09.10.1989

„Die Seele wieder einrenken“

Volkmar Stellmach hat es geschafft. Statt daheim in Spremberg bei Cottbus (Niederlausitz) sitzt er nun mit Frau und zwei kleinen Kindern in Dingolfing (Bayern) und findet das "unvorstellbar" und "unbegreiflich".
Wie knapp 300 andere DDR-Flüchtlinge, die über die Bonner Prag-Botschaft in das bayerische Städtchen gelangt sind, ist er dort fürs erste in einer Sozialwohnung untergekommen. Den Unterschied zwischen drüben und hüben glaubt der Kraftfahrer schon zu kennen: "Drüben hat man gelebt, um zu arbeiten. Hier arbeitet man, um zu leben."
Seit Jahren haben Stellmach, 31, und seine gleichaltrige Frau Carola immer wieder überlegt, ob sie bleiben oder gehen sollen. Erst wollte seine Frau nicht weg, dann war er es, der den Absprung nicht wagte: "Da habe ich noch an meiner Gartenlaube gehangen, die ich mir gebaut habe."
Vor Wochen sprachen die beiden erneut einen ganzen Abend lang über das Thema und faßten am Ende den Entschluß: "So, wir machen's." Die Stellmachs beantragten ein Visum nach Ungarn. Das dauerte aber, und "wahrscheinlich hätten wir's sowieso nicht gekriegt". Also dann nach Prag, ohne besondere Papiere. Vorletzten Samstag früh um sieben sollte es losgehen.
Abends vorher um acht erfuhren sie dann aus der ARD-Tagesschau, daß die rund 4000 Flüchtlinge, die sich zu der Zeit in und vor der Bonner Botschaft in Prag drängten, ausreisen durften. Stellmach: "Meine Frau saß gerade in der Badewanne. Wir haben die Kinder wachgemacht und angezogen, Taschen gepackt, zwei Broiler und zwei Brausen mitgenommen, auch eine Kanne Kaffee, und dann ging's los. Ich bin gefahren, was das Zeug hält."
In derselben Nacht machte sich auch Michael Koblitz, 21, Maschinenanlagenmonteur und Stahlbauschlosser aus Freital, Bezirk Dresden, mit dem Motorrad auf den Weg nach Prag. Den Wächtern an der Grenze log er vor, er wolle nur "zum Einkaufen" ins tschechische Teplitz - sie ließen ihn passieren. Das Motorrad hat er irgendwo in Prag abgestellt, den Helm in der Botschaft hängenlassen. Seinen Eltern hat er nicht Bescheid gesagt. Koblitz: "Da kann man vorher nicht drüber reden."
Wie sie haben seit Anfang August fast 50 000 Insassen des Honecker-Staates Reißaus genommen: in Torschlußpanik die einen, nach langem Abwägen die anderen. Wie einst die Vertriebenen nach dem Krieg finden sie quer durchs westdeutsche Land erste Quartiere in leerstehenden Kasernen, Rotkreuz-Baracken, Auffanglagern und Wohnschiffen, in Hamburg und Hannover, in Gießen, Alsfeld, in Kleinstädten wie Dingolfing und wo immer Platz zu schaffen ist.
Auch Ralph Heine, 22, gelernter Gärtner, zuletzt Einlaßportier in einer Zwickauer Disco, der zusammen mit seinem Arbeitskollegen Herbert Lutz, 22, über Prag nach Dingolfing die Kurve nahm, hat niemandem gesagt, daß er abhaut. Die beiden sind abends "einfach aus der Disco raus, da hatten wir noch Schlips an und Jackett". Den Posten an der Grenze zur CSSR tischten sie ein Märchen auf: "Wir wollen in die Disco nach Chomutov, das ist da gleich. Wir haben gesagt, wir haben da drei Puppen, und die warten auf uns."
Nach Polen dürfen DDR-Bürger schon seit Jahren nur mit Paß und Visum. Da stiegen Flüchtlinge, weil die Papiere fehlten, übers Riesengebirge und brauchten danach noch fünf Tage bis Warschau, zu Fuß und per Anhalter. Andere sind an der DDR-Grenze bei Görlitz mit den Kindern huckepack und ihren Plastiktüten durch die Neiße nach Polen geschwommen. Manchmal halfen auch auf dem Weg nach Warschau nur Ausreden.
So wurden die Schneiderin Ursula Guske, 38, mit vier Kindern und ihre Schwester Monika Mlynarski, 40, mit * Mit Guske-Tochter Jeanette (M.). zwei Kindern trotz gültiger Visa von den DDR-Grenzern erst einmal nicht durchgelassen. Sie seien mündlich zu einer Hochzeit eingeladen worden, gaben sie an. Die mißtrauischen Grenzer wollten das Hochzeitsgeschenk sehen. Das werde erst, so die Schwestern, in Polen gekauft - sie durften schließlich durch. Ursula Guskes Hände zitterten vor Anspannung: "Ich habe den Ausweis gar nicht wieder in die Hülle gekriegt." In die Bundesrepublik mitgebracht hat sie nur "einen Rucksack für Erste Hilfe".
Auch Rohrleitungsmonteur Erich Denecke, 37, hat in Weimar in seinem "Bungalow, vier mal sieben, Gartengrundstück", einfach die Tür ins Schloß fallen lassen, sich "in dringenden Familienangelegenheiten" auf Achse nach Polen gemacht und alles zurückgelassen.
