13.11.1989

„Laßt die Leute raus“

Der Mann trug nur einen Mantel über dem Pyjama und war nicht zu stoppen: "Wir wohn'n Bornholmer Straße, im Osten, wa. Ick wa schon inne Heia, die Alte jeht noch mit'm Hund runta, kommt ruff und sagt: Mensch, du, die jehn alle nach'n Westen! Ick nischt wie anjezogen und rüber."
Ein Trabi-Fahrer kurbelte die Scheibe herab und brachte atemlos hervor: "Ick fass' mir pausenlos an' Kopp. Ick fahr' mit der Karre übern Kurfürstendamm."
An der Ruine der Gedächtniskirche stammelte eine: "Det war schon imma mein Traum, einmal um'n Hohlen Zahn."
Ebenso fassungslos vernahmen die West-Berliner, was ihre Ost-Berliner Gäste heraussprudelten. Viele mochten nicht glauben, was sie da gerade erlebten. Es war die Nacht, in der die Mauer brach.
In dieser Nacht vom 9. auf den 10. November feierte ganz Berlin einen neuen Tag der Einheit.
Das Betonmonster, das West-Berlin auf 165,7 Kilometer Länge umschließt und seit seiner Errichtung über 70 Todesopfer gefordert hat, überlebte seinen Schöpfer nur knapp. Genau 22 Tage und acht Stunden nach dem Rücktritt des Bauherrn Erich Honecker, nach dessen Willen sie hundert Jahre existieren sollte, war die Mauer stehend k.o.: Noch ist sie nicht gefallen, aber sie hat ihre Funktion verloren.
Für Walter Momper, Berlins Regierenden Bürgermeister, wurde das Unfaßbare gegen 22.25 Uhr zur Gewißheit. Um diese Zeit reichte ihm einer seiner Sicherheitsbeamten ins Studio E des Senders Freies Berlin, wo der Sozialdemokrat in einer Live-Runde gerade die Folgen der neuen Reisefreiheit für DDR-Bürger diskutierte, einen kleinen Notizzettel: Der Lagedienst der Berliner Polizei hatte soeben den Durchbruch gemeldet; die ersten Berliner Ost wie West hatten unkontrolliert die Sektorenübergänge passiert.
Der Regierende ("Ab da wußte ich wirklich, wie es steht") verabschiedete sich vom Bildschirm: "Mein Platz ist jetzt woanders."
In diesen Abendstunden des 9. Novembers herrschte Ausnahmezustand. Der Vorsteher des rot-grünen Senats, der gerade zwei Drittel der Stadtstraßen auf Tempo 30 beruhigen läßt, jagte im Senatsdaimler, von einem Blaulichtwagen gefolgt, mit 80 bei Rot über die Kreuzungen. Am Autotelefon organisierte er den Nachtdienst seiner Senatorinnen ("Laßt sie notfalls durch die Polizei suchen") und dirigierte den Fahrer am beginnenden Stau vorbei zu jenem Bauwerk, vor dem die Berliner gemeinhin lieber abbiegen, der Mauer, Sektorenübergang Invalidenstraße.
Der Chef ulkte, "wir werden nicht die ersten sein, ich kenne meine Berliner", und hatte recht: Es war kein Durchkommen mehr. Nur ein paar hundert Meter entfernt vom Reichstag, wo auf den Tag genau vor 71 Jahren der sozialdemokratische Parteichef Philipp Scheidemann die Republik ausgerufen hatte, herrschte Volksfeststimmung. Hände reckten sich Momper entgegen: "Walter, hättste das gedacht", "Walter, danke."
In der Polizeibaracke erstattete Hauptkommissar Rainer Bornstein, Wachleiter des auch für das Brandenburger Tor zuständigen Abschnitts 34, heiser ("Meine Flüstertüte hat vor 'ner Stunde den Geist aufgegeben") Bericht: "Hüben und drüben alles knackevoll. Wir als Polizei können derzeit nicht viel ausrichten."
Momper, mitten auf dem Übergang, schon auf Ost-Berliner Gebiet, dämpfte die Emotionen der Menge: "Leute, das ist eine historische Situation, aber bitte, laßt den Verkehr fließen."
"Wenn da ein Verrückter drüben losschlägt, da ist doch die Hölle los", bangte der Regierende vor Vertrauten an der Sektorengrenze. Dann stampfte er in die Wachbaracke und ließ sich mit dem Polizeipräsidenten verbinden: "Da müssen doch Gitter her."
