09.10.1989

„Da wirst du stinkig drüber“

Rechtzeitig zu den Ost-Berliner Jubelfeiern erschien am vergangenen Wochenende in der DDR eine Anti-Festschrift mit dem Titel „Urkunde - Vierzig Jahre“. In Interviews und Beiträgen dokumentieren darin Bärbel Bohley und andere Mitglieder der Oppositionsbewegung die Stimmung in Honeckers SED-Staat. Auszüge:
_____" Matthias, 18 Jahre, lebt in Halle. Nach Abschluß der " _____" zehnten Klasse machte er eine Lehre als Offsetdrucker und " _____" beendete sie mit "Gut". Dennoch wurde er zum Abitur an " _____" der Volkshochschule nicht zugelassen. "
FRAGE: Was bedeutet für dich "40 Jahre DDR"?
MATTHIAS: Das bedeutet für mich nichts, weil ich damit bisher nichts zu tun hatte. Ich habe mir überlegt, daß sich auch überhaupt nichts ändern kann, weil immer noch dieselben Gedanken von denselben Leuten weitergetragen werden. Die Parolen, die mit 40 Jahren DDR in Verbindung gebracht werden, sind für mich der größte Quatsch.
FRAGE: Sind die Parolen für dich unglaubwürdig?
MATTHIAS: Mich interessiert das alles nicht. Aufgrund meiner Anti-Haltung habe ich kein Recht da mitzureden.
FRAGE: Was für eine Anti-Haltung?
MATTHIAS: Ich fühle mich nicht als Lebewesen verstanden. Ich muß immer überlegen - das finde ich schlimm an diesem Staat -, wie man sich verhält, um zurechtzukommen. Ich habe Angst davor, mich der Opposition anzuschließen . . . Es ist so, daß ich mich jetzt zurückgezogen habe. Ich versuche, aus der Realität zu flüchten, das hat mich der Staat gelehrt. _____" Erika, 54 Jahre, Psychiaterin in Stendal, kam 1961 " _____" von der Bundesrepublik in die DDR und hat drei erwachsene " _____" Kinder. "
FRAGE: Warum bist du vor 28 Jahren in die DDR gekommen?
ERIKA: Ich bin ja nicht gekommen, sondern wieder hierher gekommen. Ich habe ostelbische Adelsvergangenheit. Als dann 1961 die Mauer kam, wurde mir gesagt, entweder Sie bleiben hier, oder Sie verschwinden ganz. Da habe ich mir gedacht, daß ich als Ärztin im Entwicklungsland DDR sinnvoll sein kann.
FRAGE: Ist der Sozialismus für dich in der DDR gescheitert?
ERIKA: Nein, ich habe den Gedanken daran nicht aufgegeben.
FRAGE: Warum flüchten deiner Meinung nach gerade so viele Mediziner in den Westen?
ERIKA: Ich sehe einerseits viele Motive, die aus der Resignation kommen, andererseits ist der Westen besonders verführerisch für viele Karrieristen, die gehen. Obwohl Ärzte einen besonders sicheren Stand haben, bringen sie wenig Mut und Kameradschaftlichkeit auf.
FRAGE: Glaubst du, daß die gesellschaftliche Situation dazu beiträgt, daß es immer mehr psychische Erkrankungen gibt?
ERIKA: Ich erlebe immer häufiger politische Inhalte in Gesprächen mit traurigen Leuten. Dieses Getrenntsein, die Mauer, auch die Frustration im Beruf, all das bestimmt immer mehr die Gespräche. Und man fragt sich, wie stehst du eigentlich dazwischen als staatlich geprüfter Arzt. Was machst du eigentlich, wenn du immer so ausgleichend wirkst, denn die Menschen sollen ja wieder arbeitsfähig werden.
FRAGE: Was wünschst du dir für dieses Land?
ERIKA: Ich wünsche mir, daß das Leiden unter der gegenwärtigen Restriktion Widerstand produziert. _____" Christina, 46 Jahre, ist Sachbearbeiterin in " _____" Ost-Berlin. Sie hat eine erwachsene Tochter. "
FRAGE: Was bedeutet es für dich, 40 Jahre in diesem Land gelebt zu haben?
