09.10.1989

„Die Zone iss im Arsch“

Eins ist schon mal klar", sagt Kalle, "nach der Wiedervereinigung gibt's keine Dispatscher mehr." Schade, Kalle ist selbst einer. Tagsüber sitzt er in der zugigen Holzbude auf dem Fuhrhof eines VEB, läßt sich Zettel reichen, weist den Weg. Das nennt man in der DDR "dispatchen", nur Honni weiß warum.
"Macht ja nix", tröstet sein Tresen-Nachbar abends den besorgten Dispatcher, "denn biste halt Pförtner." "Lieber schwarzer Sheriff", wünscht sich Kalle, atmet tief durch, hebt das Bierchen. In der Ost-Berliner Eckkneipe kostet es nur 51 Pfennig. Um einen Blick in die Zukunft werfen zu können, muß man fünf, sechs Gläser leeren, "sonst haste keine Peilung, blickst nicht durch".
Weitblick ist derzeit gefragt in der DDR. Am Tresen wird deshalb gemeinsam nach vorn geschaut. Die Kneipe ist verraucht, man pafft "Karo" ohne Filter, die Knastmarke. ",Karo' wird überleben", heißt die Prognose, "aber ,Spezitex' kannste vergessen . . ." Und "Jumo", "Plaste", "Stabü", "Spee" - also: DDR-eigene Textilfasern, Jugendmode, Kunststoffe, Staatsbürgerkunde und Waschmittel. Am Prenzlauer Berg, dem berlinischsten aller Berliner Stadtbezirke, wird am Vorabend der Jubelfeiern über Worte und Waren das Kreuz geschlagen. Öffentlich und ungestraft. Die Herren von der "Firma" Staatssicherheit - man nennt sie neuerdings "Memphis-Men" - sind abgetaucht.
"Wat soll'n se denn ooch machen?" fragen sich die Proletarier, das Schicksal der Stasi bedenkend. "Schießen dürfen se nich, schlagen dürfen se eijentlich ooch nich, loofen woll'n se nich, weil se alle Plattfüße hab'n." Prost! Es lebe das kleine Bierchen.
Nun schweift der Blick zurück. "Haste einen erkannt?" heißt die Frage. Im Fernsehen, bei den Live-Berichten aus den Botschaftsgärten in Prag und Warschau, der Ankunft in Hof oder Gießen. Nein, erkannt worden ist keiner. "Aber Ede ist überfällig!" Ede trauen sie den großen Sprung zu. Er hat schon "seine Keule im Westen", Keule = leiblicher Bruder. Das erleichtert die Reise ohne Wiederkehr. Der Bruder ist ganz legal "aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen" worden, "frag mich nich wieso". Es hat sich herumgesprochen, daß er hoch aufs trockene geworfen wurde: "Hat schon 'nen heißgemachten Opel unterm Arsch, hat 'n eigenes Telefon, ehrlich! Da warteste hier zehn Jahre drauf und auf'n Opel hundert!"
Das Jahr ist die kleinste Zeiteinheit in der DDR. Man wartet 5 Jahre auf eine eigene Wohnung, 10 Jahre auf ein Telefon, 15 Jahre auf den "Wartburg", 40 Jahre auf die Wiedervereinigung. "Jeduld mußte hab'n in der Zone", legt Kalle dar, "sonst wirste verrückt." Man sagt wieder "Zone" statt "DDR", dabei war - seit Ende der sechziger Jahre - das Nachkriegswort schon am Aussterben. Jetzt hat "die Zone" wieder Oberwasser, schon aus Daffke. "Haste mal gehört, was der Erich für Mühe hat mit solche Worte wie ,Sozialismus' oder ,Deutsche Demokratische Republik'?"
Weil vom West-Gast nicht erwartet wird, daß er jemals die "Aktuelle Kamera" des Ost-Fernsehens auch nur eines Blickes gewürdigt hat, bemüht sich die Runde nun, Erich Honeckers Zungenschlag nachzuahmen. Die Kardinalworte sind nur noch Zischlaute. "Und warum? Weil er selber nich mehr dran jloobt." Prost!
Wer aber glaubt in der DDR dann noch an die DDR? Wen immer man unter vier Augen spricht - der gerade nicht. Manche behaupten, sie kennen nicht einen einzigen überzeugten Kommunisten. Angeblich soll es unter den jungen Studenten der Parteihochschulen noch SEDisten vom alten Schrot und Korn geben. Wenn die aber, nach Abschluß der Studien, mit des Lebens Wirklichkeit konfrontiert werden, in einem beliebigen volkseigenen Betrieb, klappt ein Lehrsatz nach dem anderen geräuschlos zusammen. "Die Zone iss im Arsch", sagt Kalle.
