautstark, ob man es denn hinnehmen dürfe, daß die Sozialdemokraten, diese "vaterlandslosen Gesellen", den Staat und den Oberbefehl über die Bundeswehr übernähmen. Jüngere Offiziere empörten sich, machten aber keine Meldung. Das "außergewöhnliche Vorkommnis" blieb jahrelang ein streng gehütetes Geheimnis.
Die DDR-Offiziere, neuerdings im Vergessen und Verdrängen geübt, denken längst nicht mehr an Putsch. Sie haben andere Sorgen.
"Es geht alles so schnell, wir werden von den Ereignissen überrollt", sagt Kapitän Fechner. Kontrollgruppen des Verteidigungsministeriums reisen durch die Garnisonen, um nachzusehen, wie es um Stimmung und Disziplin steht. "Hilfe und Anleitung" heiße das offiziell, spottet ein Luftwaffen-Offizier.
Oberstleutnant Wolf Dietze, 38, Kommandeur des Jagdfliegergeschwaders "Heinrich Rau" in Peenemünde, hat seit Öffnung der Grenzen sieben Soldaten, drei Berufsunteroffiziere und einen Offizier verloren - "nicht irgendeinen, sondern einen wichtigen, den Leiter des Gefechtsstandes". Er hat weder ein Disziplinar- noch ein Strafverfahren wegen Fahnenflucht (Freiheitsstrafe bis zu sechs Jahren, Paragraph 254 der Militärgerichtsordnung) beantragt: "Wo soll ich die Männer suchen lassen?"
Das Geschwader galt früher als Vorzeige-Verband. Die Generale der Ostblock-Armeen ließen sich, das Kernkraftwerk Lubmin in Sichtweite, die Alarmstarts - zwei Maschinen mußten in sechs Minuten in der Luft sein - vorführen. Dann lauschten sie mit Vorliebe Vorträgen über "die Versuchsanstalt Peenemünde", in der Techniker wie Wernher von Braun einst für Hitler die "Vergeltungswaffen", die V 1 und die V 2, entworfen und erprobt hatten. Dietzes Soldaten hausen heute noch in den alten Baracken, die nach den Bombenangriffen der Amerikaner und der Engländer und der Demontage der Anlagen durch die sowjetische Besatzungsmacht stehengeblieben waren: für 80 Mann ein Waschraum und eine Toilette.
Das Geschwader, mit 45 sowjetischen MiG-23 ausgerüstet, durfte früher 4000 Stunden im Jahr fliegen, jetzt sind es nur noch 3000. Die "Sicherstellungseinheiten" für Wartung, Technik, Transport und Bewachung haben durch die vorzeitigen Entlassungen im Januar fast ein Drittel ihres Personals eingebüßt, Nachwuchs wird es kaum geben.
Vom 19. März bis 20. April werden in der DDR die jungen Männer des Jahrgangs 1972 gemustert. Keiner weiß, wie viele von den Tauglichen der in den Jahren 1968 bis 1972 Geborenen am 8. Mai tatsächlich einrücken werden. Die Grenze zum Westen ist offen, der Zivildienst - zwölf Monate wie die Wehrpflicht - ist inzwischen eingeführt.
Der Divisionskommandeur hat angekündigt, daß das Geschwader statt der benötigten 300 höchstens 85 Wehrpflichtige kriegen werde. "Ich mache mir keine Illusionen", sagt Dietze, "soviel werden's nie."
Abends muß der Oberstleutnant jetzt nach Wolgast zum Runden Tisch reisen und Auskünfte geben. Früher hat es offiziell keine Proteste gegen Tiefflug und Fluglärm gegeben, nun muß er wieder und wieder erklären, daß seine Piloten sich streng an die Vorschriften halten und das gegen Flugzeugabstürze nicht gesicherte Kernkraftwerk Lubmin in einem Seitenabstand von 6000 Metern und in einer Flughöhe von mindestens 2000 Metern umfliegen. Nein, Luftkampfmanöver und Schießübungen fänden auch nicht mehr in Küstennähe, sondern weit draußen über See statt.
Ob er denn auch ganz sicher sei? - Vor 14 Tagen erst, so ein Wolgaster, sei eine MiG "ganz knapp" über das Atomkraftwerk gebraust.
Dietze: "Vor menschlichem Versagen ist niemand gefeit."
Die Stimmung im Geschwader ist gedrückt. Immer wieder stellen die Piloten ihren Chefs die Frage, was sie nach der Vereinigung - "Die kommt bestimmt" - machen sollen.
"Wir haben doch außer Fliegen nichts gelernt", klagt ein 25jähriger Oberleutnant, der gerade erst seine Pilotenausbildung in der Sowjetunion abgeschlossen hat.
Und Oberstleutnant Karl-Heinz Walter, Chef der Ausbildungsstaffel, sagt: "Ich bin jetzt 48 Jahre alt und frage mich, ob mein ganzes Leben falsch war. Bis zur Wende war alles klar, nun ist alles in der Schwebe. Plötzlich kann ich am Wochenende nach Hamburg auf die Reeperbahn fahren."
Ein 24jähriger Leutnant erzählt, er büffle in jeder freien Minute Englisch - "vielleicht brauch' ich's ja, bei Interflug oder Lufthansa".
Ob er sich denn vorstellen könne, in die Bundeswehr und nach der Vereinigung in eine gesamtdeutsche Armee zu gehen?