CHRISTINA: Das sind 40 Jahre meines Lebens. In meinem Alter muß man langsam überlegen, wer bist du denn eigentlich? Das trifft auch auf so einen Staat zu. Der kann auch nicht mehr alles werden. Ein sozialistischer Staat kann er auf gar keinen Fall werden. Das hat er verspielt, verdorben. Die Misere des Sozialismus ist, daß er keine Zeit hatte. Deshalb mußte auch so eine Diktatur entstehen.
FRAGE: Hätte man sich dem Sozialismus auch auf eine andere Weise nähern können?
CHRISTINA: Ich weiß nicht. Aber was mich immer so angekotzt hat, waren die Leute. Diese Brigade- und FDGB-Versammlungen, die eigentlich völlig ohne Inhalt waren und nichts brachten, aber abgehandelt werden mußten.
FRAGE: Warum bist du nicht in den Westen gegangen?
CHRISTINA: Weil ich keine Kraft für so eine neue Situation hatte. Ich habe immer nur versucht, den Kopf über Wasser zu halten. Du wirst hier ja als alleinstehende Frau nicht unterstützt. Immer werden die Frauen nur benutzt. Aber ich will mal von den Frauen wegkommen. Mit dem Aufbau des Sozialismus hat man ja alle bürgerlichen Werte kaputtgemacht. Und man hat es nicht geschafft, etwas dagegenzusetzen. Vieles ist nicht rübergekommen, weil es inhaltlos war. Die Leute haben keine sozialistische Moral, die haben keine bürgerliche, die haben überhaupt keine Moral mehr.
FRAGE: Hast du einen persönlichen Wunsch für die Entwicklung der DDR?
CHRISTINA: Na, vielleicht wie in der Sowjetunion. Mir gefällt es ganz gut, daß die Leute mündig gemacht werden, daß sie wirklich Bürger werden, die man braucht, weil man gemeinsam was tun will. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß man das bei uns machen kann. Wenn ich diese Sturheit sehe, diese Borniertheit. _____" Georg, 42 Jahre, ist Architekt in Ost-Berlin. "
FRAGE: "40 Jahre DDR", was bedeutet es für dich, in diesem Staat zu leben?
GEORG: Früher wurde ich mit den Gedanken, daß ich in der DDR lebe, nur konfrontiert, wenn ich mal raus wollte - Verwandte besuchen war ja damals noch nicht möglich. Die Konfrontation mit dem Staatswesen begann damit, daß ich mitbekommen habe, daß meine Geschwister mit ihren Fahrrädern mal eben zum Bodensee fuhren. Da merkte ich, daß ich eben Bürger eines Staates bin. Das war nach 1961. Ansonsten habe ich das Problem, daß meine Identifikation mit diesem Staat nicht vollkommen ist.
FRAGE: Hast du schon mal dran gedacht, dich politisch zu engagieren?
GEORG: Ja, aber das liegt länger zurück. Das ist ähnlich wie mit den Pionieren oder der FDJ - ich war nie drin. Auch jetzt sehe ich in der DDR keine Möglichkeit, mich in dem vorgegebenen Rahmen politisch zu betätigen.
FRAGE: Wie könnte man "40 Jahre DDR", einen solchen Anlaß, deiner Ansicht nach begehen?
GEORG: Nach meinem Empfinden ist der Zeitpunkt da, eine Abrechnung zu machen. Und da müßte ich sagen, daß sich die Erwartung der Gründergeneration nach dem Krieg nur sehr begrenzt erfüllt hat.
FRAGE: Und was ist mit deinen Erwartungen?
GEORG: Die sind eigentlich auf der Strecke geblieben. Das Allerwichtigste für mich, der freie Austausch von Informationen, ist nicht eingetreten. _____" Margarethe, 84 Jahre, ist Rentnerin und lebt in " _____" Halle. Ihre sieben Kinder hat die Kriegswitwe allein " _____" großgezogen. "
FRAGE: Wie siehst du die Situation alter Menschen in der DDR?