Dann rief er Harry Gilmore, den US-Gesandten und stellvertretenden Stadtkommandanten an: "Harry, wir müssen was tun." Als nächster war Gilmores britisches Pendant, Michael Burton, an der Reihe: "It is absolutely broken down in your sector."
Die Gesprächspartner, mit denen bereits vor Wochen ein ähnliches Szenario angesprochen worden war, ließen sich von Momper informieren: "Wir kommen überall rüber, wir können jederzeit zum Alexanderplatz laufen und uns die Hucke vollsaufen." Aber auch: "Ihr müßt die West-Berliner Polizei ermächtigen, am Brandenburger Tor fangen die Verrückten an, überall mit dem Hammer auf der Mauer rumzukloppen."
Um eine "dramatische Zuspitzung zu vermeiden" (so Ost-Berlins Innenministerium), hatte in dieser Nacht die Volkspolizei gründlich abgerüstet - wenig Präsenz, geduldige Mienen, Vaterfiguren in Front. Lediglich am Brandenburger Tor war es noch einmal hitzig geworden.
Dort, auf dem fußwegbreiten Mauerbollwerk, schwenkten bezechte Nachtschwärmer unter den zornigen Blicken eines Grenztrupps ihre Sektflaschen, Lutter & Wegner gegen Kalaschnikow, was noch einmal Wasserwerfer und Lautsprecherwagen ("Bürger von Berlin-West, verlassen Sie die Mauer!") auf den Plan rief.
Doch auch hier siegte alsbald das Berliner Beharrungsvermögen. Ost-Berliner rückten zum Torbogen vor, nachdem sie die Sperrspaliere durchdrungen hatten, wieder so sanft, aber bestimmt wie am Mittwoch abend letzter Woche, als die Menge vor dem ZK-Gebäude einen Dialog mit der SED zu harter Bonzenschelte genutzt hatte und auf dem Heimweg statt der vom Veranstalter geforderten Hymne "Brüder, zur Sonne zur Freiheit" wie aus einer Kehle "Völker, hört die Signale" anstimmte.
Dem zivilen Ungehorsam (Ost) vor dem Brandenburger Tor entsprach die Chuzpe (West). Von dort her hievten sie Fahrräder, Vierbeiner und ein Skateboard (alles strikt verboten) aufs Territorium der DDR-Hauptstadt und tanzten ausgelassen mit Brüdern und Schwestern. "Endlich schlagen wir die Türe ein", sangen derweil die Mauerspringer mit den Hämmern.
An Mompers Standplatz Invalidenstraße amtierten unterdessen DDR-Grenzer ungerührt als Fluchthelfer. Den Stau von Hunderten teils hochbeladener Ostwagen am Kontrollpunkt versuchten Ostbeamte ("Aufschließen! Aufschließen!") mit milder Miene und energischen Armbewegungen aufzulösen.
Zwei Mütter mit Kinderwagen, die auf die Plumeaus ihrer Kleinen Pappkartons und Koffer gestapelt hatten, wären auf ihrem zielstrebigen Marsch grenzabwärts von den Uniformierten noch wenige Stunden zuvor zweifellos "zur Feststellung eines Sachverhalts" auf unbestimmte Zeit beiseite genommen worden.
Nun, gegen Mitternacht, nimmt sich der Frauen, die ihre Wagen halsbrecherisch durch die Autoschlange lavieren, ein rundlicher Offizier an, und schnauzt väterlich besorgt: "Unverantwortlich, bei diesem Verkehr!"
In Sichtweite rollt gerade ein S-Bahnzug vom Grenzübergang Friedrichstraße über die Spree. Gegen das gelbe Fensterlicht zeichnen sich die Menschen dicht an dicht ab, alles Unkontrollierte aus dem Osten, und der Dicke schaut nicht auf, schon weil es jetzt Bauch einziehen heißt: Durch die Engstelle tollt eine Schar eingehenkelter Westler ostwärts. "Wir wollen rein!" skandieren sie und sind es gleich darauf.
Alternatives Jungvolk, das tags zuvor womöglich nicht mal ein Visum erhalten hätte, darf jetzt nach Ost-Berlin, ohne auch nur einer Amtsperson ansichtig zu werden, der man den Ausweis zeigen könnte.
Als nächster naht ein Sperrbrecher im blauen Mohair - in die Hauptstadt der DDR rückt Berlins Ex-Regierender Eberhard Diepgen vor. Der hatte vorher in Mompers Baracke nach der Lage gefragt und Bescheid erhalten: "Ich war auch schon drüben, das muß man nutzen."
