13.11.1989

StädtebauBilder, die weh tun

Horrorschau im DDR-Fernsehen: Drei Frauen filmten den Verfall von Leipzig.
Die Stadt ist kaputt. Die Wohnungen sind naß, Toiletten marode, Stromleitungen tot; blinde Fenster zwischen blätterndem Putz und brechenden Balken; hier gehen Türen nicht zu, dort dürfen Kinder nicht spielen: "Einsturzgefahr". "Das darf nicht ungestraft passieren", sagt eine Frau und findet Zustimmung - massenhaft.
Nur "Worte, die weh tun", bekamen Reporterinnen des DDR-Fernsehens auf den Straßen von Leipzig zu hören, und sie belegten sie mit "Bildern, die weh tun", mit Bildern, die sie "so bislang nicht zeigen durften", weil sie "das Lackbild unserer Selbstzufriedenheit beschädigt" hätten.
Der Titel ihrer Sendung - anstelle des geschaßten Chefdemagogen Karl-Eduard von Schnitzler letzte Woche gleich zweimal ins DDR-Fernsehprogramm gerückt - ließ Brisantes ahnen: "Ist Leipzig noch zu retten?" Was folgte, glich einer Detonation.
In knapp 25 Minuten entlarvten drei Journalistinnen eine der dreistesten Lügen des alten SED-Regimes - die Phrase vom "gewaltigsten Aufbauprogramm, das jemals in der Geschichte eines deutschen Staates beschlossen" worden sei. Leipzig steht für das republikweite Resultat von 40 Jahren Mißwirtschaft. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte die Partei versprochen: *___Die Wohnungsfrage sei spätestens im Jahre 1990 gelöst, ____dann - so der gelernte Dachdecker Erich Honecker und ____sein Bauminister Wolfgang Junker, gelernter Maurer - ____säßen alle DDR-Bürger "sicher, trocken und warm". *___Die Stadterneuerung funktioniere vorbildlich - durch ____"Instandhaltung, Instandsetzung, Modernisierung, ____Rekonstruktion und Neubau komplexer Quartiere auf ____engstem Raum". *___Die Gestaltung werde bei den Bürgern "Lebensfreude und ____Leistungsbereitschaft fördern" und die "Verbundenheit ____zur sozialistischen Heimat vertiefen".
Lauter Lügen. Statt dessen wurden Stadtrandsiedlungen aus monotonen Plattenbauten zusammengehauen, während die Altbausubstanz, das "historische Erbe", bis zur Unbewohnbarkeit verfiel. Bereits vor zehn Jahren prophezeiten skeptische DDR-Bürger, eines Tages werde die Republik "in einer einzigen großen Staubwolke untergehen".
Alle Bezirke der Republik mußten für Ost-Berlin bluten; alle Baukombinate zwischen Oder und Elbe, von der Ostsee bis zum Thüringer Wald, hatten Arbeitskräfte und Baustoffe für die "Ausgestaltung der Hauptstadt" abzustellen, denn Erich Honecker wünschte sich deren "Antlitz" als ein Glitzerding aus Palästen und Luxushotels, Boulevards, Freßlokalen und Varietes, so daß jedermann sehen konnte: "Aha, das ist die Hauptstadt!"
Der Rest der Republik verkam zu einem Land der Bruchbuden; selbst einstmals starke und stolze Städte wurden auf unverfrorene Weise vernachlässigt - wie Leipzig.
Die Messe-, Buch- und Kunststadt ist, mit knapp 545 000 Einwohnern, nicht nur die zweitgrößte Stadt der DDR; sie war auch, dank großzügiger Bebauung, ein schönes, repräsentatives Zeugnis der Gründerzeit. Vor allem diese - das Stadtbild prägende - historische Substanz gab Leipzig das Fluidum und seine kulturelle Identität.
Sie sanieren zu wollen war eines der zahllosen leeren Versprechen des SED-Regimes. Als Ende Oktober das Adlershofer Fernsehteam in Leipzig anrückte, fand es lediglich rund um Kolonnadenstraße und Dorotheenplatz eine kleine "Vorzeige-Ecke für Touristen und Messegäste - kaum mehr als ein Feigenblatt".
Die drei couragierten Frauen - Ruth Geist-Reithmeier (Redaktion), Birgit Wiebelitz (Aufnahmeleitung), Gerlinde Marquardt (Regie) - wurden dem Namen einer neugeschaffenen Sendereihe vollauf gerecht: Sie sprachen "Klartext".
Ist Leipzig noch zu retten? Die Diagnose lautet: "Koma." Die bislang verfolgte Baupolitik führt "in den Kollaps". Denn: "Der Verfall überholt die Erneuerung."
