13.11.1989

Auf der Lauer, an die Mauer . . .

Sie ist noch nicht weg, die Mauer. Eines aber kann man sagen: So lange wie die Chinesische Mauer wird sie nicht mehr stehen. Mag sein, es werden von beiden Seiten Pickel und Äxte sie zerhacken, wie 1789 die Bastille.
Ulbricht und Honecker haben sie gebaut, aber wir haben mitgebaut, und die Alliierten ebenso. Mein alter Freund Axel Springer war dabei, dessen Zeitungskonzern in Berlin tagtäglich die Flucht durchs Brandenburger Tor zu einer nahezu religiösen Pflicht erhob.
Vergessen war, daß Hitler den Stalin nach Berlin eingeladen hatte. Sollte der etwa an Polens neuen Westgrenzen stehenbleiben? Und sollte er sich anders als in Polen verhalten? Er benahm sich jedenfalls nicht so unmenschlich wie Hitler in Rußland.
Bedenkt man die Pläne des Nato-Hauptquartiers in Paris, in denen sogar mit dem Abwurf einer Atombombe herumgespielt wurde, so war der Bau der Mauer zwar ein groteskes, aber immer noch politisch sinnvolles Unternehmen. Was sonst hätten die drüben denn tun sollen? Sie stehen jetzt da, wo sie damals standen - nur daß Krenz sich an seiner Peking-Lösung verschluckt hat, und eine zweite Mauer rings um die DDR kann er auch nicht bauen.
Sie sind am Ende ihres Partei-Chinesisch, die Kameraden von drüben. Sicher, der Alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower mußte sich von deutscher Seite den Vorwurf der "Torheit" gefallen lassen, weil er den Russen in Berlin den Vortritt ließ. Als ob sein oberster Kriegsherr Roosevelt nicht am 12. September 1944 in Quebec der Dreiteilung (später mit den Franzosen der Vierteilung) zugestimmt hätte. Er stand gut mit "Uncle Joe", er hat das Problem nicht erfaßt, wollte im übrigen möglichst wenige seiner Männer opfern.
Damals wurde die Mauer vorgeplant. Mitnichten bedeutete ihre Aufstellung 1961 eine "wesentliche Wende in der Weltpolitik" (Strauß). Die hatte schon 1955 auf dem Genfer "Gipfel" der Vier stattgefunden, ohne daß Bonn es merkte. So hielt man denn auch den Mauerbau 1961 noch kurz vor seiner Ausführung für "nicht sehr wahrscheinlich".
Länger als maximal eine Generation kann man nicht voraussehen. Die Mauer hat jetzt erst ausgedient. Sie besiegelte 1961 den Bankrott der kommunistischen Wirtschaft, aber ebenso den Bankrott eines gewaltsamen Dulles-Rollback. Konnte der deutsche Verteidigungsminister 1961 davon ausgehen, Berlin sei zuerst eine politische Position der USA, so ist Berlin jetzt vorab eine deutsche Stadt.
Wollte Bonn sich noch 1961 weigern, wenigstens mit ein oder zwei Divisionen an einem eventuellen Durchbruch nach Berlin teilzunehmen - wenn denn wahr, eine vernünftige Weigerung -, so entscheiden über Berlin heute keine Divisionen mehr. Jenem Krieg, den man auf der Hardthöhe 1961 nach einigem Geplänkel noch "anhalten" wollte, ist der Boden entzogen. Aber über die schwächliche Haltung der Alliierten gab Strauß sich bis in seine letzten Lebenstage noch "enttäuscht".
Was hätten die westlichen Alliierten, die den dritten Weltkrieg so wenig wollten wie die Deutschen selbst, denn tun sollen? Dies, laut Strauß: _____" Ich hätte nur gewünscht, daß die Alliierten " _____" wenigstens den Versuch machten, jenseits der " _____" Sektorengrenze tätig zu werden, den zuerst gezogenen " _____" Stacheldrahtzaun niederzuwalzen und den Mauerbau zu " _____" verhindern. "
Törichte Amerikaner! So töricht waren sie, dies lächerliche Unterfangen gar nicht erst zu probieren. Ja, sie haben "zumindest duldend zugeschaut", sich sogar mit den Sowjets abgestimmt. Wie Achilles seinen Oberfeldherrn Agamemnon ließ Strauß sie darob seinen "gewaltigen Zorn" spüren.
Wir sollten dabei nicht vergessen, daß es zu gar keiner Berlin-Krise gekommen wäre, wenn die USA die Stadt 1948, sei es zum Guten, sei es zum Schlechten, nicht als Blockadebrecher gerettet hätten. Seit dem 9. November 1989 ist alles ganz anders, auch für die vier Besetzungsmächte.
Es hängt nun auch von uns ab, ob sie bleiben, und von uns, ob sie gehen. Erzählt uns etwa der sowjetische Außenamtssprecher Gerassimow, seine Regierung werde sich nicht einmischen, solange die DDR dem Warschauer Pakt angehöre, dann liegt der Ton auf "solange". Zeit wird alles noch brauchen, obwohl wir in der vorigen Woche nach allen Regeln der Kunst überrumpelt worden sind - nicht von den vier Alliierten, nicht von deutschen Politikern, sondern von den Ereignissen.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 46/1989
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