Ja, vorstellen könne er sich das schon, aber "ob die mich nehmen?"
Weit über 2000 Offiziere und Unteroffiziere der NVA haben bisher bei der Bundeswehr vorgefühlt, ob sie denn Chancen hätten. Sie mußten ohne Antwort zurückfahren. Der Bonner Verteidigungsminister will erst nach den Wahlen am 18. März entscheiden. Offiziere werden kaum Chancen haben. Sie gelten als "Stützen des Systems".
Die NVA-Offiziere waren fast ausnahmslos Mitglieder der SED; vielleicht war "ein Schuß Überzeugung" dabei, sagt einer, aber sonst: "Wer etwas werden wollte, mußte rein in die Partei."
"Rotlicht-Bestrahlung" nennen sie jetzt die ideologische Schulung, "besser Polit-Unterricht als gar keinen Schlaf, haben wir gesagt." Und auch die vielgepriesene "Kulturarbeit" sei nichts anderes gewesen als die "Fortsetzung der Politik mit schönem Schein".
Die Offiziere leben nach der Devise: Nicht daran denken, nicht darüber reden, lang, lang ist's her.
Die Politoffiziere, bisher Chef-Stellvertreter, sitzen auf niederen Dienstposten, die Stasi-Offiziere, "Vau Null" (Verwaltung 2000) genannt, sind verschwunden. "Die Politische Hauptverwaltung ist tot - und reformiert lustig weiter", kritisierte Oberstleutnant Christian Forberg in der Zeitschrift Volksarmee.
Manchmal, sagt einer, quäle ihn schon die Frage, was die NVA und was er, er ganz persönlich, getan hätte, wenn SED-Generalsekretär Honecker in den dramatischen Oktobertagen Schießbefehl gegeben hätte.
"Wir waren unmündig wie Kinder", ergänzt ein Hauptmann. "Kindergarten, Schule, Militär, Karriere, Ehe, Wohnung, alles war geregelt." Kein Westfernsehen, keine Briefkontakte mit der Bundesrepublik, keine Gespräche mit Westlern, immer nur "Jawoll" und "Zu Befehl".
Der DDR-Schriftsteller Kurt Bartsch reimte schon vor 21 Jahren in seinem Gedicht "Sozialistisches Biedermeier": _____" Immer glauben, nur nicht denken, und das Mäntelchen " _____" im Wind. Wozu noch den Kopf verrenken, wenn wir für den " _____" Frieden sind. "
Der Durchschnittsbürger der DDR, diagnostizierte jüngst Hans-Joachim Maaz, Chefarzt der Psychotherapeutischen Abteilung des Evangelischen Diakoniewerkes in Halle, sei "autoritätsabhängig und gefühlsgehemmt". Hinter der "Fassade von Wohlanständigkeit, Disziplin und Ordnung" brächen jetzt die jahrzehntelang verdrängten Existenzängste, Wut, Haß und Schmerz auf.
Wenn die Diagnose richtig ist, repräsentiert das NVA-Offizierskorps exakt die DDR-Gesellschaft.
"Es ist nicht zu beschreiben, wie es einem als Ehefrau ums Herz ist, wenn man sieht, wie enttäuscht und schockiert unsere Männer zur Zeit sind", schrieb Adelheid Jentsch, 42, mit einem Hauptmann verheiratet, im Februar an das "Konsultationszentrum der NVA". Kein Wort der Reue, keine Selbstkritik. Offiziersgattin Jentsch: "Vertane Jahre und ein Trümmerhaufen der Gefühle, Ideale und Hoffnungen - das ist uns geblieben."
Um zu retten, was nicht mehr zu retten ist, legt Verteidigungsminister Hoffmann fast täglich "neue Konzepte" vor.
Am 23. Februar war er, um seinen zweifelnden Mannen Mut zu machen, auf dem Einheitstrip: "Ein deutscher Bundesstaat könnte über ein Bundesheer verfügen, das sich aus Bürgern aller Landesteile zusammensetzt und über eine Gesamtstärke von nicht mehr als 300 000 Mann Friedensstärke verfügt."
Drei Tage später mußte er auf Weisung des Oberbefehlshabers der Warschauer-Pakt-Staaten "Ganze Abteilung - kehrt" kommandieren. Hoffmann hatte in den Augen der skeptischen sowjetischen Generalität ein viel zu schnelles Vereinigungstempo vorgelegt.
Der Wende-Admiral gehorchte und plädierte vor dem Ost-Berliner Runden Tisch dafür, die sich selbst auflösende NVA bis 1993 "in eine Berufsarmee" der DDR mit nur noch 70 000 Soldaten umzuwandeln.
Als die Vertreter des Runden Tisches ihn daraufhin aufforderten, künftig solche Alleingänge zu unterlassen, degradierte Hoffmann seine Konzepte flugs zu "Diskussionsangeboten".
Die DDR-Armee, einst der Stolz der SED, ist in wenigen Monaten zusammengebrochen, ein verlorenes Häuflein mit aufsässigen Soldaten und verängstigten Offizieren.
Der SPD-Abrüstungsexperte Egon Bahr, der als Direktor des Friedensforschungsinstituts an der Hamburger Universität seit Jahren enge Kontakte zu DDR-Offizieren hat, urteilt kühl: "Die NVA ist nicht mehr kriegsverwendungsfähig." f

DER SPIEGEL 10/1990
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