13.11.1989

UmweltGiftsuppe aus dem Osten

Eine geheime Studie Ost-Berlins beweist, daß die DDR die Elbe zur Kloake verkommen läßt.
Das Neue Deutschland war wieder einmal voll des Lobes. Die fast 20 000 Genossen des Chemiekombinates Bitterfeld nahe der Messestadt Leipzig, so schrieb das SED-Sprachrohr Ende August, stünden wie so oft an der Spitze des Fortschritts.
"Mit Hochtechnologie" würden die Chlor-Anlagen des Musterbetriebes "verjüngt", denn gerade hier sei das Chemiekombinat "seit Jahr und Tag für stabile und zuverlässige Arbeit bekannt". Rund 300 000 Tonnen Chlor, knapp die Hälfte der DDR-Gesamtproduktion, kämen bereits aus Bitterfeld, und "dieser Anteil soll sich weiter vergrößern".
Ein schreckliches Versprechen. Schon jetzt sind rund um das Kombinat Flüsse und Bäche verseucht, viele Pflanzenarten ausgestorben, die Grundwasserbestände kaum noch zu gebrauchen. Die Lebenserwartung der Bitterfelder liegt bei Männern um fünf Jahre, bei Frauen um acht Jahre unter dem Altersdurchschnitt der Bevölkerung im Bezirk Halle. Das Kombinat, größter Pestizidproduzent der DDR, vergiftet mit seinen Abfällen eine ganze Region.
Ununterbrochen strömt aus seinen Abflußrohren eine Brühe voll giftiger Phenole und Schwermetalle, allein der Quecksilbergehalt einer Jahresfracht (3,5 Tonnen) ist 30mal größer als der jährliche Ausstoß aller bundesdeutschen Elbanlieger. Jeden Tag ergießen sich 120 000 Kubikmeter Chemiemüll in die Mulde, einen Zufluß der Elbe.
Das Chemiekombinat Bitterfeld zählt damit zu den schlimmsten Elbverschmutzern in der DDR, wie eine Studie aus dem Ost-Berliner Umweltministerium belegt. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat, so die Magdeburger Wasserwirtschaftsdirektion Untere Elbe in dem Bericht ans Ministerium, kippt jährlich Zehntausende Tonnen giftiger Abfälle in den Fluß - Cyanide und Nitrate, Öle und gefährliche Chlorkohlenwasserstoffe.
Die Elbbelastung mit dem Schwermetall Cadmium, so der Bericht, übertrifft die Trinkwasserrichtlinien der Europäischen Gemeinschaft bis zum 90fachen, beim gefährlichen Quecksilber sogar bis zum 250fachen.
Diese bisher sorgsam unter Verschluß gehaltenen Daten belegen nicht nur die hemmungslose Elbverschmutzung durch die DDR. Sie offenbaren auch, warum Ost-Berlin jahrelang eine scharfe Datensperre bei Umweltwerten verhängte: Die meisten Emissionswerte blieben unveröffentlicht, jeder Verstoß gegen die Geheimschutzanordnung wurde scharf geahndet. Das soll jetzt anders werden: In Zukunft, so beschloß der DDR-Ministerrat vorletzte Woche, würden Umweltdaten regelmäßig veröffentlicht.
In welchem Ausmaß die DDR ihre Umwelt verwüstet hat, dokumentiert der Bericht aus dem Umweltministerium am Beispiel der Elbe: Rund 90 Prozent der Elbschadstoffe kippt die DDR in den Fluß, nur ein Bruchteil stammt aus der CSSR. Auf den 566 Kilometern zwischen Schmilka an der Grenze zur CSSR und Boitzenburg an der innerdeutschen Grenze steigt der Schwermetallanteil in der Elbe um das Fünffache, die Belastung mit sauerstofffressenden organischen Stoffen um das Vierfache.
Das Zeug, so der Elbbericht, kommt von den Vereinigten Zellstoff- und Kunstseidenwerken Pirna-Heidenau, dem Agrochemischen Kombinat Stickstoffwerk Piesteritz oder der Sprengstoffabrik Schönbeck, aus der ein quittegelber, erbärmlich nach Säuren stinkender Bach die flüssigen Produktionsrückstände mitten durch eine Schrebergartensiedlung zur Elbe leitet.
Noch schlimmer als diese Elbanlieger jedoch sind viele Firmen abseits des großen Stroms. Ob Saale oder Unstrut, Weiße Elster oder Mulde - auch die Zuflüsse der Elbe sind zu Kloaken verkommen.
Wo etwa die Leuna-Werke ihre Chemiebrühe in die Saale kippen, sinkt der Sauerstoffgehalt des Wassers schlagartig auf Null. Auch sonst ist dieser volkseigene Betrieb, Produzent von Benzin und Heizöl, Lösungsmitteln und Katalysatoren, nicht zimperlich. Aus der Brühe, die durch seine Abflußrohre strömt, steigen übel stinkende Phenol-Dämpfe auf. 480 Kilogramm dieser giftigen Substanz, die Nieren- und Leberschäden hervorruft, werden täglich bei Flußkilometer 302 in die Saale gespült.
Das Flußsediment von Saale und Mulde, so der Bericht aus dem Ost-Berliner Umweltministerium, ist "stark bis übermäßig" mit Zink, Cadmium und anderen Schwermetallen belastet - teilweise 15mal stärker als die ebenfalls schwergeschädigte Elbe.