MARGARETHE: Bemühungen sind da, ohne alle Zweifel, und an sich geht es den Alten in den Pflegeheimen gut, aber sie sind meist unzufrieden. Ja, aber die Rente, nach der letzten Erhöhung bekomme ich jetzt 420 Mark.
FRAGE: Wie hoch ist denn die Mindestrente?
MARGARETHE: Ich glaube, 340 Mark. Da kannst du dir nichts Besonderes leisten, wenn du Feuerung und Licht, Miete, das alles abziehst.
FRAGE: Zwei deiner Söhne leben im Westen. Du hast sie erst zur Beerdigung ihres Bruders wiedergesehen?
MARGARETHE: Das hat mich von unserem Staat sehr enttäuscht und auch empört. Ich habe vor kurzem einen Brief an Honecker geschrieben, richtig flehentlich, daß er doch endlich erlauben soll, daß meine beiden Söhne kommen dürfen. Nein! Ich habe eine ganz kaltschnäuzige Ablehnung bekommen.
FRAGE: Warum leben deine Söhne im Westen?
MARGARETHE: Na, der K. hat mal am Telefon geschimpft, Staatsverleumdung, kam ein halbes Jahr ins Gefängnis, wurde dann in den Westen entlassen. Und der P. war Mediziner und Dozent an der Universität. Er bekam 1983 Vorlesungsverbot - er hatte was gegen die Raketen gesagt. Daraufhin hat er einen Ausreiseantrag gestellt.
FRAGE: Warum gehst du nicht in den Westen zu deinen Söhnen?
MARGARETHE: Das will ich nicht, ich bin hier, und ich bleibe hier. Die hiesigen Enkel könnten mich ja auch drüben nicht besuchen. Aber man hat ja immer gehofft und gehofft, daß das anders werden würde. _____" Anna, 44 Jahre, lebt in Dresden. Sie hat an der " _____" Hochschule für Film und Fernsehen studiert. Heute ist sie " _____" Hausfrau. "
FRAGE: Was hältst du von den Zuständen in unserem Land?
ANNA: Mich trifft besonders, daß man in seiner Arbeit eigentlich nichts bewirkt, daß man nur das ausführt, was einem von oben gesagt wird. Man kann sich auf den Kopf stellen und mit den Beinen wackeln . . . es nutzt alles nichts, weil die Menschen schon so knülle gemacht worden sind. Vielleicht belügen die uns auch gar nicht in voller Absicht, die immer sagen, das ist nur eine Übergangsphase.
FRAGE: Ist das Mangel an wirklichem Leben?
ANNA: Es ist auch ein Mangel an Entscheidungsmöglichkeiten der einzelnen Leute. Es gibt überhaupt keine Verantwortlichkeit. Man geht zur Arbeit und macht das, was einem gesagt wird, ob das gut oder schlecht ist. Man weiß genau, es ist Mist, aber man macht's.
FRAGE: Glaubst du, daß du dagegen etwas unternehmen kannst?
ANNA: Wenn man etwas macht, kommt sofort die Einschränkung. Du mußt dich mit Leuten auseinandersetzen, Behörden, Staatssicherheit . . . Unter dem Deckmantel des Sozialismus ist ja so viel passiert, zum Beispiel in der Stalin-Zeit, und die Leute haben nichts dagegen gemacht. Die meisten haben geschwiegen und versucht, ihr Leben rumzukriegen. Das ist ein Phänomen. Ich sehe nicht, daß an diesem System etwas gut ist. Ich bin jemand, der hier eigentlich resigniert hat. Jetzt könnte ich mir vorstellen, hier wegzugehen, was ich mir vor 20 Jahren nicht vorstellen konnte. _____" Eckhart, 39 Jahre, ist Tischler und lebt mit seiner " _____" Frau und drei Kindern in Ost-Berlin. "
FRAGE: Bist du mit deiner Situation zufrieden?
