09.10.1989

„Der Deutsche ist der Dumme“

Die Bonner Sozialdemokraten legen die erste große Studie über die rechtsextremen Republikaner vor. Viele rechte Wähler, die der SPD den Rücken gekehrt haben, sind - anders als die meisten Funktionäre der Schönhuber-Partei - keine „wüsten Gesellen“, sondern „kreuzbrave Leute“ mit ausgeprägter Fremdenfeindlichkeit.
Zwei Monate lang, von Anfang Juli bis Ende August, zogen Interviewer des Heidelberger Sinus-Institutes mit dem Tonband durchs Land - auf der Suche nach Sprachlosen.
Sie hielten Ausschau nach Bürgern, die bei der Europawahl im Juni etwas getan hatten, worüber die meisten höchst ungern plaudern: über ihren direkten Sprung von der SPD zu den rechtsextremen Republikanern.
Die Motive dieser Wähler zu ergründen, lautete der Auftrag des Bonner SPD-Vorstandes, der ziemlich lange brauchte, um zu begreifen, daß die Erfolge der Republikaner in Berlin, Hessen und Europa auch zu Wachstumshemmern für die Roten geworden sind (siehe Interview Seite 55). Auch bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen hat sich wieder gezeigt, daß die SPD fast in allen Städten Stimmen einbüßte, in denen die Republikaner antraten. Reps sind nicht allein ein Problem für CDU und CSU. Sie sind auch ein Grund dafür, daß die SPD bei den zurückliegenden Wahlen nicht besser abgeschnitten hat.
Die Sinus-Leute gingen an Stammtische und in Betriebe. Sie tauchten überall dort auf, wo nach den Europawahlen die Rechten triumphiert, die Linken gestöhnt hatten: in den Arbeitervierteln von Mannheim, Dortmund und Nürnberg, im behäbigen ost-württembergischen Industriegebiet, im protestantischen Landkreis Soltau-Fallingbostel und im katholisch-rustikalen Berchtesgadener Land. Ein schwieriger Job. Da gab's Polizisten, die der Bekennermut verließ, sobald das Tonbandgerät eingeschaltet werden sollte. Kleine Beamte * Im Oktober 1988 in Planegg bei München. sperrten sich aus Furcht vor Repressionen.
Am Ende hatten die Interviewer dennoch 20 Gespräche aus dem Süden und 15 aus dem Norden auf Band, Originaltöne aus einer weitgehend unerschlossenen Welt, dem rot-braunen Milieu.
Als die Sinus-Forscher ihren Auftraggebern, einer Arbeitsgruppe des SPD-Vorstands unter Leitung des Abteilungsleiters Karl-Heinz Klär, von ihrem Trip in die Szene berichteten, gab's die ersten Überraschungen. Kein Klischee stimmte. Statt "wüste Gesellen" hatten die Interviewer "kreuzbrave Leute" (Peter Wirkner, Sinus) angetroffen: alte Nazis? Keine Rede. Wirkner: "Viele reagierten befremdet, wenn wir sie mit faschistischen Thesen konfrontierten." Einer der Forscher wollte der Studie sogar den Titel "Die netten Deutschen" geben. Die Sozis entschieden sich für: "Weder verharmlosen noch dämonisieren".
Die Eindrücke der Heidelberger Experten paßten zu Befunden der Infratest-Sozialforschung, die ebenfalls für die SPD 8400 Repräsentativ-Interviews, darunter 460 mit potentiellen Rep-Wählern, auswertete.
So wurde "zum ersten Mal auf einer gesicherten Datenbasis" (SPD-Report) ermittelt, daß von den heutigen Anhängern der Republikaner 1987 bei der Bundestagswahl 42 Prozent die CDU/CSU, 18 Prozent die SPD, 5 Prozent die FDP, 6 Prozent die Grünen und 3 Prozent die NPD gewählt hatten. Jeder fünfte enthielt sich seinerzeit der Stimme. Anfang August kamen die Infratest-Forscher zu dem Ergebnis, daß die Republikaner bundesweit sicher auf sechs Prozent Stimmen setzen können. Erweitert man den Kreis auf diejenigen, die "vielleicht" die Rechtspartei wählen, steigt das Potential auf acht Prozent. Rechnet man dann noch die hinzu, die den Reps mit "Mundpropaganda" helfen, kommt man sogar auf zwölf Prozent.