Nicht alle haben schon verkraftet, was sie da mit sich angestellt haben. "Die Kinder sind fertig, meine Frau heult nur noch", erzählt einer in Hannover und ist selber fast am Heulen, "wir müssen uns erst mal die Seele wieder einrenken."
Weshalb sie das auf sich genommen haben? Monika Mlynarski scheint die Frage nicht zu begreifen. Sie schüttelt den Kopf, hebt die Schultern und sagt etwas lauter, als sie wohl gewollt hat: "Freiheit."
Freiheit bedeutet für sie zum Beispiel, so Monika Mlynarski, "zusammenstehen und miteinander reden können, ohne daß man sich umzudrehen braucht, ob jemand mithört". Die Staatssicherheit "Tag und Nacht auf der Straße vorm Haus", das Mißtrauen gegenüber Nachbarn und Kollegen, und sogar innerhalb der Familie die Vorsicht, seine Meinung allzu frei zu äußern - das vor allem hat die Übersiedler fortgetrieben.
"Überall", sagt Disco-Portier Ralph Heine, "haste den Zwang: Geh in die Jugendpioniere, geh da rein und da rein." In der Staatsbürgerkunde werde nur "Schnee erzählt, dat gloobt kein Mensch". Heine: "Da denkste, du bist nur von Bekloppten umgeben."
Die Staatsideologie haben sie ohnehin längst "weggeschmissen". Der Sozialismus, meint Ralf Lamara, 29, der mit Ehefrau und Sohn aus Prag kam, sei "auf eine gewisse Art" in Ordnung, nur die Wirtschaft sei auf dem falschen Weg. Viele seiner Bekannten seien gerade mit dem Bau von Eigenheimen fertig und trotzdem getürmt: "Die hauen auch ab, weil hier im kapitalistischen Ausland die Strategie besser ist."
Daß den Übersiedlern oft vorgeworfen wird, sie wollten nur den Wohlstand ausnutzen, sie meinten mit Freiheit vor allem Freiheit zum Konsum, erregt keinen heftigen Widerspruch. Das sei, findet Schweißer Norbert Richter, "teils richtig. Wer das nicht zugibt, lügt zum Teil selber".
Mit Berichten über ihre eigenen Odysseen, die sie bei der Deckung des täglichen Bedarfs hinter sich gebracht haben, werben die neuen Westbürger um Verständnis. Heine über Shopping in der DDR: "Gehste in die Stadt, willst 'ne Hose haben. Dann rennste zehnmal in die Stadt, daß du 'ne Hose kriegst. Das letztemal sagte die Verkäuferin: Ja, mei Guuder, ich hab' 'ne Jacke da. Hab' ich gesagt: Na gut, nehme ich die Jacke."
Nun ist ihnen zum Greifen nahe, was mit Geld alles zu machen ist. Auf einer Bank in Hannover dreht ein Ost-Berliner nachdenklich ein paar Schlüssel zwischen den Fingern: "Mein erstes Schlüsselbund in der Bundesrepublik." Es sind die Schlüssel für drei Reisetaschen, die er sich, kaum angekommen, gekauft hat. Fast die Hälfte seiner neuen Barschaft aus Begrüßungs- und Übergangsgeld von zusammen 750 Mark ist dabei draufgegangen.
Volkmar Stellmach hat es in Dingolfing einstweilen bei einem Jogginganzug belassen, für zehn Mark halb geschenkt. Aufschrift: "Dreams of San Francisco". Ralf Lamara, der im Supermarkt dabei war, stand mit "schlackernden Beinen" vor den Regalen, "diese Dimensionen, es ist Wahnsinn". Eine Woche ist er schon in Dingolfing, "aber es wibbert immer noch, es wird eine Zeitlang dauern, bis wir wieder normal denken".
Die Normalität, nun westdeutsch, rückt Stück für Stück näher. Daß die Schachtel Zigaretten vier Mark kostet, halten viele der Genossen Normalverbraucher erst mal für einen Scherz - in der DDR sind die billigen "Karo" schon für 1,60 Mark zu haben. Daß ein Betrieb, dem er seine Dienste telefonisch anbot, knapp antwortete, er möge sich ordnungsgemäß schriftlich bewerben, hält der Rohrleitungsmonteur Denecke für "eine Maßregelung, wie ich sie aus der DDR gewöhnt bin".
Ehe sie mit den neuen Realitäten zurechtkommen, spinnen viele Übersiedler an Wünschen und Hoffnungen. Mit 16 Mark die Stunde, also 1800 Mark im Monat, meint beispielsweise DDR-Portier Heine, komme er "hier aber nie voran" - "a bißl mehr" braucht er schon, weil er "auf ein Sportauto scharf" wäre. Jedenfalls: "Auf so einem einsamen Dorf rumsitzen und Gärtner machen ein Leben lang, das wollen wa ooch nicht."
Manche fragen sich, ob sie nicht besser nach Australien weiterfahren sollten. Leider, so kursiert in Hannover das Gerücht, seien alle Flugzeuge dorthin für Wochen ausgebucht und voll mit DDR-Leuten, die von australischen Werbern eingekauft worden seien.
Ob nach Australien oder, egal, doch erst nach Augsburg oder Aurich: Den Gedanken, jemals in die Heimat zurückzukehren, weisen die Übersiedler von sich. "In die DDR fahr' ich nie wieder", ist fast jedes zweite Wort, und alle scheinen bereit, mit einem ihrer Kumpel aus Thüringen zu schwören: "Ich bereue den Schritt nie in meinem Leben."

DER SPIEGEL 41/1989
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