ECKHART: Ich arbeite seit neun Jahren in einem Museum und gehöre schon zu den Älteren. In dieser Zeit hat sich hier nichts geändert. Zwei Maschinen sind dazugekommen, die sind schlechter als die alten, obwohl die alten Vorkriegsmodelle waren. Es ist nicht möglich, so zu arbeiten, daß du Leistung bringen kannst.
FRAGE: Könntest du mit dem Geld, was du verdienst, deine Familie ernähren, oder muß deine Frau arbeiten?
ECKHART: Nee, wie denn? Ich habe ein Bruttogehalt von 1100 Mark, raus bekomme ich 862 Mark. Davon kannst du keine Familie ernähren. Jetzt gibt es kleine Stückchen Butter für 3,25 Mark, das ist eine absolute Schweinerei!
FRAGE: Von wem erwartest du was in diesem Land?
ECKHART: Der Arbeiter wacht erst auf, wenn es nichts mehr zu essen gibt. In Berlin ist die Versorgungslage noch viel zu gut, aber in Leipzig, Halle, in den Ballungszentren, da werden sie schon sauer, weil's nur mal was zur Messe gibt. Viel wird auch über Betriebskantinen gesteuert. Früher haben wir beim Zentralvorstand des FDGB bei uns gegenüber zu Mittag gegessen. Da gab's eine Anfrage an den Zentralvorstand, und als Antwort kam, daß es ein Sicherheitsrisiko wäre, wenn wir dort reingingen . . . für Harry Tisch. Wenn sich ein Gewerkschaftsboß so abkapseln muß, daß man da so ein großes Sicherheitsrisiko ist, na, was soll's dann?
FRAGE: Welche Perspektive hat die DDR nach deiner Meinung?
ECKHART: Mit Sozialismus lockst du auf keinen Fall mehr jemanden hinter dem Ofen vor. Es ist doch nicht normal, daß ein Mensch, der sich Sozialist nennt, daß der vor seinem eigenen Volk Angst hat! Das ist doch nicht die Angst vorm bösen Klassenfeind. Es ist doch nicht normal, daß man als Arbeiter in dem Land ein Sicherheitsrisiko für den Gewerkschaftsboß ist! Da wirst du stinkig drüber. _____" Michael, 25 Jahre, ist Mitglied einer freien " _____" Theatergruppe in Ost-Berlin und spielt mit dem Gedanken, " _____" die DDR zu verlassen. Sein Vater und seine Schwester " _____" leben in der Bundesrepublik, seine Mutter lebt in der " _____" DDR. "
FRAGE: "40 Jahre DDR", welche Erwartungen hast du für die Zukunft?
MICHAEL: Ich sehne mich nach Erfahrungshorizonten. Ich möchte gern Nomade sein, ich möchte gern gehen und zurückkehren können. Ich möchte mich nicht erklären müssen. In der DDR mußt du dich ständig erklären. Es gibt in der Psychologie den Begriff der sensorischen Deprivation. Das ist eine psychische Foltermethode: keine optischen Reize, keine akustischen Reize. Das führt zum Tod. Das ist für mich DDR, die führt auch bei mir zum Tod.
FRAGE: Hast du keine Erwartungen mehr?
MICHAEL: Nein, für mich habe ich keine mehr. Aber die Lokale hier sind angefüllt mit Suchenden.
FRAGE: Was suchen sie?
MICHAEL: Die wissen das nicht, aber sie finden es auch nicht. Der Prenzlauer Berg ist voll von Suchenden. Und kurz vorm Exitus haben manche noch die Kraft auszureisen.
FRAGE: Was bedeutet die DDR für dich?
MICHAEL: Es gibt keinen Satz, mit dem du das Wort "DDR" zusammenfassen kannst. Nur in der Distanz ist sie monolithisch, verglichen mit den demokratisch-pluralistischen Staaten. Und man muß auch über die Diktatur DDR nachdenken, die es ja auch ist. Außerdem, ich gehöre nicht zu den Leuten, die in den Westen gehen, ich gehöre zu denen, die aus dem Osten weggehen. f

DER SPIEGEL 41/1989
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