Wie sieht der Wählertyp aus, der aus dem SPD-Milieu stammt, aber Republikaner wählt? Fast zu dreiviertel sind es Männer. Diese Wähler verteilen sich gleichmäßig über alle Altersklassen, während die Union vor allem ältere Leute an die Rechtskonkurrenz verliert. Der Bildungsstand der Überläufer ist deutlich niedriger als der des durchschnittlichen SPD-Wählers: 75 Prozent haben Hauptschulabschluß, sind einfache Arbeiter und Fachkräfte. Ihr Einkommen weicht kaum von dem des Durchschnittsdeutschen ab. Gewerkschaftszugehörigkeit feit nicht gegen rechte Versuchung: Mit 32 Prozent ist der Anteil der Organisierten unter den von der SPD stammenden Überläufern überdurchschnittlich hoch.
Bei der thematischen Orientierung der Rep-Wähler entdeckten die Infratester gravierende Unterschiede, die wichtige Schlüsse auf die Probleme der beiden großen Volksparteien mit ihren rechten Rändern zulassen. Angesprochen auf "Recht und Ordnung", "Wahrung deutscher Werte und deutscher Kultur" und "Wiedervereinigung", äußerten die Rep-Anhänger fast gleichstarke Sympathie für Aussagen der Union wie für die Politik der Republikaner.
Bei der "Einstellung zu den Ausländern" waren nur sechs Prozent der neuen Rechten mit der SPD, doppelt so viele mit der Union zufrieden. Dagegen erfreut sich die SPD mit drei Traditionsthemen (Mieterschutz, soziale Sicherung, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit) in Rep-Kreisen weit höherer Beliebtheit als die eigene und alle übrigen Parteien.
Das repräsentative Infratest-Gesamtbild der Rep-Wählerschaft paßt zu den Eindrücken der Sinus-Forscher, die keine Repräsentativuntersuchung vorlegten, sondern individuelle Motivmuster für einen Wechsel von links nach ganz rechts erarbeiteten. Ihr Ziel war es, die Lebenswelt rot-brauner Wähler auszuleuchten, diese - in ihrer Alltagssprache - die persönlichen Entscheidungsprozesse schildern zu lassen.
Die Sinus-Forscher teilen ihre Gesprächspartner ein in zwei Gruppen. Die eine - ihre Mitglieder bedienen sich überwiegend am Unions-Rand - rekrutiert sich aus "angepaßten Neonazis", auch "enttäuschten Wendewählern" und aus "statusbedrohten Mittelständlern". Alles Leute, die mit den Roten so gut wie nichts zu schaffen haben.
"An viele der ,Sozialcharaktere', die der Rechtspopulismus anspricht, kommt die Linke . . . gar nicht heran", schreibt SPD-Vordenker Peter Glotz in seinem Buch "Die deutsche Rechte"*. So wirke die gesamtgesellschaftlich notwendige, von Oskar Lafontaine losgetretene Arbeitszeitdebatte der SPD auf Bauern, Gastwirte, Handwerker, Einzelhändler, Taxifahrer und Angehörige der freien Berufe wie ein Hohn.
Anders sieht es in Gruppe zwei aus. Hier haben die Rechercheure Typen entdeckt, die sie unterteilen in "entfremdete Kleinbürger", "autoritäre junge Arbeiter" und "die Opfer der Zwei-Drittel-Gesellschaft". Glotz: "Der gegenwärtig sich entwickelnde Rechtspopulismus ist ein Spaltprodukt der Zwei-Drittel-Gesellschaft."