Klärwerke, die Entlastung bringen könnten, gibt es kaum. Viele Metallhütten und Kraftwerke, Agrarkombinate und Zellstoffabriken leiten ihre Abwässer ungefiltert ab - so wie die Filmfabrik Wolfen nahe dem Chemiekombinat Bitterfeld. Da dem 18 500-Mann-Betrieb "eine zentrale Abwasserbehandlungsanlage fehlt", wie Professor Herwig Lehmann vom Institut für Wasserwirtschaft der Universität Hannover berichtet, "werden die Abwässer nach kurzer Aufenthaltszeit in einem Restloch ungeklärt in die Mulde abgeleitet". Diese Art der Entsorgung bestehe bereits seit 1974, eine Verbesserung sei bislang "nicht in Sicht".
Derart schlampig gehen jedoch nicht nur Industriebetriebe mit ihren Abwässern um. In vielen Großstädten der DDR sind die Sielnetze verrottet, die städtischen Kläranlagen vernachlässigt, einige Altstädte nicht einmal an diese Anlagen angeschlossen. So fließen auch kommunale Abwässer direkt und nahezu ungeklärt ab. Die Flüsse werden mit Bakterien und Viren belastet, nach Angaben des Elbberichts vor allem bei Dresden. Kein Wunder: Das Klärwerk der Stadt in Kaditz liegt seit mehr als zwei Jahren still - wegen "Rekonstruktionsarbeiten".
Die Elbe wird in der DDR zu einem breiten Giftstrom, der am Ende zu nichts mehr taugt. Wenn er die Ost-Republik bei Schnackenburg verläßt, so der Bericht aus dem Ost-Berliner Umweltministerium, dann hat das Wasser "eine unbrauchbare Beschaffenheit für die Trinkwasser-, Badewasser- und Fischereinutzungen". Selbst als Kühlwasser sei es bloß noch "bedingt" verwendbar.
Nur, die giftige Fracht wirkt weiter. "Da rauscht viel herunter, was erst hier in der Bundesrepublik so richtig wirksam wird", sagt Professor Lehmann. Phenol und Pestizide, Blei und Perchlorethylen reichern sich in Tieren und Pflanzen an, setzen sich im Schlick ab oder wandern weiter bis hinaus in die Deutsche Bucht. Ablagerungen von Schwermetallen, so der niedersächsische Umweltminister Werner Remmers (CDU), seien bis zur Nordseeinsel Scharhörn festgestellt worden - rund 230 Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt.
Vor allem kurz hinter Hamburg, wo die Elbe breit und flach wird, macht die Giftsuppe aus dem Osten vielen Fischen den Garaus. Wenn, wie im letzten Sommer, warmes Wetter und ein niedriger Wasserstand den Sauerstoffgehalt des Flusses zusätzlich senken, treiben Stinte, Flundern und Kaulbarsche erstickt an der Wasseroberfläche.
Schnelle Hilfe kann der kranke Fluß nicht erwarten. Erst im Juli, nach jahrzehntelangem, fruchtlosem Streit um die Elbgrenze, fanden sich die beiden deutschen Staaten zu gemeinsamen Sanierungsvorhaben bereit. Bundesumweltminister Klaus Töpfer und sein damaliger Ost-Berliner Amtskollege Hans Reichelt besiegelten einen Vertrag über sechs Pilotprojekte zur Luft- und Gewässerreinigung, zu denen Bonn 300 Millionen Mark (West) beisteuert.
Im selben Monat einigte sich auch Niedersachsens Umweltminister Werner Remmers mit der DDR auf eine 50-Millionen-Spritze aus Hannover für einen gemeinsamen Investitionsfonds. Mit bundesdeutscher Hilfe soll unter anderem der Quecksilberausstoß des Chemiekombinats Bitterfeld von derzeit 3,5 auf 0,2 Jahrestonnen gesenkt werden.
Und vorletzte Woche ließ sich Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer von seinem Hamburger Amtskollegen Henning Voscherau 3,35 Millionen Mark aus der Hansestadt schenken - unter anderem für den Kauf eines "Sielwolfs", der die maroden Kanalnetze Dresdens reinigen soll.
Daß die DDR plötzlich zu dieser deutsch-deutschen Elbbruderschaft bereit ist und auf ihre langjährige Forderung verzichtet, die Bundesrepublik müsse vor Vereinbarungen einer Verlegung der Elbgrenze vom Ostufer in die Flußmitte zustimmen, hat einen einfachen Grund: Die Krenz-Republik braucht dringend bundesdeutsches Geld und westliche Umwelttechnik. 180 Kläranlagen müßte die DDR nach Schätzungen des West-Berliner Umweltbundesamtes bauen und sanieren. Kosten: bis zu 30 Milliarden Mark.
Ost-Berlins eigenständiger Sanierungsversuch, bei dem zwischen 1981 und 1985 für rund 360 Millionen Ost-Mark Klär- und Filteranlagen neu gebaut oder modernisiert wurden, scheiterte. "Mit diesen Maßnahmen", kommentiert lakonisch der Elbbericht aus dem Ost-Berliner Umweltministerium, "wurde keine spürbare Verbesserung erreicht."

DER SPIEGEL 46/1989
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