Der CDU-Politiker, föngestylt und im Blick noch etwas melancholischer als sonst, stockt nach 100 Metern, von Ost-Fans eingekeilt. Bussi hier, Shakehands dort, von links wird dankend ein Stengel Chrysanthemen empfangen, nach rechts professionell ein Statement in einen französischen Journalistenblock diktiert: "Erst freie Wahlen, und den Rest kriegen wir dann auch noch hin."
Derweil erwartet draußen am Westende des Übergangs ein Spalier aus Tausenden die mühsam durchgeschleuste Kette all der "funny little cars", wie eine englische Funkjournalistin ins Mikrofon erzählt. Die Menge trommelt auf die Dächer, streckt Hände zum Gruß oder mit Sektgläsern durchs Fenster, verbrüdert sich enthusiastisch mit den Insassen, Träne gegen Träne.
Nur wenige der Ost-Fahrer finden im Menschengewühl Platz und Gelegenheit, auf Westterritorium erst zum Luftschöpfen anzuhalten. Den gutgekleideten Ost-Berliner im neuen Fiat Uno rafft die Rührung dahin, als er stoppen kann und, mit dem Glas Rotkäppchen-Sekt in der Hand, aussteigt. Beim gekünstelten Versuch, mit "Endlich steh' ick auf dem Boden der Freiheit" einen Lacher zu landen, fängt er an zu weinen.
Das Spalier der Begeisterten begleitet die Besucher in ihren Plastik-Kisten, wo immer sie sich zeigen. Junges Ost-Volk, in eine überladene Wolga-Taxe gequetscht, fährt den ganzen Abend den Ku'damm entlang und badet im Applaus. Ein West-Berliner Taxi-Fahrer, dessen Ostgäste zum Dank für Gratisbeförderung ihre Wunderkerzen-Vorräte verfeuern, kriegt Szenenbeifall wie der junge Mann im Porsche 928, dessen offenbar frisch gewonnenen Freunde im Fond blaue Ost-Ausweise durchs Fenster schwenken.
Vom Kaufhaus des Westens (KaDe-We) den halben Ku'damm hoch, von der Lietzenburger Straße bis zum Zoo war West-Berlin fest in Ost-Berliner Hand, die Nacht der offenen Schlagbäume dauerte bis fünf Uhr früh.
Ganze Schulklassen, die abends an die Übergänge gepilgert waren, machten durch, Glas an Glas mit Ost-Berliner Werktätigen, die nach der Spätschicht noch schnell mal rüberschauten. Die Serviererinnen aus dem "Cafe Moskva", Karl-Marx-Allee, waren auch da, nahezu geschlossen vor dem "Kranzler" aufmarschiert und nun schrill unter Sekt.
Die Berliner, ansonsten bekannt durch ihren aggressiven Sozialcharakter, schienen für eine Nacht des Glückstaumels bereit, über sich hinauszuwachsen. Der von Hunderten Zweitaktern prachtvoll verstänkerte Kurfürstendamm begeisterte die Einheimischen nicht weniger als den US-Reporter, der glänzenden Auges "stench of freedom", die Duftmarke der Freiheit, diagnostizierte.
Niemand murrte auch über die Scharen im Anorak, die schlendernd und staunend alle Trottoirs versperrten. Selbst der Rausschmeißer vom "Joe's", einer Musikkneipe am Ku'damm, ließ an diesem Tag mit Vorliebe - "Na, logo" - all die bargeldlos wirkenden Gestalten in schlichten Jeansjacken in den Laden.
Verkehrte Welt: Der östliche Diensthabende an der Invalidenstraße, ein Grepo-Major, fauchte seine Untergebenen an: "Laßt die Leute raus."
Das gab den Ton an für die ganze Nacht - vom Übergang Bornholmer Straße im nördlichen Wedding, wo Chöre "So ein Tag, so wunderschön wie heute" intonierten, bis zur Sonnenallee im Süden, wo der sonst hartgesottene CDU-Generalsekretär Klaus Landowsky mit feuchten Augen versicherte, so etwas habe er "noch nie erlebt".
Mittendrin, am Kreuzberger Übergang Heinrich-Heine-Straße, sah man die örtliche Szene, bekannt für ihren Rochus auf fremde Gesichter und "Wessies" aller Provenienz, liebevoll mit den Ossies fraternisieren.
Lange nach Mitternacht wollte ein Polizist von Momper wissen, wie er denn die Grenzpolizisten drüben erlebt habe.
Gegenfrage: "Wie lange sind Sie bei der Polizei?"
"37 Jahre."
"Dann wissen Sie es ja; die stehen dort rum wie Sie, wenn ich Ihnen jetzt sagen würde, es ist alles umsonst gewesen."

DER SPIEGEL 46/1989
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