Kaum einer der befragten ehemaligen SPD-Wähler hat - wie viele aus der schwarzen Gruppe - "ein geschlossenes * Peter Glotz: "Die deutsche Rechte". DVA, Stuttgart, 1989; 176 Seiten; 24 Mark. rechtsextremes Weltbild", das sich in Merkmalen wie NS-Geschichtsbild, "Verehrung des Führungsstaates", in "militärischen Neigungen" oder "Blutund-Boden-Rassismus" manifestiert. Gemeinsam war den "Rot-Brauen" jedoch "eine sozial-kulturell motivierte Fremdenfeindlichkeit".
"Wohlstands-Chauvinismus" nennt Sinus diese ideologischen Grundmuster und definiert die Gedankenwelt dieser Leute so: "Anspruch auf die Früchte des Wohlstandes sollen ausschließlich - oder in erster Linie - die Deutschen in der Bundesrepublik haben", nicht Aussiedler, nicht Asylanten. Selbst DDR-Übersiedler werden manchmal diesem "unerwünschten Personenkreis" zugeschlagen. Der "Sündenbock-Mechanismus" (Sinus) funktioniert in diesen Kreisen perfekt.
Ob Arbeitslosigkeit, Finanzkrise des Staates, ob Wohnungsbau, Verslumung der Großstädte, steigende Kriminalität - schuld sind die "Fremden". Sie beuten die Bundesrepublik aus, machen sie zum "Sozialamt der Welt".
Gerhard M.*, 26 Jahre, Metall-Vorarbeiter aus Baden-Württemberg, ausgetreten aus der IG Metall, stammt aus einer durch und durch sozialdemokratischen Familie. Für ihn sind "Kohl, Späth, Vogel, Rau - alles ganz linke Vögel". Sein Urteil: "Die SPD ist mehr für Ausländer als für Deutsche. Der Deutsche ist der Dumme."
"Die Türken kommen hierher und springen nach drei oder vier Wochen zum Zahnarzt und lassen ihre Zähne richten", sagt Gerhard M. "Bevor die nicht eingezahlt haben, sollen die auch nichts bekommen. So ein Türke bekommt Kindergeld für vier Kinder, und man weiß nicht einmal, ob er diese Kinder überhaupt hat."
Ex-Soziwähler Ralph S., 28, Chemiearbeiter in Mannheim, ist über die "Sauerei" wütend: "Die Aussiedler und Asylanten bekommen sofort eine Wohnung, die Deutschen, die schon ewig lang hier wohnen, müssen warten." Aussiedler und DDR-Bürger bekämen sofort Arbeit, "Deutsche" jedoch nicht. Er hoffe aber nicht, daß es den Ausländern demnächst "an den Kragen" gehe, daß es ihnen gehe "wie den Negern in Amerika".
Volker W., 32, Arbeitsloser aus Dortmund, stellt resigniert fest: "In der Politik läuft wenig. Für Ausländer läuft 'ne Menge, aber für uns Sozial- und Wohlfahrtsempfänger läuft gar nichts." Aussiedler bekämen sofort "Zigtausende" Mark und führen "nach drei Monaten einen BMW". Das Urteil des Mannes: "Die Republikaner sind für die Deut** Kurt H. Biedenkopf: "Zeitsignale". Bertels- mann, 1989; 160 Seiten; 36 Mark. * Alle Namen vom Sinus-Institut geändert. schen, die SPD weiß nicht, wofür sie ist. Früher war das eine Arbeiterpartei, heute nicht mehr . . . Wenn die SPD sich nicht bald ändert, werden noch mehr Republikaner wählen."
Versäumnisse der Politik, aber auch Nachwirkungen politischer Skandale der letzten Jahre haben, so Sinus, das Vertrauen in die etablierten Parteien erheblich erschüttert. Somit sei die Entscheidung für rechtsextreme Parteien auch eine Art "Notsignal". Kurt Biedenkopf (CDU) stützt diese These: Die Republikaner seien "die politische Antwort auf politische Defizite der vergangenen Jahre . . . auch das Ergebnis des politischen Versagens der Volksparteien"**.
