13.11.1989

Und was kommt danach?

Jener Kommunismus, der mit Robespierre und Babeuf begann, der über Marx und Engels in einer seltsamen Schleife zu Lenin und Stalin und Mao und Deng führte, er ist ideologisch am Ende. Geniale Machtpolitiker wie Lenin, weltfremde Idealisten wie Bucharin haben ihm ihr Leben geweiht. Der Zukunft aber, der er sein Wort verpfändete, hat er nichts mehr zu sagen.
Ganz anders liest sich die Frage, wie lange noch Kommunisten Rußland und China, Kuba und Vietnam beherrschen werden. Das sind erkennbar ökonomische Machtfragen, die man mit den bisherigen Schlüsseldaten von Aufstieg und Niedergang der großen Mächte beantworten kann.
Man braucht dazu freilich einen langen Atem. Man muß die Ökologie, samt ihren vielleicht entscheidenden Daten, ganz weglassen - und wissen, daß alles auch sehr anders verlaufen kann.
Als etwa der Fachtheoretiker Paul Kennedy 1987 in China das Land sah, das im Jahre 2020 wahrscheinlich weit vor jeder europäischen Macht stehen werde, konnte er die Pekinger Metzelei samt ihren das ganze Land niederdrückenden Folgen nicht voraussehen*. Vermutlich würde er aber bei dieser These bleiben, weil eine Rückstufung um zehn Jahre diesem Riesenland, anders als im Menschärgere-Dich-nicht-Spiel, nichts anhaben könne.
Wenn die beiden Supermächte wie der Mond abnehmen ("decline") - woran kaum noch jemand zweifelt -, so ist das, laut Kennedy, nicht dasselbe. Die USA haben ein dickes Polster, sie können schrumpfen. Die Sowjetunion hat dergleichen nicht. Sie wandelt, nachdem sie ihre Unschuld verloren hat, am Abgrund.
Vor Gorbatschow kam niemand in Moskau auf die Idee, man müsse die Überrüstung beschneiden, ebenjene Überrüstung, die vorwegnahm, was sie befürchtete (ein klassischer Fehler der Großmächte). Die * Paul Kennedy: "Aufstieg und Fall der großen Mächte". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 976 Seiten; 58 Mark. Sowjets paßten, wie etwa Kaiser Wilhelm auch, nicht ihre Politik, sondern ihre Rüstung den Befürchtungen an.
Will man der Sowjetunion zugute halten, daß nur eine halbasiatische Politik, wie der Georgier Stalin sie führte, Hitler stoppen konnte (das Argument ist weder beliebt noch beweisbar), so bleibt denn doch der peinliche Rest zu fragen, warum die Sowjetunion nach dem Sieg und nach Stalins Tod in aggressiver Bewegungsunfähigkeit erstarrte.
So viele schlechte Vorbilder die großrussischen Zaren abgegeben haben mochten - eine Entschuldigung für das in sich unschuldige System war das nun, nach 1953, nicht mehr. Der Kommunismus selbst, samt Lenin und Stalin, stand jetzt auf dem Prüfstand. Wie hätte er anders reagieren sollen als zu den Zeiten, da er, scheinbar oder nicht, gebraucht wurde? Wie anders, als Mao und Deng reagiert haben?
Die Unfähigkeit zur Reform war in diese durch Lenin und Stalin gebildete Staatsform eingestanzt worden. Beide lebten von der grundsätzlichen Unreformierbarkeit aller Systeme. Beide waren Berufs-Revolutionäre, nicht Berufs-Evolutionäre. Bei beiden kam die Legitimation der Macht aus den Gewehrläufen. Der Innenpolitik maßen sie demgemäß keine irgend entscheidende, allenfalls gelegentlich eine taktische Bedeutung zu. Oder sie nutzten, wie Stalin und Mao, den blanken Terror.
