05.02.1990

TextilindustrieBillig zu haben

Der Frankfurter Gebäudereiniger Claus Wisser will Deutschlands größter Textilunternehmer werden.
Seit Wochen überlegen die Manager zweier Frankfurter Banken, der Bank für Gemeinwirtschaft und der Hessischen Landesbank, was sie mit einem ihnen gemeinsam gehörenden Industriebesitz anfangen sollen.
Daß beide ihre Aktien der hessischen Textilfabrik Val. Mehler AG verkaufen, ist längst abgemacht. Uneins sind die beiden Banken nur noch, wann sie ihre Firma abstoßen sollen und an wen.
Einer, der sich selbst als "eine schillernde Figur" bezeichnet, hat starkes Interesse an einer 51-Prozent-Beteiligung angemeldet: der vielseitige Unternehmer Claus Wisser.
Mit der Val. Mehler AG in Fulda (knapp 450 Millionen Mark Umsatz, 2100 Beschäftigte) würde Wisser, 47, Deutschlands größter Textilunternehmer. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat sich "der aufgehende Stern am Textilhimmel", wie ihn das Fachblatt Textil-Wirtschaft besang, in den letzten Jahren bereits ein Firmenimperium mit 850 Millionen Mark Umsatz zusammengekauft.
Der Unternehmer von ersichtlichem Format (130 Kilo, Schuhgröße 48) erwarb die Mehrheit an der Kulmbacher Spinnerei, dem Garn-Hersteller Ackermann-Göggingen und der Weberei* In seiner Großwäscherei in Biebesheim bei Frankfurt. Gruppe Pfersee-Kolbermoor; die Nordhorner Stoffdruckerei B. Rawe übernahm er zu 100 Prozent.
Seiner neuen Branche, die Menschen nach Zwirn und fein abgestimmter Krawatte taxiert, hat sich Wisser äußerlich ein wenig angepaßt. Der Vollbart ist nun akkurat gestutzt, seine zottelige Kleidung hat er durch dunkelblaues Tuch ersetzt.
Bewahrt hat sich der Sozi ("Sozialdemokratie und Betriebswirtschaft sind kein Gegensatz") sein Akquisitionstalent, die Fähigkeiten in der Kontaktanbahnung - von seinen zahlreichen Gegnern als Kungelei bewertet - und vor allem ein Gespür für Marktnischen und einträgliche Geschäfte.
Die Textilfirmen hat Wisser überwiegend auf Pump gekauft. "Wer kein Geld hat", sagt er, "muß Ideen haben." Claus Wisser, so scheint es, hat viel Geld, aber noch mehr Ideen.
Seine Grundausstattung an Kapital hat er sich in einer Branche erworben, die gemeinhin wenig geachtet wird: dem Reinigungsgewerbe. Als Student der Betriebswirtschaft griff Wisser Anfang der sechziger Jahre zu Schrubber und Eimer und putzte abends Büros. Aus der einstigen Nebenbeschäftigung ist im Lauf der Jahre ein einträgliches Dienstleistungsunternehmen mit 300 Millionen Mark Umsatz geworden.
18 000 Mitarbeiter beschäftigt Wisser in seinen Firmen, er gehört damit heute zu den größten Gebäudereinigern Deutschlands. Seine Firmen vermieten Berufskleidung und waschen sie auch. Wisser stellt Bewachungspersonal und hat für den wachsenden Bedarf an Objekt- und Personenschutz den ehemaligen Verfassungsschutz-Präsidenten Heribert Hellenbroich als Berater angeheuert.
Seinen Rundumservice erweitert das Unternehmer-Talent durch dauernd neue Angebote. Zwei Gartenbaubetriebe (110 Gärtner) kümmern sich bei der Kundschaft um Planung und Pflege der Außenanlagen, Wisser bietet kräftige Männer fürs Schneeschippen und Techniker für die Wartung der Fahrstühle.
Gleichwohl plagt ihn die Furcht, bei einem Konjunktur-Abschwung könnten seine Kunden als erstes an den Dienstleistungen sparen. "Um die Struktur der Gruppe zu ändern", suchte er sich Produktionsbetriebe.
Einige Kontakte zur Textilbranche hatte er bereits: Ende der siebziger Jahre drängte ihn sein Rechtsanwalt Gerhard Bendel, eine heruntergewirtschaftete Textilmaschinenfabrik zu übernehmen.
Das Unternehmen wurde saniert, und Firmensammler Wisser kaufte noch zwei weitere marode Kleinbetriebe dazu. Inzwischen macht er mit seiner Textilmaschinensparte, geleitet vom 20-Prozent-Teilhaber Bendel, 100 Millionen Mark Umsatz.
Der Gebäudereiniger merkte bald, daß deutsche Webereien und Spinnereien durchaus gegen die Billiganbieter aus Fernost bestehen können - mit hochautomatisierter Fertigung, mit Qualitätsware und kurzen Lieferfristen. Wenn solche Firmen in Schwierigkeiten gerieten, seien meist die Chefs mit ihrer technischen Ausbildung schuld: "Die denken alle an Kostenminimierung in der Produktion, keiner denkt daran, ob der Krempel verkauft werden kann."
Ausschlaggebend für den Einstieg in die Textilindustrie war vor allem die Tatsache, daß in dieser Branche viele Firmen verhältnismäßig billig zu haben sind. Bei manchem Unternehmen sind die Grundstücke gar mehr wert als alle Aktien zum aktuellen Börsenkurs.
Auf 300 Millionen Mark schätzt Wisser den Grundbesitz seiner beiden Augsburger Firmen Pfersee-Kolbermoor und Ackermann-Göggingen. Er habe sich Firmen auch wegen der Grundstücke ausgesucht, räumt Wisser ein: Die Substanz bilde eine "unterste Auffanglinie", wenn es mal krachen sollte.
Bei allem Unternehmungsgeist scheut Wisser das volle Risiko - ganz anders als der einstige Augsburger Textilkönig Hans Glöggler, der reihenweise Unternehmen auf Kredit sammelte und 1976 in einer spektakulären Pleite unterging.
Aus Furcht, alles wieder zu verlieren, beteiligt Wisser daher gern Partner an größeren Geschäften. So will er Mehler, ein Überbleibsel aus dem Glöggler-Konkurs, zusammen mit dem hessischen Textilfabrikanten Ernst-Albrecht Holzapfel übernehmen.
Mit Angst vor der Armut, die er mit vielen anderen Millionären teilt, erklärt Wisser auch seinen stattlichen Immobilienbesitz.
"Aus Existenzangst", sagt er, habe er ein Mietshaus erstanden, dann - sicher ist sicher - noch eins und ein weiteres dazu. Später lernte er den Frankfurter Makler Michael Baum kennen, "der auch zwei, drei Häuschen hatte". Die beiden, jeder mit 50 Prozent, taten sich zusammen und kauften noch manches Häuschen. Inzwischen besitzen sie 1500 Wohnungen.
Zusammen mit drei Partnern machte Wisser im Januar eine Firma namens ComforTable auf. Das Unternehmen will Betriebskantinen und Krankenhäuser mit Fertig-Essen beliefern.
Mit ComforTable waren Wissers Ideen in diesem Monat noch nicht erschöpft. Er hat noch eine weitere Firma namens "Picobello" gegründet, die mobile Toilettenhäuschen für Veranstaltungen und Baustellen vermieten soll.
"Vielen Unternehmern", sagt Claus Wisser über seine Kollegen, "fehlt einfach die Phantasie."

DER SPIEGEL 6/1990
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