Für junge Menschen sind die DDR-eigenen Widersprüche ohne Zynismus oder Alkohol kaum noch zu ertragen. Die Parteispitze rauscht in dicken, dunkelblauen West-Autos vorüber, für sie gilt kein Tempolimit. Wer, wie Dispatcher Kalle, 720 Ost-Mark im Monat nach Hause trägt, der darf allerhöchstens eine 250-Kubikzentimeter-Maschine fahren, einen 21-PS-Zweitaktstinker, erlaubte Spitze: 100. Größere Motorräder sind dem Volk verboten.
Beim Geld herrscht ein feudalistisches Dreiklassenrecht: Ganz oben, in der Welt der Volvo-Dienstwagen und der Villen am See, braucht man keinen Pfennig irgendeiner Währung; alles ist gratis, auch die Dienstboten, die Speise und Trank herbeischaffen. Der zweite Stand hat Ost- und West-Geld in der Tasche, aus welchen Quellen auch immer. Für West gibt's im Osten alles: eine Edelnutte im Palast-Hotel, "Persil" statt "Spee" und abends "Johnnie Walker". Mit ihrem Ost-Geld kommen sich die kleinen Leute des dritten Standes mehr und mehr "verscheißert vor. Nich mal die Polen woll'n das hab'n".
Ost-Berliner, die nicht blind, taub und stumm sind, erleben die Widersprüche stündlich und hautnah. Die halbe Hauptstadt profitiert von der westlichen Hochkonjunktur, überall herrschen Verkehrschaos und Völkergetümmel. Am S-Bahnhof Friedrichstraße stehen die Pendler bis auf die Straße. "Das mußte dir mal vorstell'n", erläutern die Jungen, "Polen dürfen hier rüber und wir nich!" Unter den Linden flanieren die westdeutschen Schulklassen, laufen Revue für Benetton, Wrangler und Rodenstock.
Zwei Millionen DDR-Bürger haben sich allein 1988 vom Zustand der westdeutschen Teilrepublik überzeugt; das sind zwei Millionen Dissidenten. "Der West-Glotze hab' ich nich getraut", berichtet ein Radsportler, "aber meinen eigenen Augen." Man hat ihn in Niedersachsen eine Runde drehen lassen. Er ist auch brav zurückgekehrt. "Aber wenn sich bis nächstes Jahr hier nischt ändert, kratz' ich die Kurve" - für immer.
Als besonders mobil erweisen sich Ost-Berlins Kellner und Köche. Gut 600 sollen in den letzten vier Wochen der Republik für immer Lebewohl gesagt haben. Am Restaurant "Gastmahl des Meeres" hängt schon ein Zettel, der die vorübergehende Schließung wegen "technischer Probleme" bedauert. Dort ist es jetzt ganz schlimm. Niemand sagt mehr: "Ham wa nich." Für "unser Aluminiumgeld wollten die sich nicht mehr in Trab setzen", wird die Kellnerflucht kommentiert, "Ost-Mark macht nicht sinnlich".
Gesprächsweise ist die Deadline für das hochbetagte Politbüro der nächste 1. Mai. Wenn bis dahin nichts passiert ist . . . Gorbi soll den alten Säcken Beine machen. Niemand will Honni & Co. einknasten. "Der hat ja schon zehn Jahre Zett abgesessen", weiß man, 1935 bis 1945 bei den Nazis. "Ich hab' nischt gegen den Sozialismus", heißt die neueste Jugendparole, "aber warum müssen sie ihn gerade an mir ausprobieren?"
Die feinsinnigen Überlegungen der politischen Klasse in Ost und West, wie man die DDR "durch Annäherung wandeln" könnte, sind beim Ost-Berliner Volk kein Thema. Zweite Staatsbürgerschaft? Nächster Parteitag? Mischa Wolf? "Du, vergiß es! Entweder es gibt 'ne Wiedervereinigung, oder ich hau' ab. Noch een Subbotnik", ein freiwilliger Arbeitseinsatz, "und dann wird die DDR besenrein übergeben."
Am Wochenende wimmelt Ost-Berlin von Uniformierten jeder Couleur. Für die Parade stehen in Nebenstraßen riesige Raketen bereit. Gerüchte machen die Runde: Ganz Berlin werde abgesperrt, damit die Leipziger nicht reinkommen. Gorbi werde man zujubeln, daß die Mauern wanken. Apropos Mauer: Kalle, der Dispatcher, hat schon einen Spruch auf Lager, den er garantiert irgendwann sprayen wird. Noch geht's nicht, weil es in der "ganzen Tätärä keinen Spray gibt".
Kalles Losung, nach der die vielen Mauern Ost-Berlins sich sehnen, heißt: "Proletarier aller Länder, verzeiht mir. Charly Murx." f

DER SPIEGEL 41/1989
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