Was sich vor unseren Augen derzeit vollzieht, ist der Sturz der Götter in allen vom Kriegskommunismus eroberten Gebieten (China vorerst wieder einmal ausgenommen). Nirgends denkt man, es könnte durch einen Wechsel zur Pluralität schlechter, noch schlechter werden. Nicht die Probleme haben ausgedient. Ausgedient hat der europäische Kommunismus.
Das sagt nun aber wenig, jedenfalls nicht alles, über die Supermacht Sowjetunion. Ob mit oder ohne Gorbatschow, auf irgendeine Weise wird sie sich behaupten. Die Aufgabe ihres Glacis könnte sie erwägen, den Abfall ihrer Gliedstaaten, etwa im Baltikum, nicht. Damit entfiele ihr Gründungsmechanismus, ihre Raison d'etre.
Anders als die Leute in Peking hat sie sich eine Bresche der Öffnung und Öffentlichkeit geschlagen, es wird diskutiert. Aber diskutiert wird um den hohen Preis des - in China bisher nicht vorstellbaren - Pluralismus. Da man ehrlich sein soll, solange man darf, gibt es bisher keinen Ausweg aus dieser Klemme.
Laut Paul Kennedy, und der hat da recht überzeugende Argumente, wird die Macht der Sowjetunion schneller sinken als die ihrer Konkurrenten, zumindest als die ihres Hauptkonkurrenten. Dies sind die Probleme: *___bisher keine Legitimierung der Regierungsorgane (anders ____als in den USA); *___50 Prozent Nichtrussen, die zwar nicht auf Demokratie ____drängen, wohl aber auf Eigenständigkeit (ein ____schlechtbezahlter US-Matrose versteht meist Englisch, ____die wehrpflichtigen Minderheiten-Soldaten in der Roten ____Armee aber kaum Russisch); *___der Kommunismus als nichteffektive Wirtschaftsform (15 ____Prozent maximal sind produktiv, in den USA maximal 25 ____Prozent nicht produktiv).
Ja, wenn wir hier nicht mitbetroffen wären, könnten wir auf die objektive Gerechtigkeit der Geschichte verweisen, die sogar ein Bismarck hätte erfahren müssen, wenn er länger gelebt hätte. Aber wir sind mitbetroffen. Wir sitzen in einem Boot, das wir nicht zum Schaukeln bringen dürfen.
Die Sowjetwirtschaft wird es nicht schaffen, den Bauern ihr Eigentum glaubwürdig zurückzugeben. Sie wird das gar nicht versuchen, weil es systemwidrig wäre. Sie wird ausländisches Kapital nicht glaubwürdig anlocken können, weil sie nur als Schuldner, nicht aber als Investor glaubwürdig ist.
Sie wird überall, wo die Frage steht, ob man den Markt oder die Bürokratie wolle, letztendlich die Bürokratie wollen. Das ist ihr Leninsches Erbe. Sie wird niemals nach dem Grund eines Übelstandes suchen, sondern immer nur nach dem Täter, dem "Saboteur". So hatte das schon Lenin dem Stalin verordnet, als der sich beim Chef ständig über seine gestörte Telefonleitung beschwerte.
Das, im Sinne des Themas "Aufstieg und Fall der großen Mächte", bedeutet: Die UdSSR muß außenpolitisch zurückstecken. Hat sie harte Devisen, ist alles gut. Hat sie die aber nicht, muß sie aus Kuba und Afrika verschwinden, aus Vietnam und, ja, aus den Ländern des Warschauer Paktes.
Auf den Weltmeeren wird es keinen sowjetischen Flugzeugträger "Tbilissi" mehr geben. Nur noch U-Boote kann sie bezahlen, die für ihre strukturelle Verteidigungsfähigkeit unabdingbar sind. Und wo sie Kredit hat, wie Frankreich in seinen früheren Kolonien, kann sie den nutzen.
Das ist zu hart? Nichts ist zu hart, wenn man als Weltmacht falsch gewirtschaftet hat. Das mußte Karthago noch vor Hamilkar und Hannibal, das mußten Spanien und Frankreich erleben.