"Politiker sind Laxmänner, Hampelmänner", empörte sich ein 27jähriger Arbeiter aus Mittelfranken, "Leute wie Lambsdorff gehören für ihr Lebtag hinter Gitter." Ralph S. aus Mannheim möchte alle Politiker "aus ihren Bungalows rausschmeißen und auf Wohnungssuche schicken". Denn: "Politiker versprechen viel und halten wenig."
Sollten die Sozis gehofft haben, ihre zu den Republikanern geflohenen Wähler fühlten sich in ihrer Umgebung oder von Medien und etablierten Parteien geächtet, so lieferte Sinus den Gegenbeweis. Die meisten Befragten reagierten trotzig: "Jetzt erst recht."
Ein 36jähriger Metallarbeiter aus Baden-Württemberg hat für Kritik nur Verachtung übrig: "Die anderen Parteien haben Todesangst vor den Republikanern, und jetzt wird ohne Argumente rundum geschlagen." Ein überzeugter Rot-Rep läßt sich auch von einem örtlichen Würdenträger nicht ins Bockshorn jagen. Nur Häme hat Metaller Gerhard M. für Klagen eines katholischen Priesters übrig, der mit den Grünen sympathisiere und die Reps schmähe. "Doch der", hat Gerhard M. registriert, "nimmt keine Aussiedler in sein Haus."
Sinus-Projektleiter Jörg Ueltzhöffer sieht im Republikaner-Milieu - seit dem Sieben-Prozent-Erfolg bei der Europawahl - ein deutlich angestiegenes Selbstbewußtsein. Er zitiert entsprechende Antworten. "Wir zählen wieder. Wir können mit unserer Stimme etwas bewirken." Die Mehrzahl der Republikaner aus dem SPD-Milieu bekenne sich zur Demokratie, hege aber Mißtrauen gegen die großen Parteien. Kaum einer aus diesem Kreis rufe nach dem "Führer", wohl aber nach starken Männern. Der linke Oskar Lafontaine stehe deswegen höher im Kurs als andere Sozis. Roter Spitzenreiter in der Gunst dieser Wechselwähler sei Ex-Kanzler Helmut Schmidt.
Franz Schönhuber wird zugute gehalten, daß er "nicht so hochgestochen" rede, der "Normalbürger" ihn verstehen könne. Gleichwohl verzapfe auch er "viel Schwachsinn", räumt Rep-Wähler Ralph S. aus Mannheim ein. Doch bei Rep-Veranstaltungen "tobt die ganze Bude, sie reden eine klare Sprache, nicht so wie bei den anderen Politikern, die viel außen herum reden". Schönhubers ständige Streitereien mit Parteifreunden werden ihm von den Ex-Sozis nicht übelgenommen. Ein junger Mannheimer: "Schönhuber ist der Turm in der Schlacht, ein ruhender Pol."
Erleichtert nahmen die Bonner Sozialdemokraten zur Kenntnis, daß sie den Republikanern weder durch ihre auf Anerkennung der Grenzen bedachte Ostpolitik noch durch Flirts mit den Grünen Wähler zutreiben. Laut Ueltzhöffer sind diese Rep-Wähler an einer Grenzdiskussion nicht interessiert. Das Bekenntnis des CSU-Chefs Theo Waigel zur Rechtsgültigkeit der Grenzen von 1937 sei als "reine Anbiederung" empfunden worden. "Das war immer Polen, und das soll Polen bleiben", konstatierte ein Dortmunder Rep-Wähler.
Keinen Gefallen erweist sich die Union, wenn sie andauernd Republikaner und Grüne gemeinsam als Gefahren für die Demokratie attackiert. Die von der Union bemühte Analogie, beide Parteien hätten die extremen Ränder aufgeschaukelt, hat nach den Sinus-Befunden "eher entlastend" gewirkt. Die Grünen würden zumeist als "demokratische Partei" wahrgenommen, "die etwas in Bewegung gebracht hat".
Viele Gesprächspartner, so heißt es in der Studie, "wünschen sich von den Republikanern in der Ausländerpolitik jene Anstoß-Funktion, die den Grünen in der Umweltpolitik zugeschrieben wird".

DER SPIEGEL 41/1989
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