70 000 Wohnungen sind, wenn nicht rasch etwas geschieht, nicht mehr zu retten. Seit mindestens drei Jahren werden mehr Wohnungen geräumt als neue gebaut - denn die bisherige Therapie "reichte nicht mal dazu, die Dächer dicht zu kriegen" -, und nach der Räumung stehen die Häuser noch bis zu zwei Jahre leer. Wenn alles so weitergeht, verliert Leipzig bis zum Jahre 2000 Wohnraum für rund 100 000 Einwohner, darunter 70 000 Arbeitskräfte.
Die Erkenntnisse sind nicht neu. Schon vor über fünf Jahren hat Leipzigs Chefarchitekt Dietmar Fischer nachgewiesen, daß für die Stadt "mindestens eine Verdoppelung der Baureparaturkapazität notwendig" sei. Reaktion aus Ost-Berlin: Null.
Vor 20 oder 30 Jahren hätte man anfangen müssen, meint einer der zornigen Handwerker. Und ein anderer rennt sich "seit 17 Jahren" die Hacken ab, um die Baubonzen darauf zu stoßen, daß man "den Verschleiß einplanen" müsse - und wurde doch "nie akzeptiert". Da scheinen sich wohl, vermutet ein dritter, bestimmte Leute "Bohnen in die Ohren gesteckt" zu haben.
"Wir müssen", sagt Chefarchitekt Fischer, endlich "aufhören, die Stadt zu gestalten" und "uns an großen Programmen zu berauschen" (die dann doch nicht einzuhalten sind); Leipzig brauche, am dringendsten, eine "radikale Erhöhung der Baureparaturkapazitäten".
In ihren Forderungen sind sich die Lokalpolitiker mit den Massen weithin einig - offenbar bis auf den Oberbürgermeister, denn der trat, als die Reporterinnen ihn interviewen wollten, gerade zurück.
Zunächst und zuallererst seien alle Befugnisse auf die Leipziger Stadtverordneten zu übertragen; das Ost-Berliner Bauministerium habe sich tunlichst herauszuhalten. Der bisherige (und nun zurückgetretene) Bauminister Wolfgang Junker ist für die Leipziger Bauarbeiter ohnehin ein großer Buhmann. "Wenn der nur ein-, zweimal im Jahr mit dem Auto durch Leipzig fährt, zur Messe und wieder zurück nach Berlin", so ein Kommentar, "dann kann er auch nichts wissen."
Dem Ex-Bauminister lasten sie auch die Wegnahme von Arbeitskräften und deren Einsatz in Ost-Berlin an: "Er hätte sagen müssen, wir brauchen die Leute in Leipzig, ich weiß, wie schlimm das aussieht. Das hat er nie gemacht. Unsere Bauleute haben unseren Minister jahrelang nicht mehr gesehen." (Ende Oktober war er nun gleich zweimal da - zu spät, Genosse.)
Mehr als die Hälfte der gegenwärtig 12 500 in Ost-Berlin beschäftigten Bauarbeiter aus anderen Teilen der DDR - allein aus dem Bezirk Leipzig sind es 750 - sollen nun bis zum nächsten Jahr wieder aus der Hauptstadt abgezogen werden, wie DDR-Vizebauminister Udo Rölke am Mittwoch letzter Woche, 36 Stunden nach der Ausstrahlung der "Klartext"-Sendung, mitteilte.
Doch auch mit den Rückkehrern wird es Leipzig nicht gelingen, den gewaltigen Nachholbedarf zu decken. 20 Prozent aller Leipziger Arbeitskräfte gehörten ins Bauwesen, hat Chefarchitekt Fischer ausgerechnet; zur Zeit seien es viel zu wenige: sechs bis sieben Prozent. Was tun?
Daß dieses Land knapp bei Kasse ist, weiß jeder, auch jeder Leipziger. Doch die Bürger werden findig. Sie sagen: "Wir müssen nicht auf Naturkatastrophen warten, Leipzig ist eine Katastrophe" - und fordern den Einsatz von Pioniereinheiten der Nationalen Volksarmee mitsamt ihrem technischen Gerät.
Andere fänden gewiß auch für die freizusetzenden 15 000 Schnüffler und Schläger von der Stasi eine sinnvolle Verwendung auf dem Bau - schließlich sind sie im Zupacken geschulte und geübte Kerle.
Ist also Leipzig doch noch zu retten? Manche sind skeptisch. Zu oft und zu lange seien sie belogen worden, um neuen Versprechen zu trauen. Andere haben wieder Hoffnung geschöpft.
"So eine Stadt", auf die "die Welt mittlerweile so aufmerksam geworden" sei, könne man nicht einfach verfallen lassen, meint eine Leipzigerin - und denkt dabei wohl auch an den Vorschlag des Schriftstellers Christoph Hein, Leipzig in Anerkennung seiner Verdienste bei der Einleitung der Wende zur "Heldenstadt der DDR" zu ernennen.
Auch die Reporterinnen aus Adlershof wollten ihr Schlußwort wohl als Warnung an künftige DDR-Regierungen verstanden wissen: "Wir werden die Entwicklung dieser Stadt nicht mehr aus den Augen lassen."

DER SPIEGEL 46/1989
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