Venedig konnte nichts dafür, daß seine Existenz mit der Entdeckung der Weltmeere überflüssig wurde. Es kämpfte eine Weile und schlitterte dann in den Tourismus, sehr gemächlich. Wer gedenkt noch der Generalstaaten der Niederlande, einer ehedem Großmacht, wo das freie Wort mit Richtstrahlern bis in die entferntesten zivilisierten Gegenden geschickt wurde.
Spaniens Militärmacht war bis zum Dreißigjährigen Krieg die stärkste der Welt, militärisch zeitgemäß organisiert. Das Land verfiel, weil es seine katholischen Strukturen nicht ändern konnte. Ebendas gilt während des gloriosen Jahrhunderts für das Frankreich vor der Revolution, 1784 das angesehenste Land der Welt.
Wer hätte 1890 die Voraussage gewagt, das britische Empire werde künftig in seine Kolonien mehr hineinstecken als aus ihnen herausholen? Die Führungsschicht, die herrschende Klasse, die Nomenklatura merkte ja nichts davon.
Wer hat damals vorausgesehen, daß die USA und das deutsche Kaiserreich, beide mit unwichtigen Kolonien, an England vorbeiziehen würden? Sehr wohl hat die britische Herrenkaste 1938 wahrgenommen, daß sie zwei Feinde hatte: die USA und den Hitler. So mußte sie versuchen, Hitler nach Osten abzulenken - als ob das noch nötig gewesen wäre! Im Falkland-Manöver wäre Margaret Thatcher ohne die militärische Infrastruktur der USA kläglich gescheitert.
Was tun mit dem Kommunismus? Nun, ihn entweder bezahlen oder abschaffen. Sicher wird es da, und über lange Zeit, ein Drittes geben. Die Geschichte moralisiert ja nicht, sie ist keine Person, sie rechnet nur. Kennedy betont immer wieder, daß er Muster anbietet, daß alles auch ganz anders kommen kann. Wer wollte ausschließen, daß China wieder "vernünftig" wird, daß Japan seinen nichtmilitärischen Erfolgsweg weitergeht, daß die Europäische Gemeinschaft als Militärmacht nicht wirklich zu Stuhle kommt?
Wir Deutschen tun gut daran, jetzt nicht zu rechnen. Wir haben, was wir brauchen. Wir können die aufnehmen, die zu uns wollen. Wir sind ein Katalysator, der aktiv nichts tut, aber durch sein bloßes Vorhandensein wirkt.
Aber wie man auf uns 1945 keine Rücksicht genommen hat - verständlich, verständlich -, so können wir jetzt auf Frankreich keine Rücksicht nehmen, das, ohne Basis, seine Sonderrolle behaupten möchte. England, wie immer, wird splendid isoliert sein, und die USA, zu jedem Schwenk fähig, haben wichtigere Probleme.
Die beiden deutschen Staaten, wie auch immer vereinigt, werden die stärkste Wirtschaftsmacht der EG sein. Sie werden sich nicht daran hindern lassen, ihren östlichen Landesteil mittels des verruchten, derzeit ja auch tatsächlich verkommenden, Kapitalismus zu kolonisieren, solange dazu noch Zeit ist. Das würde schon mal fünf Jahre dauern.
Mit geballter Kraft werden sie dann den demokratischen Staaten des Ostens helfen. Und Wirtschaftsmacht bedeutet immer auch politische Macht. Dies ist unsere politische Aufgabe jetzt. Tatsächlich gibt es auch heute noch, wie 1848, 15 bis 30 Millionen Deutsche zuviel auf der Welt. Aber die Zeiten des Wirtschafts-Imperialismus sind in Europa vorbei.
Nur für die Betroffenen ist nicht "farcimentum" (Bismarck), nicht "Wurscht", wann wir ohne Personalausweis oder Paß nach dem ehemaligen Ost-Berlin reisen können und umgekehrt die jetzigen DDR-Bewohner nach Bonn. Das kann zwei, das kann zehn Jahre dauern. Meine Kinder werden sich einst ohne Paß und ohne Personalausweis in Berlin frei bewegen können. f
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 46/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Und was kommt danach?